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Seite 2.
Mtteldentsche Sonntags⸗Zeituna.
Nr. 11.
sammenhalt im bevorstehenden Kampfe auf, damit uns der Sieg im ersten Wahlgange zufalle.— Nunmehr sind für sämtliche hessische Kreise, mit Ausnahme von Alsfeld⸗Lauterbach die sozialdemokratischen Kandidaten nominiert.
Die hessischen Freisinnigen haben am Sonntag in Frankfurt eine Konferenz unter Vorsitz des Gießener Justizrats Metz abgehalten. Man besprach die Aussichten der freis. Volkspartei in den einzelnen hess. Wahl⸗ kreisen und beschloß,„die Kraft auf aussichts— volle Kreise zu konzentrieren.“ Da brauchen sich nun die Freisinnigen allerdings nicht sehr anzustrengen;„aussichtsvoll“ sind für sie recht wenig Kreise in Hessen. Einen einzigen haben sie in Besitz(Bingen), und sonst haben ste 1898 nur noch in Mainz und Alsfeld nennenswerte Stimmenzahlen erhalten.
Als sozialdemokratischer Kandidat für den Wahlkreis Koblenz-St. Goar ist sder Genosse Maurer Hüttmann aus Frank⸗ urt a. M. aufgestellt worden. Dieser Kreis ehört mit zu den sichersten des Centrums, dessen Kandidat 1898 mit 13000 Stimmen gewählt wurde. Unsere Partei erhielt damals 777 Stimmen, diese Zahl dürfte sich doch dies⸗ mal aber mindestens verdoppeln.
politische Rundschau. Gießen, den 12. März.
Furcht vor Volks⸗Bildung
haben die Rückschrittsparteien noch immer ge⸗ zeigt. Neulich, als in Kopenhagen ein sozial⸗ demokratischer Bürgermeister gewählt wurde, gab dies der konservativen„Kreuzzeitung“ er⸗ wünschte Gelegenheit, vor dem höchst bedenklichen Bestreben zu warnen, Wissen im Volke zu ver⸗ breiten. Das schreckliche Ereignis in Kopen⸗ hagen, aus dem das Junkerblatt die unheil⸗ vollsten Folgen sprießen sieht, soll uns in Deutschland eine Lehre sein. Das Erstarken des Radikalismus in Dänemark, dem der sozialdemokratische Sieg in der Hauptstadt so schnell gefolgt ist, ist nämlich äußerst lehrreich, und die Kreuzztg. begründet das also:
„. weil Dänemark das klassische Land einer bis
zum höchsten Maße gesteigerten formalen Volksbildung ist, die rechte„Hochburg“ des vielen Wissens, das „aufblitzt“, aber nicht weise macht. Bauern in unserem Sinne giebt es dort kaum noch, sondern nur„frei.“ Landwirte mit Allerweltsanschauungen und der damit zusammenhängenden Unfähigkeit, sich dem Einflusse liberaler Schlagworte zu entziehen, den Mut eigener Meinung zu zeigen. So wird gerade aus denen, die sich für besonders urteilsfähig und politisch reif halten, m Nu ein unselbständiger Haufe, den die Yankees ehe⸗ dem mehr wahr als höflich als„Stimmvieh“ zu be— zeichnen pflegten. So wagt man jetzt ja nicht mehr zu sagen, die Sache aber ist dieselbe geblieben.“
Bisher hatte die Welt im allgemeinen ge— glaubt, daß Bildung frei und urteilsfähig mache. Die Kreuzztg. aber zeigt uns, daß das gerade Gegenteil zutrifft. Bildung macht die Wähler zur Beute der Demagogen, der Schreier und Hetzer, Bildung entfremdet sie den weisen Lehren der Reaktionäre. Verstand ist nur bei Ungebildeten zu finden— nur dann hat der Bauer und Landarbeiter den Mut eigener, d. h. konservativer, junkerlicher Meinung, wenn man ihn mit Bildung verschont, wenn man ihm keine Hilfsmittel giebt, mit denen er hergebrachte„eigene Meinungen“ kritisch prüfen kann. ies erleuchtete Raisonne⸗ ment erinnert fast an einen samosen, seiner Zeit im„Dresdener Anzeiger“ erschienenen Artikel, worin„nachgewiesen“ wurde, daß die wahre politische Bildung dort am größten ist, wo kein politisches Leben, keine politischen Versammlungen und Vereine, noch Zeitungen und Zeitschriften zu finden sind, in den Junker⸗ paradiesen Ostelbiens!
Die Moral von der Geschichte ist natürlich, daß die Stützen des Staates sich einer jeden Uebertragung dänischen Bildungsschwindels nach Deutschland energisch widersetzen müssen, daß unser liebes Vaterland vor Volkshochschulen und namentlich vor Bauernhochschulen nach dänischem Muster streng behütet werden muß.
