Ausgabe 
15.2.1903
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeituna.

Nr. 7.

Es sind aber auch bis zum 17. Juni nur noch 4 Monate, die unsere Genossen zu eifriger Wahlarbeit benutzen müssen.

Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds!

Zur Krupp⸗Affaire.

Wie unser Parteiorgan in Magdeburg berichtet, hat der Reichstagsabgeordnete von Kardorff, ein Parteigenosse Krupps, im Reichstage offen erklärt, Krupp habe sich er⸗ schossen. Schon beim plötzlichen Tode Krupps glaubte man allgemein, daß er seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe. Diese Annahme fand besonders in der Tatsache ihren Rückhalt, daß keine Sektion der Leiche stattgefunden hat und von der Leichenschau nichts veröffentlicht wurde. Darauf wird auch in der dieser Tage bei Birk und Komp. in München erschienenen Broschüre hingewiesen und hinzugefügt, daß in den Krupp ehemals sehr nahestehenden Kreisen heute noch die Meinung verbreitet ist, Krupp habe selbst Hand an sich gelegt. Der Magde⸗ burgerVolksstimme wurde kürzlich weiter aus Berlin geschrieben, daß Abg. Kardorff schon vor längerer Zeit seinem Gegner Barth von der Freisinnigen Vereinigung in einem unüberlegten Moment erzählt hat, Krupp habe im Hotel Bristol in Berlin konträrsexuellen Verkehr gehabt. Also stellen sich alle von sozialdemokratischer Seite aufgestellten Behaup⸗ tungen als wahr heraus.

Dienotleidenden Agrarier

hielten am Montag im Zirkus Busch in Berlin wieder ihre Heerschau ab. Ueber 8000Not- leidende, darunter viele Parlamentarier, waren anwesend. Frauen waren diesmal nicht dabei. Es wurden die üblichen agrarischen Pauken gehalten. Der Bundesvorsitzende v. Wangen⸗ heim sagte u. a. der Zweck des Bundes sei die Bekämpfung von Handelsverträgen nach Capri⸗ vischem Muster. Die Regierung habe der Land wirtschaft nicht den versprochenen Schutz ge⸗ währt; der Antrag Kardorff sei ein wirtschaft⸗ liches Unglück. Im Recheaschaftsbericht wird angeführt, daß der Bund jetzt gegen 250 000 Mitglieder zählt, wovon 138 000 westlich der Elbe wohnen. Nur Herr von Kröcher, der starke Mann, mahutezur Besonnenheit. Ganz richtig sagt derVorw. dazu: Die um Kröcher regieren und die um Wangenheim agitieren. Die einen wollen die Bestie Volk an an den Zaum legen, die andern suchen durch demagogische Künste möglichst viel Exemplare davon einzufangen. Die einen schreien, die andern nehmen, was sie kriegen oder wie sich Herr v. Kröcher geschmackvoll ausdrückt siefressen herunter, was die Regierung ge kocht hat.

Agrarischer Boykott.

Neulich hat sich der Landrat des Kreises Birnbaum in der Provinz Posen, v. Willich, erschossen. Der Grund des Selbstmordes wird in der maßlosen Hetze gefunden, welche die Leute im Bunde der Landwirte gegen ihn in Szene gesetzt hatten. Willich war aus dem Bunde der Landwirte ausgetreten, weil ihm das Treiben desselben nicht gefiel. Beispiels- weise wurden einem Führer der Agrarier, dem Major a. D. v. Endell, Dinge in der Oeffent⸗ lichkeit nachgesagt, die den Bund hätten veran⸗ lassen müssen, dem Endell die Führung abzu⸗ nehmen. Diese Sache vertuschte aber der Bund soviel als möglich, trotzdem Endell sogar Unter⸗ schlagung vorgeworfen wurde. Man kann's dem Landrat nicht verdenken, wenn er mit der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben wollte. Aber die Agrarier rächten sich. Sie boykottierten den Landrat auf alle Art, drohten sogar, bei der Kaisergeburtstagsfeier gegen ihn zu demon⸗ strieren. Die Regierung ließ ihren Beamten im Stich, anstatt ihn gegen die Agrariergesell⸗ schaft zu schützen. Deshalb griff v. Willich

zur Pistole. Bei der Besprechung dieser Affaire im preußischen Landtage wurde das Treiben der Agrarier im Osten durch freisinnige Abge⸗ ordnete treffend beleuchtet. Die Regierung be⸗ findet sich gewissermaßen in Abhängigkeit vom Bunde, dem gegenüber sie noch mehr Nach⸗ giebigkeit zeigt, als den Arbeitern gegenüber Schneidigkeit.

