Ausgabe 
14.6.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 24.

und Tabaksteuer usw., also neue Belastung der arbeiten⸗ den Bevölkerung. Ulrich rechtfertigt seine Haltung im Reichstage und hess. Landtage und erörterte seine Stellung zu den Beamtenbesoldungsgesetz, Hoftheaterum⸗ bau ꝛc. unter Zustimmung der Versammlung. Die Schulden wirtsch aft des Reiches und der Einzel⸗ staaten mit reichem Ziffernmaterial beleuchtend, empfahl Redner der Versammlung, nicht nur am 16. Juni gegen alle diese Mißstände durch Abgabe eines soziald. Stimm⸗ zettels zu protestieren, sondern unausgesetzt agitatorisch tätig zu sein. Nachdem reicher Beifall den Redner ge⸗ lohnt und Genosse Orbig die Diskussion eröffnet, be⸗ sonders die Gegner auffordernd, sich zum Worte zu melden, was jedoch nicht geschah, nahm Gen. Krumm das Wort. Er müsse protestiren gegen die jüngsten Be⸗ schuldigungen desGießener Anzeigers, daß sein Drogengeschäft infolge seiner Zugehörigkei zur soz. Partei Partei guten Aufschwung genommen habe. Er wünsche der Anzeiger⸗Redaktion, daß sie nur drei Tage von dem leben müsse, was er(Krumm) während seiner 15 jähriger Tätigkeit als sozialdemokratischer Agitator verdient habe. Mit den Personen der beiden anderen Kandidaten in unserem Wahlkreis wolle er sich nicht beschäftigen. Köhler sei bisher noch als offener, ehrlicher Gegner aufgetreten. Er habe offen gesagt, er erwarte nicht die Stimmen der Gießenergelehrten Welt, seine Bauern wählten ihn doch. Die Stellungnahme Heyligenstaedts sel gekennzeichnet dadurch, daß er es für möglich halte, auf Grund des neuen Zolltarifs Handelsverträge abzu⸗ schließen. Er würde also im Falle seiner Wahl iu den Reichstag die Brotwucherpolitik mitmachen. Nachdem Genosse Krumm als den schofelsten und ungerechtesten Vorwurf, den man je der Sozialdemokratie gemacht habe, die Behauptung zurückgewiesen habe, dieselbe wolle denMittelstand vernichten, und darauf hinge⸗ wiesen hatte, daß doch keine der bürgerlichen Parteien etwas für diesen Mitte stand getan habe, schloß er unter großem Beifall mit der Mahnung zur Einigkeit, die zum endlichen Sieg unserer Sache führen müsse. Gen. Orbig forderte die Gegner nochmals auf, sich zum Worte zu melden; da dies nicht der Fall war, schloß er mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Sozialdemokratie und deren Sieg bei der Wahl die äußerst würdig und ohne Mißton verlaufene Versamm⸗ lung. Solche Ruhe und Würde, wie sie hier gewahrt wurden, sollten sich unsere Gegner zum Muster nehmen!

Tue jeder seine Schuldigkeit! Diese Mahnung richten alle Parteien vor der Wahl an ihre Anhänger. Für unsere Partei⸗ genossen gilt dies doppelt und dreifach. Jeder von uns muß mehr wie seine Schuldigkeit tun, er muß sich an der Agitation soviel in seinen Kräften steht beteiligen. Wir meinen damit nicht die öffentliche Agitation, sondern die stille Parteiarbeit, die jeder leisten kann.

Versammlungen sind freilich auffälliger; doch die stille Agitation ist wirksamer. In Versammlungen kommen meist nur die Leute, die sowieso schon wissen, was sie wollen, und die man an ihre Parteipflicht nicht nochmals zu erinnern braucht. Um so wichtiger wird die Aufrüttelung jener Lässigen und Indiffe⸗ renten, die öffentlichen Versammlungen fast immer fernbleibeu, ja die am liebsten nicht einmal wählen gehen. Hier gilt es, im letzten Augenblick alle Hebel einzusetzen! Hier kann jeder mithelfen! Wer auch nur einen Wahl⸗ trägen antreibt, zur Urne zu gehen, wer auch nur einen neuen Anhänger wirbt, verdoppelt und vervielfacht gewissermaßen seinen eignen Stimmzettel.

