Ausgabe 
14.6.1903
 
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Nr. 24.

Gießen, den 14 Juni 1903.

10. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

Nedaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

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gs⸗Zeitung.

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Auf zum Kampf!

Wohlan, wer Recht und Wahrheit achtet, Zu unsrer Fahne steht zu Hauf!

Nur noch wenige Tage sind es, bis die Wahlentscheidung fällt. Ein für das ganze Volk und für jeden Einzelnen hoch wichtiger Tag! Möge jeder Angehörige des arbeitenden, minderbemittelten Volkes die Be⸗ deutung der Reichstagswahl erkennen!

Vieles steht auf dem Spiele. Wir können das alles heute nicht mehr weitläufig erörtern, höchstens nur flüchtig andeuten. Die wichtigeren politischen und wirtschaftlichen Fragen sind ja oft genug in unserem Blatte eingehend behandelt worden und jetzt ist es an dem Wähler, der nicht zu denGroßen, zu denoberen Zehntausend gehört, sein Interesse zu erkennen und wahrzunehmen!

Nieder mit den Volksfeinden! muß unsere Losung sein.

Wieder buhlen Nationalliberale, Agrarier, Antisemiten, Zentrumsleute ꝛc., die das ihnen von betörten Wählermassen übertragene Volks⸗ vertretungs-Mandat in schnödester und ge wissenlosester Weise mißbraucht haben, um die Stimmen des Volks. Und wie gewöhnlich ge⸗ berden sie sich dabei auch jetzt wieder als die wahren Freunde des Volkes, als dieechten Patrioten, als die staatserhaltenden Politiker. Wir lesen und wir hören ihre heuchlerischen Tiraden daß es gelte, diehei⸗ ligsten Güter der Nation und diegeheiligten Grundlagen der Gesellschaftsordnung, die Religion, die Ehe, die Familie, das Eigentum 2c., gegen denUmsturz, gegen deninneren Feind, d. h. gegen die Sozialdemokra⸗ tie, zu verteidigen.

Wird das Volk in seiner großen Mehrheit, als arbeitende Volk, aus den schlimmen Er⸗ fahrungen, die es besonders in den letzten Mo⸗ meten mit derOrdnungspolitik machen mußte, die eadlich die entscheidenden Lehren ziehen? Werden die vielen Lohnarbeiter, Kleingewerbe⸗ treibenden, Landleute, Beamte ꝛc. nunmehr gelernt haben, die wahren und wirklichen inneren Feinde zu erkennen?

Diejenigen, welche, pochend auf die Herr⸗ schaft der Besitzübermacht, die Armut, das Elend der arbeitenden Ma sse für etwas

Selbstverständliches, jaNotwendiges halten

und rücksichtslos die Volkskraft ver wüsten, um schnöder Profitsucht zu genügen, sie sind Volksfeinde!

Die Wucherzöllner aller Schattierungen, die dem werktätigen Volke das Brot und sonstige notwendige Konsumartikel verteuern um per⸗ sönlicher Vorteile willen; die das Volk durch eine ungerechte Zoll⸗ und Steuer- politik, durchLiebesgaben usw. sich tribut⸗ pflichtig machen begehen Verbrechen wider das Volk!

Die Militär⸗Fanatiker und ⸗Dema⸗ gogen, die schonungslos dem Volke immer neut Molochsopfer zumuten; die Byzantiner, die, mitPatriotismus sich brüstend, vo; der Herrsbergewalt im Staube kriechen, um dieselbe ihren Schmarotzerinteressen geneigt zu machen; die Bekenner und Pfleger eines elenden Nationaldünkels, der den Sieg völker⸗ verbrüdernder Humanität verhindert; die Be

fürworter und Repräsentanten gehässiger Klassenjustiz, die das Rechtsbewußtsein des Volkes empört; die Verteidiger und Förderer der Polizeiallmacht, das keine Freiheit duldet; die Anhänger und Wortführer des verruchten Gedankens, daß der arbeitenden Klasse das Reichstagswahlrecht, das Koalitionsrecht, das Recht der Frei⸗ zügigkeit, das Vereins- und Versamm⸗ lungs recht genommen werden müsse um der Erhaltung der Ordnung willen; die Gegner einer gesunden und umfassenden Sozial- politik; die Feinde einer guten Volks⸗ schulbildung, die da meinen, je dümmer der Arbeiter sei, desto besser tauge er für das herrschende System; die religiösen Fanatiker, die Mucker und die Heuchler, die das Volk der Vormundschaft blöder Pfafferei unterwerfen wollen, um es an freigeistiger Erkenntnis zu hindern und ihm Sklavensinn beizubringen sie Alle bilden ein Heer von inneren Feinden.

