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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
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erfüllt, vielleicht auch ein verdorbener Dichter, 8 ewiß ein vortrefflicher Stilist, Soldat mit
N Leib und Seele, dabei ein wirklich beredter e Bewunderer der Natur, ein liebevoller Gatte und Vater, sicher ein harter Feind moderner Geistesrichtungen und dabei doch nichts weniger
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Sein Gegner war Prinz Wilhelm. Als guter
als ein blinder Sänger vor dem Throne.
5 Er war es auch schon damals nicht, als er
9 die l hte z 1 Abschieds dwvAůoch nicht gefühlt hatte.
0 Wein Biographie erzählt aus seinem Leben recht merkwürdige Einzelheiten.„Im Kaiser⸗ 1 manöver 1887 hatte er eine Armee zu führen.
Soldat sah er in ihm nicht den Fürsten, nicht den Thronerben, sondern nur den Gegner, den u bestegen er allen Scharfsinn anzustrengen atte. Und er besiegte ihn.“— Bald darauf avancierte er zum Divistonskommandeur in Münster. ö a 8 „Im Jahre 1889... war wieder Kaiser⸗ manöver, jetzt unter Wilhelm II. und in West⸗ falen.— Mein Vater sprach sich über mancherlei Neuerungen, besonders über die Entfaltung roßer Kavalleriemassen, aus und fuhr einen nen Offizier, der ihn überzeugen wollte, daß er geschlagen sei, während er sicher war, mit dem Feuer seiner Infanterie den Gegner in Grund und Boden geschossen zu haben, sehr unsanft an.“— Einige Monate darauf war der General v. Kretschmann— a. D.! Am 10. Juni 1890 bekam er den sogenannten„blauen Brief“.— Am Ostersonntag 1899 wurde er ohne Sang und Klang begraben.
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Derlei Erfahrungen lagen noch vor ihm, als Herr von Kretschmann aus den böhmischen und französischen Schlachtfeldern Briefe an seine Gattin schrieb.
Es ist nun tragisch, daß diese Briefe eines für seinen Beruf begeisterten Soldaten sehr gegen seinen Willen, nur durch die starke instinktive Gewalt des Menschlichen, das in dem Brief⸗ schreiber lebte, zu einer tönenden Anklage gegen den Krieg und das Kriegshandwerk geworden sind. Wenn es der Hauptmann v. Kretschmann im Jahre 1866„fast komisch“ findet, Oester⸗ reicher und Sachsen als Feinde bezeichnen und behandeln zu müssen, so gibt er damit freilich nur Stimmungen Ausdruck, denen der„Bruder⸗ krieg“ nicht zu selten begegnete. Aber bald brechen tiefere Töne durch.„Das ist die Schattenseite des Krieges,“ schreibt er am 19. Junt 1866 aus Kloster Marienthal,„daß man allerdings unter der Sanktion des Staates, seo eine Art von Räuber werden muß...“ Den Feldzug gegen Frankreich machte er — von den Wunden des(ber Krieges geheilt— als Major im Generalstab des dritten Armee⸗ korps mit. Am 30. August schreibt er aus Moncel: i
Das Chateau(Schloß) Moncel... natürlich leer von Bewohnern und Möbeln; was zur Folge hatte, daß es von vorbeipassierenden Soldaten sehr vand a⸗ lisch verwüstet wurde.
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Am 22. September in Verneville knüpft er an Mitteilungen über den Egoismus der Feld⸗ eistlichen, die immer nur Wünsche für sich 05 und bei deren angeblicher Freiwilligkeit das Geld eine große Rolle spiele, diese mora⸗ lische Betrachtung:
Ueberhaupt liefert der Krieg für den Grad des menschlichen Egoismus traurige Belege. Was Erziehung,
Gewohnheit, Moral und Religion uns im Lauf des 5 1 gewöhnlichen täglichen Lebens als zu erfüllende Pflichten auferlegen, es schwindet hier, weil das Publikum fehlt, ben das es anerkennt oder verurteilt. N „ Am 22. Oktober meldete er aus Verneville, , am 12. November aus Troyes die angedrohte 12 oder boniggen Niederbrennung einiger wider⸗ Db spenstiger Ortschaften— ohne sonderliche Ge⸗ l, mütsbewegung, wie es scheint. Aber am l 15. November schreibt er aus Theil: lch Ob wir morgen hier bleiben, ist noch unbestimmt. ben Seus, ein Ort von 11000 Einwohnern, ist schon , von den Hessen total ausgeplündert worden. che Da wollen wir nicht hingehen. J N Und tags darauf noch aus Seus: ft Diesen Ort haben die hessischen Bundesbrüder in 1 einer unglaublichen Weise mitgenommen. Ein
Zivilist reitet auf der Straße, zwei Offiziere nötigen
ihn vom Pferde, der eine nimmt dies, der andere den Sattel. Ein Stabsoffizier will einen Schrank öffnen, der Wirt gibt vor, keinen Schlüssel zu haben, und als sein Gast den Schrank erbrechen und er es verhindern will, da schießt der Stabsoffizier den Wirt tot. Solche Dinge können einem den Krieg wirklich verleiden.
