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Scite 4.
Mittel dertsche Sonntags⸗Zeitung.
Nu. 46.
die Schuld an dem Ausbruch des 70 er Krieges trage, wie vaterlandslose Sozialdemokraten be⸗ haupten, sondern daß die Franzosen und speziell die Kaiserin Eugenie das Karnickel gewesen sei, das angefangen habe. Der biedere„Patriot“ widmet uns diesen Reptilblatt⸗Ausschnitt zu unserer Belehrung und zum Abdruck. Für diese Freundlichkeit haben wir als höfliche Leute zu danken. Doch wir gestehen, daß es sehr viel Dinge gibt, die uns bedeutend mehr interessieren, als die Frage, wer die unmittelbare Veran⸗ lassung zum Kriege gab. Doch möchten wir den guten Mann in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, daß Bismarck, als er„polternd hinter dem Reichswagen herlief“, selbst bekannte, die Emser Depesche gefälscht,„aus der Chamade eine Fanfare“ gemacht und dadurch Frankreich zum Kriege gezwungen zu haben.
Wer ist aber der brave Patriot? Ja, er hüllt sich in tiefes Dunkel, er will wie ein Veilchen im Verborgenen blühen, er hat noch nicht einmal den Mut, seinen Namen unter seine Einsendung zu setzen, was doch wirklich nicht viel verlangt wäre. Oder ob er sich schämt?
— Im sozialdemokratischen Wahl⸗ verein, dessen nächste Mitgliederversammlung Samstag, den 21. Novbr., im Lokale Or big
stattfindet, wird Genosse Vetters einen Vor⸗ trag halten, den er„Aus dem deutschen Heere“ betitelt. Hierbei werden nicht nur die drückenden Lasten geschildert, welche der Militarismus dem Volke auferlegt, sondern es werden auch die Soldatenschindereien, sowie gewisse, in letzter Zeit zu tage getretene Erscheinungen im Offi zterskorps erörtert werden.
— Vortrag. Am Sonntag über 8 Tage (22. Nov.) soll, veranstaltet vom Gewerkschafts⸗ kartell, auf Lony's Bierkeller ein Vortrag über einen allgemein wissenswerten Gegenstand statt⸗ finden. Voraussichtlich wird Herr L. Opifi⸗ cus Frankfurt die„Gewinnung und Ver⸗ arbeitung der Edelmetalle“ behandeln. Der Vortrag beginnt 3½ Uhr, nach seiner Been⸗ digung folgt gesellige Unterhaltung. Zahl⸗ reicher Besuch der Gewerkschaftsmitglieder und Genossen und deren Familien darf hierzu wohl erwartet werden.
— Gießener Stadttheater. Bei der Theater⸗ Direktion sind zahlreiche Wünsche um Einrichtung von Fremden⸗Vorstellun gen am Sonntag Nachmittag eingegangen, die den Besuch von auswärts ermöglichen. — Die Direktion wird daher eine Anzahl Fremden⸗ Vorstellungen am Sonntag Nachmittag einrichten, die jeweils um ½ 4 Uhr beginnen und etwas nach 6 Uhr ihr Ende erreichen werden.
Für nächsten Sonntag, den 15. November ist die erste dieser Fremden⸗Vorstellungen angesetzt, die Gerhard Hauptmann berühmtes Märchendrama„die ver⸗ sunkene Glocke“ bringt. Die Aufführung dieses berühmten Werkes im Gießener Stadttheater zeichnet sich durch überaus schöne Bühnenbilder— hervorgerufen durch neue Dekorationen und zahlreiche Lichteffekte— sowie durch eine von berufener Kritik hoch anerkannte Darstellung aus. Die Preise der Plätze sind: Gallerie 30 Pfg., II. Parquet und Estrade 60 Pfg., IL. Platz 1 Mk., Sperrsitzt, 50 Mk., Lo ge 2 Mk. — Briefliche Bestellungen sind an das Theater⸗Büreau Wallthorstraße 48 zu richten.
