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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung⸗
Nr. 11.
Von Nah und Lern. hessisches.
Der Landtag setzte die Beratung des Budgets fort. Zu Kapitel: Gewerbeauf⸗ sicht erklärte Ulrich, daß es nötig sei, sämt⸗ liche Betriebe, besonders die gefährlichen, jähr⸗ lich mehrmals durch die Gewerbe⸗Inspektoren revidieren zu lassen.— Dr. Da vid hat einen Antrag eingebracht: die Regierung zu ersuchen, die Beseitigung der Vorschulen an den mittleren Lehranstalten baldigst in die Wege leiten zu wollen.— Den Antrag Köhler, betr. die Errichtung einer zweiten nationalökonomischen Professur an der Universität Gießen, haben 35 Abgeordnete unterschrieben, darunter das ganze Zentrum und 7 Nationalliberale. Damit stellt sich allerdings der Landtag ein merkwürdiges Zeugnis aus.
Gießener Angelegenheiten.
— Der 18. März ist ein doppelter Ge⸗ denktag für das nach Befreiung ringende ar⸗ beitende Volk. Am 18. März 1848 standen die Freiheitskämpfer in Berlin auf den Barrikaden um Volks⸗ und Menschenrecht gegen Despotie, monarchische und junkerliche Willkür zu verteidigen. Das Volk siegte und von bleicher Furcht ergriffen flohen die Unterdrücker; zitternd entwichen Fürsten, Prinzen... Die⸗ selben, die zwei Jahrzehnte später als„Helden⸗ kaiser“ und„Heldenprinz“ angejubelt wurden! Das Bürgertum verstand seinen Sieg nicht auszunutzen.— Heute hat es auch diejenigen vergessen, die damals ihr Leben für die bürger⸗ liche Freiheit in die Schanze schlugen. Nur die sozialdemokratische Arbeiterschaft gedenkt ihrer. Sie gedenkt am 18. März auch der heldenmütigen Kommunekämpfer von Paris, die 1871 für die Volkssache ihr Blut ver⸗ spritzten. Wir achten und ehren jene Braven, gedenken ihrer alljährlich im März!—
— Ihre Märzfeier begehen die Gießener Genossen, wie bereits in voriger Nr. mitgeteilt, diesen Sonntag von nachmittags 3 Uhr an auf Textors Terrasse. Die Festrede wird Gen. Dr. Michels⸗Marburg halten. Außerdem besteht die Feier in Konzert und Gesangs⸗ vorträgen, die von der Gießener„Eintracht“ und der Gesangsabteilung des Arbeiterbildungs⸗Vereins Heuchel⸗ heim ausgeführt werden. Außer den Gießener und Heu⸗ chelheimer Genossen sind auch die von Gleiberg und Krofdorf freundlichst eingeladen.
— Mit der Novelle zum Kranken⸗
versicherungsgesetz beschäftigte sich am Sonntag eine in Steins Garten stattgefundene ziemlich gut besuchte Versammlung. Geschäfts⸗ führer Fourier von der Ortskrankenkasse setzte auseinander, welche Aenderungen das neue Gesetz vorsieht und beklagte besonders die in dem Krankenkassenwesen herrschende Zer— splitterung. Nach längerer Debatte wurde ein Antrag angenommen, wonach der diesen Sonntag in Berlin tagende Krankenkassenkongreß von der Regierung verlangen soll, daß sie keine Neugründung von Betriebs-, Hilfs⸗ und In⸗ nungskassen mehr genehmige. u— Nochmals die Schwindelkranken⸗ kassen. Wie aus Hannover berichtet wird, steht die dortige Schwindelkasse„Union“ vor der polizeilichen Schließung. Kürzlich wandte sich nämlich der dortige Geschäftsführer des Metallarbeiterverbandes an die Polizei, um diese zu veranlassen, die geschäftliche Tätig⸗ keit etwas mehr zu beaufsichtigen. Demselben ging ein Schreiben zu, in welchem ihm mitge⸗ teilt wurde, daß„wegen völliger Insolvenz der Kasse und wegen vielfacher Unregel⸗ mäßigkeiten und schlechter Verwaltung seitens des Vorstandes von der Aufsichtsbehörde bereits die Klage auf Schließung der Krankenkasse Union erhoben ist.“
Wer sich bei der„Union“ hat aufnehmen lassen, wird gut tun, sich sofort mittels ein⸗ geschriebenen Briefes abzumelden, dann können wenigstens später, wenn die Schließung erfolgt, keine Ansprüche mehr von der Kasse an die Mitglieder erhoben werden.— Bei dieser Ge⸗ legenheit sei mitgeteilt, daß der Polizeipräsident in Kassel kürzlich bekannt gab, daß die von
geschriebene Hülfskasse Nr. 75, durch Beschluß des Bezirksausschusses vom 10. Februar 1903 geschlossen wurde.— Ferner befindet sich ein ähnliches Institut, die„Sächs. Zentral⸗ krankenkasse“ in Chemnitz, in Liquidation und ihre erkrankten Mitglieder erhalten keine Unter⸗ stützung. Wir können nur unsere in Nr. 7 ausgesprochene Warnung wiederholen, daß sich jeder Arbeiter hüten soll, einer derartigen Schwindelkasse beizutreten.