Bei derlei Dingen will der preußische Major nicht mittun. Am 20. November schreibt er — und jetzt nimmt er die Sache schon mehr von der humoristischen Seite— an seine Frau:
Sevres(Porzellan) und Spitzen kann ich Dir nicht erobern. In unseren Reihen herrscht die Tugend.
Bei den Bayern suchte er aber diese Ent⸗ haltsamkeit vergebens. Am 12. Dezember schreibt er aus Meung:
Von den Bayern kannst Du Dir schwer einen Begriff machen. In Trupps zu Dreien und Sechsen bedecken sie die Landstraße, haben die Truppen verlassen, die Gewehre zum Teil weggeworfen... plündernd ziehen sie nach Hause.... Die Offiziere sind als solche nicht wiederzuerkennen. Jetzt wird die ganze Bande nach Orleans genommen, um sie ein wenig zu retablieren.
Ja,„wer Menschen kennen lernen will, der muß in den Krieg ziehen. Wer seine Illusionen über Menschen nicht verlieren möchte, der muß zu Hause bleiben!“(Brief vom 18. Dezember aus Meung.) N
Aber wenn in Le Mans den Franzosen von preußischen Soldaten die Stiefel von den Füßen auf offener Straße abgezogen und von den Räubern angezogen werden, so schildert v. Kretschmann eine so heitere Szene mit viel Humor, scheinbar ohne Empfindung für die Scheußlichkeit eines solchen Vorgangs. Denn oft betont er, daß es geradezu unmöglich sei, die Härten des Krieges mit menschlichem Herzen zu empfinden.
So trifft ihn auch am 29. Januar 1871 in Coutreille die Hoffnung auf einen nahen Frieden keineswegs wie manchen Renommisten als einen Etzel oder Tamerlan:
Man muß sechs Monate lang fern von Frau und Kind, fern von der Heimat, all das Elend gesehen haben, wie selbst die Tage glänzenden Sieges die Thräne im Auge nicht zu ersticken vermochten über die, welche den Sieg machten und als tote Männer auf dem Schlacht⸗ felde liegen; man muß das alles erfahren haben, um ermessen zu können, mit welchen Gefühlen wir den möglichen Frieden begrüßen.
Aber der ersehnte Friede, der lächelnde Knabe, erscheint ihnen bald als ein ungezogener Gassejunge. Die Szene verwandelt sich zu Wallensteins Lager, alle Luderinstinkte, die die Kriegsstrapazen in ihren Bann gehalten, brechen los. Am 10. Februar schreibt er aus Le Mans:
„Die Opfer, welche die Schlachtfelder kosten, sind doch bei weitem der geringste Teil des Uebels, welche der Krieg erzeugt. Nicht der ruinierte Wohlstand, nicht die verbrannten Häuser sind es,— es ist die bis ins tiefste verderbte Moral; wann werden wir dieses Uebel über wunden haben! Ich könnte Dir wunder⸗ bare Dinge erzählen.“
Man spielt, man betrinkt sich, man veran⸗ staltet Bälle, bei denen eine Schwimmhose und ein weißer Kragen der beliebteste Anzug ist. Grauköpfige, verheiratete Offiziere tanzen mit. Man geht auch„ins Theater“:
Gestern war ich mit mehreren Kameraden im Theater und ging empört weg. Der anständigste Teil des Publikums waren die Soldaten, der unanständige die Offiziere.(Brief vom 13. Februar aus Le Mans.) Ich begreife nicht, wo manche ihre Ehre lassen; einen verheirateten Major dieses Regiments hätte ich am liebsten hinausgeführt.
Bei der Abreise melden sich denn auch die Scharen weinender betrogener„Bräute“ im Generalkommando, um sich nach den Offizieren zu erkundigen, die versprochen hatten, noch ein⸗ mal wieder zu kommen. So wurde im Lande des Erbfeindes für neue Soldaten gesorgt.
