Ausgabe 
15.2.1903
 
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Seite 6.

Mittelden sche Sonntaas⸗geitung.

Nr. 7.

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b Unterhaltungs-Ceil. 1

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Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke.

2(Fortsetzung)

Das waren aber doch nur erst Vorspuren der Geisteszerrüttung! rief ein junger Leutnant, allein der erste Akt seiner Narrheit war, als er den Oberleutnant von Berken anfiel, mit Maulschellen bewirtete und die Treppe hinunter⸗ warf, nachher aber die Herausforderung nicht anzunehmen wagte und bei der Gelegenheit das ganze Offizierkorps beleidigte.

Er war doch sonst ein guter Fechter, der eben die blanke Klinge nicht fürchtete! sagte ich.

Wir kannten ihn bis dahin auch als solchen. Aber, wie gesagt, seine ganze Natur änderte sich. Als er auf den Platz kam, wo er sich schlagen sollte, erschien er ohne Degen, bloß mit einer Rute in der Hand und sagte in unser aller Gegenwart zum Oberstleutnant mit lachendem Munde:Du verächtlicher Bock, wenn ich dich wirklich mit dem Degen zerfetzte, würdest du darum mehr wert sein? Und als der Oberst⸗ leutnant seinen Zorn nicht mehr mäßigen konnte und den Degen zog, entblößte der Major kalt⸗ blütig seine eigene Brust und hielt sie ihm hin und sagte:Hast du Lust, Meuchelmörder zu werden: stoß zu! Wir wollten uns hinein⸗ mischen in den Wortwechsel, ihn zwingen, sich mit dem Oberstleutnant zu schlagen, wie Pflicht und Ehre geboten. Da naunte er uns alle⸗ samt Narren, die mit ihren Grundsätzen von Ehre ins Irrenhaus oder ins Zuchthaus ge hörten. Nun konnten wir bald merken, daß es nicht mehr ganz richtig bei ihm im Ober⸗ stübchen wäre. Einige unter uns schimpften ihn. Daraus machte er nichts, sondern lachte. Wir begaben uns zum General, wir erzählten demselben offenherzig den ganzen Vorfall. Der General ward sehr verdrießlich, um so mehr, da er an demselben Tage für den Major den Orden vom Hofe erhalten hatte. Er bat uns, ruhig zu sein; er wolle alles vermitteln, der Major müsse Genugtuung geben. Folgenden Morgens bei der Parade überreichte der General, laut Vorschrift, mit einer angemessenen Rede dem Major den Orden. Der Major nahm ihn nicht an, sondern antwortete in den ehrerbietigsten Worten die unehrerbietigsten Dinge, des Inhalts: Er habe für das Vaterland und nicht für ein Stückchen Band gegen Napoleon gefochten. Habe er einiges Lob verdient, so wolle er's nicht vor aller Augen an der Brust umher zur Schau tragen. Der General war außer sich vor Schrecken. Keine Bitten, keine Drohungen konnten den Major bewegen, das königliche Gnadenzeichen anzunehmen. Nun traten die Offiziere vor und machten die Erklärung, sie könnten nicht mehr mit dem Major dienen, wenn er nicht Genugtuung leiste. Die Sache kam zur Untersuchung, der Major in Haft, vom Hofe die Entlassung des Majors. Nun brach die volle Narrheit erst aus. Er ließ sich den Bart wie ein Jude wachsen, trug lächerliche Kleider, heiratete seinen Verwandten zum Trotz ein ganz gemeines, übrigens hübsches Mädchen, ein Findelkind, wegen dessen er schon mit dem Oberstleutnant Händel gehabt hatte, hielt sich eine Zeit lang für blutarm und beging so vielerlei Torheiten, daß er endlich auf koͤnig⸗ lichen Befehl unter Aufsicht gestellt und nach seinen Gütern verwiesen wurde.

Wo lebt er jetzt? fragte ich.

Auf seinen Gütern noch, zu Flyeln, im Schlosse seines verstorbenen Oheims; ungefähr zehn Meilen mögen es von hier sein. Ein Jahr lang durfte niemand ohne Erlaubnis zu ihm, sogar die Verwaltung seines Vermögens ward ihm entzogen. Sie ist ihm jetzt wieder

stellen; auch darf er sich keinen Schritt über die Grenzen seiner Gerichtsherrlichkeit entfernen. Er dagegen hat die ganze Welt feierlich in Bann getan und läßt weder Verwandte noch Bekannte noch Freunde zu sich. Man hat schon seit Jahr und Tag nichts mehr von ihm ver⸗ nommen.