— Herrn Köhler, den mit so vielen Aemtern geplagten Zeitgenossen, haben nun die Antisemiten trotz seiner unüberwindlichen Abneiguug gegen das große Wendendorf Berlin, in ihrer am Sonntag in Gießen stattgefundenen Vertrauensmännerversammlung wieder als Reichstags⸗Kandidat aufgestellt. Was blieb ihnen denn auch weiter übrig? Köhler hatte vorsichtigerweise schon vorher selbst seine Kandidatur proklamiert und die Partei mußte dazu Ja und Amen sagen, wenn sie nicht einen Krach riskieren wollte, und der hätte gerade noch gefehlt!„Lebhaft“ soll es ohnedies schon in der Vertrauensmännerversammlung zugegangen sein. Man hat Köhler nun aber auch die Bedingung auferlegt, Mitglied der„deutsch⸗sozialen Reformpartei“ zu werden. Das war er bis jetzt noch nicht, obwohl ihm dieselbe Partei schon ein paar mal in den Reichstag wählte. Der Bund der Landwirte— Hirschel nannte ihn früher Windbeutelbund— unterstützt die Kandidatur Köhler. Das sagt genug.
— Eine Gasexplosion erfolgte am Sonntag Abend kurz vor der Theatervorstellung im Leib'schen Saale. Im Garderoberaum war ein Gasarm beschädigt worden, durch den Gas in großer Menge ausgeströmt war, das mit gewaltigem Krach explodierte, als der Wirt Noll durch Gasgeruch aufmerksam gemacht, mit Licht nachsehen wollte, wo ein Krahnen aufstehe. Es wurden Fenster und Türen zertrümmert, ebenso fast alle Glasscheiben der Abschlußwand und eines Oberlichtes. Herr Noll erlitt schwere Brandwunden, mehrere Personen wurden durch Glassplitter verletzt.— Es wäre Zeit, daß in dem Theater elektrisches Licht angelegt würde, das weniger gefährlich ist. Unter Umständen konnte hier eine fürchterliche Katastrophe eintreten.
— Im Unterhaltungsteil machen mir die Leser auf den Artikel„Blick in den Zukunftsstaat“ aufmerksam.
Arbeiter Gießens! Denkt an die Gewerbegerichts⸗Wahl am Samstag, den 14. Närz, Nachmittags!
Aus dem Rreise gießen.
— Von der Agitation. In der letzten Woche wurden von unserer Seite wieder eine Anzahl von Ver⸗ sammlungen abgehalten. Am Samgtag sprach Genosse Krumm in Altenbuseck vor überaus stark besuchter Versammlung, die seinen Ausführungen mit großer Auf⸗ merksamkeit lauschten. Ferner fanden am Sonntag in Garben teich und Hausen Versammlungen mit Gen. Krumm als Redner statt, die ebenfalls zahlreichen Be⸗ such aufwiesen.— Gen. Vetters sprach am Sonntag Beuern vor gut besuchter Versammlung, seinen Aus⸗ führungen wurde allgemein zugestimmt.— Sehr stark besucht war auch eine am Dienstag in Oberseemen stattgefundene Versammlung, in der auch Gegner an⸗ wesend waren, die aber gegen Krumm nicht das Wort ergriffen. Mittwoch konnte in Gedern die Versammlung nicht stattfinden, weil das Lokal verweigert wurde.
Aus dem Nreise friedberg-Püdingen.
H. Von der Wahlagitation. Nachdem am 1. März Genosse Dr. Da vid in Büdingen in einer großen Versammlung darlegte, was für das Volk bei den bevorstehenden Wahlen auf dem Spiele steht, sprach am Sonntag Genosse Busold- Friedberg in Düde 8⸗ heim. Der 600 Personen fassende Saal war dicht gefüllt, Frauen waren auch anwesend. Unser Reichs⸗ tagskandidat schilderte in markigen Worten das historisch gewordene Bestreben der Junker, die Bauern zu legen, er zeigte wie dies jetzt im modernen Staate gemacht wird und wies nach, daß für die kleinen Bauern und jene Leute keinerlei gemeinsame Interessen beständen. Wohl aber hätten die Bauern gleiche Interessen mit den Arbeitern und allen kleinen Leuten. Trotzdem Geguer zahlreich anwesend waren, darunter auch solche, die schon öfter mit uns diskutierten, hat sich Niemand zum Worte gemeldet. Genosse Harris zeigte an Bei⸗ spielen aus der Geschichte unserer Zeit, wie notwendig es sei, freie Männer in's Parlament zu wählen und wie ungeeignet gerade unser seitheriger Vertreter gewesen sei. Im Schluß worte bat Genosse Busold vorurteilslos über ihn zu denken und brach durch das freimütige Darlegen seiner persönlichen Verhältnisse allen gegneri⸗ schen etwaigen Verleumdungen im Voraus die Spitze ab. Auch diese Versammlung hat wieder bewiesen, daß die Zukunft der Sozialdemokratie gehört, auch auf dem
Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach.
