Nr. 7.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
demotralischen dalenders zu eutdecken, Uoschon die Verbreitung gesetzlich durchaus erlaubt ist; man denkt aber hier und da vielleicht einen armen Teufel herauszuschnüffeln, den man ge⸗ legentlich die bureaukratische Allmacht fühlen lassen kann; der Liebe Mühe ist zwar hier umsonst, da die Verteiler vielleicht unabhängiger wie manche preußische Landräte sind. Daß die Saalabtreibung noch in hoher Blüte steht, erwähnen wir nur nebenbei. Der„Bayerische Kurier“, ein e nennt die Saal⸗ abtreiberet„Dreschflegelmanier“. Das ist sicher richtig; in den meisten Fällen ist's aber mehr Dummheit. Man glaubt, eine große Kulturbewegung mit dem Polizeiknüppel niederschlagen zu können und hat doch damit schon trübe Erfahrungen gemacht. Und die gleiche Erfahrung werden die Herren, die es angeht, bei den Wahlen auch hier im Wester⸗ wald machen.
Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain.
r. Innungmeisterliches aus Marburg. Als man vor etlichen Jahren daran ging, die„Organisation des Handwerks“ gesetzgeberisch in die Wege zu leiten, bezeichnete man ez als die Hauptaufgabe der zu schaf⸗ senden Innungen, die Hebung des Kleingewerbes zu bewerkstelligen. Doch dle Arbeiter waren sich von vorn⸗ herein darüber klar, daß die zünftlerischen Bestrebungen mit in erster Linie auf die Unterdrückung der Arbeiter und ihrer Vereinigungen, welche die Besserung der Lohn⸗ und Arbeits verhältnisse bezwecken, gerichtet waren. Man hatte schon Erfahrungen in dieser Beziehung; überdies bezeichneten ja die Führer der„Mittelstandsbewegung“ immer wieder Maßregeln gegen die„unbotmädigen“ Gesellen für notwendig, um dem Handwerk wieder zu seinem„goldenen Boden“ zu verschaffen. Ein Beispiel dafür, wie Innungsleute das Handwerk heben wollen, sehen wir jetzt wieder an dem Vorgehen der Schreiner⸗ innung in Marburg, die es darauf abgesehen zu haben scheint, ernstliche Differenzen im Holzarbeitergewerbe her⸗ vorzurufen. Folgendes ist der Hergang der Sache. Kurz vor Weihnachten hatle der Holzarbeiterverband in Marburg, wie damals in der M. S. ⸗Ztg. mitgeteilt, die Sperre über die Rohledersche Werkstelle verhängt, weil dort Mißstände herrschten, die trotz wiederholter Vorstellung der Arbeiter nicht beseitigt wurden. Ein Schiedsgericht, unter Vorsitz des Oberbürgermeisters brachte eine Einigung zu Stande; es wurde das Ehren⸗ wort abgegeben, daß bei Rohleder bessere Zustände ein⸗ geführt werden sollten. Die Sperre wurde alsdann aufgehoben. Hiermit, glaubten die Schreinergehilfen, würde jeder Streit geschlichtet sein und von jetzt ab Friede zwischen der Zwangsinnung und dem deutschen Holzarbeiter⸗Verbande herrschen. Aber weit gefehlt. Die Herren Innungsmeister hatten heimlich eine Arbeits⸗ ordnung ausgearbeitet und diese, ohne den Gesellen⸗ ausschuß zu fragen, wozu sie nach dem Junungsstatut verpflichtet sind, in den Werkstätten aushängen lassen. Eine Erregung bemächtigte sich der Gesellen und man war sich sofort klar, daß diese Arbeitsordnung eine Antwort auf die Sperre bei Rohleder war. Gewiß hätten die Gesellen nichts gegen eine Arbeitsordnung — obwohl sich bisher eine solche nicht nötig erwiesen hat— aber diese ist für die Arbeiter einfach un an⸗ nehmbar. Das ist kein Arbeitsvertrag, sondern eine Straf⸗ und Zuchthausordnung. Es wimmelt darin nur so von Strafen. Die Arbeitszeit wird nach§ 1 ohne Weiteres um 2 Stunden verlängert; es heißt da: „Die Arbeitszeit beträgt 10 Stunden, kann aber auf
Wunsch des Meisters auf 12 Stunden ausgedehnt
Nach diesen 12 Stunden werden Veberstunden mit ganzen 10 Prozent bezahlt. Ein anderer 8 ver⸗ bietet ganz überflüssiger Weise das Mitnehmeu von Zeichnungen und Modellen, als ob etwa wichtige tech⸗ nische Geheimnisse zu verraten wären! Wir können uns wenigstens nicht erinnern, daß ein Marburger Schreiner⸗ meister schon mal eine Erfindung patentiert bekommen hätte. Außerdem werden wir hier als unehrlich hinge—
werden.“