Der Besuch.

Aus allen Erzählungen der Offiziere leuchtete hervor, daß der unglückliche Olivier nach Verlust seines Verstandes doch immer ein gutmütiger Narr geblieben sei, und daß wahrscheinlich das deutschtümelnde Wesen, welches vor einigen Jahren Modesucht geworden, ihn etwas über Gebühr ergriffen oder seinem Wahnsinne wenig⸗ stens die Farbe gegeben habe. 8

Alles das hatte mich tief erschüttert. Ich konnte lange des Nachts den Schlaf nicht finden. Als ich am andern Morgen erwachte, war es schon spät; aber ich fühlte mich erquickt und 0 Die Welt erschien mir in viel heiterem

icht als den Abend zuvor, und ich beschloß, meinen bedauernswürdigen Freund in seinem Verbannungsorte zu besuchen.

Nachdem ich noch flüchtig die Sehenswürdig⸗ keiten der Stadt besichtigt hatte, warf ich mich in den Wagen, fuhr bis in die Nacht und folgenden Tages nach Flyeln, in der Nachbar⸗ schaft eines Seestädtchens. Das Dorf Flyeln liegt noch zweit Meilen hinter dieser Stadt. Der Postmeister, als er hörte, wohin ich wollte, lächelte und meinte, ich werde wohl eine ver⸗ gebliche Reise tun. Der Baron lasse sich nicht vor Fremden sehen. Auch erfuhr ich, daß sich sein Gemütszustand nicht gebessert habe, sondern der gute Mensch vor der festen Vorstellung behaftet sei, die ganze Welt wäre seit Jahr⸗ hunderten närrisch geworden, und die Heilung müsse von Flyeln ausgehen. In diesem Prozeß, da die Welt ihn und er die Welt für närrisch halte, sondere er sich von allen Menschen ab. Seine Bauern, deren Grundherr er ist, befinden sich übrigens sehr wohl dabet, denn er tut viel für sie. Aber dafür müssen sie seinen Grillen in allen Kleinigkeiten gehorchen, Schifferhosen und lange Jacken, runde Hüte tragen, sich den Bart lang wachsen lassen und alle Leute, wenigstens auf Flyelnschem Grund und Boden, sogar ihren Oberherrn, duzen. Abgerechnet diese seine Sparre, wäre er der vernünftigste Mann von der Welt.

Ungeachtet der Warnung des Postmeisters machte ich doch den Versuch und fuhr hinaus gen Flyeln. Was lag mir doch daran, zwei Meilen vergeblich zu fahren, nachdem ich, Oli⸗ viers willen, mich so weit vorgeabenteuert hatte? Und ich fand keine Ursache zur Furcht, von ihm abgewiesen zu werden, weil er nicht am Gedächtnis gelitten. Es war freilich ein er⸗ bärmlicher, selten befahrener Weg, der bald durch tiefen Sand, bald durch ausgetretene Bäche und versuwppften Boden, bald durch Kieferngestrüpp fortzog und meinem Wagen ein paarmal der Umsturz drohte. Eine Stunde von Flyeln aber erhob sich das Land, und eine schöne breite Fahrstraße, auf beiden Seiten mit Obstbäumen bepflanzt, verkündete die Nähe eines reichen Gutsbesitzers. Die Felder standen in der weiten Ebene trefflich gebaut; rechts dehnte sich in der Ferne ein hoher Eichenforst mit dunklem Grün wie ein uugeheures Laubgewinde, links das nnendliche Meer, ein wallender, weiter Spiegel, der mit glänzenden Wolken am Rand des Gesichtskreises zusammenrann. Flyeln, das Dorf, zeigte sich zwischen Fruchtbäumen, Weiden und Pappeln vor mir; seitwärts erhob sich ein großes, altertümliches Gebäude, das Schloß, wie aus einem Wald von wilden Kastanien hervorsteigend. Abwärts, dem Meere näher, lag das Dorf Niederflyeln, ebenfalls zu Oliviers Herrschaft gehörig, malerisch an schroffe Felsen gelehnt, die zuletzt, als umbuschte Klippen, wie kleine Inseln weit ins Meer hinausgingen. Einige Fischerboote mit Segeln schwärmten um die Gestade; auf der Höhe des Meeres erblickte man ein reisendes Schiff; die weißen Möven flatterten scharenweis in den Lüften.

