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Nr. 24.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
demokratischen Hörer den christlichen Sozial- demokratie ebenso hoch einschätzen als den atheistischen.
Lob der Sozialdemokratie aus geist⸗ lichem Munde.
Gegenüber den Bemühungen der Gegner, bei den Wahlen den Leuten vorzumachen, die Sozialdemokratie habe nichts geleistet, set an die Rede des Zentrumsabgeordneten Reeb in der vayrischen Abgeordnetenkammer erinnert. Dieser katholische Geistliche hat nämlich erklärt:
... Die Sozialdemokratie geht im allgemeinen darauf aus, daß sie den Mitgliedern des vierten Standes ihre Lebensstellung und ihre Lebens⸗ haltung zu verbessern sucht. Sie geht darauf aus— das ist ihre Tendenz— die Arbeiter zu heben und zu schützen gegen die Uebermacht des Kapitals..... Ich meinerseits betrachte schon längst die Sozialdemokratie nach dem, was sie leistet und, meine Herren, geleistet hat sie schließlich doch auch schon etwas, sie war hinter den andern Parteien her und hat sie gedrängt, die Sozialreform ener⸗ gischer in Angriff zu nehmen und das Menschen⸗ mögliche durchzuführen 0 f
Gewissen Leuten scheint allerdings diese Rede des Herrn Professors Reeb völlig aus dem Gedächtnis entschwunden zu sein, sonst würden sie nicht mit so einfältigen Märchen hausieren gehen.—
Religionsmißbrauch. zu Wahlzwecken.
Fürstbischof Kopp in Breslau hat einen Hirtenbrief an seine Gläubigen erlassen, in dem er sie vor den sozialistischen und polnischen Zeitungen warnt. Direkt wird zwar nicht von Zeitungen und Schriften dieser Parteien gesprochen, aber sie werden doch genau um⸗ schrieben. In Oberschlessien ist es auch, wo für die Wahl der Zentrumsleute Messen ge⸗ lesen werden und gebetet wird.
Opfer unseres Kampfes.
Der Vorwärts stellte neulich die Strafen zusammen, die über unsere Parteigenossen in den letzten fünf Jahren wegen politischer Sün⸗ den verhäugt wurden. Natürlich stehen alle diese Straftaten im Zusammenhang mit unserer Bewegung. Es wurden in dieser Zeit über Sozialdemokraten verhängt:
Elf dreiviertel Jahre Zuchthaus, 275 Jahre Gefängnis undüber hunderttausend Mk. Geldstrafe.
Rechnet man die Klassenurteile von Löbtau und Herne dazu, so erhöht sich das
Zuchthauskonto auf 64 Jahre und das
Gefängniskonto auf 300 Jahre.
Welche Summe von Krankheit, Elend und Verzweiflung drückt sich in diesen furchtbaren Zahlen aus! Aber den Geist des Sozialismus wird man trotzdem nicht ertöten können.
Arbeitsverhältnisse in sozialdemokratischen Betrieben.
Ein faules Wahlmannöver wurde in den letzten Tagen von der liberalen und der Reptil⸗ und Pfaffenpresse versucht. Jene Blätter hatten aus einem Versammlungsbericht des wegen seiner„anständigen“ Kampfesweise gegen unsere Partei bekannten Korrespondenten der Buchdrucker eine fulminante Anklage gegen den Vorwärts⸗ Betrieb wegen„Lohndrückerei“ geschmiedet. Die Freude dauerte nicht lange über diese große Entdeckung, denn der Vorwärts weist nach, daß von dem Personal weder beim Arbeiterausschuß, noch bei der Geschäfsleitung irgend eine Klage oder ein Wunsch erhoben wurde.
Ferner stellt der Vorwärts durch Veröffent⸗ lichung der Lohnziffern fest, daß die Behaupt⸗ ung der Lohndrückerei eine bewußte Un⸗ wahrheit ist, da kein einziger Setzer oder Maschinenmeister— bei acht stündiger Arbeits⸗ zeit— im Vorwärts⸗Betriebe zu dem im Minimaltarif ausbedungenen Minimallohne beschäftigt ist sondern daß sie alle höher be⸗ zahlt werden, als der Tarif vorschreibt.