Vom sächsischen Hoffkandal.

Im Ehescheidungsprozeß des sächsischen Kronprinzenpaares wurde am Mittwoch das Urteil gefällt. Es lautete auf Ehescheidung. Die Kronprinzessin wurde des Ehebruchs mit dem Sprachlehrer Giron für schuldig befunden und ihr die Kosten des Verfahrens auferlegt. Unterdessen hat die Kronprinzessin, die infolge der Erkrankung eines ihrer Kinder sowie durch die Hetzerei ihrer zärtlichen Verwandten in hochgradige Aufregung geraten ist, eine Heil⸗ anstalt bei Nyon am Genfer See aufgesucht, wo sie, wie berichtet wird, auch ihre Nieder⸗ kunft abwarten will. Die lieben Verwandten und mit ihnen die serviten und schweifwedeln⸗ den sächs. Orduungsblätter erklären es für einenTrost, wenn die Prinzessin wahnsinnig wäre!

Militärische Gerechtigkeit.

Vom Kriegsgerichi der 3. Division in Lan dau wurden kürzlich zwei Soldaten des 3. Chevauxlegers-Regiments, die sich infolge er⸗ littener fortgesetzter Mißhandlungen von ihrem in Dieuze liegenden Truppenteil entfernt hatten, wegen Fahnenflucht zu je 1 Jahr 6(Monaten Gefängnis verurteilt. Dieser Tage standen nun auch vier Soldatenschinder des 3. Chevaux⸗ legers⸗Regiments vor dem Kriegsgericht, um sich wegen Mißbrauchs der Dienstgewalt zu verantworten. Die Anklagebank zierten nämlich die Unteroffiziere Otto Weigelt, Emil Ulmer und ber Gefreite Josef Müller der 5. Eskadron und der Unteroffizier Friedrich Germann der 3. Eskadron. Die Beschuldigten hatten die ihnen unterstellten Rekruten in roher Weise durch Ohrfeigen, Pfüffe, Schläge, Fauststöße usw. mißhandelt. Das Urteil lautete für Weigelt auf 42 Tage, für Ulmer auf 35 Tage, für Müller auf 24 Tage und für Germann auf 12 Tage Mittelarrest. Im Vergleich zu den beiden Rekruten Philipp und Langknecht, die ihre Flucht vor den Peinigern mit Jahren zu büßen haben, sind die vier Schinderknechte sehr billig wegge⸗ kommen. 1

Acht Jahre Gefängnis für einen Geisteskranken.

Zu dieser unerhörten Strafe wurde vor einiger Zeit vom Kriegsgericht in Halle der Füsilier Jörke verurteilt, trotzdem bei dem Angeklagten untrügliche Zeichen von Geistes⸗ störung vorhanden waren. Das Oberkriegs⸗ gericht in Magdeburg, vor dem dieser Fall in der zweiten Instanz verhandelt wurde, beschloß denn auch, ein neues Gutachten von zwei Irren ärzten über den Geisteszustand des Angeklagten einzuholen und vertagte die Verhandlung. Wie das erste Gericht eine so schwere Verurteilung über einen kranken Menschen aussprechen konnte, ist unbegreiflich.

Die viehische Mißhandlung eines Trainsoldaten des Rendsburger Trainbataillons durch den 22 jährigen Unteroffizier Grosse, der sein Opfer zwang, Kot zu fressen, kam wiederum vor dem Oberkriegsgericht in Ha m⸗ burg zur Verhandlung. Dieser vom Kriegs⸗ gericht zu Jahren Gefängnis verurteilte Menschenschinder hat noch die Kühnheit gehabt, gegen das Urteil Berufung einzulegen. Die Beweisaufnahme ergab die Richtigkeit der gegen den sauberen Stellvertreter Gottes erhobenen Anschuldigungen, wie sie bereits vor dem Kriegs⸗ gericht festgestellt und s. Zt. in unserem Blatte berichtet wurden. Das Oberkriegsgericht hält die Berufung für völlig unbegründet und spricht sein Bedauern darüber aus, daß nicht auch der Kriegsherr Berufung eingelegt habe, denn

der Angeklagte verdiene fur sein Verhalten eine viel höhere Strafe. Aus formellen Gründen trennt das Gericht zwei Fälle der Mißhandlung ab und verweist dieselben an die Vorinstanz zur nochmaligen Verhandlung zurück. Im Uebrigen wird auf 1 Jahr 5 Monate Ge fängnis und Degradation erkannt.

