Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 50.

* a Unterhaltungs- Ceil. 1

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Freiheit.

Die Freiheit läßt sich nicht gewinnen, Sie wird von Außen nicht erstrebt, Wenn nicht zuerst sie selbst tief innen Im eignen Busen dich belebt, Willst du den Kampf, den großen, wagen, So setz' zuerst dich selber ein: Wer fremde Fesseln will zerschlagen, Darf nicht sein eig'ner Sklave sein.

Nur reinen Herzen, reinen Bänden

Gebührt der Dienst im Heiligtum; Der Freiheit Werk rein zu vollenden,

Dies, deutsches Volk, dies sei dein Ruhm, Die Cüge winkt, die Schmeichler locken,

Mit seiner Kette spielt der Knecht: Du aber wandle unerschrocken

Und deine Waffe sei das Recht!

Robert Prutz.

Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 11.(Fortsetzung.) In dem Augenblick, wo er diese Erwägung machte, drehte sich ein Schlüssel im Schlosse

der Haustür, und wie von selber trug ihn sein Fuß hinter den Baum. Die Tür ging auf,

die Bäbe trat auf die Schwelle und sah umher.

Als sie den Erwarteten nicht erblickte, ent⸗ schlüpfte ein aus der tiefsten Brust kommendes

Ah! ihrem Munde. In diesemAh! lag so viel Bedauern, so viel getäuschte Hoffnung, so viel Gekränktheit, daß es den Burschen in die Seele traf. Er ging vor und richtete seine Schritte nach der Tür. Und nun folgte ein anderesAh!, das Freude, Liebe, Beifall ausdrückte und auf seine Seele noch ergreifender wirkte. An dem Auftritt angekommen, bot er ihr leise guten Abend; die Bäbe rief in kräftigem Flüsterton:Komm!, und winkte ihm energisch. In demselben Moment glaubte er von der Gasse die Schritte eines Vorübergehenden zu vernehmen hastig stieg er hinan und trat über die Schwelle.

Es war geschehen. Der Pfad war ihm gewiesen, er konnte nicht mehr zurück und mußte vorwärts zum Heil oder zum Verderben. Aber wie sollte er vorwärts? Die Bäbe hatte die Tür wieder zugemacht und eingeklinkt tiefes Dunkel umfing sie. In der schauerlichen Finsternis wurde ihm das Schwarze seiner Tat wieder recht fühlbar, und das Herzklopfen be⸗ gaun aufs neue. Er ergriff die Hand der Bäbe mit dem Instinkt der Furcht, die nach der Verbindung mit dem Mute trachtet, und drückte sie die gute Bäbe meinte, aus Liebe! Aber gleich sollte sie enttäuscht werden.

Bäbe, flüsterte der Schneider,eh' wir weiter gehen, laß uns überlegen! In dem Hause ist's fürchterlich dunkel, ich seh' nicht einen Stich und bin nicht so bekannt hier, daß ich blind hin und her gehen könnt'. Wenn ich falsch treten und an etwas anstoßen tät' und die Pfarrleut' würden aufwachen. Ein Beben seiner Hand ergänzte den Satz.

Das Mädchen hatte überlegt. Um in ihre Kammer zu gelangen, mußte man die Stiege hinauf und oben im Gange an der Schlafstube der Herrschaft vorbei. Eben im Gange standen aber zwei Kästen, an die ein Unkundiger sich wohl stoßen konnte. Tobias war in einer Gemütsverfassung, in der man nicht sicher zu gehen pflegt er hatte Angst, der gute Bursch, und ein Fehltritt war möglich, auch wenn sie ihn führte. Sie mußte ein übriges tun, das sah sie schon. Und er, der ungeachtet seiner Furchtsamkeit gekommen war, und von ihr einen kühnen Vorschlag zu hören, verdiente es auch.

Mit dem Wohlwollen halb einer Liebenden, halb einer Mutter, sagte sie:Du hast recht. Wel was Ich kenn' mich um so besser aus

erst

hier, und ichgock dich hinauf(trage dich Huckepack).

Ah, entgegnete der Schneider, durch diesen Vorschlag höchlich überrascht.Gocken! was fällt dir ein!

Nun, versetzte die Bäbe mit einem Lächeln, das Tobias nicht sah, wohl aber aus dem Tone entnehmen konnte,glaubst etwa, du bist mir zu schwer?