Dieser Feststellung gegenüber gesteht sogar das führende rheintsche Zentrumsorgan, die Köln. Volkszeitung zu:
„Der Vorwärts bestreitet die Angaben des Korrespondent(Verbandsorgan der deutschen Buchdrucker und Schriftgießer) über die Ver⸗ hältnisse in seinem Betriebe. Insbesondere erklärt er die Behauptung, daß die Löhne so tief wie möglich gedrückt würden, für eine be⸗ wußte Unwahrheit. Die zahlenmäßigen Angaben, die er über die Löhne macht, lassen aller⸗ dings einen Vorwurf in dieser Hin⸗ sicht als durchaus unbegründet er⸗ scheinen. Auch was der Vorwärts sonst zur Rechtfertigung seines Betiebes vorbringt, klingt ganz plaustbel.“
Geradezu unerhört ist es, wenn Blätter, wie die beiden Wetzlarer über die Arbeits⸗ verhältnisse im„Vorwärts“ reden wollen! In deu Druckereien dieser Blätter, wurde bis vor Kurzem noch nicht einmal tarifmäßig be⸗ zahlt und auch sonst waren ihre Arbeitsver— nisse durchans mangelhaft.
Pon Nah und Fern.
Gießener Angelegenheiten.
— Wahlbezirke der Stadt Gießen. Im Nachstehenden teilen wir die Einteilung der Wahlbezirke für die Stadt Gießen mit. Es empfiehlt sich für unsere Genossen, die Einteilung auszuschneiden und aufzuheben, da⸗ mit sie am Dienstag vorkommenden Falls Auskunft erteilen können.
1. Wahlbezirk. Wahllokal: Turnhalle der höheren Mädcheuschule.
Asterweg, Ederstraße, von Licherstraße 65, Kaserne II, Marburgerstraße, Rodtberg, Schillerstraße, Schottstraße, Steinstraße, Walltorstraße 23—81, Weserstraße und Wiesecker Weg.
2. Wahlbezirk. Wahllokal: Turnhalle des Realgymnasiums.
Bergstraße, Bismarckstraße, Bruchstratze, Erdkauter⸗ weg, Goethestraße, Grünbergerstraße ohne die Nr. 116, Gutenbergstraße, Hessenstraße, Keplerstraße, Landmann⸗ straße, Licherstraße ohne die Nr. 65, Ludwigstraße Nr. 1 bis 41, Nahrungsberg, Schiffenbergerweg, Stephanstraße, Wolfstraße und Gemarkung Schiffenberg mit Baumgacten.
3. Wahlbezirk. Wahllokal: Turmhaus am Braud.
Auf der Bach, Brandgasse, Brandplatz, Braugasse, Diezstraße, Hundsgasse, Kaplaneigasse, Kanzleiberg, Kirchenplatz, Landgrafenstraße, Lindengasse, Lindenplatz, Moltkestraße, Neuen Bäue, Neuer Weg, Ostanlage, Schloßgasse, Schulstraße, Senkenbergstraße, Wagengasse, Walltorstraße 1— 22, Wiesenstraße und Zozelsgasse.
4. Wahlbezirk. Wahllokal: Turnhalle der Stadtknabeuschule.
Burggraben, Dammstraße, von der Grünbergerstraße die Nr. 116, Kaplansgasse, Katharinengasse, Kirchstraße, Kreuzplatz, von Licherstraße 65 Kaserne I. Mäusburg, Marktplatz, Marktstraße, Nordanlage, Rittergasse, Wetter⸗ gasse, Wetzsteingasse und Wetzsteinstraße.
5. Wahlbezirk.
Wahllokal: Schulhaus in der Neustadt.
Hammstraße, An der Hardt, Kornblumengasse, Krof⸗ dorfer Straße, Lahnstraße, In Löbers Hof, Große und Kleine Mühlgasse, Neustadt, Oswaldsgarten, Rodheimer⸗ straße, Sandgasse, Schanzenstraße, Schützenstraße und Tiefenweg.