stellt. Ein anderer Passus bescstigt eiafach den 5 616 des bürgerlichen Gesetzbuches, der bekanntlich Lohnzahlung für kleinere, ohne Verschulden des Arbeiters eintretende Zeitversäumnisse fordert. Natürlich ist in einem andern Paragraphen das„Aufreizen, Hetzen und Agitieren“ verboten, ein Beweis, daß sich der Vorstoß der Meister gegen den Holzarbeiterverband richtet. Mit allem Recht verweigerten daher die Gesellen am Samstag vor acht Tagen die Unterschriften. Sogar ein Mitglied der Zwangsinnung jagte den Boten mit der Arbeitsordnung wieder fort mit dem Bemerken, er habe selber eine Arbeitsordnung. Andere Meister hängten sie erst gar nicht auf, weil sie wußten, es unterschrieb doch niemand. Nach allem muß man annehmen, daß die Arbeitsordnung nur vom Innungs⸗Obermeister und seinen wenigen Getreuen ausgeht und ein Teil der Schreinermeister damit nicht einverstanden ist. In einer am Montag (2. Februar) staltgefundenen Mitgliederversammlung des Holzarbeiterverbandes, in welcher ¼ der in Marburg beschäftigten Schreiner sowie der Gauvorsteher Brückner⸗ Frankfurt anwesend waren, wurde die Arbeitsordnung eingehend und sachlich beraten. Alle Redner wiesen auf den Scharfmacher⸗Geist hin, der in diesem Machwerk stecke, und auch der Gauvorsteher erklärte, das Ding sei noch schlimmer als eine Gesindeordnung und bezeichnet sie für die Arbeiter absolut unannehmbar. Ein stimmig beschloß die Versammlung, die Arbeitsordnung nicht anzuerkennen. Ferner beschloß man, dem deutschen Holzarbeiterverband treu zu bleiben und dafür zu sorgen, daß ihm sämtliche Schreiner in Marburg beitreten.—
Eine weitere, von mehr als 60 Schreinern besuchte Holzarbeiterversammlung tagte am Sonntag bei Hil⸗ berger. Genosse Vetters⸗Gießen sprach über„Ge⸗ werkschaftliche Kämpfe“; er betonte in seinem Referat, daß die Gewerkschaften keineswegs„Streikvereine“ seien, wie die Gegner vielfach behaupteten. Jeder vernünftige Arbeiter wende den Streik als das letzte Mittel, das ihm zu Gebote steht, nur an, wenn er dazu gezwungen sei. Besserung der Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen liege ebensosehr im Interesse des sogenannten Mittelstandes, als auch der Arbeiter. Er scgilderte die segensreiche Wirksamkeit der Gewerkschasten und forderte die An⸗ wesenden auf, sest an dem Holzarbeiterverbande zu halten. — Hierauf kam wieder die Arbeitsorduang zur Sprache. Es ergab sich völlige Einhelligkeit der Arbeiter. In der Resolution wird ausgesprochen, daß keiner die Ar⸗ beitsordnung unterschreiben werde; etwa Gemaßregelte werden vom Holzarbeiterverband unterstützt.
St. Die Parteiversammlung am letzten Samstag Abend bei Jesberg war recht gut besucht. Genosse Vetters ⸗Gießen hielt einen interessanten Vortrag„Zu den Reichstagswahlen“, wobei er auch das Programm unserer Partei einer Besprechung unterzog und besonders den revolutionären Standpunkt der⸗ selben beleuchtete und erklärte. Nach dem sehr beifüllig aufgenommenen Vortrag wurde in die Diskusston über den Punkt„Reichstagswahl“ eingetreten und ein siebengliedriges Wahlkomitee, bestehend aus den Genossen Härtling, Abel, Schönhals, Rösler, Simon, Weiers⸗ häuser und Wolf gewählt, welches die nötigen Vorarbeiten, eventl. unter Hinzuziehung weiterer Genossen, zu erledigen hat. Die Abrechnung der Kolportagekommission ergab eine Einnahme von 432.20 Mk., die Ausgaben beliefen sich auf 215.32 Mk., sodaß ein Kassenbestand von 216.88 Mk. verblieb. Genosse Prüßing teilte mit, daß die Abonnentenzahl der„Mitteldeutschen
Sonntags⸗Zeitung“, welche durch den öfteren
Wechsel der Kolporteure in der letzten Zeit etwas gefallen war, sich wieder gehoben und erfreulicherweise die frühere Zahl bereits über⸗ schritten habe. Eine sehr lebhafte Debatte entspann sich hierauf über den Punkt„Presse“, in welcher sich zunächst unser Vertreter in der Preßkommission über die Zurückstellung eines von ihm an die Redaktion unserer Zeitung eingesandten Artikels über die Vorgänge im
hacstgen Tischlergewerbe beschwerte; derselbe sei zeitig genug eingesandt worden und hätten ganz gut einige andere minder wichtige Sachen zurück⸗ bleiben können. Sämtliche Redner sprachen sich in demselben Sinne aus. Auch wurde der Wunsch geäußert, daß bei den Sitzungen der Preßkommission wenigstens einmal im Jahre unser Vertreter hinzugezogen würde, was seither nicht der Fall war.
