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Mitteldenische Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 11.
17 8 7 Unterhaltungs-Ceil.
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A
Ein Narr
des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke.
5(Fortsetzung)
40 0 haben die Barbaren miteinander emein, daß sie insgesamt auf Gewinn erpicht nd und dafür Leben wie Tugend wagen. Es gehört zu den Seltenheiten, welche Erstaunen nud Gelächter erregen, wenn einer dem andern unentgeltlich arbeitet oder sein Hab und Gut dem Wohl des gemeinen Wesen aufopfert.— Sie reden übrigens viel von edlen Gesinnungen und großmütigen Handlungen, doch sieht man dieselben nur auf den Schaubühnen unbespottet erscheinen. Die Einwohner von Thule gleichen aber fast alle den Schauspielern, und sie haben in der Kunst, etwas anderes vorzustellen, als sie sind, große Fertigkeit. Keiner von ihnen spricht leicht gegen andere so, wie er denkt. Daher nennen sie Menschenkenntnis die schwerste Kunst und Lebensklugheit die höchste Weisheit.
Inzwischen können sie sich doch nicht so sehr verbergen, daß man nicht ihre Schalkheit oder Unbehilflichkeit erkennen sollte. Denn weil sie mit der menschlichen Vernunft im beständigen Widerspruch leben, anders lehren und anders handeln, anders empfinden und anders reden
und zu ihren Zwecken oft die widersinnigsten
Mittel wählen, wird ihre Roheit offenbar. Um zum Ackerbau zu ermuntern, belasten sie den Landmann mit den schwersten, Abgaben und der größten Geringschätzung; um den Verkehr und Handel zu spornen, errichten sie shlbare Zollstätten und- Warenverbote; um ehlbare Menschen zu strafen und zu verbessern, 0 fe- dielelheu in-öffentliche Zwangshäuser zusammen, wo sie sich gegenseitig mit Lastern noch ärger vergiften, und von wo sie als vollendete Verbrecher in die Gesellschaft der Menschen zurückkehren; um ihres gesunden Leibes zu pflegen, verkehren sie die Ordnung des Lebens: einige wachen in der Nacht und schlafen am Tage; andere zerstören die Säfte ihres Lebens mit hitzigen Getränken und Ge⸗ würzen, die sie um große Summen aus Indien erkaufen, also daß kaum eine arme Haushaltung zu finden ist, welche sich mit der Furcht ihres Feldes oder ihrer Herde begnügt, ohne Getränke aus Arabien oder Gewürze aus Indien und Fische aus entfernten Meeren hinzuzutun.—
Die Wirkung der Fragmente des jüngern Pytheas.
Hier endete Olivier die Vorlesung. Er sah mich mit fragenden Blicken an.
Lächelnd sagte ich:„Man muß gestehen, der Ton darin ist gut gehalten. Ungefähr so würde einer der alten griechischen Weisen von den barbarischen Nationen Asiens seiner Zeit gesprochen haben, wenn er sie besucht hätte. Recht brav! Selbst der edlen Steifheit der Schreibart merkt man an, daß diese Fragmente nur Uebersetzung sind. Indessen glaube ich doch nicht an ihre Echtheit. Wir haben nichts von Pytheas, meines Wissens, als...“
Es unterbrach mich Olivier mit unmäßigem Gelächter und rief:„O du Kind des achtzehnten Jahrhunderts, der du immer nur an der Schale der Dinge herumtastest und den Kern darüber vergissest; der du immer mit dem Schein zu schaffen hast und nicht in das Wesen dringest, siehst du und hörst du denn nicht, daß du selbst ein Bürger von Thule bist?— Was? Asien? Nein, so würde ein Weiser der griechischen Vorwelt von euch Europäern geredet haben, wenn er euch zu seiner Zeit hätte besuchen können!“ b
„Du hast recht, Olivier; du ließest mich nur nicht zu Ende kommen. Ich wollte moch
hinzusetzen, es sind diese Fragmente eine Art lettres personnes. Die Rede ist von uns. Die treffende Wahrheit ist unverkennbar.“ „Ich verstehe dich nur halb, dich Kunst⸗ menschen. Nicht so, du beurteilst die Kunst des Verfassers, ob er die Wahrheit getroffen habe? Oder meinst du, die Wahrheit habe dich a 2* „Beides! Doch auf dich, lieber Olivier, machte sie schmerzlichere Eindrücke, wie du vor⸗ hin erzähltest; du lagest mit diesem Buche im Schatten eines Ahorns. Erzähle weiter!