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Mtteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 24.

stattgefunden hat, jedoch sind die Zahlen etwas übertrieben.

Ich muß Ihnen dazu aber ferner mit⸗ teilen, daß diese Hochzeit nicht der Landwirt⸗ schaft zuzuschreiben ist, denn die reiche Braut ist eigentlich nicht Land⸗ wirtin, sondern betreibt eine kleine Landwirtschaft mehr aus Lieb⸗ 1 98 als Rentnerin nur so neben⸗

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Der Bräutigam war ein nicht sehr bemit⸗ telter Gastwirt. Er hatte sehr viele Bekannte. Um nun diesen seinen Bekannten seine jetzige Stellung mal zu zeigen, so wurde diese Hochzeit mehr wie gewöhnlich. Was übrigens die Sache mit den Musikanten betrifft, so kosten einfach diese den Bräutigam kein Geld, da diese nach altem Brauch von den Gästen, die tanzten, selber bezahlt wurden. Es waren 30 Musikanten da.

Hochachtungsvoll! Ganter, Gemeinde-Vorsteher.

Und nun eröffnet das Organ des Schnaps⸗ abgeordneten eine fürchterliche Schimpfkanonade gegen uns. An der Hand jener Auskunft des Gemeindevorstehers sucht Hirschel unsere ganze Verderbtheit nachzuweisen und darzutun, mit welchem Hasse die Sozialdemokratie den Bauernstaud verfolgt. Weiter wird gesagt, wir hätten diesen ArtikelNot der Landwirt⸗ schaft überschrieben, um dieahnungslose Bauernschaft in unsere Netze zu fangen. Eine tolle Logik! Erst sollen wir den Bauernstand mit unseremHasse verfolgen, dann ver⸗ suchten wir ihneinzufangen! Eine Behaup⸗ tung ist natürlich so eselhaft wie die andere. Weder hassen wir den Bauern denn da müßten wir uns ja selbst hassen, viele Bauern gehören zu unserer Partei und wohl die meisten unserer Genossen stammen vom Lande und sind mit Bauern verwandt noch suchen wir den Bauernstandeinzufangen. Denn mit dem Einfangen ist nichts getan das haben wohl die Antisemiten schon bei ihrer Agitation er⸗ fahren nein, Aufklärung schaffen wir unter den Bauern und das sichert uns den Erfolg.

Doch kommen wir auf das Schreiben des Gemeindevorstehers zurück. Was beweist es? Daß unsere Notiz in der Hauptsache auf Wahrheit berubt! Und es war sehr freundlich von Herrn Köhler, daß er sich be⸗ mühte, die Wahrheit unserer Angaben zu er⸗ härten. Denn ob 30 oder 35 Mann Musik aufspielten, darauf kommt es wirklich nicht an. Etwas anderes wäre es schon, wenn der Nach weis erbracht würde, daß die Beteiligten nicht zu Landwirtskreisen gehören. Der Bräutigam soll Gastwirt sein, die Braut Rentnerin und ausLiebhaberei Landwirtschaft treiben. Merkwürdig. Kommt uns einigermaßen ver⸗ dächtig vor. Nicht der Gastwirt, aber daß ein junges Mädchen ausLiebhaberei Landwirt⸗ schaft treiben soll. Dann kommt es doch dar⸗ auf an, was waren die Eltern der Braut⸗ leute? Wir wollen doch auch mal darüber Erkundigungen einziehen und sehen, was sich da herausstellt.

Wie kommt aber Hirschel dazu, uns Lüge vorzuwerfen? Haben wir nicht die Quelle an⸗ gegeben, der wir diese Notiz entnahmen? Und kann man annehmen, daß in einem weltent⸗ legenen Dorfe Oldenburgs ein Mädchen Land⸗ wirtschaft aus Liebhaberei treibt?

Was veranlaßte uns denn, diese Notiz ab⸗ zudrucken? Wir sind gewiß nicht böse darüber, wenn da mal bei einer Bauernhochzeit Aufwand gemacht und Ueppigkeit entfaltet wird. Man soll dann aber auch nicht das Geschrei von der Not der Landwirtschaft übertreiben, sie ist für diejenigen, welche die Agrarter als Bauern angesehen wissen wollen, wirklich nicht so schlin m, als die Hirschel und Konsorten uns glauben machen wollen. Uebrigens gingen ähnliche Mitteilungen schon öfters durch die Presse, wir haben keine Notiz davon genommen, weil wir sie nicht für wichtig genug hielten. Erst Ende Januar wurde berichtet, daß auf dem Ball des landwirtschaftlichen Kasinos in Brühl bei Köln ein fabelhafter Aufwand

getrieben worden sei. Und jetzt geht der Brief eines ostelbischen Grundbesitzers durch die Presse, in dem es unter anderem heißt:

M., den 19. Nov. 1902.. Die Ernte war ja an und für sich miserabel, d. h. was das Wetter anlangt; sonst war sie recht gut. Roggen habe ich in der Ernte per Dampf ca. 850 Centner gedroschen, davon 700 Centner zu 136 Mk. verkauft, also noch einen recht guten Preis bekommen; ich werde im ganzen 1000 Centner davon haben. Weizen habe ich noch weiter nichts wie zur Saat gedroschen, vom anderen Getreide eben⸗ falls nur das Nötige, denn Geld gebrauche ich momentan nicht. Im Herbst habe ich alles sehr zeitig zugesät, und zwar gedrillt, so daß meine Saaten sehr gut aussehen; es sind ca. 100 Centner Roggen und 40 Centner Weizen gedrillt. Zugepflügt habe ich auch schon; nun gehts ans fette Leben. Meine Ausgaben waren im letzten Jahre ja sehr groß, sonst hätten wir schon ca. 4000 Mk. zurücklegen können, aber Schulden habe ich auch keinen Pfennig; be⸗ zahlt ist alles. 6000 Mk. habe ich für Inventarvermehrung ausgegeben, nur für Sachen, wovon ich bisher nichts hatte und alles ist rein aus der Wirtschaft bezahlt; dazu kommen 5000 Mk. Leutelohn ohne Verköstigung, 5000 M. Hypothekenzinsen und wir haben auch noch gut gelebt. So eine Landwirtschaft bringt viel Geld, wenn man's versteht.

Möglich, daß Hirschel den Brief als Schwin⸗ del erklärt, wie alles, was ihm nicht paßt; für dieLiberale Korrespondenz, die das Schreiben veröffentlichte, wäre es aber ein bischen viel gewagt, derartiges etwa selbst zu fabrtzieren.

Uebrigens hielten wir es auch für ganz angebracht, dies Artikelchen abzudrucken, weil es ja Herr Hirschel immer für gut findet, von dem Schlemmerleben, was die Arbeiter an⸗ geblich führen sollen, in den Bauernversamm⸗ lungen zu erzählen. Wenn Herr Hirschel von sozzischer Lügenbande spricht, so sollte er doch lieber sich und seine Partei etwas genauer betrachten. Als sein Genosse Reuther den Pfarrer Volk in Heddersbach verklagte, wurde er mit seiner Klage abgewiesen. Das Gericht erklärte, es sei erwiesen, daß Reuther keinen Glauben verdiene. Dem antisemitischen Abg. Wer ner sagte das Gericht in Kassel in den Urteilsgründen im Prozeß Werner⸗Erdmannsdörfer:

Denn das Ableugnen dieses Verkehrs (Werners mit den jüdischen Parlaments- jomnalisten Hamburger D. R.) war tatsächlich eine bewußte Unwahrheit und unter Lüge ist nichts anderes zu verstehen.

Herrn Werner wurde aber gerichtlich be⸗ scheinigt, daß er gelogen habe.

Und schließlich hat Hirschel wiederholt die Tatsache abgeleugnet, daß er die Arbeiter alsLumpenzeug bezeichnet hat. Wer lügt?

Politische Rundschau.

Gießen, den 11. Juni.

Das Reichstagswahlrecht ist in Gefahr!

Von jeher war den Herrschenden und Be⸗ sitzenden das Reichstagswahlrecht, nach welchem der Minderbemittelte und Besitzlose mit dem Geldsack gleichberechtigt ist, ein Stein des An⸗ stoßes und wurde es je mehr, je besser die be⸗ sitzlosen Klassen ihre Lage erkannten und dem⸗ gemäß stimmten. Die Organe der Konserva⸗ tiven, Nationalliberalen und auch Antisemiten haben sich wiederholt dagegen ausgesprochen. Mit brutaler Deutlichkeit sprach sich zur Zeit der Zollkämpfe im Reichstage das offizielle Organ der sächsischen Konservativen, dasVater⸗ land gegen das Wahlrecht aus. Es erklärte damals:

Ein Wandel zum besseren läßt sich erst wit der Beseitiguug eines Wahl⸗ rechtes herbeiführen, das der urteil 8⸗ losen großen Masse das Uebergewicht bei der Berufung unserer Volksvertreter in die Hand gibt. Noch hat dieser alleinrettende

Gedanke nicht die allgemeine Zustimmung gefunden; außer den verschiedenen Demokraten will auch das Zentrum zu einer Revision des Wahlgesetzes in der angedeuteten Richtung sich nicht verstehen, aber schließlich wird die fortschreitende Entwicklung unserer politischen Verhältnisse auch die Widerwilligsten bekehren, und dann werden auch die ver⸗ bündeten Regierungen die notwendige Verfassungsänderung vornehmen müssen.