— Ladendiebstähle. Vor einigen Wochen kam die Staatsanwaltschaft umfangreichen Dieb⸗ stählen an Seiden⸗ und Leinenwaren auf die Spur, welche mehrere in dem Modewarenhaus Nowack beschäftigte Verkäuferinnen dort be⸗ gangen haben sollen. In der Sache sind dann auch noch andere Personen, die der Hehlerei verdächtig sind, verhaftet worden. Diese An⸗ gelegenheit soll nun am 20. November vor der Strafkammer verhandelt werden.
Aus dem RNreise gieß en.
— Wieseck. Der Wahlverein hält diesen Sonntag, den 15. Nov., seine Mitglieder⸗ versammlung auf dem„Fel dschlößchen“ ab. Genuosse Vetters⸗Gießen wird einen Vortrag über die Arbeiter⸗Versicherungs⸗Gesetzgebung halten. Die Mitglieder werden erfucht, zahl⸗ reich zu erscheinen; anch Nichtmitglieder haben Zutritt.
— Einen Wucherprozeß hatte die Gießener Strafkammer am Dienstag zu verhandeln. Angeklagter war der in den sechziger Jahren stehende jüdische Hand els⸗
mann Aron Zimmermann aus Ortenberg, dem zur Last gelegt wird, in vier Fällen die Unerfahrenheit und den Leichtsinn anderer benutzt zu haben, um sich einen Gewinn zu verschaffen, zu dem die Gegenleistung in keinem Verhältnis steht, also sich des Wuchers im Sinne des§ 302 des Strafgesetzbuchs schuldig gemacht zu haben. Zimmermann betreibt schon seit Jahrzehnten einen Manufakturwarenhandel in Ortenberg und erfreute sich dort des besten Ansehens, war seit langen Jahren Aufsichtsratsmitglied oer Spar⸗ und Vorschußkasse ꝛc. In der letzten Zeit befaßte er sich öfter mit den Kauf und Verkauf von Immobilien und hierbei machte er verhältnismäßig bedeutende Gewinne. Geschäfte dieser Art machte er besonders auf den Ortschaften der Um⸗ gebung Ortenbergs, in Bergheim, Effolderbach, Eckarts⸗ born ꝛc. In einem Falle nahm er von den Käufern einer Hofraithe, die sich gezwungen sahen, den Kauf wieder rückgängig zu machen, 500 Mk. Reugeld, etwa ein Fünftel der ganzen Kaufsumme! Weiter soll er noch
Betrug verübt haben dadurch, daß er eine etwas
beschränkten Frau eine Bürgschaft über 300 Mk. unter⸗ schreiben ließ. Diese Frau konnte das betreffende Schrift⸗ stück nicht lesen, weil sie ihre Brille nicht bei sich hatte, sie unterzeichnete, weil ihr der Angeklagte sagte, daß es sich nur um eine Summe von zirka 20 Mk. handele. Das Gericht hält in diesem Falle den Beweis des Vetrugs für erbracht und in drei Fällen den Tatbestand des Wuchers gegeben. Es verurteilte den Angeklagten zu 11 Monaten Gefängnis, 1000 Mk. Geld⸗ strafe und 5 Jahren Ehrverlust Der Staatsanwalt hatte 1 Jahr 9 Monate Gefängnis und die Nebenstrafen beantragt.
Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach.
Wie's gewöhnlich geht. Auf Dank braucht ein Arbeiter selten zu rechnen und wenn er auch jahre⸗ und jahrzehntelang für einen Unternehmer sich abgerackert hat. Vor fünf Jahren saß ein Alsfelder Sattlermeister, der in Bezug auf die Behandlung seiner Leute nicht gerade berühmt ist, gehörig in der Patsche, er mußte notwendig einen Gesellen haben und konnte keinen bekommen. Da ließ sich unser Genosse, Sattler Eder, bewegen, seine bisherige Stelle aufzugeben und bei jenem einzutreten. Beinahe fünf Jahre ohne Unterbrechung hat Eder gearbeitet, jetzt wurde ihm plötzlich ge⸗ kündigt. Auf seinen Hinweis auf die früher gemachten Versprechungen wurde ihm die Ant⸗ wort: Er sei dafür bezahlt worden(das heißt mit erst 12, dann 13 Mk. per Woche). Also der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der
Mohr kann gehen.