In dieser Frage und in der muntern Art, womit sie gestellt war, schien dem Burschen ein Stich auf die Schmächtigkeit seiner Figur zu liegen; ein gewisser Schneiderstolz rührte sich in ihm und gesellte sich zu der Furcht, und mit dem abweisenden Tone eines Verletzten erwiderte er:Geh' doch! Gocken! Mich! Wie ein kleines Kind!

D, versetzte die Bäbe mit Heiterkeit,das wär nicht das erstemal, daß man ein Manns⸗ bild gockt! In der Not greift man eben zu dem, was hilft! Und ernster setzte sie hinzu: Was bleibt uns sonst übrig? Die Leut' auf⸗ wecken wollen wir nicht, und hier stehen bleiben können wir auch nicht. Also?

Wir können aber doch noch etwas anderes tun, meinte Tobias zögernd.

Nun? N

Wir könnten'- uns gesagt sein lassen, daß es nicht sein soll, was wir vorhaben, und Er hielt inne.

Und du, ergänzte das Mädchen,könntest wieder gehen, meinst du? Allerdings, das könntest du; und du kannst es auch wirklich. Gesehen und gehört hat dich bis jetzt niemand, und die Tür ist gleich wieder aufgemacht; ich für meine Person will dich aber durchaus nicht aufhalten!

Tobias, der aus dem Tone, in dem sie diese Worte sprach, die Gesinnung des Mädchens erraten hatte, sagte:Wir könnten ja ein anderes Mal zusammenkommen, an einem Orte, wo

Nein, versetzte die Bäbe mit Ernst und Entschiedenheit,dafür bedank' ich mich! Mit uns Zwesen ist's dann aus für immer! So einenIch möcht' gern und trau' mir nicht kann ich nicht brauchen da käm' ich nie zu etwas! Ich hab' dir bis jetzt vieles nachgesehen, Tobias; aber zuletzt hat alles ein End'. Was zu miserabel ist, das ist zu miserabel! Der Unmut hatte sie die letzten Worte etwas kräftiger be onen lassen, als es ursprünglich ihre Absicht gewesen.

Tobias sah sie erschreckt an und flüsterte: Nur nicht so laut! Du bist immer gleich so hitzig! mir ist's mehr um dich gewesen als um mich, wenn ich gemeint hab', ich könnt' wieder gehen! Am Ende, was frag' ich danach? Aber du bist hier im Dienste

Ich fürcht' mich aber nicht, mein lieber Tobias, entgegnete die Bäbe.

Nun, versetzte der Bursche, aus der Not eine Tugend machend, nach einer kleinen Pause, wenn du dich nicht fürchtest, dann fürcht' ich mich auch nicht. In Teufels Namen so gock' mich!

Das Mädchen, welches die Zeit verstreichen sah, stellte sich zurecht, rief mit einem gewissen Kommandoton:Mach! und nach einer Sekunde saß Tobias wie Eginhard oder wie die Männer von Weinsberg, seine glücklichen Vorgänger.

Die rüstige Bäbe trug den ebenso geliebten wie leichten Schneider ohne Schwierigkeit die Stiege hinan. Da sie in Strümpfen ging, so war ihr Tritt fast unhörbar, und mit Sicher⸗ heit wurde eine Stufe um die andere über⸗ schritten.

Tobias hatte die seltsamsten Gefühle. Ihm war's, als ob er träumte und doch war's keine Einbildung, was ihm widerfuhr. Er hielt mit seinen Armen den Hals der Geliebten um⸗ schlungen und fühlte an seinen Händen den Hauch ihres Mundes. Wie mußte sie ihn lieben, die gute Bäbe, daß sie das für ihn tat und für ihn riskierte! Ja, sie hatte ihn wirk⸗ lich gern! Sie war brav, sie war herzhaft und entschlossen sie war das beste Weib, das er finden konnte!

Die letzte Stufe war überschritten. Oben auf dem Gange war es heller, als sie hätten erwarten können. Der abnehmende Mond war

aufgegangen, die Wolken im Osten verzogen, und der Schein ftel durch das hintere Fenster. Mit um so größerer Sicherheit ge⸗ traute sich die Bäbe geräuschlos an der Tür des Schlafzimmers vorbeizukommen, das auf der Gartenseite lag. Sie wendete sich und ging vorwärts. Als sie aber noch zwei Schritte von der Tür entfernt war, fing es drinnen an zu husten. Es war der geistliche Herr, der an solchen Anfällen zu leiden pflegte. Er hustete stark, nachhaltig, und mußte völlig wach sein. Die Möglichkeit, 0 und entdeckt zu werden, schreckte einen Moment auch das Herz des Mädchens.

