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15.2.1903
 
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Gießen, den 15. Februar 1903.

10 Juhru.

Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Der Weg zum Sozialismus.

Was ist Sozialismus? Was will die Sozialdemokratie? Wenn man diese Fragen an eine Anzahl von Sozialisten stellt, die alle dasselbe erstreben, gleich gebildet, in gleicher Weise mit dem Wesen des Sozialismus vertraut sind, so werden diese, wenn ste eine ganz kurze Antwort, in wenigen Worten ausgedrückt, geben sollen, vermutlich doch verschieden antworten. Denn der Sozialismus ist eine so große Sache, die so verschiedene Seiten hat, daß in den Augen des Einen der wesentlichste Punkt sich anders darstellt als bei dem Andern. Am präzisesten kann man das Ziel des Sozia⸗ lismus in dem einen Wort ausdrücken: Solidarität!(Gemeinsame Haftung.) In diesem einen Worte liegt mehr, wird das Ziel des Sozialismus viel umfassender ausgedrückt, als in anderen Erklärungen.

Nun sagen unsere Gegner, schon vor mehr als 2000 Jahren habe es Sozialisten gegeben; warum ist denn da bis jetzt der Sozialismus noch nicht verwirklicht worden? Das sei doch ein Beweis, daß er undurchführbar sei. Richtig ist es allerdings, daß sich zu allen Zeiten große Denker mit dieser Frage befaßt haben und zu der Ansicht kan en, das Glück der Menschen werde in einer solidarischen Gemeinschaft höher sein als in einem Zustande des Kampfes des Einen gegen den Andern. Aber da muß man doch auch die andere Frage aufwerfen: Warum entstand früher keine große sozialistische Bewegung und warum heute? Die Antwort ist sehr ein⸗ fach: Weil heute der Sozialismus dem Bedürfnis der Gesellschaft, der All⸗ gemeinheit entspricht!

In der heutigen Gesellschaft besteht für die große Masse ein Zustand, den man am besten ausdrücken kann mit: Haftbarkeit im wei⸗ testen Sinne, für Dinge, die außer unserem Willen liegen. Goethe konnte seinen Spieß⸗ bürger noch sagen lassen, daß ihn das nicht kümmere, wennhinten in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen. Damals, vor hundert Jahren, konnte der Bürger so reden aber jetzt? Wenn heute viel weiter, wenn in Chinadie Völker aufeinanderschlagen, wirkt das auf unser heimisches Leben. An der Börse tritt eine Unsicherheit ein, der Kredit wird ein⸗ gestellt, Handel und Industrie geraten ins Stocken; Tausende, Hunderttausende verlieren die Existenz, Millionen werden geschädigt. So nahe ist sich die Menschheit gerückt! Ohne sein Zutun wird das Volk in Deutschland für das haftbar gemacht, was in China vorgeht! Aber die Haftbarkeit tritt durch das wirtschaftliche Leben im Lande noch mehr ein. Für die Hand⸗ lungen einer Hand voll Spekulanten müssen oft Millionen haften! Durch Spekulationen, unternommen, um einigen wenigen Leuten Reichtümer zu verschaffen, werden oft Hundert⸗

tausende und Millionen brotlos gemacht. Aus Amerika wird neuerdings gemeldet, daß durch die Ringe allein 10000 Geschäftsreisende über⸗ flüssig gemacht wurden, diese also ihre Stellung verloren haben. So wird der Sozialismus immer mehr eine Notwendigkeit: die Durch⸗ führung der Solidarität, Einrichtungen, welche die Menschheit solidarisch machen. Das Streben nach Freiheit und Gleichheit hat keinen

Sinn, wenn man nicht Einrichtungen schaffen will, welche die Freiheit und Gleichheit ermög⸗ lichen. In der Solidarität der Menschheit liegt das höchste Maß von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Wir wollen aber auch eine Freiheit be⸗ schränken: die Freiheit der Ausbeutung, weil sie der Solidarität widerspricht. Wir beschränken also diese Freiheit, um eine größere Freiheit zu erwirken!

Zur Verwirklichung der Solidarität müssen verschiedene Kräfte zusammenwirken, subjektive und objektive. Bei den Unternehmern ist schon das Bestreben vorhanden, die Konkurrenz zu beseitigen, eine Art Solidarität herbeizuführen. Zu diesem Zweck schaffen ste Verbindungen. In soweit diese Verbindungen vorgenommen werden, um Kosten zu sparen, insofern liegen sie auf der Linie des Fortschritts. Aber sie sind nur eine teilweise Anwendung des Prinzips. Es ist nur eine Solidarität der Unternehmer, der Ausbeuter. Ausgeschlossen davon sind die Arbeiter und die große Massen der Konsu⸗ menten, welche die Waren teurer bezahlen müssen, um die Taschen einiger Weniger zu füllen. Diese Solidarität umfaßt also nur einen winzigen Bruchteil ver Gesellschaft, wäh⸗ rend die große Masse davon geschädigt wird. Deutschland hat zur Zeit vier- bis fünfhundert Syndikate. Diese werden wohl die Konkurrenz ausschalten, aber Andere zerdrücken, die ganze Bevölkerung kommt in ihre Abhängigkeit. Aber die große Klasse der Industrie⸗ und Lohnarbeiter bilden die große soziale Kraft, die große denkende subjektive Kraft, um dem gefährlichen Wirkeu der Ringe entgegenzuwirken. Sie leiden am stärksten unter der Haftbarkeit, weil sie abhängig sind. Wohl werden auch die Handwerker und Bauern betroffen, aber sie sind ohnmächtig gegen das große Kapital. Diese Arbeitermasse mit gleichen Interessen ist berufen, die Solida⸗ rität, den Sozialismus, durchzuführen, der früher nicht durckgeführt werden konnte, weil die Kraft dazu nicht da war!