Aus dem Rreise Wetzlar.
Die Nationalliberalen hielten am Sonntag im Schützengarten zu Wetzlar ihre Lands⸗ tagswählerversammlung ab. Als Redner traten Dr. Johannes aus Köln und der Kandidat, Bergwerks⸗ direktor Roth auf. Die Ausführungen des ersteren gipfelten in der Betonung der Notwendigkeit eines Ab⸗ rückens von den Konservativen. Die politischen Zeit⸗ läufe erheischten die Bekämpfung der klerikal⸗konser⸗ vativen Reaktion namentlich auf dem Gebiete des Geistes⸗ lebens.— In der Debatte, zu der sich nur konservative Redner als Gegner meldeten, schnitt besonders der seit⸗ herige Abg. Schlabach herzlich schlecht ab.
Von Interesse ist besonders die durchaus vernünftige Stellung, die beide Redner gegenüber unserer Partei annahmen, indem sie hervorhoben, daß mit Pallizeigesetzen nichts zu machen sei. Nur muß man dabei berücksich⸗ tigen, daß nationalliberale Wahlreden mit den parlamentarischen Taten dieser Partei im schreiendsten Widerspruch stehen.
h.„Unpolitisch“ wollen und sollen bekannt⸗ lich die Kriegervereine sein. Trotzdem wurde in der letzten Sitzung der Kriegerkame⸗ radschaft zur Wahl des konservativen Landtags⸗ kandidaten offiziell aufgefordert. Ein etwas „angerauchtes“ Mitglied machte dagegen heftige Opposition; ob ihm blos der vorgeschlagene Kandidat nicht zusagte, oder ob ihm da Unzulässige der politischen Betätigung der Krieger⸗ kameradschaft aufdämmerte, konte unser Gewährs⸗ mann nicht mit absoluter Genauigkeit feststellen.
* Berichterstattung vom Dresdener Parteitag im Kriegerverein. Mit Politik
sollen sich ja die Kriegervereine nicht beschäftigen, sie
werden aber von den Ordnungsparteien stets dazu be⸗ nutzt, den Kampf gegen die Arbeiterbewegung zu führen. Das hält man für nicht politisch. In einer Ver⸗ sammlung des Kriegervereins in Burgsolms hielt es der Pfarrer Fuchs für angebracht, über den Dresdener Parteitag zu berichten. In seiner Art natürlich. Er
erzählte da allerhand grausliche Geschichten, die er im
Kasseler Muckerblättchen oder sonst wo aufgegabelt hat. Unter anderem tischte er die Fabel auf, daß infolge des Parteitags 7 hervorragende Sozialdemokraten aus der Partei ausgetreten und„wieder zum Christentum zurückgekehrt“ wären. Wer die reuigen Sünder sein sein sollen, verschwieg der Vortragende. Hat der Herr Pastor sich wirklich so ausgesprochen, wie uns mit⸗ geteilt wird, so beweist das, daß er entweder die Dres⸗ dener Verhandlungen nicht kennt, und irgendwo gehöcte Unwahrheiten weiter verbreitet, oder daß er selber frei erfunden hat. Wenn er aber eine Sache nicht kennt,so sollte er doch darüber keine Vor⸗ träge halten und will er etwas erfinden, dann sollte er es etwas geschickter anfangen. Bei seinem Vor⸗ trag spielte auch Bebels„Villa“ am Züricher See eine Rolle. Wenn jeder Schwindel, der schon über das Haus verbreitet worden ist, eine 10 Pfund⸗Last in dem Hause untergebracht hätte, so hatten sich darin nicht blos die Balken gebogen, da wäre es längst zusammengebrochen! — Herr Fuchs fügte hinzu, der„Villenbesitzer“ Bebel könne die Interessen der Arbeiter nicht vertreten; seiner Meinung nach können das vielleicht die brotverteuernden Junker oder die millionenreiche Schlot⸗ und Kohlenbarone besser? Schließlich rechnete er den Kriegern noch vor, daß nach den Wahlergebnissen viele Kriegervereinsmit⸗ glieder soztaldemokratisch gestimmt haben müßten. Darin hat er zweifellos Recht. Daraus kann der Herr Pastor aber auch entnehmen, daß die Erkenntnis ihrer wirtschaftlichen Lage auch den Arbeitern im Kriegerverein nach und nach kommt und sie einzusehen beginnen, wer ihre Interessen im Reichstage vertritt. Und die Tatsache, daß die„Diener Gottes“ in poli⸗ tischem Kampfe meistens auf Seite der Befitzenden zu finden sind, ist ihnen auch längst geläufig.
