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Nr. 11.
Mitteldentsche Sonutags⸗Feitung.
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Ehrenrat“ die Rede und am Schluß hieß es: „Der Mörder ist flüchtig.“ Bald darauf kam aber von der Polizeidirektion eine Berich⸗ tigung, welche jene Ausdrücke als für einen Polizeibericht ungeeignet bezeichnete. Mit den sonst ganz richtigen Bemerkungen fürchtete jedenfalls die Polizei in den„besseren“ Kreisen anzustoßen.
Begnadigt wurde der Leutnant Grenvert, der kurz vor Weihnachten den Arzt Heiye im Duell erschoß und daraufhin zu 2 Jahren Festungshaft verurteilt wurde.
Soldatenschinderei in Sachsen.
Eines unserer sächsischen 1 e die „Volksztg. für das Muldenthal“, hat die Fälle von Soldatenmißhandlungen, die in den beiden sächsischen Armeekorps vom 1. April 1901 bis 31. März 1902 vorgekommen sind zusammen⸗ gestellt. Es handelt sich hierbei natürlich nur um die in der Presse zur Veröffentlichung und vor den Kriegsgerichten verhandelten Fälle. Danach wurden von Kriegsgerichten der beiden sächsischen Korps 68 Mann wegen Soldaten⸗ mißhandlung verurteilt, und zwar zusammen zu 250 Tagen Arrest, 63 Tagen Stubenarrest, 324 Tagen Festung und 2277 Tagen Gefängnis; also in einem Jahre mußten rund acht Jahre Freiheitsstrafen allein in den beiden sächsischen Korps gegen Militärpersonen ausgeworfen werden, die Untergebene und Kameraden miß⸗ handelt hatten. In der Zeit vom 1. April 1902 bis Anfang Februar 1903 wurden bei den beiden sächsischen Korps 77 Personen wegen des gleichen Vergehens verurteilt, und zwar 9 insgesamt 205 Tagen gelindem Arrest, 229 Tagen Mittelarrest, 87 Tagen Stubenarrest und 1193 Tagen Gefängnis.— Diese Zahlen zeigen unsern„Kulturstaat“ wirklich in keinem schönen Lichte.
Der sächsische Hoffrandal
bringt immer neue Ueberraschungen. Von der Kronprinzessin, die kürzlich in Lindau am Bodensee eine versöhnende Aussprache mit ihrer Mutter hatte, hieß es, sie wolle sich nach Eng⸗ land oder Belgien begeben, weil dort die Gesetze die Wegnahme ihres zu erwartenden Kindes verhüten würden.— Unterdessen erhielt die „Sächs. Arbeiter⸗Ztg.“ eine Mitteilung vom Gemeinderat des belgischen Städtchens Vino ve, nach welcher Giron dort in ein Trappisten⸗ kloster eingetreten sei. So wird schließlich das ganze Schauspiel, das als eine Empörung des persönlichen Rechts gegen höfischen Zwang begann, recht kläglich im Kloster enden.
Der Schulstreit in Trier
ist vorläufig beendet. Bischof Korum hat seine Bekanntmachung, nach welcher den Katholiken, welche die Staatsschule unterstützten, die Ab⸗ solution verweigert werden solle, auf Anweisung von Rom zurückgezogen. Warum auch nicht? Das Pfaffentum erreicht ja in Deutschland ohne Kampf was es will.
Soziales.
Ueber eine Milliarde in 12 Jahren angehäuft haben die In validitäts⸗ und Alters versicherungsanstalten des Reiches. Wie viele Arbeiter und Arbeiterinnen haben zu dieser Milliarde beitragen müssen, ohne nur einen Pfennig Nutzen davon zu haben.
Ein Kongreß zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten fand diese Woche in Frankfurt statt, an dem hervorragende Mediziner ꝛc. teilnahmen. Zur Bekämpfung des den Volkskörper so schwer schädigenden Uebels wurde wanches gute Wort gesagt. Aber auch manche Flachheiten. Sicher ist, daß immerhin manche Aufklärung in Dingen ge⸗ schaffen wurde, die früher nie öffentlich be⸗ sprochen wurden.