“ „Gut, da lag ich. Wie ich die Fragmente elesen hate, warf ich das Buch von mir, fand mit dem Haupte ins Gras zurück, starrte über mir in die dunkle Bläue des ewigen Himmels hinaus, hinaus in die Tiefen des nirgends umuferten Welltalls und dachte an Gott, den Alleserfüllenden, alles mit Liebe und Herrlichkeit Durchdringenden; und dachte an die Ewigkeit meines Daseins in dieser Un⸗ endlichkeit; und verstand in dem Augenblick dieser erhabenen Vorstellungen viele Worte Christi besser, des Wiederoffenbarers der gött⸗ lichen Verhältnisse unserer Geister: In unsers Vaters Haus sind viele Wohnungen. Oder: Wenn ihr nicht werdet wie die unschuldigen, natürlichen Kindlein ufsw. Oder: Wer mein Jünger sein will, der verleugne die Torheiten der heutigen Welt, und nehme mein Kreuz auf sich.— Und ich sah die Göttlichkeit Christi nie heller als damals. Ich dachte an die Entartungen des Menschengeschlechts, wie das⸗ selbe von Jahrtausend zu Jahrtausend aus der Wahrheit, Einfalt und Seligkeit der Natur immer weiter abgeirrt ist zum tierischen, verkünstelten, wahnsinnigen, schmerzensvollen Leben. Ich flog in meinen Gedanken zurück in die Urwelt, zu den ersten Völkern, zu den einfachen Denkweisen der hohen Alten. seufzte; ich fühlte Thränen in meinen Augen. Ich ward in meinen Gedanken wieder ein Gotteskind. Warum kann ich nicht wahr fühlen, wahr denken, wahr reden, wahr handeln wie Jesus Christus? Kann ich nicht die Fesseln des Gewohnten abstreifen? Was hindert mich als dumme Scheu, unter Wahn⸗ sinnigen, unter verkehrten Barbaren ein Ver⸗ nünftiger, ein Gottesmensch zu sein? So sprach ich. In meiner Einbildung war ich's nun schon. Ich schloß die Augen. Ich em⸗ pfand eine unaussprechliche Seligkeit, frei von der in ihrer Vertierung sich quälenden Welt, mit Gott, mit der Natur, dem Weltall, der Ewigkeit wieder versöhut und eins zu sein. So lag ich lange; denn als ich die Augen öffnete, war die Sonne verschwunden, und das Abendrot umschwamm und vergoldete alles.“
(Fortsetzung folgt.)
Ein HGlick in den„Zukunstsstaat“. Von Dr. Robert Michels.
(Fortsetzung.)
Als wir am nächsten Morgen in den weichen Kissen, die uns parteigenössische Gast⸗ freundschaft in so herzlicher Weise zur Ver⸗ fügung gestellt hatte, aufwachten, da hörten wir erstauut, daß alle Glocken in der Stadt läuteten. Ich sah auf den Kalender. Der 6. September! Auf diesen Tag fiel kein christlicher, nicht einmal ein„patriotischer“ Feiertag! Schnell kleideten wir uns an, denn es war höchste Zeit zum Kongreß zu eilen, da derselbe Punkt 9 Uhr beginnen sollte. Die freundliche Einladung der gesamten— also auch bürgerlichen— Presse zu einem Glase Ehren⸗Vermuth, welche auf 8 Uhr lautete, hatten wir so wie so schon verschlafen. Als wir nun aus dem Hause traten und die Straßen durcheilten, um zum Kongreßlokal zu gelangen, da läuteten die Glocken immer noch auf Teufel hol' mich. Nun hielt ich es denn doch vor Neugier nicht mehr aus und erkundigte mich nach dem Grund dieses kirchlichen Lärms. Wie verblüffend aber wirkte auf uns die Antwort, daß die Glocken sich nur deshalb in Bewegung setzten, um der Eröffnung des sozialistischen Kongresses von Seiten der Stadt die gebührende Ehre zu er⸗ weisen.— Als Kongreßlokal war uns das
Ich
prächtige Stadttheater überwiesen worden, welches mit seiner aus sozialistischen Wahl⸗ sprüchen bestehenden Ausschmückung und seinen drei Gallerien mit reicher Gold⸗Stukatur ver⸗ zierter Logen einen überaus vornehmen Eindruck machte und uns mit seiner Fülle von interessanten und geistreichen Gesichtern der aus allen Teilen des weiten Italien zum Kongreß gekommenen Männer und Frauen noch einen ganz besonders anziehenden Anblick darbot. Da konnte man die olivenfarbenen, mit griechischem und arabi⸗ schem Blut durchmischten Männer aus Sizilien mit ihren gedrungenen Gestalten und den tief⸗ blauschwarzen dichten Haaren neben den hell⸗ farbigen kelto⸗romanischen Piemontesen mit ihrem hageren Körper, den braunen, blonden oder roten Haaren und dem energischen Gesichts⸗ ausdruck, den wortreichen Lombarden neben dem schweigsamen Genuesen, den stolzen und fast harten römischen Typus neben dem beinah weichlich zu nennenden lebhaften Venezianer sehen. Aber die Verschiedenheit von Rasse⸗ und Charaktereigentümlichkeiten verhinderte nicht die gemeinsame Treue zu der gemeinsamen sozialistischen Ueberzeugung, und alle verband die gleiche Begeisterung für Recht und der gleiche Haß gegen das Unrecht.