Hier geschieht noch viel zu wenig seitens der Einzelnen für die Partei! Hierin erblicke jeder seine Aufgabe für die nächsten Tage!

Vom guten Ton! In denOrd⸗ nungsblättern liest man täglich das Gezeter über den schlechtenTon der Sozialdemokraten. Aber die Amtsblätter hätten alle Ursache ihren Leuten, denGebildeten, eine anständigere Tonart anzuempfehlen. Man höre, was sich der Kirchenrechtslehrer Professor Dr. Wilhelm Kahl in einer Darmstädter Versammlung angutem Ton gegen uns leistete:

Vaterlandslose Gesellen vater- landslos terroristisch geistesknechtend Lügen Interessen der Arbeiter mit Füßen treten wüste Verhetzung Vergiften der politischen und öffentlichen Moral mit Ekel abwenden von den vaterlandslosen Gesellen beschmutzt unsere nationalen Heiligtümer Alles begeifert

und so geht's mit Grazie weiter. Gewiß ein nobler Ton; wir nehmen an, daß der

Herr in einer Markthalle gesprochen hat, sonst wäre uns dielebhafte Zustimm ung, die der Bericht verzeichnet, unerklärlich. Wie sagt doch Köhler⸗Langsdorf?Die meisten Professoren sind übergeschnappt! Liest man obige Schimpfereien, dann scheint auch Herr Kahl der Behandlung in einer Kaltwasser⸗ heilanstalt dringend zu bedürfen. Auch eine offene Unwahrheit spricht der Herr damit aus, die Sozialdemokratie habe gegen die Handelsverträge gestimmt. Wer so unwissend im politischen Leben ist, dürfte etwas bescheidener auftreten.

Am Wahltage kommen die Gießener Parteifreunde abends in der Wirtschaft Orbig zusammen, wo das Wahlkomitee die Wahlresul⸗ tate von hier einer Anzahl auswärtiger Wahl⸗ kreise bekannt geben wird. Es werden ca. 30 Wahldepeschen einlaufen. Es wird auch dafür Sorge getragen werden, daß die einlaufenden Resultate sofort in der Wirtschaft Löb bekannt gegeben werden können.

Wahlarbeit. Diesen Sonntag findet die Verbreitung des zweiten Fluglattes statt. Da auch die Stimmzettel eingelegt werden müssen, so werden zur Bewältigung der Arbeit viel 1 gebraucht. Unsere Freunde wollen sich recht zahlreich zur Verfügung stellen!

Aus dem Rreise gießen.

