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Nr. II.
Gießen, den 15. Mürz 1903.
10 Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Was bedeutet uns Karl Marx?
Die Sozialdemokratie vertritt eine Welt⸗ anschauung, in welcher für einen Personenkultus, eine e n kein Platz ist. Das bedeutet aber noch nicht, daß wir deshalb den hervorragenden Männern, die ihr Leben in den Dienst der Menschenbefreiung aus der Herrschaft sich teils, überlebender, teils bereits schon über⸗ lebter Einrichtungen und Wirtschaftsordnungen gestellt haben, nicht dankbare Erinnerung und ehrliche Bewunderung entgegenbringen dürften. Einer der größten unter der zahlreichen Schaar um die Sache des Proletariats verdienter Männer ist aber Karl Marx, dessen 20 jährigen Todestag wir am 14. des Monats begehen.
Ich nehme es gleich voraus: Karl Marx war nicht unfehlbar. Als Kind seiner Zeit war es ihm trotz seines im Großen so wunder⸗ bar klaren Blickes in die Zukunft, nicht möglich, jede Einzelheit richtig vorauszusagen, jeden einzelnen wirtschaftlichen Faktor in seiner Weiterentwicklung mit mathematischer Genauig⸗ keit zu übersehen. Auch stehe ich nicht an zu erklären, daß die sozialistische Lehre von Marx keineswegs den Sozialismus überhaupt bedeutet und daß eine sozialistische Neulehre, welche die Marx'sche, wenn möglich an Stärke und Geist noch übertreffen würde, durchaus denkbar wäre. Und doch scheint es mir zweifellos, daß die Dienste, die uns Karl Marx geceistet hat, die aller anderen um unsere Sache verdienten Männer himmelhoch überragen. Worin bestehen nun seine Verdienste 2 Was bedeutet uns Karl Marx?
Ich spreche hier nicht davon, daß der hoch— gebildete und einem begüterten Hause entstam⸗ mende junge Doktor der Philosophie der sozialen Demokratie zu Liebe seinen Lleblings plan, an einer deutschen Universität die Professorenlauf⸗ bahn zu machen, aufgeben mußte, noch will ich daran erinnern, wie der gründliche Forscher und Gelehrte, der alle die Dutzend wissenschaftler auf deutschen Lehrstühlen weit weit hinter sich ließ, die Anerkennung der Welt entbehren mußte, in welche er seinem Herkommen und seiner Bildung nach ursprünglich hineingehörte, noch möchte ich hier schließlich des längeren die all⸗ bekannte Tatsache wiederholen, wie der rührige Volksredner und Schriftsteller durch die bürger⸗ lichen Regierungen von Land zu Land gehetzt wurde, bis er endlich im gastfreien England für sich und die Seinen ein Asyl fand. Alles das sind Dinge, wie sie jeder mehr als gewöhn⸗ lich hervortretende Sozialdemokrat ähnlich auch erlebt. Märtyrertum und Sozialismus sind, scheint es, eng miteinander verknüpft, wenn auch recht unfreiwillig, und die bürgerliche Gesellschaft hat noch nie mit Ehrenstrafen gegen ihre politischen Widersacher gegeizt. In dieser Beziehung ist Marx noch verhältnismäßig glimpflich davon gekommen. Man vergleiche edie Marx'sche Verbannung zum Beispiel mit
dem Schicksal des französischen Sozialisten Louis Auguste Blanqui, der nicht weniger als 37 Jahre seines Lebens im Kerker zu⸗ bringen mußte!
Also, Marx hat um die Sache, für welche r stritt, gelitten und auch dafür sind wir ihm Dank schuldig. Jedoch das allein macht noch nicht seine Bedeutung für uns aus.— Um es kurz
zu sagen: Der historische Wert von Karl Marr für die Sozialdemokratie Deutschlands, ja für den Sozialismus aller Länder, besteht in seiner, alle vor ihm entstandenen sozialistischen, kom⸗ munistischen und kollektivistischen Gesellschafts⸗ theorieen mit Ausschluß alles Ungesunden und Unausführbaren an ihnen zu einem großen Ganzen zusammenschließenden Geistesarbeit, so⸗ wie darin, daß er diese Neuschöpfung mit der Wirklichkeit und der Wissenschaft in Einklang zu bringen, mit einem Wort, den Sozialismus von seiner bisherigen und— von einzelnen wenigen praktischen Versuchen, wie den der Luxemburg-Kommission unter Louis Blanc 1848 in Paris abgesehen— ununterbrochenen Tradition(Ueberlieferung) des Himmelsstürmers abzulenken und mit beiden Füßen auf den Boden des tatsächlichen Lebens zu stellen verstand. Dies erreichte Marx vor allen Dingen dadurch, daß er, mittelst der am vollendetsten in dem gemeinsam mit seinem treuen Freunde und Mitarbeiter Friedrich Engels 1847 in Brüssel verfaßten„Kommunistischen Manifest“ zum Aus⸗ druck gebrachten sogenannten materialisti⸗ schen Geschichtsauffassung klar nachwies, daß die Geschichte aller Völker und Zeiten im letzten Grunde nichts als eine lange Reihe hartnäckiger Kämpfe der verschiedenen Klassen untereinanber gewesen ist. Hierdurch hat Marx dem Proletariat die Stellung angewiesen, welche es in der Geschichte einnimmt, es zum Bewußt⸗ sein seiner politischen und sozialen