r. Die Alsfelder Gemeinderatsnach⸗ wahl am Montag hat für unsere Genossen einen recht erfreulichen Erfolg gebracht. Unsere Kandidaten Dechert und Jakob und Eder er⸗ hielten 95, 83 und 79 Stimmen. Trotzdem damit keiner gewählt ist, bedeutet dies ein günstiges Resultat, denn der mit der niedrigsten Stimmenzahl gewählte Gegner hat auch nur 113 Stimmen. Dazu kommt, daß unsere Genossen erst in letzter Stunde in den Wahl⸗ kampf eingegriffen und das gesamte Spießer⸗ tum gegen sich hatten. Nie war die Wahlbe⸗ teiligung eine so große. Alles strömte zur Wahlurne. Mit Bier⸗ und Schnapsspenden suchte man die Wahl eines Sozialdemokraten zu verhüten. Unsere Genossen können trotzdem mit dem Wahlausgang zufrieden sein, die für unsere Kandidaten abgegebene Stimmenzahl hat sich seit der letzten Wahl verdoppelt!
Aus dem Rreise Wetzlar.
Der Kreis⸗Kriegerverband hielt am Sonntag seine diesjaͤhrige Wahl ver⸗ sammlung ab. Der Vorsitzende Bürger⸗ meister Hardt hielt eine kräftige Rede gegen die Gewinn⸗ und Genußsucht, welche geeignet sei, die Unzufriedenheit zu fördern, wodurch wiederum das Wasser auf die Mühle der Sozialdemokraten geleitet werde. Gegen die Gewinn- und Genußsucht der„höheren“ Klassen helfen keine Kriegervereinsreden, sondern nur der rote Zettel in der Wahlurne. 4000 Flugblätter gegen die„Umstürzler“ wurden den Delegirten zur Verbreitung mitgegeben. Wird ihm nichts nützen. Nach und nach kommen sogar die fanatischsten Kriegervereinler zur Einsicht und sehen als Arbeiter in der Sozialdemokratie ihre politische Ver⸗ tretung. Ferner wurde ein Buch über die Kriegsartikel zum Ankauf empfohlen. Wer Soldat war und findet nachher noch die Kriegsartikel interessant, der verdient aufrichtige Bewunderung.
h. Noch ein neuer Reichstagskandi⸗ dat. Landwirt Keiner, der vom Bund der Landwirte als Kandidat aufgestellt war, ist zurückgetreten. An seiner Stelle haben die Landwirtsbündler am Sonntag in Altenkirchen den Pfarrer Heckenroth von dort aufgestellt. Von den Antisemiten wurde die Zurückziehung ihres Kandidaten verlangt. Danach 71 die A der Antisemiten nicht so glänzend zu sein.
Die Eingemeindung von Niedergirmes ist auf Anordnung der kgl. Regierung zum 12 April d. J. erfolgt. Die„annektierten“ sind von dieser Anordnung wenig erbaut.
Geteilt wird nicht! So hat der Regierungspräsident verfügt. Eine Nutznießer⸗ gemeinde hatte hier ein Grundstück verkauft und die Hälfte der Einnahme unter die Mit⸗ glieder verteilt. Das Geld muß nun wieder herbeigeschafft werden werden, da Gemeinde⸗ eigentum nicht in Privateigentum umgewan⸗ delt werden könne. Wir können von unserm Standpunkte aus nur bedauern, daß der Ver⸗ fügungskraft eines Regierungspräsidenten keine 1000jährige Rückwirkung gegeben werden kann. Unsere notleidenden Junker würden wir dann mit einem Federstrich los werden.
Die schwarze Parade beim Pabst⸗ jubiläum brachte uns zwei auswärtige Redner. Dr. Kübler⸗Gießen und Prof. Pesch⸗Trier, welche die Aufgabe hatten, das Papsttum auf sozialem Gebiet herauszustreichen. a
Krofdorf. Ein tüchtiger Spediteur wird per 1. April gesucht. Meldungen nimmt entgegen Exped. d. Mitteld. Sonnt.⸗Ztg.
Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.
* Unsere„gebildete Jugend“. Ueber Studentenkrawall in der Nacht vom 14. zum 15. Dez. v. J. verhandelte am Dienstag die Marburger Strafkammer. Es gab bekannt⸗ lich damals einen wirklichen Aufruhr; wegen Ruhestörung war ein Student verhaftet wurden, worauf eine Menge Studenten sich vor dem Rathaus versammelten, dessen Eingangstüre ste mit Steinen verrammelten. Die Schutzleute
uns in Nr. 7 erwähnte Kasse„Glückauf“, zein⸗
Lande.
wurden beschimpft, beleidigt und sogar geschragen.