Aus dem Nreise Dilsenburg⸗Herborn.
In Haiger war am Montag die Ersatzwahl eines Drittels der 12 Mitglieder starken Stadtverord⸗ netenversammlung vorzunehmen. Von der ersten und dritten Klasse waren je einer und in der zweiten zwei Gemeindevertreter zu wählen. Maschinenfabrikant Bor⸗ gerts wurde in der ersten Klasse, die Fabrikanten Blecher und Weiß in der zweiten gewählt. In der dritten fielen auf Schmiedemeister Engelbert 57 Stimmen, auf unsern Genossen Kfm. Trott, dessen Kandidatur gar nicht aufgestellt war, 15 Stimmen. Die christlich⸗ sozialen Wähler traten zum Teil für Trott ein, was beweist, daß dieser auch von den Gegnern geachtet wird.
Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.
* Richtig stellung. In der letzten Nr. war von einer öffentlichen Bäckerversammlung in Marburg berichtet worden. Wie uns vom Vorsitzenden der Gewerkschaftskommssion mit⸗
geteilt wird, hat es sich in diesem Falle nicht
um eine öffentliche Versammlung, sondern um eine private Besprechung gehandelt, zu der auf eine teils persönliche teils schriftliche Einladung einige Bäckergesellen— nur solche— erschienen waren.
*„Gebildete“ Leute. Bei dem Umbau des Rathauses wurde auch die schwere eichene Rat⸗ haustüre erneuert und dem Styl des Gebäudes entsprechend, mit prächtigen Malereien versehen. Erst vor wenig Tagen war die Arbeit fertig geworden und sie bildete eine Zierde des Ge⸗ bäudes. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag wurde zug die Türe derart zerkratzt und beschmiert, daß sie zur Wiederherstellung herausgenommen werden mußte. Und was waren es für rohe Gesellen, welche ihre viehische Vernichtungswut an dem Kunstwerk ausübten? Etwa Arbeiter, welche ihren Wochenlohn in der Samstag Nacht verjubelt hatten? Nein, es waren Angehörige der Studenten⸗Ver⸗ bindung„Saxonia“!— Wir wollten mal das Geschrei hören, wenn es Arbeiter getan hätten! Neugierig sind wir, was die Herrchen
für Strafe bekommen; das Strafgesetzbuch
droht im Mindestfalle 6 Monate Gefängnis an.
bh. Schutzvor richtungen her! In einer hiesigen Fabrik geriet ein jugendlicher Ar⸗ beiter aus Wehrda in die von ihm bediente Maschine wobei ihm ein Finger abgeschnitten wurde. Er fand in der Klinik Aufnahme. Innerhalb eines Jahres ist das bereits der dritte derartige Fall in Marburg, ein Zeichen, daß es mit Schutzvorrichtungen nicht zum Besten bestellt sein mag.
R. Zur Unterstützung der stretkenden Weber in Crimmitschau gibt die Gewerk⸗ schaftskommission Sammellisten heraus. Da b
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