DieLiberalen hielten am Mittwoch abend in Großen⸗Buseck im Größerschen Lokale eine Wählerversammlung ab. Herr Metzler aus Darmstadt entwickelte das liberale Programm, richtiger, schimpfte / Stunden lang auf die Sozialdemokratie Am Schlusse empfahl er die Kandidatur Heyligenstaedt. Der spär⸗ liche Beifall bewies, daß die Liberalen hier alles ver⸗ loren haben. In der Diskussion sprach Genosse Beck⸗ mann aus Gießen. Als er ¼ Stunde geredet hatte, wollte der Bürgermeister, welcher den Vorsitz führte, ihm das Wort entziehen, aber die nach Hunderten zählenden Versammlungsteilnehmer gaben dies nicht zu und so konnte unser Genosse seine oft vom brausenden Beifall unterbrochene Rede fortsetzen. In einstündiger Ausführung geißelte Beckmann die Taten der National⸗ liberalen. Er beleuchtete ihre Stellung zum Zolltarif, und ihre sonstige arbeiterfeindliche Politik. Stürmischer Beifall wurde unserem Redner zu teil. Dann meldete sich Amtsrichter Wiener zum Wort. Er stammelte etwas von Millionen, welche die Arbeitgeber für den Arbeiter⸗ schutz aufbrächten, beschuldigte die Arbeiter, daß sie durch eigene Unvorsichtgkeit die Unfälle herb eiführten. Dann machte er in Patriotismus, erzielte aber damit keinen Erfolg, die Versammlung blieb kühl, als hätte er gar nicht geredet. Beckmann wollte erwidern, aber die Angstmeter machten so schnell wie nur möglich ihre Bude zu. Hier werden die Mischmaschleute keine Stim ren erobert haben. Ebensowenig in Mainzlar, wo auch am Mittwoch Abend Versammlung war. Dort sprach Herr Heyligenstädt selbst und ein Inspektor Wißmann. Herr Heyligenstädt beschäftigte sich be⸗ sonders mit den Zöllen, die sich nach seiner Ausicht auf dermittleren Linie bewegen müßten. Herr Wißmann nahm dann einigemale Anlauf sich in patriotische Be⸗ geisterung hineinzureden. die Versuche verunglückten aber scheußlich und die meisten Versammlungsbesucher grinsen höhnisch dazu. Dann ergriff Genosse Vetters das Wort. Er führte aus, daß Herr Heyligenstädt in seinem Programm zwar von der Handwerkersrettung rede, aber noch nicht erklärt habe, wie er sich das eigentlich denke welche Maßregeln er zur Hebung des Handwerks vor⸗ schlage. Hier verspreche er Unmögliches, obgleich gesagt, er verspreche nichts. Dann legte unser Genosse die Schädlichkeit der Zölle für das Volk dar, ging auf dem Militarismus, Duellunfug, Rechtspflege ꝛc. ein und empfahl unter lebhaftem Beifall die Wahl Krumms. Herr Heyligenstaedt erwiderte, konnte aber natürlich die Arc umente unseres Redners nicht obschwächen. Zum Schluß fragte Vetters, ob das liberale Komitee die niedrigen und ungerechtfertigten Angriffe im Gießener Amtsblatt veranlaßt habe. Herr Heyligenstaedt ant⸗ wortete, daß er darüber keine Auskunft geben könnte.

Aus dem Nreise Alssesd-Cauterbach.

*

o Alsfeld. In der liberalen Wähler-Versamm⸗

lung am Sonutag ergriff in der Diskussion unser

Kandidat Dr. Michels das Wort. Seine Aus⸗ führungen machten den besten Eindruck.

Aus dem Rreise Wetzlar.

Die Antisemiten haben es hier herrlich welt gebracht. Seit Jahren krebsen diese Leute

hier herum und arbeiten wie die Vandalen, um bei der Wahl zu siegen. Sie sind aber auf den Reuther gekommen. Au 16. Juni wird auch ihnen endlich

die Ueberzeugung aufdämmern, daß sie sich tot gesiegt

haben. Hat doch keine von allen anderen Parteien im Wahlkreise auch nur im entfernteften eine so feige und pöbelhafte Kampfes weise, als die antisemttische. In Wismar, am 3. Pfingstfeiertag, schloß der teutsche Mannesheld Reuther schleunigst die Versammlung, damit Genosse Bartels nicht zum Wort kam. Urteutsch, nicht war? Ein Bißchen anders, aber nicht besser machte er(Reuther) es in Steindorf. Wohl oder übel gab er Genosse Bartels/ Stunde Redezeit. Dann ant⸗ wortete er ihm so lange, bis seltsamerweise die Ortsuhr 10 Minuten zu früh 12 Uhr schlug, Reuther die Ver⸗ sammlung schloß und Bartels keine Gelegen heit mehr hatte, ihm die Episteln das zweite Mal zu lesen.

So etwas konnten die Erzpächter des Deutschtums in Wetzlar nicht riskieren. Am Sonntag, den 7. Juni im Schützengarten, waren sie ja nicht wie sonst, im Kreise ihrer Freunde. Da haben sie immer Riesen⸗ kourage, da leisten sie sich an klotzigen Verdrehungen und Verleumdungen irgend einer Person, was nur das Zeug hält. Also die zu 5/0 von unseren Genossen besuchte Versammlung cröffnete der ber-ühmte Reuther recht kleinlaut, bescheiden und anständig, was ihm (wer ihn kennt, weiß es) sichtlich schwer fiel. Er drohte nicht, wie in Wismar, den eventuellen Ruhestörer der Staatsanwaltschaft weden Hausfriedensbruch zu denun⸗ zieren, sondern garantierte den Gegnern ins gesamt eine Stunde Redezeit. Und nun legten die 3 Mann hoch los. Als erster bester und schönster der Kandidat, Dr. Giese, welcherauf 2 Tage das Wetter im