Entwicklung des Genossenschaftswesen in Belgien.
Bekanntlich besteht in Gent(Belgien) die große Arbeiter⸗Genossenschaft„Vooruit“(Vor⸗ wärts), deren Gründung das Verdtenst unseres Genossen Anseele ist. Ueber dessen unermüd⸗
liche Tärigkeit schrieb man dieser Tage der Frkftr. Ztg.:„Nachdem er erst kürzlich für den„Vooruit“ eine Spinnerei mit hundert Spindeln angekauft hat, welche der Sohn des bisherigen Inhabers als technischer Direktor übernimmt, hat er soeben in Ostende einen Häuserkompler für seine Genossenschaft erworben, wo außer einer Bäckerei und Versammlungs⸗ räumen auch ein Hotel errichtet werden soll, welches für Fr. 3.50 vollständige Pension ge⸗ währen wird.„In einigen Jahren werden wir am Strande selbst festen Fuß gefaßt haben und dort die rote Fahn⸗ aufpflanzen,“ sagte er uns gestern. Seine nächste Abstcht ist, eine Fischerflotte zu schaffen, welche ihren Fang auch an die Arbeiterkonsumvereine der Industrie⸗ gebiete absetzen und dem Fisch in der Volks⸗ nahrung einen stärkeren Platz erobern soll. „Es wird das die erste sozialistische Flotte sein, und wir wollen mit unseren roten Wimpeln uns unterhalb des königlichen Schlosses vor Anker legen.“ Die Tatkraft und der Berge versetzende Glaube des Führers der vlämischen Sozialdemokratie müssen selbst seinen Gegnern Bewunderung einflößen. Man weiß, daß Anseele einst auf den Straßen Zeitungen ausrief und verkaufte.“— Von dem„Glauben“ Anseeles zu sprechen, ist wohl nicht richtig. Seine Ueber⸗ zeugung von der siegenden Kraft des Sozia⸗ lismus ist es, die ihn zu seiner segens⸗ reichen Tätigkeit anspornt.
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Deutscher Reichstag.
Eine„einheitliche Fesselungsordnung“.
Am Donnerstag kam der Etat des Reichs⸗ justizamts zur Beratung. Dieser Tag dürfte in künftigen Annalen als eine wichtige Etappe auf dem Wege zur höheren deutschen Einheit verzeichnet werden: Staatssekretär Nieberding versprach eine einheit⸗ liche Fesselungsordnung für ganz Deutschland. Man sieht, Heinrich Heine hat nicht umsonst gesungen: „Uns fehlt ein Nationalzuchthaus und eine gemeinsame Peitsche.“ Die verschiedenen Redner, Lenzmann, Müller⸗ Meiningen, Dr. Spahn usw., brachten ver⸗ schiedene Wünsche und Beschwerden vor; über die Not⸗ wendigkeit einer Einführung der bedingten Ver⸗ urteilung sowie eines einheitlichen Strafvollzugs scheint so ziemlich das ganze Haus einig zu sein; aber bei der mehr als bureaukratischen Langsamkeit, mit der man in Preußen⸗Deutschland arbeitet— notabene, wenn es sich um Reformen und nicht um agrarische Raub⸗ und Fischzüge handelt—, wird man wohl noch lange auf die Erfüllung dieser bescheibenen Wünsche warten müssen.— Die Hauptrede dieses Tages hielt Genosse Heine. Er bezeichnete als das einzige durch⸗ greifende Mittel gegen die ungerechtfertigten Verhaftungen die Entschädigungspflicht des Staates, der sich dann seinerseits an den betreffenden Beamten schadlos halten mag. Als der nervöse Graf Stolberg in seiner Eigenschaft als just präsidierender Vizepräsident dem Redner ins Wort zu fallen für nötig hielt, führte ihn unser Redner mit gutem Humor ab.— Mit einer kleinen
Zuckerdebatte begann die Freitags sitzung. Bei dem Titel Reich s⸗ schatzamt machte der konservative Graf Carmer, sonst ein recht schweigsames Mitglied des Hauses, den verschämten Versuch, die durch die Brüsseler Zucker⸗ konvention abgeschafften Prämien von hinten herum auf dem Umwege der Kontingentierung wieder einzuführen. Aber der Reichsschatzsekretär v. Thielmann biß nicht an den Köder; selbst Dr. Paasche und Zentrums⸗ Speck erklärten eine derartige Umgehung der Brüsseler Konvention für unzulässig. Nach einer kurzen Debatte über die Entschädigung der Saccharin⸗Fabrikanten wurde der Titel„Staatssekretär“ bewilligt.