Den Schneider überkam eine unaussprechliche Angst. Bei dem ersten Laute in der Kammer hatte er mit seinen Händen instinktmäßig den

Kopf der Bäbe zurückgezogen, wie ein Reiter

die Zügel anzieht, und sein Herzklopfen war so stark geworden, daß es die Trägerin an ihrer Schulter spürte. Schnell ergriff sie seine rechte Hand und gab ihr einen Druck, der die Bedeutung hatte:Um Gotteswillen, sei ruhig! und stand. Und Tobias ermannte sich; er ließ ihren Kopf und Hals in Frieden, hielt sich gelassen fest und blieb stumm. Das Schlagen seines Herzens und das Atmen der Angst zu verhindern, ging natürlich über seine Kräfte.

Nach zwei peinlichen Minuten wurde das

Husten schwächer, und endlich hörte es ganz

auf. Die Bäbe setzte sich wieder in Marsch. Sie schritt beherzt an der Tür vorüber und unaufhaltsam weiter in dem Gange, bis sie an das entgegengesetzte Fenster kam. Dann öffnete sie links an der Wand eine Tür, die geräuschlos aufging, weil die Kluge sie vorher geölt hatte, bückte sich, trat ein und ließ den Schneider vorsichtig herunter. Unverweilt machte sie die Tür wieder zu und schob sachte ein kleines Riegelchen vor. Ein wenig Quieken des Eisens bei dieser Gelegenheit ging dem Burschen noch durch die Seele. Doch der Hafen war er⸗ reicht, die Fracht geborgen.

Die Kammer der Bäbe machte auch bei der

gegenwärtigen Beleuchtung den Eindruck der Sauberkeit und Nettigkeit. Auf der Seite gegen⸗ über der Tür stand das Bett, das schön gemacht war, und davor ein Stuhl, auf welchem ein Oberkleid lag. Hinter dem Bette erhob sich ein Tisch mit Leuchter, Wasch- und Trinkgefäß. An der Türseite lag ein Schrein, der die Hab⸗ seligkeiten des Mädchens enthielt, und die Wand zierte ein Spiegel mit einem kleinen Bilde, dem Präsent einer Ulmer Freundin. Das alles war sehr einfach, aber ansprechend verteilt und ein Beweis für die Ordnungsliebe des Mädchens.

Tobias, der sich nach dem Vorschieben des Riegels von seiner Bangigkeit erholt hatte, sah beim Scheine der Sterne, die zum offenen Fenster hereinblickten, umher und sog die er⸗

uickende sommerliche Nachtluft ein. Der auber, mit der Geliebten in gesichertem Raume allein zu sein, ergriff ihn und tilgte den letzten Rest der Furcht und Sorge aus seinem Herzen. Er faßte die Hand des Mädchens und drückte ste wiederholt; er sah ihr ins Gesicht und sein Herz begann wieder zu klopfen, aber diesmal aus schönern Gründen. Beide setzten sich auf den Schrein.

Mit den Armen sich umfassend und Wang' an Wange gelehnt, saßen sie ein Weilchen ohne zu sprechen. Es dünkte den Burschen hier so schön und so reizend, daß er sein Sträuben, herauf zu kommen, schwer begreiflich fand. In dem Glücke, das ihn erfüllte, wurde sein Herz

gerührt durch die Liebe und den Mut, welchen

die Bäbe bewiesen hatte, damit ste so weit kamen, wie sie waren. Er fühlte, daß er alles zu danken hatte, daß sie ihn glückl gemacht habe trotz seines Widerstrebens, und indem sie für ihre Person alles aufs Spiel setzte. Sein Herz zerschmolz in Dankgefühl, und der Strom desselben stieg endlich empor und öffnete ihm unwiderstehlich die Lippen. O Bäbe, rief er mit der 17 5 eines bewegten Herzens,o Bäbe, was bist du für e 5 U 1 112 8 riskierst so viel für als ob er Für⸗ nehmst' wär' in der Welt! und weiß Gott, ich bin's nicht! Wenn ich noch so gute Vorsätz

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