6. Wahlbezirk. Wahllokal: Bürgermeistereigebäude.
Dreihäusergasse, Eichgärten, Eichweg, Exlengasse, Gartenstraße, Johannesstraße, Löberstraße, Löwengasse, Lonystraße, Ludwigsplatz, Maigasse, Plockstraße, Roon⸗ straße, Seltersweg, Sonnenstraße, Großer Steinweg, Südanlage, Teufelslustgärtchen und Weidengasse.
7. Wahlbezirk. Wahllokal: Turnhalle der Stadtmädchenschule.
Alicestraße, Bahnhofstraße, Bleichstraße, Frankfurter⸗ straße 1— 20, Grabenstraße, Liebigstraße 1— 21, Westanlage, Hinter der Westanlage und Wolkengasse.
3. Wahlbezirk. Wahllokal: Sälchen der Gastwirtschaft „Zur Seltershöhe“.
An den Bahnhöfen, Crednerstraße, Ebelstraße, Frank⸗ furterstraße 21, bis Schluß, Hillebrandstraße, Hofmann⸗ stratze, Klinikstraße, Leihgesternerweg, Liebigstraße 22 bis Schluß, Ludwigstraße 42 bis Schluß, Mittelweg, Riegelpfad, Wetzlarer Weg und Wilhelmstraße.
B. Sozialdemokratische Wählerversamm⸗ lung in Gießen. Obgleich unsere Partei in Gießen die stärkste ist, obwohl sie die politische Vertretung der Hälfte der Levölkerung darstellt, steht ihr keiner der größeren Versammlungssäle zur Verfügung. Das Wahlkomitee hatte deshalb auf Samstag Abend eine Wählerversammlung in die Lokalitäten und den Garten des„Wiener Hofs“ einberufen und obgleich eine recht
kühle Temperatur eingesetzt hatte, war die Versammlung überaus stark besucht, der Garten war gedrängt voll,
sogar die Johannesstraße war dicht besetzt. war Abg. Ulrich von Offenbach erschienen.
Genosse Orbig wies bei Eröffnung der Versamm⸗ lung auf die gemeine Kampfesweise des hiesigen Amts⸗ blattes hin, die angesichts der bevorstehenden Wahl ihren Gipfelpunkt erreiche. Vor allem müsse er die letzte Auslassung des Amtsblattes, wonach Sozialdemokraten gegnerische Versammlungen gestört hätten und daß dies auch in Gießen zu erwarten sei, energisch zurückweisen. Ihm(Orbig) sei ein derartiger Fall nie bekannt ge⸗ worden, obwohl er seit einem Menschenalter inmitten der Arbeiterbewegung stehe. Derartigen Schwindel und solche Unflätigkeiten könne nur ein Mensch schreiben, der die Arbeiterbewegung überhaupt nicht kennt oder aber derartige Beschimpfungen gegen Bezahlung leisten müsse. Darauf nahm Genosse Ulrich⸗Offenbach das Wort zu nahezu 1¾ stündiger Rede. Eingangs derselben geißelte er ebenfalls das Verhalten der hiesigen„Liberalen“. Für einen Amtsblattredakteur sei es ein Leichtes, aus sicherer Redaktions stube seine unsauberen Geschosse auf die Arbeiterschaft abzugeben, in öffentlicher Versammlung aber Rede und Antwort zu stehen, dazu sei diese Gesell⸗ schaft zu feige. Er erhebe den Vorwurf der Feigheit so lange, als diese nicht hier in Gießen eine öffentliche Versammlung mit voller Redefreiheit einberiefen. Gen. Ulrich ging darauf in ausführlicher klarer Weise auf den Zolltarif ein. Er wies die Wertlosigkeit des neuen Zolltarifs zum Abschluß uns günstiger Handelsverträge in überzeugender Weise nach. Selbst die Nationalliberalen hätten in ihrem Wahlaufruf darauf hingewiesen, daß es der Regierung nicht möglich sei, auf Grund dieses Zolltarifes Handels verträge abzuschließen. Das seien dieselben Leute, die zusammen mit den Konservativen, dem Zentrum und Agrariern unter Bruch der Geschäfts⸗ ordnung und Vergewaltigung der Minderheit diesem Zolltarif im Reichstage zur Annahme verholfen habe. Diesen Leuten