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Nr. 11.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
Neun dieser zukünftigen Staatsstützen waren nun wegen Widerstand, Unfug, Ruhestörung ꝛc. angeklagt. Fünf wurden zu je 5 Mark, zwei zu je 30 Mark, einer zu 45 und einer zu 90 Mark Geldstrafe verurteilt. Mit der „Strafe“ können die Herrchen zufrieden sein. Hätten Arbeiter dasselbe getan, sie wären kaum dem Zuchthaus entgangen. Es lebe das gleiche Recht für Alle!
Aus einem frommen Damenstift.
Vor dem Münchener Schwurgericht spielte sich dieser Tagen ein sensationeller Prozeß ab. Angeklagt war die Vorsteherin des Maximilian⸗ Damenstiftes in München, v. Heusler, wegen Giftmordversuch. Sie hatte einem Dienstmäd⸗ chen Salzsäure in den Kaffee geschüttet. Der Prozeß förderte viele Einzelheiten zu Tage, die zeigen, wie es in derartigen Instituten, wo sich meist„bessere“ Damen befinden manchmal zugeht. Die rohesten und unsittlichsten Redens⸗ arten wurden geführt, am meisten von der adeligen Vorsteherin. Diese wurde zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.
Bankschwindler Exer
wurde von dem Leipziger Schwurgericht nach wochenlanger Verhandlung zu 2½ Jahren Ge⸗ fängnis verurteilt. Eine sehr gelinde Strafe für die Gaunereien des Angeklagten.
Der Dreschgraf bettelt um Gnade.
Der verrückte Graf Pückler-⸗Klein⸗Tschirne war wegen Zerstörung einer Feldbahn zu sechs Wochen Gefängnis und wegen Herausforderung zu Zweikampf zu zwei Monaten Festungshaft verurteilt worden, während sein Inspektor wegen Beihilfe zur Zerstörung der Feldbahn einen Monat Gefängnis und wegen Kartell⸗ tragens einen Monat Festungshaft erhielt. Beide haben nun ein Gnadegesuch an den Kaiser gerichtet.— Das paßt nun allerdings schlecht zu dem Mute, den das Gräflein in Berliner Versammlungen zeigte. Allerdings nur mit dem Maule.
Bürgerliche Skandal ⸗Chronik.
In dem Städtchen Lemgo(Lippe⸗Detmold) erregt eine Skandalgeschichte großes Aufsehen. Vor etwa fünf Jahren wurden viele Bürger durch anonyme Briefe unflätigsten Inhalts be⸗ lästigt, über deren Urheber allerhand Gerüchte umgingen. Unter Anderem behauptete ein dor⸗ tiger Bürger Brüggemann, der Kaufmann Paul Kracht, ein Sohn des hochangesehenen, inzwischen verstorbenen Kommerzienrats Kracht, sei der Verfasser der Briefe, wurde aber vom Schöffengericht wegen Beleidigung des Kracht zu 500 Mk. Geldstrafe verurteilt. Als nun im letzten Jahre dasselbe unheimliche Treiben von Neuem begann, und man von verschiedenen Seiten scharf auf den Urheber fahndete, lenkte sich der Verdacht wiederum auf Kracht. Bei einer seitens der Staatsanwaltschaft plötzlich vorgenommenen Haussuchung häuften sich in folge verschiedener auf Löschblättern, die be⸗ kanntlich im Falle Kotze auch eine große Rolle spielten, vorgefundeuer Abdrücke die Verdachts⸗ momente gegen Kracht derartig, daß er nach
Detmold in Untersuchungshaft gebracht wurde. Auf den Ausgang der sensationellen Affäre darf man gespannt sein.
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Gewerkschastl. u. Arbeiterbewegung.
Das Arbeitersekretariat in Frankfurt a. M. wurde im abgelaufenen Jahre von nicht weniger als 26 232 Personen in Anspruch genommen; dazu kommt noch die Anfertigung von 5672 Schriftstücken. Die Ein⸗ nahmen des Sekretariats betrugen 10 940,73 Mk., die Ausgaben 9326,61 Mk., der Kassenbestand ist also 1614,12 Mk. Der Reservefonds beträgt 2755,92 Mk. An den Zahlen über die münd⸗ lichen und schriftlichen Auskünfte kann man leicht den Segen ermessen, den eine solche Ein⸗ richtung stiftet.
Der Verband der deutschen Maler, Lackierer und verwandten Berufsgenossen hat im abgelaufenen Jahre nach der soeben veröffentlichten Abrechnung eine Gesamteinnahme von 218 671,97 Mk. erzielt. Die Gesamtausgabe belief sich auf 149 846,10 Mk., darunter 1171632 Mk. für Agitation, 19047,50 Mk. für das Verbandsorgan, 20.706,58 Mk. für Krankenunterstützung, 2519,35 Mk. Gemaß⸗ regeltenunterstützung, 10 871,45 Mk. Streik⸗ unterstützung, 56 151,98 Mk. in den Fllialen, 7401,89 Mk. persönliche und 5204,76 Mk. sächliche Verwaltungskosten. Nach den Beiträgen berechnet, beträgt die Mitgliederzahl 14303, das ist ein Mehr gegenüber 1901 von 2409 Mitgliedern.
f Ein Tertilarbeiterstreik ist in Colmar(Els.) wegen Lohndifferenzen aus⸗ gebrochen und nimmt an Ausdehnung zu. Es sind ca. 400 Arbeiter daran beteiligt und man 1 daß der Streik noch weiter um sich greift.