Hessischer Landtag.
Die Zweite Kammer trat am Donnerstag nach Erledigung mehrerer Wahlanfechtungen in die Beratung des Etats ein. Finanzminister Gnauth ergriff zu⸗ erst das Wort und begründete die Ausfälle, welche der Etat gegenüber dem Vorjahr aufzuweisen hat. Der Gewinn Hessens an dem Ertrag der hessisch⸗preußi⸗ schen Staatseisenbahngemeinschaft ist um einige Hunderttansend Mark geringer. Das Sinken der Holzpreise hat ein schlechteres Erträgnis aus den Domänen zur Folge gehabt. Der Mehrbedarf des Reiches wird durch das Reich sebst gedeckt werden. Eine Erhöhung der Matrikularbeiträge steht für Hessen nicht in Aussicht. Sparsamkeit im Lande soll aber die Hauptaufgabe sein. Von den Abgeordneten sprachen Möllinger und Mo than. a
2
* Unfall. Der Besitzer der Fußmühle bei Großen⸗Buseck geriet am Mittwoch in die Trans⸗ mission und trug schwere Verletzungen davon.
** In Allendorf an d. L. machte vorigen Sams⸗ tag eine Frau, die durch den Tod ihres Mannes an⸗ scheinend geistesgestört worden war, Selbstmordversuch, indem sie sich in den an dieser Stelle tiefen Kleebach stürzte. Der Müller Arnold, der zufällig vorüber ging, rettete sie vom Tode des Ertrinkens.
Versammlungskalender.
Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen! Samstag, den 14. Februar. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 15. Februar. Heuchelheim. Volksversammlung. Abends 7 Uhr im Lokale„Zum Schwanen“(Kröck). Die
Reichstagswahlen. Ref. E. Krumm. Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ 3½ Uhr Versammlung bei K. Linn. Wegen
wichtiger Tagesordnung vollzählig und pünktlich erscheinen. Montag, den 16. Februar. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Samstag, den 21. Februar. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung in Stadt New-Nork. Vortrag des Genossen Busold: Erster Teil des Parteiprogramms. Gießen. Jeden Dienstag, Abends punkt 1/9 Uhr Diskussions⸗ und Unterrichtsstunde im„Wiener Hof“ bei Lö b(oberes Zimmer).
Mriefkasten.
E. Alsfeld. Nächste Nummer. Herrn Bitzer⸗ Kessenich. Senden Ihnen das Blatt zu und em⸗ pfehlen es Ihrem aufmerksamen Studium. Sie werden finden, daß wir stets gerecht urteilen. D. R.
Notstandsarbeiter. Anonyme Einsendungen sind wertlos, nennen Sie Ihren Namen, dann will ich der Sache näher treten. Püschen(Westerwald). Wir können uns Ihrer Ansicht über die Nutzlosigkeit einer Wasserleitung nicht anschließen; wir halten eine solche im Gegenteil für gut und notwendig. Die etwas zu energische Schließung der öffentlichen Brunnen glauben wir nicht eher, bis Sie uns noch drei Zeugen nennen. Ist es so wie Sie sagen, dürfte eine Beschwerde beim Reichsgesundheitsamt in Berlin Abhülfe schaffen. Im übrigen besten Gruß an Sie und die A e
Dienstag, den 17. Februar
5850 92 55
Montag, den 16. Jebruar
Wäellfleisceh imit Kraut.
Louis Löb.
757
„Wiener Hof““
9 Millionen Cigarren on
fabelhaft billig zu verkaufen. 100 St. 5 Pf.⸗Cigarren nur M. 2,95 100 1 6 1 0 1 3,70 100 7 8* 7 7 9 4,70 100„ 10*** D 6,15 Bei 300 Stück Frankolieferung. Versand gegen Nachnahme. Für Güte der Ware wird aus⸗ drücklich garantiert. Tausd. Anerkennungen liegen vor
Berndt& Co.,
Berliu⸗ Schöneberg 178a, Ebersstraße 75.
n
tag, den 22. Jebruar 1903, abends 8 Ahr
Winter⸗Oergnügen
der Gewerkschaften Marhurgs,
Eintritt: 0 Pe son 30 Pfg. Zu zahlreichem Besuch ladet ein
1
Marburg!
bestehend in
Aon eri, Iheuler uu˙ůnwu June
im Saale des Cafe Quentin(Höck). Vollkarte(1 Dame frei) 1 Mk. Zum Theater pro
Die Vewerlschafts⸗Kom mission.