Bei dem Titel:„Beitrag zur Deckung der laufenden Ausgaben der Universität Straßburg“ hielt der National⸗ liberale Sattler eine kleine„Kulturpauke“. Nach seiner Meinung soll die auf Grund eines Ueberein⸗ kommens mit der römischen Kurie erfolgte Errichtung einer katholisch⸗theologischen Fakultät an der Straßburger Universität einen gloriosen Sieg Roms und eine blamable Niederlage des Staates bedeuten. Der elsässische Ge⸗ heimrat Halley bemühte sich im Schweiße seines bureau⸗ kratischen Antlitzes, die Sache als gerade umgekehrt darzustellen. Die Debatte dauerte ziemlich lange, ohne daß irgend etwas dabei herausgesprungen wäre. Ganz Recht hatte Dr. Barth, der den Fakullätsstreit als eine Erscheinung des unendlich alten Widerstreites zwi⸗ schen Staat und Kirche bezeichnete.
Die Schwänzevel vieler Reichsboten und gerade derjenigen der„Ordnungs⸗ parteien“ trat am Samstag recht augenfällig in Er⸗ scheinung.
dent Büsing wicht ge Abstimmungen vornehmen wollte, bezweifelte Ledebo ur die Beschlußfä higkeit, worauf die Sitzung abgebrochen werden mußte.
Nach kurzer Zeit wurde die neue Sitzung eröffnet und der Militäretat vorgenommen. Genosse Kunert hielt eine scharfe, kräftige Rede, in der er besonders die bestiali chen, teuflischen
Soldatenmißhaudlungen geißelte, wie sie in Rendsburg und anderswo vorge⸗ kommen sind. Graf Ballestrem sühlte sich einmal bemüßfigt, unseren Redner zu unterbrechen; auf der Rechten krakehlte besonders Graf Roon.
Am Montag wurde die Debatte über den Militär⸗ etat fortgesetzt. Der freis. Abg. Müller⸗Meiningen wiederholte die von Bebel bereits vor einem Jahrzehnt ausgesprochene Forderung, die Soldaten nicht durch ihre bunten Röcke im Kriege erhöhter Gefahr auszusetzen, sondern zweckentsprechend einfach zu kleiden. Nachdem noch ein Pole und ein Zentrums mann gesprochen, ergriff Bebel das Wort. Er geißelte besonders
den Duellunfug und die außerordentliche nachsichtige Behandlung, die den Duellanten trotz aller schönen Erlasse zu teil wird. Deß der Reichstag sich zu einer scharfen Resolution gegen die Begnadigung aufrassen solle, diese Aufforderung Bebels nahm die Rechte mit verlegenem Lächeln auf.