Notwendig⸗ keit und, was noch mehr bedeutet, zur Er⸗ kenntnis darüber gebracht, daß ihm die Zu⸗ kunft gehört. Denn, und auch das hat uns Marx überzeugend nachgewiesen, die ganze wirt⸗ schaftliche Entwicklung drängt auf immer schär⸗ fere Scheidung zwischen besitzenden und besttz⸗ losen Klassen, sowie gleichzeitig auf eine wach⸗ sende Verstaatlichung gewisser, ehedem von rein privaten Händen verwalteter und beherrschter allgemein⸗nütziger Einrichtungen(Post, Eisen⸗ bahn, städtische Gasanlagen und Elektrizitäts⸗ werke, kommunale Bäckereien, wie sie z. B. kürzlich in der italienischen Stadt Catania ein⸗ geführt worden ist, usw.). So erscheint die Theorie des Klassenkampfes nicht nur gerechtfertigt, sondern einfach als in der Natur der Tatsachen liegend von selbst gegeben und hat, da es nur die Gesamtheit der jewei⸗ ligen Produktions verhältnisse— um mit Marx selbst zu reden— ist, welche die wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft bildet, als die reale Grundlage, auf der sich dann die ganze juristische, soziale, moralische und geistige Kultur bezw. Unkultur der einzelnen Zeitalter nur als eine Art Ueber bau erhebt, auch allen revolutionären Putschver⸗ suchen von vornherein die Spitze abgebrochen; denn eine Gesellschaftstheorie, welche die Zu⸗ stände der Zeit als vorzugsweise aus der jedes⸗ maligen Wirtschaftsform heraus entstanden er⸗ klärt, kann, konsequent durchgedacht, nicht dazu führen, von der alleinigen und willkürlichen Aenderung des politisch⸗sozialen Ueberbaues ohne vorherige Selbstentwicklung des wirtschaftlichen Grundbaues große Dinge zu erwarten. Von nicht zu unterschätzender politischer Bedeutung sind aber auch die an und für sich rein fach- wissenschaftlich⸗nationalökonomischen Untersuch⸗ ungen von Karl Marx über das Kapital (dargelegt im gleichnamigen Werke), in welchem
er, kurz und populär gesagt, bewies, daß die menschliche Arbeitskraft des Proletariers nur zum geringsten Teil durch den„Lohn“ wirk⸗ lich bezahlt wird und daß sich der Kapitalist den Rest desselben, den sogenannten Mehr⸗ wert,— natürlich unbewußt der ethischen Ungerechtigkeit, die er damit begeht— einfach einsteckt. Durch diese wissenschaftliche Entdeck⸗ ung hat Marz ebenfalls eine Schwächung des kapitalistischen Sicherheitsbewußtseins herbeige⸗ führt. Denn mit Recht hat der italienische Genosse Saverio Merlino einmal ausgeführt, daß auch das Bewußtsein moralischen Unrechts den Niedersten der besitzenden Klassen lähmen kann, da er ihrer Siegesgewißheit den ideali⸗ stischen Schleier vom Gesicht reißt und ihren nackten Egoismus schonungslos bloßlegt.
Aber auch hiermit ist das Verdienst Marx' noch keineswegs erschöpft. Marx ist der erste Sozialdemokrat, der Theorie und Praxis er⸗ folgreich miteinander verbunden hat. Vor ihm waren die Sozialisten zumeist entweder Männer, die, wie die Mehrzahl der älteren Franzosen, ihre Theorieen nur mit Ausschluß der Oeffent⸗ lichkeit in dem Gelehrtensalon offenbarten oder Leute aus dem Proletariat, wie in Deutschland und der Schweiz der Schneider Weitling, welche sich zwar an die Arbeiterklasse selbst wandten, die aber nicht genügend volks wirtschaftliche Bildung besaßen, um mit ihrer Propaganda einen durchschlagenden Erfolg erzielen zu können. Marx aber war Gelehrter und Agi⸗ tator zugleich und verstand es musterhaft, seine in der Studierstube gewonnenen Ideen den Massen auf dem Markt auseinanderzusetzen und sie von der Richtigkeit derselben dauernd zu überzeugen.
Was aber können wir heute noch von Karl Marr lernen?— Die Grad⸗ heit und Entschlossenheit, mit welcher er seine Ansichten durch alle Wandlungen der Tagespolitik hindurch verfocht und die aufs Grose gehende, zielbewußte Kampfesweise, welche es verschmähte, selbst um momentaner Vorteile willen auch nur einen Fetzen der sozialistischen End forderungen Verstaatlichung der großen Produktionsmittel und vollstän⸗ dige Demokratisierung des stautlichen Lebens(soziale Republik)— preiszugeben. Das ist der Wegweiser, den uns Karl Marr für ewige Zeiten hinterlassen hat, und diesen dürfen wir auch in unseren täglichem Kampfe gegen— ich folge hier einer bezeichnenden Kraftäußerung Marr selber— die„Himmelssklaven des deutsch-preußischen, heiligen römi⸗ schen Reiches mit seinen posthumen (verspäteten) Maskeraden, duftend nach Kaserne, Nirche, Krautjunkertum und vor allem Philistertum“, uie außer Acht
la sseu. Dr. Robert Michels.
Die Wahlbewegung.
Für den Wahlkreis Mainz stellten unsere Genossen in einer am letzten Sonntag dort stattgefundenen Konferenz den Genossen Dr. David wieder als Kandidaten auf. Dieser forderte darauf mit flammenden Worten und unter lebhaftem Beifalle zu festem Zu⸗