+ Streik bei Wohltätigkeitsfirma Krupp. In der Kruppschen Räderschmiede ist ein Streik ausgebrochen. Der Grund dazu war nach unserm Essener Parteiblatt die Ein⸗ führung eines neuen Akkordsatzes. Das neue Akkordsystem besteht darin, daß die Arbeiter, die an einem Herde zusammenarbeiten, inner⸗ halb einer bestimmten Zeit zehn Räder fertig haben müssen, wofür sie dann 16 Mark Lohn erhalten. Haben sie nun in dieser Zeit die zehn Räder nicht fertig, sondern etwa nur neun, so erhalten sie für jedes nicht etwa 1.60 Mk. Lohn, wie man nach Recht und Bcligkeit erwarten sollte, sondern nur 1.40 Mk. Dabei ist es aber schier unmöglich, innerhalb der festgesetzten Zeit zehn Räder fertig zu bringen. Es ist dies doch schon mehr als eine ganz gewöhnliche Ausschinderei, gegen die man auf das Entschiedenste Front machen muß. Mit Recht wurden daher die Arbeiter sofort vor⸗ stellig, doch die Antwort des Betriebsführes lautete einfach, wenn die Arbeiter unter diesen Bedingen nicht arbeiten wollten, daun sollten sie einfach nach Hause gehen, mehr gäbe es nicht.
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Partei-UNachrichten.
Unsere Toten. Einer der ältesten Leipziger Parteigenossen, der Maurer Zscher pe, starb am 4. März in dem hohen Alter von 75 Jahren. Bis zum letzten
Atemzuge blieb er der Arbeitersache treu und beteiligte sich an der Partei⸗ und Gewerkschaftsbewegung.
Die Kreis⸗ Konferenz für den Wahlkreis Offenbach fand am Sonntag in Hausen statt. Der Kassierer berichtete vom abgelaufenen Jahre über eine Einnahme von 6762 Mk. Als Kassenbestand wurden 1543 Mk. vorgetragen.— Die Konferenz be⸗ schloß, am 1. Juli das„Offenbacher Abendblatt“ im Besitz der Partei überzufübhren. Das Eigentumsrecht am Blatte muß Genosse Ulrich ohne Entschädigung abgeben.— Als Reichstagskandidaten stellte die Konfe⸗ renz wiederum Ulrich auf.
Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen.
Wir geben den Parteigenossen hiermit bekannt, daß Sonntag, den 12. April(Erster Osterfeiertag), Nachmittags 2 Uhr in Friedberg, Stadt New⸗ Vork, Haagstr. 11, eine Parteikonferenz stattfindet mit der Tagesordnung:„Die nächsten Reichstagswahlen.“ Ref. Genosse Bu sol d. Die Genossen werden gebeten, dafür Sorge zu tragen, daß, in Anbetracht der wichtigen Tagesordnung, möglichst jeder Ort des Kreises ver⸗ treten ist. Besonders sei bemerkt, das Vertreter solcher Orte, an denen sich keine Filialen des Kreiswahlvereins befinden, ihre Reisekosten aus der Kreiskasse vergütet erhalten.
Mit Parteigruß Der Vorstand des Kreis wahlvereins. Das Zentral-⸗Wahlkomitee. J. A.: Georg Repp.
Versammlungs kalender.
Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen!
Samstag, den 14. März. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. 7 Montag, den 16. März. Gießen. Schneiderver band. Versammlung bei Orbig. 5 Sonntag, den 21. März. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 8½ Uhr Versammlung in Stadt New⸗Nork.
Briefkasten.
Schotten, Niedershausen, ꝛc. Einsendungen mußten auf nächste Nummer zurückgestellt werden.
Abends 9 Uhr
wenn wir uns mit der Sache befassen sollen.
Quittung. Für den Wahlfonds gingen ein: A.⸗Leihgstn. Mk. 3.— K. Y. Mk. 10.— S. in L. Mk. 3.
Empfehlenswerte Schriften.
ö Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt:
Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer.
Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg
Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/½ 4 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß.
ö Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk.
Eröffnung
der Abteilung
für Putz
Fus Friiljulis: t S8].
Sämtliche Putzartikel, wie Hüte, Blumen, Federn,
hervorragend grosser und schöner Auswab! ei
Richard
12 1 7 82 3 Bahr Nolstrasgse
Loewenthal
Giessen
Reiher, Ag⸗- raffen, Seidenbänder, Sammete, Seidenstoffe, Tülle etc. sind in
getroffen.
8 Co.
N Bahnhofstrasse 1.
Daubringen. Die Angaben müssen genauer sein,
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