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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung
Nr. 7.
Posteus enthoben und gegen ihn wegen be— gangener Unregelmäßigkeiten in Sachen der Kasse das gerichtliche Strafverfahren eingeleitet worden ist. Die Kasse beschäftigte ferner eine große Anzahl Agenten, die wegen Eigentumsvergehen mit Gefängnis und Zucht⸗ hausstrafen bestraft waren; ferner schloß sie Mitglieder ungesetzlicherweise aus der Kasse aus, weshalb der Polizeipräsident dringend vor dieser Kasse warnte.— Ein anderes solches Musterinstitut in München, das den schönen Namen„Bavaria“ führte, kum neulich in Konkurs. Dabei stellte sich heraus, daß etwa 95 Prozent der Einnahmen für Verwaltungs- kosten verbraucht wurden und ganze 5 Prozent blieben für Krankenunterstützung übrig! Von den Mitgliedern wurden daun gerichtlich die Bei⸗ träge eingezogen, obwohl sie niemals daran denken können eine Unterstützung zu erhalten. — In der Umgegend von Gießen sucht ferner eine Kasse„Union“(Sitz Hannover) Mit⸗ glieder zu werben, in mehreren Orten haben Arbeiter Vertretungen übernommen, jedenfalls ohne genau über das Wesen dieses Instituts unterrichtet zu sein. Wir teilen deshalb fol⸗ genden Fall mit, den die Leipziger Volksztg. veröffentlicht: Ein Buchbinder in Stunz er⸗ lrankte am 31. Dezember 1902 und meldete seine Erkrankung am folgenden Tage brieflich direkt beim Hauptvorstand in Hannover an, da S 17 des Statuts vorschreibt:„Jede Er⸗ krankung, welche ärztliche Behandlung erfordert, muß der Kasse binnen 48 Stunden angezeigt werden.“ Fünf Tage später erhielt der Kranke die Aufforderung, sich an den Leipziger„Ge⸗ neralvertreter“, der Ed. Backhoff benamset ist, zu wenden. Einfacher wäre es gewesen, den Herrn„Generalvertreter“ zur Auszahlung des Krankengeldes anzuweisen. Damit hatte es aber gute Weile. Der Kranke erhielt trotz mehrfacher Schreibereien weder vom Herrn „Generalvertreter“ noch von dem Hauptvorstand der„Union“ Unterstützung. Das Ende vom Liede war ein vom 30. Januar 1903 datierter und von Kurre und Schomburg unter⸗ zeichneter Brief, in welchem dem Arbeiter der Ausschluß mitgeteilt wurde, weil er sich nicht innerhalb 48 Stunden krank gemeldet habe! Er erhielt natürlich keinen Pfennig Kranken⸗ geld, sondern nach vierwöchentlichem Warten auf Unterstützung den— Ausschlußbrief!
Wir fühlen uns verpflichtet, diese Tatsachen mitzuteilen und raten den Arbeitern in ihrem eigenen Interesse zur Vorsicht. Welcher Ar⸗ beiter etwa das„Glück“ hatte, als„Vertreter“ oder Bevollmächtigter au erkoren zu werden, soll sich das Pöstchen bald wieder vom Halse schaffen, denn kein ehrlicher Arbeiter wird die Hand dazu bieten wollen, daß seine Klassen⸗ genossen unter Umständen schwer geschaͤdigt werden.— Die für den Arbeiter vorteilhafteste Krankenversicherung bietet die Ortskranken⸗ kasse überall dort, wo sich eben die Arbeiter deren Ausbau angelegen sein ließen. Wer aber der Ortskrankenkasse nicht angehören will oder kann, oder wer sich doppelt versichern will, der trete den seit Jahrzehnten bestehenden, von Ar- beitern gegründeten gut geleiteten und gut fundierten Ceutralkassen der Tischler, Metall⸗ arbeiter usw. bei. Die Mitglieder dieser Kassen werden nicht geprellt, haben auch das Recht, in der Verwaltung mitzureden.
— Die Stadtverordneten-Versamm⸗ lung beschloß in ihrer letzten Sitzung am Donnerstag die Errichtung eines Wohnungs⸗ nachweises. Ferner wurde über ein Gesuch der Bürgermeisterei Lollar wegen Angliede— rung an das Gießener Gewerbegericht ver⸗ handelt. Das Gesuch wurde„zur Zeit“ ab⸗ gelehnt. Unsere Genossen Orbig und Krumm befürworteten nicht allein den Anschluß von Lollar, sondern aller Orte der Umgebung von Gießen. Möge die Arbeiterschaft diesen Gegen⸗ stand nicht aus dem Auge verlieren, sondern sich rühren, damit ein gemeinsames Gewerbe⸗ gericht errichtet wird. Petitionsbogen werden demnächst hierfür verausgabt werden.