sei es heute angesichts der Wahlen äußerst unbehaglich zu Mute. Von der Regierung erwarteten sie das erlösende Wort: eine Wahlparole. Diese schweige sich jedoch aus, denn sie befindet sich selbst in der Klemme. Ihr wäre eher eine Reichstagsmehrheit, die sich gegen das Agrariertum richte, sehr erwünscht. Was habe man sich von diesem Zolltarif versprochen! Es wäre leicht, mit Oesterreich, Rußland usw. neue Verträge abzuschließen. Bis jetzt höre man davon noch nichts. Wäre es der Regierung gelungen, Verträge abzuschließen, so würde die offizielle und offiziöse Presse es längst jubelnd verkündet haben. Man habe es nicht gewagt, auch nur einen Vertrag zu kündigen, was bereits am 31. Dezember v. J. hätte geschehen müssen. Hätte man dies getan, so wären Zollkriege mit allen bisherigen Vertragsländern eine unausbleibliche Folge. Einzelne Industriezweige würden bei einem Zollkriege nahezu ruiniert. Die Lederindustrie, die ihren Hauptabsatz in Rußland habe, die Kleineisenindustrie wären bei einem Zollkriege mit Rußland vollständig lahmgelegt. Die Folgen seien Arbeitslosigkeit, durch diese bedingt Lohndrückerei, die wiederum geringeren Verdienst des Bauernstandes wie der kleinen Ge⸗ schäftsleute und des Handwerkerstandes bedeute. Die Verwirklichung des Zolltarifs würde die Groß⸗ industrie zur Syndikats- und Kartellbildung veranlassen, was nichts anderes als Ausbeutung der Nation bedeute. Das nennt man dann„Schutz der nationalen Arbeit“. Zum„Schutz der nationalen Arbeit“ haben sich auch Großgrundbesitz und Großindustrielle gegenseitig die Zölle bewilligt. Daß den Kleinbauern der Zollschutz nicht helfe, sei bewiesen dadurch, daß er ihnen trotz 20 jährigen Bestehens eine Besserung ihrer Verhältnisse nicht gebracht habe. Er lege ihnen nur neue Lasten in Gestalt der Zölle auf künstlichen Dünger, Kraftfutter⸗ mittel usw. auf. In weit glücklicherer Positionen be⸗ fänden sich dagegen die Großgrundbesitzer; die Familie der Puttkamer, die noch lange nicht den größten Grund⸗ besitz ihr eigen nenne, würde bei Inkraftsetzung der erhöhten Getreidezölle jährlich 150000 Mk. Mehrein⸗ nahme zu verzeichnen haben. Der Tacif würde über⸗ haupt den Großindustriellen und Junkern zu Gute kommen. Diese letztere Kaste wäre schon lange nicht mehr existenz⸗ fähig, würde sie nicht durch Staatshil'e(Zuckerprämien, Branntweinsteuer usw.) aufrecht erhalten.
Wie vor Jahrhunderten müßten auch heute noch Arbeiter und Kleinbauern der Junkerschaft in Form der indirekten Besteuerung frohnden. Redner geht auf die Forderungen unseres Programms näher ein und charakterisiert dabei insbesondere den Militarismus und Marinismus, der dem Volke die größten Lasten auferlege, und unter dessen Forderungen alle Kultur arbeit erst'cke. Ulrich betont weiter, wie minimal die Leistungen unserer Versicherungsgesetze seien; von den Gegnern werde stets auf die eine Million, die das Reich täglich für Versicherungszwecke aufwende, mit vielem Nachdruck hingewiesen. Daß daran 18 Millionen Versicherte partizipieren, verschweige man geflissentlich. Mit 33 Pfg. pro Tag könne ein Mensch gerade ver— hungern. Redner geht auf die Reichsfinanzreform des Näheren ein. Unter einer solchen verstehe man in den Kreisen unferer Gegner neue Steuern, Bler—
Als Redner
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