Der Bürgermeister von Imola, Genosse Xella, selbst eröffnete den Kongreß mit herzlichen Begrüßungsworten, indem er mit gerechtem Stolz auf die Tatsache hinwies, daß dieselben Männer, die noch im Jahre 1894 in Imola von den Behörden öffentlich als eine Horde Uebeltäter hätten bezeichnet werden dürfen, heute, nach Verlauf von kaum 6 Jahren, von denselben Behörden als Gäste und, was mehr sei, als Parteigenossen begrüßt werden könnten. Der viertägige Kongreß, der diesen Eröffnungs⸗ worten folgte, bietet des erzählenswerten Stoffes zu viel, als daß ich hier auch nur den hun⸗ dertsten Teil davon berichten könnte. Nur so⸗ viel sei gesagt, daß trotz härtester prinzipieller Kämpfe der Kongreß niemals seine Würde verlor und daß ich eine solche Summe von Intelligenz und von Arbeitsfreudigkeit nie vor⸗ her auf einem so engen Raum vereinigt gesehen habe. Ich habe dabei den Eindruck gewonnen, daß unsere italienische Bruderpartei mit unserer deutschen zusammen zweifellos zu den bestorga⸗ nisiertesten uud jugendlich kräftigsten Gruppen des internationalen Sozialismus gehört.—
Imola fühlte sich trotz aller Einquartierung recht wohl und behaglich. Die sprichwörtliche Romagnoler Gastfreundschaft legte wieder ein⸗ mal einen untrüglichen Beweis ihres tatsächlichen Bestehens an den Tag. Es war ein schöner Zug einer weitgehenden echt vornehmen Toleranz, daß auch die krassesten Gegner des Sozialismus, Konservative und Klerikale, die sozialistischen Gäste bereitwilligst in ihr Haus aufnahmen und ihnen mit jener vorurteilsfreien Höflichkeit entgegenkamen, die bei einem politischen Wider⸗ sacher doppelt angenehm berühren muß. Mit der Gastfreundschaft war aber auch eine große Freigiebigkeit verbunden. Wer irgend konnte, der rechnete es sich zur Ehre an, seinen Gast unentgeltlich zu beherbergen und womöglich auch noch zu verpflegen. Es bestand überhaupt zwischen den Einwohnern und den fremden Kongressisten eine Innigkeit und Herzlichkeit, welche einem das Herz im Lelbe vor Freude lachend machte. Weder Gastgeber noch Gast hielt es für angebracht, dieser seine Schränke, jener seine Koffer zu verschließen. Zwischen Genossen darf keine Angst vor Entwendung fremden Eigentums herrschen! Niemand läßt den Privatbesitz so unangetastet als der Sozialist, dessen Parteiprogramm die Abschaffung eines großen Teiles eben dieses Privatbesitzes verlangt. Das ist eine alte Wahrheit!
Die Imoleser und die„Fremden“ waren zu einem Ganzen verschmolzen. Wenn Militär in eine Stadt einquartiert wird, so erwecken die schmu⸗ cken Uniformen bei allen Spießern Bewunderung. Man liebt sie, man ehrt sie, man feiert ste. Aber sie bleiben dennoch Fremde. Nicht so die sozialistische Einquartierung in Imola! In den wenigen Stunden, welche uns der arbeitsreiche Kongreß frei ließ, herrschte auf den Straßen der Stadt ein reges Treiben. Zunächst strömte alles hastig in die Osteria