— Unsere Kreiskonferenz findet diesen Sonntag im Orbig'schen Lokale statt. Es ist die letzte vor den Wahlen! Wir heißen die Delegierten herzlich willkommen und wünschen,
duß ihre Beratungen unjere Parker im Kreise und damit die Sache aller Unterdrückten und Ausgebeuteten ein gutes Stück fördern möge! Zur Reichstagswahl. Ein anti⸗ semsitischer Kandidat ist noch nicht aufgestellt. Es hat diese Woche eine Vertrauensmänner⸗ Versammlung in Gießen stattgefunden, welche die Kandidatenfrage erledigen sollte. Man scheint sich aber nicht einig geworden zu sein; denn in der dem„Gieß. Anz.“ zugegangenen Zuschrift heißt es:„Die endgiltige Regelung der Kandidatenfrage bleibt einer demnächst einzuberufenden Vertrauensmännerversammlung überlassen; jedoch ist ein im Wahlkreise a n⸗ sässiger Kandidat in Aussicht genommen.“ — Wrr sagten ja neulich gleich, daß sich Herr Köhler nicht so leicht wird absägen lassen.— Auf„liberaler“ Seite ist noch immer in allen Wipfeln Ruh! Herr Gutfleisch hat auch noch nichts verlauten lassen, wie er über die ihm vom„Anz.“ angebotene Kuddelmuddel— Kandidatur denkt.
— Berichtigung. In Nummer 4 dieses Blattes ist der Bericht über die Versammlung der Genossin David in einer Form abgefaßt, die mich als Anhänger der Konsumver⸗ einsbewegung erscheinen läßt. Das bin ich nicht und ich habe dies auch in der Ver⸗ sammlung erklärt, dabei bemerkend, daß ich aus anderen Gründen(die ja jeder Genosse kennt) auf Begründung meiner abweichenden Ansicht verzichten wolle.
Eduard Krumm.
Zu der Denunziantengeschichte, die wir neulich aus Lich berichteten, bestreitet der Totengräber Ledermann, von der Sache gewußt zu haben. Seine Frau habe vielmehr ohne sein Zutun und sein Wissen den Allers der Behörde wegen Majestätsbeleidigung ange⸗ zeigt. Wenn dem so ist, dann trifft ja den Mann selbst weniger eine Schuld. Häßlich bleibt die Geschichte immerhin.
— Der Lesehalle⸗Verein hält am Donners⸗ tag 19. Februar abends ½ 9 Uhr im Café Ebel seine Generalversammlung ab.(Siehe Inserat). 8
Aus dem Rreise gießen.
— Versammlungen. Am Sonntag sprach Genosse Krumm in Oppenrod und Burkhardsfelden über die bevorstehenden Reichstagswahlen. Die Versammlung in Burk⸗ hardsfelden war recht gut, die in Oppenrod wegen verspäteter Bekanntmachung mäßig besucht. Die Ausführungen unseres Genossen fanden lebhafte Zustimmung. Gegner waren da, meldeten sich aber nicht zum Wort; umso eifriger hatten sie vorher gegen unsere Plakate ge— wütet.
Aus dem Nreise Kriedberg⸗Püdingen.
e. Das Gewerkschaftskartell Fried⸗ berg erstattete kürzlich über seine Tätigkeit Bericht. Es hielt im verflossenen Jahre neun Sitzungen ab. Die Beiträge mußten auf 15 Pfg. pro Kopf und Quartal erhöht werden, damit das Kartell seine Aufgaben besser erfüllen kann. Eine Klage, die auf Beschluß des Kartells gegen die Firma Sohn angestrengt wurde, ist noch nicht entschieden.— Mehrere Festlichkeiten, die vom Kartell arrangiert wurden, darunter die Maifeier, erfreuten sich recht guten Besuches; dagegen ließ die Beteiligung an verschiedenen Versammlungen sehr viel zu wünschen übrig. — Mit dem Antrage auf Errichtung eines Gewerbegerichts beschäftigte sich eine Ver⸗ sammlung am 13. April, in der Arbeitersekretär Heyden-⸗Frankfurt über die Bedeutung der Gewerbegerichte sprach. Die Versammlung be⸗ schloß eine Resolution, welche die Errichtung eines solchen fordert.— Weiter hielt das Kartell mehrere Agitationsversammlungen zu Gunsten der Metallarbeiter- und Schneider⸗Organisation ab, wodurch diesen Gewerkschaften eine Anzahl Mitglieder zugeführt wurden.— Ueber den Gewerkschaftskongreß berichtete Genosse Streb⸗ Offenbach in einer öffentlichen Versammlung. Auf Veranlassung des Kartells wurden Er⸗ hebungen über die Verhältnisse der im Verkehrs⸗ und Transportgewerbe beschäftigten Arbeiter
veranstaltet.— Bedanerlich ist, daß einzelne
Deleglerke ole tarteulsitzungen sehr unkcegelmatzig besuchen; die Gewerkschaften sollten die Dele⸗ gierten an ihre Pflicht erinnern, damit das Kartell, das doch sehr oft wichtige gewerkschaft⸗ liche Fragen zu erörtern und zu entscheiden hat, seine Aufgaben erfüllen kann.— Hinzugefügt set noch, daß bei einer am 17. Januar d. J. vorgenommenen Arbeitslosenzählung 132 Arbeitslose in Friedberg, Dorheim, Schwalheim und Rödgen festgestellt wurden; die meisten davon waren Bauarbeiter; 80 davon waren verheiratet. Diese Arbeitslosen waren zusammen 6592 Tage ohne Arbeit, jedenfalls ein Beweis dafür, wie schwer besonders die Bauarbeiter unter der wirtschaftlichen Krisis zu leiden haben.