Je näher ich dem Dorfe und dem Schlosse

vberlassen, doch muß er jährliche Rechnung kam, je malerischer und freundlicher ward die

Umgebung. Reiz einer Seegegend, welcher aus der Paarung des Ländlich⸗Anmutigen mit der Majestät des unübersehbaren Ozeans, des Geborgenen und Friedlichen einfacher Hütten mit dem weiten stürmischen Leben des tückischen Elementes er⸗ wächst. In jedem Fall ist der Verbannungsort meines Freundes reizend genug, daß man dafür ohne Gram die Freiheit, in lärmerischen Städten zu wohnen, aufopfern kann.

Sowohl auf den Feldern als in einigen Gärten sah ich schon die angekündigtenFlyeler Bärte. Auch der Wirt, vor dessen Schenke ich hielt und abstieg, war reichlich geschmückt mit Haarwuchs um Kinn und Mund. Er er⸗ widerte meinen Gruß freundlich und schien da⸗ bei doch über meine Ankunft verwundert. Willst Du etwa den Gutsherrn besuchen? fragte er mich höflich. Ich ließ das etwas auffallende Du lächelnd durchgehen und bejahte es.So bitt' ich um deinen Namen, Stand und Wohnort. Das muß dem Herrn Olivier gemeldet werden. Er nimmt ungern Reisende an.

Aber mich nimmt er gewiß an. Laß Er seinem Herrn nur melden, es wünsche ihn einer seiner ältesten und besten Freunde im Vorbei⸗ reisen auf ein paar Stunden zu sehen. Mehr lasse Er ihm nicht sagen.

Wie du willst, erwiderte der Wirt,aber ich kann dir die abschlägige Antwort voraus⸗ sagen.

Während der Wirt einen Boten suchte, ging ich langsam durchs Dorf in geradester Richtung gegen das Schloß, zu dem mich ein Fußweg hinzuleiten schien, der zwischen Häusern und Baumgärten lief. Er führte mich aber irre zu einem Gebäude, das ich für ein Waschhaus hielt. Seitwärts, jenseit einer Wiese, floß ein ziemlich breiter Bach, hinter welchem sich die hohen dunklen Wildkastanien des altertümlichen Stammhauses der Freiherren von Flyeln schattig erhoben. Ich beschloß das Wagestück, mich bei Olivier unangemeldet einzuführen. Ich hatte dem Wirt absichtlich meinen Namen verschwiegen, um, wenn mich Olivier vor sich ließe, zu sehen, ob er mich erkennen würde? Ich ging über die Wiese, fand nach langem Suchen weiter abwärts über den Bach Weg und Steg, die mich zwischen Buschwerke gegen die Wildkastanien zurückführten. Diese beschatteten einen geräu migen, mit grünem Rasen bedeckten runden Platz neben dem Schlosse. Ringsum zog sich im Innern ein breiter, mit Sand bedeckter Weg, links und rechts standen artige Ruhebänke nuter den breiten Zweigen der Bäume, und auf einer der Bänke saß ich war nicht wenig überrascht Olivier. Er las in einem Buche. Zu seinen Füßen spielte ein dreijähriges Kind im Grase. Neben ihm saß ein bildschönes Frauenzimmer mit einem Säugling an der Brust. Die Gruppe hatte etwas Wunderbar⸗ liches. Ich stand still, halb vom Gesträuch verdeckt. Keiner sah nach mir auf. Meine Augen hingen nur an dem guten Olivier. Selbst der swarze Bart, der sich ihm um Kinn und Lippen kräuselte und durch den Backenbart mit den finstern Locken seines Hauptes zusammenhing, stand ihm wohl an. Seine übrige Tracht hatte etwas Eigenes und doch nicht Befremdendes. Auf dem Kopfe trug er eine Art Barett mit Vorschirm gegen die Sonne; die Brust offen, mit weit überlegtem Hemd⸗ kragen; eine grüne weite Jacke, vorn überein⸗ ander geknüpft, mit bis gegen das Knie reichenden, vorn ganz zusammengehenden Schößen, weiße weite Matrosenhosen, Halbstiefeln. Es war ungefähr dieselbe Tracht, welche ich an den Bauern gesehen hatte, nur die seinige feinern Stoffes und geschmackvoller. Seine Miene war ruhig und nachdenkend. Auch als Mann, der den Vierzigern ens anging, konnte er noch schön heißen. Sein Vart gab ihm ein helden⸗ artiges Wesen und Ansehen. Es kam mir vor, als sähe ich eine edle Gestalt aus dem Mittel-

alter. (Fortsetzung folgt.)

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Es lag in ihr der eigenkümlicht