Wenn in früherer Zeit, etwa im Mittel⸗ alter, in einer Gegend infolge Mißernte eine Hungersnot ausbrach, wurden die nur wenige Meilen davon entfernt liegenden Orte gar nicht betroffen, mußten nicht darunter leiden. Die Gewerbetreibenden arbeiteten für die einzelnen Bürger, eine Haftbarkeit der Gesamtheit trat nie in Erscheinung. Den Gewerbetreibenden konnte der den Gesellen gezahlte Lohn gleichgiltig sein, der Lohn spielte gar keine gesellschastliche Rolle: der Konsument war lediglich der Meister, bei dem die Gesellen in Kost und Logies waren. Ebenso konnte an ein Wahlrecht für die Lohn⸗ arbeiter nicht gedacht werden. Als die soge⸗ nannten Gleichmacher in England im 17. Jahr⸗ hundert ihre Verfassung ausarbeiteten, verlangten sie darin ein Wahlrecht für Alle: wer nicht Lohnempfänger ist. Das war damals durchaus demokratisch. Die Gesellen waren nicht mehr als eine Art Lehrlinge und wir lesen daher aus der damaligen Zeit von Ausständen der Lehrlinge. 5

Heute hat sich das sehr geändert! Die Löhne haben eine gesellschaftliche Bedeu⸗ tung, die hohen Löhne erhöhen die Kaufkraft, die zwanzig Millionen Menschen der Arbeiter⸗ klasse bilden eine Kaufkraft, wodurch Tausende

von Geschäften blühen. Es liegt also im Ju⸗ teresse der Gemeinschaft, für hohe Löhne der Arbeiter zu sorgen: die Solidarität liegt also in dieser Beziehung auch im Interesse der Hand⸗ werker und Kaufleute. Heute hat die Gesell⸗ schaft das größte Interesse, daß sich die Lebens⸗ lage der Arbeiter hebe. Der Ruf nach Kolonien ist nichts als der Ruf nach Absatzgebieten. Sind aber etwa die Bedürfnisse zu Hause nicht der Steigerung fähig? Da liegen unsere besten Kolonien; die Kaufkraft der Millionen von Arbeitern zu erhöhen, das muß die erste Auf⸗ gabe aller Staatsmänner sein!

Auch die Verwaltungen der Gemeinden stehen heute im Zeichen der wachsenden Solidarität. Früher gab es nicht viele Fragen in der Ver⸗ waltung der Städte. Heute ist das Alles anders.

Der Solidarität überall zum Durchbruch zu verhelfen, ist Aufgabe der Arbeiterklasse. Die Mittel hierzu sind erstens die Gewerkschaft, um die Löhne zu erhöhen, bessere Arbeitsbedin⸗ gungen zu erkämpfen. Die Gewerkschaftsbe⸗ wegung ist ein starker Ausdruck der wachsenden Solidarität; zweitens die Konsumvereine, in denen sich ein Stück Solidarität verwirklicht; drittens die politische Orgauisation der Arbeiter: die Partei der Demokratie.

Die Gewerkschaften arbeiten an der Ver⸗ wirklichung der Solidarität, indem sie dem Drucke der Konkurrenz eine starke Macht ent⸗ gegensetzen, die Fabrikanten nötigen, zu besseren Arbeitsmethoden zu greifen und die Haftbarkeit der Arbeiter mildern. So wird durch die Ge werkschaften die höchste Solidarität verwirklicht, die heute möglich ist. Auch die Konsumvereine liegen auf dem Wege zum Sozialismus. Wenn die Organisterung des Konsums nicht durch die Arbeiter in die Hand genommen wird, geschähe das wieder durch die Kapitalisten, durch Ringe und dergleichen. Statt ein Stück Solidarität der Gesamtheit zum Nutzen Aller würde eine neue Solidarität von Unternehmern sich bilden, zur Ausbeutung der Massen. Der Gewerk schafts- und Konsumvereinsb wegung sind aber eine Reihe von Grenzen gezogen.

Die Hauptmacht bildet daher die politische Organisation der Arbeiter, die Demokratie. Heute ist Demokratie von selbst Sozial⸗ demokratie, d. h. Soztalismus und Demokratie. Daher ist es die Aufgabe der Arbeiterklasse, daß sie als politische Partei kämpft in Staat und Gemeinde für die Soli⸗ darität im Gemeinwesen und auch für die Solidarität von Nation zu Nation. Ein Mittel, diese Solidarität zur Wahrheit zu machen, ist auch der Reichstag. Daher ist es die große Pflicht der Arbeiter, Sozialdemokraten in den Reichstag zu wählen.

(AusArmer Teufel der Oberlausitz.)

politist che Rundschau.

Gießen, den 13. Februar. Als Reichstagswahltermin

ist der 17. Juni festgesetzt, wie im Senioren- konvent des Reichstags mitgeteilt wurde. Kurz vorher verlautete sehr bestimmt, daß der Wahl⸗ tag in die zweite Hälfte des Mai fallen würde.

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