Gegen diesen inneren Feind muß das Volk energisch Front machen, gegen ihn sich am 16. Juni wie ein Mann erheben! Der verderbliche Einfluß jener Leute auf die Gesetz⸗ gebung muß gebrochen, sie dürfen zu dem hohen Ehrenamte der Volksvertretung nicht mehr zu⸗ gelassen werden. Benutze jeder die noch zur Verfügung stehenden paar Tage zu unablässiger Arbeit! Die Schlafenden geweckt, die Gleich gültigen aufgerüttelt! Entschiedenen, rücksichts⸗ losen Kampf gegen Unterdrückung und Aus⸗ beutung!

In Ausübung des Wahlrechtes zu Gunsten der sozialdemokratischen Kandi⸗ daten müssen die betrogenen, ausgebeuteten, mißhandelten Millionen einmütig das Ver⸗ dammungsurteil sprechen über alle poli⸗ tische, wirtschaftliche und soziale Un⸗ gerechtigkeit und Unvernunft. Dieses Urteil sei unseres Kampfes Preis!

Wir können sagen, wir haben leidlich ge⸗ arbeitet. Haben wir nicht den erwarteten und gewünschten Erfolg, unterliegen wir, so soll uns das nicht mutlos machen, sondern vielmehr zu neuer energischen Arbeit anspornen. Siegen wir, so freuen wir uns wohl des Erfolges, wir werden aber in keinen Siegestaumel ver⸗ fallen! Wir werden unsern Sieg als eine Selbstverständlichkeit auffassen. Und auch da erwartet uns weitere Arbeit, mit der größeren Bewegung erwachsen uns höhere Aufgaben! Wir werden fortfahren müssen, zu organisiren, zu bilden, aufklären und erziehen!

Nun mag der Entscheidungstag heran⸗ kommen!

Zum Kampf, zum Sieg!

Mächtig mögen am Wahltage die herrlichen Verse unseres verstorbenen Freundes Kegel erklingen:

Auf Sozialisten schließt die Reihen,

Die Frommel ruft, die Banner weh'n. Es gilt, die Arbeit zu befreien,

Es gilt der Freiheit Aufersteh'n!

Der Erde Glück, der Lonne Prarht Des Geistes Licht, des Wissens Macht, Dem ganzen Volke sei's gegeben!

Das ist das Ziel, das wir erstreben! Das ist der Arbeit heil'ger Krieg!

Mit uns das Volk! Mit uns der Sieg!

Sozialdemokratische Reichstagskandidaturen. Wahlkreis Giessen-Grünbergs-Nidda: Eduard Krumm, Kaufmann und Stadt verordneter in Gießen.

Wahlkreis Friedberg- Büdingen: Heinrich Busold, Schreinermeister und Stadtverordneter in Friedberg. Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach- Schotten: Dr. phil. Robert Michels in Marburg.

Wahlkreis Wetzlar-Altenkirchen: August Bebel in Berlin.

Wahlkreis Marburg-Kiremnhain: Paul Bader, Schriftsteller in München.

Wahlkreis Limburg-Dietz(4. nass.): Robert Habicht, Schreiner in Frankfurt. Wahlkreis St. Goarshausen-Nassau(. n.): F. A. Vetters, Redakteur in Gießen. Wahlkreis

Dillenburg-Herborn- Hachenburg:

August Bebel in Berlin.

Wer lügt? Zum Kapitel:Not der Landwirtschaft.

Das Offenbacher Antisemitenblatt, das Organ der Herren Köhler und Hirschel, fällt in einem wütenden Schimpfartikel andere finden sich in dem ehrenwerten Blättchen überhaupt nicht über uns her, schilt unsLügenbande und versucht nachzuweisen, daß ein von uns in Nr. 21 veröffentlichter Artikel Unwahrheiten enthalte. Unsere Notiz in der Pol. Rundschau lautete:

Von der Not der Lanbwirtschaft. Eine große Bauernhochzeit ist kürzlich, wie dasHamburger Echo berichtet, in Ober warfe(Oldenburg) gefeiert worden. Ungefähr 700 Familien waren dazu eingeladen, so daß auf 1500 bis 2000 Gäste angerechnet wurde. 2000 Flaschen Wein waren angeschafft und 2000 Pfund Fleisch zum Belag für Butter⸗ bröte. Die Zahl der Butterkuchen und Klöben war schier unendlich. 35 Mustker von der Infanteriekapelle in Oldenburg stellten die Musik, 5 Dazu schreibt nun das Hirschel-Blatt:

Hieser Arttkel, geeignet zwar, um die Böcke und Widder des Herrn Krumm in noch größere Wut gegen das Bauerntum zu verhetzen, schien jedoch dem Abgeordneten Köhler-Langsdorf so ungeheuerlich, daß er sich veranlaßt sah, um Auskunft sich an den Gemeinde-Vorstand von Hberwarfe zu wenden.

Er erhielt folgende Auskunft:

Sehr geehrter Herr!

Angeschlossen übersende Ihnen dieMittel- deutsche Zeitung zurück mit dem Bemerken, daß die Hochzeit in ähnlicher Weise

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