Gegen den Spitzel⸗Attentäter Rubino

wurde in der vergangenen Woche in Brüssel verhandelt. Rubino erklärte, seine Tat nicht zu bereuen, er bedaure nur, daß sie fehlgeschlagen sei. Er habe die Absicht gehabt, sich das Leben zu nehmen, vorher hätte er sich aber an der Gesellschaft rächen wollen. Auf die Frage, weshalb er auf den dritten Wagen geschossen habe, in welchem sich die Prinzessin befand, gab er die Erklärung ab, er habe den Revolver nicht rechtzeitig hervorziehen können, weil dieser sich im Rockfutter verwickelt hatte. Rubino hatte, als er die Fensterscheibe der Hofequipage zerschoß, noch ganze drei Sous(12 Pfg.) in der Tasche. Ein von Hunger und Elend windel⸗ weich geprügelter armer Teufel! Festgestellt wurde, daß ihn der italienische Konsul Prina in London für täglich 10 Mk. als Spion angestellt hatte, damit er Nachrichten über die italienischen Anarchisten in London verschaffe. Diese merkten aber die Beziehungen Rubinos zur Polizei und bedankten sich natürlich für seine Parteigenossenschaft. Nun taugte er für die Polizei auch nicht mehr und Prina brach mit ihm ab. Immer weiter heruntergekommen, zur Verzweiflung getrieben, richtete er den Revolver auf den Wagen Königs Leopold und leistete diesem dadurch einen ausgezeichneten Dienst. Denn der Belgierkönig ist bei seinem Volke so beliebt, daß es ihm am liebsten fort⸗ jagen möchte; durch das Attentat wurde aber diePopularität wieder etwas aufgefrischt. Also hat sich Rubino wohl den Dank des Königs verdient, trotzdem verurteilte man den armen Teufel zu lebenslänglicher Zuchthaus⸗ strafe. Zur Dreyfns⸗Affäre

erklärte Jaures in einer Versammlung der Fraktion, daß er sie in der Kammer zur Sprache bringen werde. Er werde den Beweis erbringen, daß der Serbe Czernuschi, der im Renneser Prozeß als Belastungszeuge auftrat, für seine Aussage bezahlt worden sei, ferner daß Drey⸗ fus in Rennes und Paris infolge Zustellung eines gefälschten Schriftstücks an die Richter während seiner Abwesenheit verurteilt worden worden ist. Die Partei erklärte sich mit Jau⸗ rès eiuverstanden.

D

Deutscher Reichstag.

Das Gehalt des Reichskanzlers

war der Etatsposten, dessen Beratung am Mittwoch im Reichstage fortgesetzt wurde. Bei diesem Titel kann in der Regel eine Art Generaldebatte einsetzen, und auf die Fragen der inneren und äußeren Politik eingegangen werden. Zuerst kam der Agrarier Oertel zum Wort, der denn auch von allem möglichen sprach. Im Gegen⸗ satz zu seinen Freunden erklärte er sich für Diäten. Dann hielt der schwäbische Demokrat Hoffmann eine Rede für den Weltfrieden. Die war ja ganz gut ge⸗ meint, doch der Redner verlor fortwährend den Faden und gab durch die treuherzige Art und Weise, wie er die Ungeduld des Präsidanten und des Hauses zu be⸗ schwichtigen suchte, fortwährend Anlaß zu Heiterkeits⸗ ausbrüchen.

Donnerstag wurde die Beratung des Etats des Reichskanzlers fortgesetzt. Erster Redner war unser Genosse Ledeb our. Er kritisierte eingehend und scharf die innere und äußere Reichspolitik. Besonders aus⸗ führlich weilte unser Redner bei der

Neueinteilung der Wahlkreise, deren Notwendigkeit er an schlagenden Beispielen nach⸗ wies. Eine Vermehrung der Abgeordnetenziffer, führte Ledebour aus, entsprechend der Zunahme der Bevölke⸗ rung erscheint schon aus Rücksicht auf die Platzverhält⸗ nisse im Sitzungssaale des Reichstags als nicht tunlich; er würde vorschlagen, die Zahl der Abgeordneten ein⸗ für allemal auf 400 zu normieren und nach jeder Volkszählung eine Neueinteilung der Wayhlkreise vorzu⸗ nehmen. Herr Dr. Oertel sprach von demetwas größeren Recht der ländlichen Bevölkerung. In der Tat hat die Landbevölkerung ein zehnmal grö zeres

Stimmrecht als die Bewohner in industriellen Gegenden i