Ebenso schrieb das Hauptblatt der Na⸗ tionalliberalen vor mehr als 10 Jahren:

Ueber keine Frage besteht in den gebildeten

Klassen eine solche Einmütigkeit des Urteils, wie über die der Verwerflichkeit des allgemeinen und gleichen Stimm⸗ rechts. Unser Reichstagswahlrecht hat wohl noch blinde Verehrer, aber keine verstands klare Verteidiger.

Und was sagte der frühere nationalliberale Abg. Jöckel, der Parteigenosse des Herrn Heyligenstädt, im hessischen Landtage?

Ich sage ganz einfach: einem Manne,

der nach der Richtung von äußeren Einflüssen und wirtschaftlichen Verhältnissen abhängig ist, dem gebührt überhaupt kein Wahlrecht. Das ist kein selbständiger Mann, kein freier Mann, der hat kein Wahlrecht.

Und jetzt meldet ein Dresdener Vorort⸗ Blatt, daß eine Organisation im werden begriffen sei, welche sich die Beseitigung des Reichstagswahlrechts zum Ziel gesetzt hat. Für diesen edlen Zweck wird bereits zur Leistung von Geldbeiträgen aufgefordert. Dis muß für die Wähler eine Mahnung sein! Keinen Kan⸗ didaten die Stimme gegeben, der in dieser Be⸗ ziehung nicht zuverlässig erscheint! Zuverlässig sind aber nur die Sozialdemokraten!

Die Armen haben kein Recht.

In Ehrenfeld bei Köln sind nicht weniger als 306 Wähler ihres Wahlrechts verlustig gegangen, weil sie im letzten Jahre Armen⸗ unterstützung bezogen haben. Genau so liegt es auch an anderen Orten; die Zahl derjenigen, die auf diese Weise des Wahlrechts verlustig gehen, ist durchaus nicht gering. Diese Aermsten sind nicht schuld an ihrem Elend, sondern die heutige Gesellschaftsordnung. Aber wer arm ist, muß auch rechtlos sein das ist immer so gewesen! Eine ungerechtere Bestim⸗ mung wie diese, die die Armut mit Entziehung der wenigen Rechte bestraft, gibt es wohl kaum.

Religion und Sozialdemokratie.

Für die Stellung der Sozialdemokratie zur Religion ist es interessant zu erfahren, mit welchen Worten Genosse Göhre seine Wahl rede in Frankfurt a. O. begann. Dort war Göhre früher als Pastor tätig und knüpfte an diese seine Tätigkeit an, als er ausführte:

Sie begreifen, daß ich ein besonders starkes Empfinden habe, wenn ich heute gerade in Frankfurt a. O. zugunsten meines Freundes Braun iu die Wahlbewegung eingreifen soll. Vor sechs Jahren stand ich am hiesigen Orte noch anf der Kanzel, heute bin ich ein Vertreter der Sozialdemokratie, die man seit vierzig Jahren haßt, verfolgt und unterdrückt. Welcher Unterschied! Und doch bin ich derselbe geblieben, der ich war. Heute wie vor zehn Jahren bleibt meine Ueberzeugung in religiöser Beziehung dieselbde. Wie unwahr die alte Fabel von der Religionsfeindlichkeit der Sozialdemokratie ist, des bin ich lebendiger Zeuge. Mir hat meiner religiösen Ueberzeugung wegen noch keiner meiner Parteigenossen ein Haar gekrümmt. Wie die Sozialdemokratie in wirtschaftlicher Beziehung reformieren will, so will ich auch reformieren in religiöser Be⸗ ziehung, bis endlich die wahre Religion der Bruderliebe zum Siege kommt. Wenn Ihnen wieder einmal die Fabel der Religionsfeind⸗ schaft der Sozialdemokratie vorgehalten wird, so denken Sie an Paul Göhre, der stolz ist, Christ zu sein und stolz darauf, Sozial⸗ demokrat zu sein. Und ich bin stolz darauf, wenn auch mancher, der früher den Hut zog, verachtungsvoll zur Seite blicken mag.

Stürmischer Beifall folgte diesen Worten. Er gab einen Beweis dafür ab, daß die sozial⸗