Aus dem Rreise Weßlar.
h. Die Antisemiten haben für den Kreis Wetzlar⸗Altenkirchen den Dr. Giese⸗ Berlin, der, wenn wir nicht irren, Parteisekretär der„Deutsch⸗sozialen Reformpartei“ ist, auf⸗ gestellt. Dieser Beschluß ist am Dienstag in einer in Wetzlar stattgefundenen antisemitischen Versammlung gefaßt worden, die nach einer Notiz des„Wetzl. Anz.“ von 120 Vertrauens⸗ männern besucht gewesen sein und an der auch Christlich⸗Soziale und Landwirtsbündler teil⸗ genommen haben sollen. Dies scheinl uns etwas zweifelhaft, auch die„120“ Vertrauensmänner. Wenn es aber richtig ist, daß Bündler und Stöcker'sche mit dabei waren, die doch einen eigenen Kandidaten aufgestellt haben, so kann es einen interessanten Wahlkampf geben. Da können wir erleben, daß„Vertrauensmänner“ der genannten Parteten für die Kandidaten ihrer Gegner eintreten!
h Der Agitator des Bundes der Land⸗ wirte, der seit einigen Wochen den Wetzlarer Kreis bearbeitete, hat seine Tätigkeit eingestellt. Es waren noch Versammlungen in Kinzenbach, Launsbach und Odenhausen vorgesehen, die ab⸗ gesagt wurden. Besonders erfolgreich scheint diese Agitation nicht gewesen zu sein und die aufgewandten Kosten müssen sich kaum rentiert haben. In der Bersammlung in Dutenhofen am Dienstag waren nur ein reichliches Dutzend Leute anwesend. Trotzdem hielt Herr Bitzer sein Referat, das stets mit der Aufforderrung zum Eintritt in den Bund der Landwirte schließt. Gen. Vetters vertrat dagegen den Standpunkt unserer Partei. Es muß cnerkaunt werden, daß Herr Bitzer sich stets der Sachlich⸗ keit befleißigte und im Gegensatz zu anderen Bundesrednern gehässige und schofle Augriffe auf unsere Partet vermied.
km. Vom Westerwald. Man schreibt uns: Es ist beinahe unglaublich, welches Wunder die im November v. J. gescheiterten sozial⸗ demokratischen Versammlungen bewirkt haben. In uunserer Gegend, wo sonst politisch Kirchhofsruhe herrschte, geht plötzlich ein Er⸗ wachen der Geister vor sich, welches den Volks⸗ freund mit Freude und froher Hoffnung für die Zukunft erfüllen darf. Erst einzelne Freunde, dann immer mehr und mehr schaaren sich um unsere Fahnen; gleichen Schritt damit hält die Verbreitung unserer Presse; die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ ist bereits in vielen Orten eingebürgert und ebenso der„Vorwärts“, „Wahrer Jakob“ usw. usw. Der Heißhunger nach sozialdemokratischen Schriften und Bro⸗ schüren ist bewundernswert; sie wandern von Hand zu Hand, von Haus zu Haus, und die Folgen sind neue, begeisterte Freunde unserer gerechten Sache. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, unseren unfreiwilligen Helfern zu danken. Burreakratische Anmaßung, rigorose Handhabung der Pylizeivorschriften, Geldstrafen bei den nichtigsten, unbedeutendsten Sachen sind ebenso wirksame, wie zahlreich an⸗ gewandte Mittel, um auch den geduldigsten, kriegervereinsversimpelten„Patrioten“ dem „Umsturz“ in die Arme zu treiben. Dazu kommt in unseren kleineren Orten ein System der Spionage, der Schnüffelei, was die Bevölkerung nie gekaunt hat und von ihr lästig empfunden wird. Tagelang müht sich die
Gendarmerie ab, die Verbreiter des sozial)/
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