Ausgabe 
15.3.1903
 
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) J T f N

Nr. 11.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

(Wirtshaus), um sich an einer Flasche Wein und einem Kalbsbraten zu laben. Wie munter es da bisweilen zuging, läßt sich garnicht be⸗ schreiben. Alles saß durcheinander. Wo gerade ein Platz frei war, da machte man nicht viel Federlesens. Und dann kamen die Arbeiter aus den Fabriken und setzten sich mit heran und forschten uns aus nach den Ergebnissen des Kongreßtages. Und bald wurde diskutiert, diskutiert!... Kaum war aber der letzte Bissen heruntergeschluckt, da ging es hinaus unter die Säulenhallen der Hauptstraße, welche, dicht besetzt mit Zeitungsständen und Verkaufs⸗ plätzen von Postkarten mit Bildnissen sozialisti⸗ scher Männer und Ansichten der Stadt, einen überaus fröhlichen Festtageindruck machte. Da wanderten wir denn Arm in Arm, in lebhafte Gespräche, vertieft, mit uns vor wenig Stunden noch gänzlich fremden, uns aber gleichzeitig so sehr gesinnungsverwandten Menschen, auf und ab, bald rechts und bald links andere Ge nossen begrüßeud. Abends spielte dann auf dem Marktplatz die städtische Musikkapelle in ihren schönen, etwas barocken Uniformen Opern⸗ melodieen und Arbeiterlieder aus alter wie neuer Zeit. Dazu strahlte in dunkler Bläue der abendliche Himmel Italiens und aus den umliegenden Kaffees erklang helles Lachen... Die Musik!! Sie war sicherlich kein kleiner Faktor im sozialistischen Imola. Ich erinnere mich noch einer reizenden Szene, die echt italienisch aber auch echt sozialistisch war. Eines Mittags saßen wir im schattigen Hof einer Osteria und sprachen von der Erziehung der Jugend zu sozialistischer Weltanschauung. Ein Genosse, der in Imola als Arzt praktiziert, erzählte uns, daß in den städtischen Schulen bereits seit 7 Jahren die kostenlose Darreichung eines aus Suppe und Brot bestehenden Mittags brotes an die Kinder erfolge und daß er der Ueberzeugung sei, diese Einrichtung lasse sich durch keine Macht der Welt wieder rückgängig machen, da die Kinder selbst sich gegen eine solche Reaktion auflehnen würden. Ueberhaupt die Kinder von Imola, rühmte er weiter... Während wir noch gespannt den begeisterten Er⸗ zählungen des Arztes über die Imoleser Jugend folgten, da gewahrten wir plötzlich eine Schaar Knaben, welche, in eine Art Uniform von grauer Leinewand gekleidet und auf dem Kopf ein Barett mit einer großen Adlerfeder darauf,

fröhlich schwatzend in den Hof der Osteria eingedrungen war. Noch betrachteten wir die Eindringlinge verwundert, als sie begannen dem Winke eines größeren Knaben, der etwa 13 Jahre zählen mochte, folgend, sich ganz soldatisch in Reih und Glied aufzustellen. Auf einen weiteren Wink des Führers gewahrten wir zu unserem freudigen Erstaunen, wie jeder von ihnen aus der Tasche eine Ocarina(eine Art Mundflöte, wie man sie auch bei uns bis⸗ weilen sieht) herausholte und sie an den Mund setzte, und nun spielte die Knabenkapelle mit großer Exaktheit in weithin klingenden Tönen den Inno dei Lavoratori 175 italienische Arbeiterhymne) und die Marseillaise. Rauschen⸗ der Beifall belohnte die jugendlichen Musiker. Da klang es in dumpfem Baß aus einer Ecke des Hofes provozierend vom Munde eines seinen Nachmittagsschoppen trinkenden alten Obersten:Jungens, nun spielt aber einmal die Marcia Reale!(den Königsmarsch, etwa unserem Heil dir im Siegerkranz gleich⸗ kommend!). Erstaunt sahen sich die Kinder an.Die kennen wir nicht! erklang es als Antwort von ihren Lippen.Zum Donner wetter! herrschte der Qberst sie an,sind wir hier eigentlich im italienischen Königreich oder nicht? Da reckte sich einer der Knaben stolz empor, es war ein Bürschlein von knapp zehn Lenzen, mit einem schönen schwarzen Lockenkopf und blitzenden Augen:Wir sind von Imola, Herr! fuhr er auf. Der Kleine war ein so klassen⸗ und zielbewußter Sozialdemokrat wie selten einer. Seine Hände müssen ihm an diesem Abend aber ordentlich weh getan haben, denn jeder von uns wollte dem braven Jungen die heilige Freude, die er in uns wach gerufen hatte, zu erkennen geben. Wir waren ja allevon Imola.

Splitter.

Walhalla. Sei gegrüßt, du hehre Halle Deutscher Größ' und Herrlichkeit. Seid gegrüßt, ihr Helden alle Aus der alt' und neuen Zeit.

O ihr Helden in der Halle

Könntet ihr lebendig sein!

Nein, ein König hat euch alle

Lieber doch in Erz und Stein. Hoffmann v. Fallers leben.

0

Lüge, wie sie schlau sich hüte,

Bricht am Ende stets ein Bein.

Kannst du wahr nicht sein aus Güte,

Lern' aus Klugheit wahr zu 5 el.

Humoristisches.

Wahl vorbereitungen. Schwerer als sonst will es diesmal gelingen, nationalliberale Kandidaten für die Reichstagswahl aufzustellen. Sie fallen nämlich schon sämtlich um, bevor sie noch in den Reichstag kommen.

Kleines Mißverständnis. Ein biederer Handwerksbursche(Sachse) hat ein auf dem Eise ein⸗ gebrochenes Kind gerettet und bringt es selbst bis auf die Haut naß dem Vater zurück, welcher, ohne seine Börse zu ziehen, mit heuchlerischem Augenaufschlag etwas von Wiedervergeltung stammelt.Nu hären Sie, kutestes Männecken, sagt endlich der arme Kerl zähne⸗ klappernd,Ihretwegen werd' ich mich so bald nicht wieder vergälten!

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Geschichtskalender.

15. März. Skandal vor den Reichstag. Puttkamer f.

16. 1902: Stutenden⸗ und Arbeiterunruhen in Petersburg.

17. 1890: Bismarcks Entlassung.

18. 1871: Kommunekampf in Paris. Barrikadenkampf in Berlin.

19. 1848: Fr. Wilh. IV. ProklamationAn meine lieben Berliner.

1896: Bebel bringt den Peters⸗ 1900: Spitzelminister

1848:

20. 1899: Bauarbeiterschutzkongreß in Berlin. 21. 1871: Eröffnung des ersten deutschen Reichstages.

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