Dem Volke muß neben der Religion die Dummheit erhalten bleiben! Nur dann blüht der Weizen der Junker!
Prozent⸗Patrioten.
In der Sitzung der Budgetkommisston des Reichstags brachte am Mittwoch bei dem Titel „Artillerie- und Waffenwesen“ der Abg. Müller⸗ Fulda wieder einmal das Verhältnis unserer Militärverwaltung zu der Firma Krupp und deren Konkurrenzfirmen zur Sprache. Er wie nach ihm mehrere andere Abgeordnete er⸗ klärten, sie hätten aus den bisherigen Debatten den Eindruck, daß die Firma Krupp von der Militärverwaltung viel zu viel begünstigt werde. Es habe sich ein großer Unternehmerring herausgebildet, der die Preise für Geschütze, Geschosse, Pulver usw. ganz ungeheuer hoch festsetze. Sobald es gelungen sei, diesen Unter⸗ nehmern eine Konkurrenz entgegenzustellen, seien die Preise bedeutend herabgesetzt worden. So seien bei einer einzigen Fabrik durch die Konkurrenz die Preise von 44 Millionen auf 24 Millionen heruntergedrückt worden. Aus diesen Gründen sollte die Militärverwal⸗ tung mehr als bisher darauf bedackt sein, mehrere leistungsfähige Lieferanten sich bereit zu halten. Der Kriegsminister v. Goßler be⸗ stätigte, daß die Militärverwaltung unter dem Drucke der Konkurrenz mehrerer Betriebe gegeneinander die Preise ganz erheblich habe heruntersetzen können.
Deshalb sei die Militärverwaltung stets darauf bedacht, die Konkurrenz unter den leistungs⸗ fähigen Fabriken zu erhalten. Die Sache sei jedoch deshalb besonders schwierig, weil die Konkurrenzfirmen sich leicht verständigen und dann die Preise sehr hoch festsetzen können. Die Kommission nahm dann eine Resolution an, in der die Reichsregierung aufgefordert wird, für Aufrechterhaltung der Konkurrenz unter den Lieferanten zu sorgen.— Hier zeigt sich, wie die Millionen Krupps verdient worden sind. Was man den Arbeiter nicht aus den Knochen gepreßt hat, daß hat man den Steuer— zahlern aus der Tasche gezogen. Sau⸗ bere Geschäftspraktiken, in der Tat! Man er⸗ innere sich dabei der Essener Bahnhofsrede des Kaisers, inder Krupp ein„treudeutscher Mann“ genannt wurde, der„stets nur das Wohl der Arbeiter im Auge gehabt habe.“ Bekanntlich lieferte die Firma Krupp die Panzerplatten 400 Mk. die Tonne billiger ins Ausland, als sie Deutschland bezahlen mußte.
Der neue Bismarck.
Wenn noch jemand gezweifelt haben sollte, schreibt der„Vorwärts“, daß der jetzige Kanzler ein neu aufgelegter Bismarck ist, so ist dieser Zweifel endgültig gehoben. Hatte der erste Kanzler seine Bismarckheringe, so ver⸗ künden jetzt den Ruhm des vierten Kanzlers die Bülowheringe, die— ein Zeichen der Be— scheidenheit— erheblich kleiner sind als ihre Vorgänger.
Im Annoncenteil verschiedener Beliner Blätter liest man dieses Inserat eines Berliner großen Warenhauses:
Pikant! 5 8 Dose
Delikat! Bülow⸗Heringe 48 Pf.
Mit Genehmigung Sr. Excellenz des Herrn Reichskanzlers.
So sorgt der kluge Diplomat für seinen Nach—
ruhm, schafft sich ein Denkmal in dem pikanten und delikaten Bülow-Hering!
„Christentum“ Stöcker' scher Sorte.