Voraus bestimmen kann und Profsessor hätte werden

können, wenn er nicht so deeutsch gewesen wäre. Ihm folgt ein alter Tapeziermeister Ohlenschläger aus Frankfurt, der zwar ein sachlicher, aber auch ein⸗ schläfender Sänger für den Besähigungsnachweis ist. Trotzdem verdient er ernster genommen zu werden(und das will viel sagen) als Dr. Giese, dessen Reden plät⸗ schern, wie ein trüber Bach. Zwar spricht er kein Wort von den schweren politischen Gefahren und Lasten, die das deutsche Volk bedrohen, dafür kopierte er wie ein schlechter Komiker, den Mauscheljargon, kennt nur die Juden gefahr, wettert gegen die Reichsschulden, tritt für Heer und Marine ein und nennt die Opfer des Klassenurteils in Löbtau, Löbtauer Tot⸗ schläger. Das zeigt die Dreistigkeit(um nicht mehr zu sagen), mit der diese Leute Arbeiterstimmen fangen wollen. Das zeigt aber auch, wie es in diesem politi⸗ schen Kindskopfe aussieht. Der Mann ist dergeistige Leiter der teutschen Reform⸗Partei.

Genosse Bartels zeigte ihm, was nötig war. Wie Peitschenhiebe schlug er dem Kandidaten seine er⸗ bärmliche Kampfesweise, Verdrehungen und die schein⸗ heilige, verlogene Politik seiner zerfahrenen, armseligen, antisemitischen Kinderpartei um die Ohren. Er stellte die Gesellschaft, und bereitete ihr eine Niederlage, wie sie gründlicher ihnen nicht mehr werden kann. Auch dem Abgeordneten Bindewald schenkte er Nichts, der zuerst den Sachlichen und Ruhigen markierte, dann aber in die echt antisemitische Radau Kampfes weise verfiel. Die Leute können nicht anders. Und wieder zeigte sich Reuther in seiner ganzen Größe. Anstatt wie versprochen, dem Gegner 1 Stunde Redezeit zu geben, nahmen Giese und Bindewald, eine, ja halbe Stunde in Anspruch. Eine solche Partei verdient zu Grunde zu gehen und der 16. Juni wird der Anfang vom Ende sein. Das ist gewiß!

Den nächsten Tag, Montag, folgte eine national⸗ liberale Versammlung, am Dienstag eine von der christ⸗ lichen Arbeiterpartei, deren Kandidat erklärte, sich dem Zentrum als Hospitant anschließen zu wollen.

Von unserer Seite sprach am Montag Gen. Habicht aus Frankfurt, am Dienstag Gen. Bartels.

Die Kampfesweise dieser beiden Parteien steht im angenehmen Gegensatz zur antisemitschen Radaupartei. Es gelang aber auch hier unseren beiden Genossen der⸗ artige Erfolge für uns sachlich zu erkämpfen, daß wir in Wetzlar wirklich keine eigene Versammlung mehr nötig haben.

Der Bezirk Altenkirchen hatte bisher für uns wenig an Ausbeute gegeben. Gerade deshalb hat Gen. Bartels seine Hauptarbeit nach dorthin verlegt. Er folgt an 2 Abenden hintereinander dem nationallib ralen Herrn Krämer und dessen rednerischer Beistand Dr. Fetzer. Dr Partei der mittleren Linie hielt er ihre Drehscheibenpolitik auf sozialem und anderem Gebiet gründlich vor. In Daaden, das sich zu einer Hoch⸗ burg für uns zu entwickeln scheint, war der Beifall und Erfolg ein unumstrittener.

In Weitefeld, das wie Daaden auch zum größten Teil von Berg⸗ und Hüttenarbeitern bewohnt ist, be⸗ ging Herr Krämer die Unklugheit, sich über die An⸗ wesenheit eines sozialdemokratischen Agitators zu be⸗ klagen. Alles war infolgedessen,(weil so was noch nicht dagewesen) gespannt und lauschte den Ausführungen unseres Genossen Bartels mit seltener Aufmerksamkeit und spendete ihm reichen Beifoll.

Auch dem christlichen Arbeiterkandidaten Breidebach folgte er nach Altenkirchen und Kirchen.

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