Dann übte Bebel so wie seit Jahren seine in den Kreisen der Soldaten so segensreich empfundene scharfe Kritit an den Soldaten miß handlungen. Graf Roon wußte nicht, wie tief er den Kopf senken sollte, als ihm Bebel das Urteil jenes Staatsanwalts vom Militärgericht zu Halle entgegenhielt:„Zweifellos hat sich der Abg. Bebel ein Verdienst erworben, indem er wiederholt auf die Mißhandlungen im Heere hinwies. Man sieht jetzt den Vorgesetzten mehr auf die Finger.“ Auch diesmal führte Bebel jene Nichtswürdigkeiten und Bestialitäten, die an den wehrlosen Soldaten durch ihre mit aller Macht ausgestatteten Vorgesetzten ausgeübt werden, in reicher Fülle vor und verglich die milde Bestrafung der Menschenquäl er mit der ungeheuren, denen Soldaten beim Widerstand gegen ihre Peiniger anheimfallen. Nachdem Bebel noch die zum Spott herausfordernden Manöversiege, jene glänzenden, aber völlig widersinnigen, in der Praxis des Kriegs unmög⸗ lichen Kavallerieattacken geschildert, wies er darauf hin, daß solch eitle Verblendung und hohler Prunk auch vor Jena in Preußen üblich war und ein zweites Jena herbeiführen würden.
Der Kriegsminister machte sich die Antwort sehr leicht. Früher, wenn Bebel allgemeinere Kritik geübt, erklärte er dies für Phrasen, auf die man nicht er⸗ widern könne— diesmal, wo Bebel gerichtsnotorische Einzelfälle vorgebracht, erklärte er es für unmöglich, auf diese einzugehen, da er nicht das Material zur Hand habe. Die Verwendung der Kavallerie mußte ja der Kriegsminister verteidigen, dazu ist er ja daa
Zwischen Genossen Kunert und dem Präsidenten kam es wieder zu einem Zusammenstoß. Kunert wurde dreimal zur Ordnung gerufen und brach schließlich seine Rede ab. Daß ein ostelbischer Junker, der Konser ative v. Olden burg, den Duellblödsinn verteidigte, kann weiter nicht auffallen. Dieser„Edelste“ freute sich über die Begnadigung des Duellanten Hildebrand, der den Leutnant Blaskswitz niedergeknallt hat, weil damit der Beweis geliefert sei, daß die Presse und die öffentliche Meinung gar keinen Einfluß an maßgebender Stelle haben!
Dann renommierte er mit dem größeren Chrgefühl der Duellfexen. Bebel zeigte sofort, daß es mit dem Ehrgefühl des Herrn v. Oldenburg, dessen Mandat schon von der Wahlprüfungskommission einstimmig für ungültig erklärt ist, der aber trotzdem sich noch im Hause breit macht, nicht sehr weit her sein kann. Außerdem stellte Bebel fest, daß die Konservativen sich für die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit ausgesprochen haben, was die Wähler sich merken müssen.
Um militärische Forderungen
drehte sich die Debatte auch am Dienstag. Man wollte die Bezüge der Oberleutnants erhöhen, eine Forderung, welche die Kommission bereits gestrichen hatte. Einige militärfromme„Volksvertreter“ wollten dem Militarismus das geforderte Opfer zu Füßen legen, es bl ueb aber bei der Abrechnung.— Nachdem der konservative Schweinemeister Pauli aus Potsdam sich dem ungläubigen Hause als der„schlichte Mann aus der Werkstatt“ vorgestellt hatte, brachte Bebel die kursierenden Gerüchte zur Sprache, wonach eine völlige Neubewaffnung der Feldartillerie geplant wird. Bei dieser Gelegenheit besprach Bebel auch die unge⸗ heuren Profite, die der Firma Krupp auf Reichsunkosten erwachsen, sowie die für die Naturgeschichte des Kapitalis⸗ mus nicht minder denn für die des Militärismus inte⸗ ressante Geschichte des Pulverrings.
Die Verteidigung der Firma Krupp durch den Kriegsminister war sehr schwach. An der Tatsache, daß Krupp Kanonen und Geschosse an das Ausland und zwar billiger lieferte, kann aber nicht gerüttelt
Als trotz äußerst schwacher Besetzung Prästi⸗ werden.
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