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Wir haben einen Teil dessen, was der „Vorwärts“ aus den Briefen des Generals mitteilt, wiedergegeben und wollen in der nächsten Nummer noch einiges hinzufügen.— Bemerkt sei noch, daß der Kousin der Genossin Braun, Oberleutnant v. Kretschmann, sich über die Veröffentlichung der Briefe entrüstet und in mehreren Blättern erklärt, sein Onkel habe auf einem nach dessen Tode aufgefundenen Zettel darum gebeten, die Papiere zu vernichten
und nicht zu veröffentlichen.— Wir halten die Veröffentlichung im Interesse der Mensch⸗ lichkeit für sehr verdienstlich.
Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.
Die Großeinkaufs⸗Gesellschaft Deutscher Konsum vereine hat in den 9 ersten Monaten dieses Jahres einen Umsatz von 17279236,11 Mk. erzielt, gegen 14353 748,02 Mk. in derselben Zeit des Vorjahres. Die Zunahme beträgt somit 2925488,09 Mk., also rund 20 Meß
er Kampf der Weber in Crimmit⸗ schau dauert noch immer fort, hat sogar noch eine Verschärfung erfahren. Obwohl die Streik⸗ enden sich nicht im Mindesten gegen die öffent⸗ liche Ordnung vergangen haben, sind in Crim⸗ mitschau noch 30 Mann Gendarmen ein⸗ quartiert worden. Vor Fabriken, an den Straßenecken, stehen diese Hüter der Ordnung, das Gewehr umgehängt. Niemand weiß, wozu diese Kriegsvorbereitungen dienen sollen. Außer⸗ dem ist an den Plakatsäulen folgende Bekannt⸗ machung des Stadtrats angeschlagen:„Es wird hierdurch bekannt gemacht, daß vom heutigen Tage ab die zur Unterstützung der hiesigen Polizei herbeigezogenen Mitglieder des Gendar⸗ meriekorps zur Ausübung polizeilicher Befugnisse im hiesigen Stadtgebiete berechtigt sind. Es ergeht daher an jedermann die Aufforderung, den dienstlichen Anordnungen der Gendarmen ebenso Folge zu leisten, wie den Anordnungen der hiesigen Polizeiorgane.“ Bisher schon haben die Behörden stets zu Gunsten der Unternehmer eingegriffen. Flugblätter wurden konstsziert, Verteiler der Blätter arretiert, Versammlungs⸗ auflösungen und ähnliche Maßnahmen sind nun⸗ mehr an der Tagesordnung. In den letzten Tagen ist das Vorgehen der Polizeibehörde geradezu unerträglich geworden. Die Arbeiter wandten sich beschwerdeführend an das Mini⸗ sterium, mit dem einzigen Erfolg, daß sie die Antwort erhielten: Die Beschwerden seien an die „zuständigen Behörden weitergegeben worden.“ () Die Streikenden stehen nach wie vor fest, im Vertrauen auf die Solidarität der deutschen Arbeiter. 5
Der Streik und die Aussperrung in der Metallindustrie in Berlin dauern fort. Noch immer stehen die beiden Perteien einander abwartend gegenüber. Die Streikenden sehen keinen Grund, von ihrer bisherigen Kampfesweise abzuweichen und da sie wissen, daß die Fabrikanten, wenn sie Geld verdienen wollen, ihrer notwendig bedürfen, beharren sie auf ihren Forderungen und wollen sich auf keinen Fall bedingungslos unterwerfen. Die Arbeitgeber nehmen ebenfalls eine abwartende Stellung ein. Sie haben auf neue Gewalt⸗ maßregeln verzichtet, nachdem sie sehen mußten, daß weder ihre Aussperrung, die übrigens nur ein Teil der Arbeitgeber mitgemacht hat, noch die Schließung des Arbeitsnachweises der Me⸗ tallindustriellen irgend welche Wirkung auf die Haltung der Streikenden ausgeübt hat. In einem Rundschreiben der Vereinigung Berliner Metallwaren⸗Fabrikanten wird eine lange Re⸗ solution mitgeteilt, die in der Generalversamm⸗ lung am 31. Oktober wie gewöhnlich einstimmig gefaßt worden ist. Darin wird unter anderem gesagt, es sei von einer weiteren Entlassung von Arbeitern nicht die Rede gewesen. Damit wird die von bürgerlichen Blättern gebrachte Mitteilung, daß die Metallindustriellen 7000 Arbeiter aussperren wollen, dementiert.
In Darmstadt haben die Schreiner die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist unbedingt fernzuhalten.
Von Uah und Fern.
Gießener Angelegenheiten.
—. Ein Gießener„Patriot“ sendet uns einen Ausschnitt irgend eines ostelbischen Reptilblattes zu, in dem zum soundsovielten Male„nachgewiesen“ wird, daß nicht Bismarck
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