In welch' niedriger Weise der Anhang
Stöcker's, der sich„christlich-sozial“ nennt, den politischen Kampf führt, dafür liefert das Kasseler„Evangelische Sonntagsblatt“ vom 1. März ein Beispiel. Parteigenossen im Wester⸗ wald machen uns auf folgende darin enthaltene Schimpfnotiz aufmerksam:
„Aus dem Reichstag ist wenig neues zu berichten, wenn man von einer sozial⸗ demokratischen Rüpelei gegen Stöcker absieht. Der greise Kämpe hatte der roten Garde zu sehr die Wahrheit gesagt. Alles
können die Zukunftstaatler eher vertragen
als die Wahrheit.(Stöcker und Wahrheit! Red. d. M. S.⸗Z.) Wer ihnen sagt, was sie wirklich sind und wie sies treiben, wirds alle⸗ mal ver derben mit ihnen. Sie vergessen dann ganz die Sache von der Person zu tren⸗ nen. Wutschnaubend ergehen sie sich in den date Schimpfworten und niederträch⸗ igsten Beschuldigungen. Für Stöcker holen ste immer wieder das alte läppische Märchen von dem„Meineid“ hervor, besonders un⸗ ausstehlich wiederholen diese jüdischen Parlaments juden(So heißt es wört⸗ lich!) in der Sozialdemokratie die faustdicke Lüge, mit dem ehemaligen Großkonfek⸗ tionär und jetzigen Millionär Singer an der Spitze. So auch diesmal wieder, als Stöcker den Sozis vorgehalten hatte, daß in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion ja gar keine eigentlichen„Arbeiter“ seien.“
Dann folgt eine Aufzählung der Berufe unserer Parteigenossen im Reichstage und zum Schluß kommt wieder jener gemeine Auswurf gegen Singer, mit dem das Pfaffengezücht diesen Genossen seit 15 Jahren zu verdächtigen sucht, nämlich, daß der damalige Kompagnon Singers eine ungehörige Bemerkung den Mäntel⸗ näherinnen gegenüber gemacht habe. Weiter weiß also das Pfaffenblatt unserm Genossen Singer, dessen lauterer Charakter von Freund und Feind anerkannt ist, nichts vorzuwerfen, als daß es ihm die verwerfliche Redensart eines andern zum Verbrechen anrechnet. Sollte der„christliche“ Bruder in Kassel nicht lieber vor den Türen seiner Leute, nämlich der Pfaffen kehren. Da findet er doch un⸗ endliche Arbeit! Wie traurig ist's doch mit der„christlich⸗sozialen“ Pfaffensippe bestellt! Sie können gegen die Sozialdemokratie nur mit Verdächtigung, Verleumdung und Lüge ankämpfen, Gründe haben sie keine!— Will die Gesellschaft unsern Abgeordneten vorwerfen, daß sie keine Arbeiter seien. Dabel weiß jedes Kind, dat ein Abgeordneter eben gar nicht Lohnarbeiter sein kann. Was würde denn der Kapktalist sagen, wenn„sein“ Arbeiter so oft auf längere Zeit die Arbeit verlassen und in den Reichstag gehen wollte? Das weiß natürlich auch das Pfaffenblatt ganz gut, trotz⸗ dem erhebt es die albernen Angriffe. Mögen doch die Stöckerianer die„schlichten Männer aus der Werkstatt“ wählen! Warum stellen denn sie aber ausgediente Landräte, Hofprediger, Rentiers ꝛc. auf? Was brauchen sich diese Herren über unsere Abgeordneten den Kopf zu verbrechen? Unsere Genossen wissen, wem sie ihr Vertrauen schenken!
Die Wahrheitsliebe des Pfaffenblattes kann man an einer weiteren Notiz erkennen. Darin wird die Verurteilung des italtenischen sozialistischen Blattes„Propaganda“ mitgeteilt, das die berüchtigten„Enthüllungen“ über Krupp, die dann die deutsche sozialdemokratische Presse in ihre Spalten übernahm, zuerst gebracht habe.“ Das sind gleich mehrere Lügen in wenigen Zeilen. Denn nicht die„Propaganda“ hat jeue wenig hübschen Dinge über Krupp zuerst gebracht, sondern ein klerikales Blatt: „La croce“(Das Kreuz). Dann wurde das Blatt nicht wegen der Veröffentlichungen über Krupp, sondern wegen Verletzung des öffent⸗ lichen Schamgefühls angeklagt, welches Delikt in einem Artikel, der längere Zeit nach dem Vorwärts⸗Artikel erschien, begangen sein sollte. Ferner betrug die Strafe nicht 2 Monate Ge⸗ fängnis und 400 Lire Geldstrafe, wie da gesagt wird, sondern nur soviel Haft und 200 Lire. — Das Kasseler„christliche“ Blättchen hat also ein bischen viel auf einmal geschwindelt.
Duellmörderei.
Bei Ettlingen fand schon wieder eine Schießerei zwischen zwei Studenten von der Karlsruher Hochschule statt, wobei einer davon tot blieb. Angeblich ist der„Ehrenhandel“ auf einen Streit zurückzuführen, in welchen der eine, Goldberg, mit seinem Gegner zu Fastnacht wegen eines Mädchens geriet. ieses Vor⸗
kommnis hatte noch ein eigentümliches Nach⸗ spiel. In dem Polizeibericht, der den Fall „sogenannten
meldete, war von einem
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