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Seite 4.
Mitteld eutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 50.
auch fernerhin das Recht überlassen bleiben, vorbehältlich der Genehmigung durch die zu⸗ ständige Behörde, einen nur für die Leichen der Angehörigen ihrer Konfesston bestimmten Fried⸗ hof anzulegen. n
Wir vertreten bekanntlich die Forderung, daß das Beerdigungswesen von den polt⸗ tischen Gemeinden unentgeltlich ausgeübt wird. Unsere Freunde im Landtage werden nicht ver⸗ säumen, diese Forderung bei dieser Gelegenheit energisch zu betonen.
von Nah und Lern.
Gießener Angelegenheiten.
— Verminderung der Schülerzahl in der Volksschule. Die soztaldemo⸗ kratische Landtagsfraktion hat bei der Zweiten Kammer folgenden Antrag eingereicht: Hohe Kammer wolle beschließen, Großherzogliche Re⸗ gierung zu ersuchen, alsbald den Landständen eine Gesetzesvorlage zugehen zu lassen, durch welche der zweite Absatz des Artikel 3 des Gesetzes vom 16. Juni 1874, das Volksschul⸗ wesen betr., abgeändert wird wie folgt:
Die Schülerzahl einer Klasse darf 40 nicht übersteigen.
Unter besonderen Umständen können einem Lehrer bis zu 60 Kinder zum Unterricht zu⸗ gewiesen werden.
Daß dieser Antrag seine große Berechtigung hat, wird niemand bestreiten. Jeder Lehrer weiß, daß es bei 60 und mehr Kindern, wie sie hier in Gießen die Volksschullehrer zu unter⸗ richten haben, nicht möglich ist, sich mit dem einzelnen Kinde so zu beschäftigen, wie es gründ⸗ licher Unterricht erfordert. So liegt die An⸗ nahme dieses Antrages im Interesse der Schüler wie der Lehrer. Ob aber die Mehrheit der „staatserhaltenden“ Landtagsabgeordneten dar⸗ auf eingehen wird, ist eine andere Frage.
— Bedeutend billigere Fleisch⸗ preise als sie im Einzelverkauf von den hie⸗ sigen Metzgern gefordert werden, sind der hie⸗ sigen Garnisonverwaltung bei Vergebung der Fleischlieferung für das hiesige Regiment ge⸗ stellt worden. Es forderten die Metzger Schlörb und Heßler für Ochsenfleisch 1.26 M., für Kuhfleisch 1.16 M.; Hilgardt, Möhl und Schlörb für Schweinefleisch 1.20 M.; Kon⸗ rad Malkomesius für Hammelfleisch 1.44 bis 1.46 M.; Schlörb für Kalbfleisch 1.22 M. pro Kilo.— Da meinen wir, könnten die Ladenpreise doch auch etwas niedriger sein.
— Zu der kleinen Friedhofsaffaire, die wir vor acht Tagen berichteten, erklärte uns der Schwieger⸗ sohn des Herrn Klingspor, Herr Dr. V., daß er durch die wenig würdige Weise, wie hier bei der Beerdigung vor⸗ gegangen worden sei, sowie das Verhalten der Leute in hochgradige Erregung geriet. Wenn die Stadt verlange, daß die Leichen binnen 24 Stunden in die Leichenhalle verbracht werden müßten, so liege auch die Verpflichtung dafür vor, daß eine würdige Aufbahrung möglich sei. Sonst werden die Angaben der Nottz nicht bestritten.
— Das Schwurgericht hatte in seiner letzten Session in diesem Jahre nur wenig Ar⸗ beit. Wenn das ein Zeichen für die Abnahme der Verbrechen wäre, so könnte man es mit Freuden begrüßen, leider wird es nur ein Zufall sein. Es gelangten nur zwei Straftaten zur Aburteilung. Am Montag hatten sich die beiden Glasarbeiter Kuhl und Jüngling aus Olershausen bei Büdingen wegen Sittlichkeitsverbrechen, begangen an einer Geistes⸗ kranken, zu verantworten. Die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit durchgeführte Verhandlung endete mit Freisprechung der Angeklagten. — Wegen Körperverletzung mit tötlichem Ausgange stand am Dienstag der 23jährige Kuecht Klostermann aus Grünberg vor den Geschworenen. Die von dem Angeklagten im September verübte Tat rief dort große g hervor. Kl. war mit einem anderen jungen Burschen namens Kemba in Streit geraten, in dessen Verlauf er das Messer zog und dem Kemba einen so wuchtigen Stich in die Schläfe versetzte, daß der Verletzte wenige Minuten darauf seinen Geist aufgab. Die Beweisaufnahme ergiebt, daß der Angeklagte
ihm die Geschworenen mildernde Umstände zu, sprechen ihn im Uebrigen schuldig im Sinne der Anklage. Das Urteil lautete auf 2 Jahre Gefängnis.
— Zu dem Vortrag des Genossen Thiel aus Kassel, der am Montag im Café Leib stattfand, hatte sich ein recht zahlreiche Zuhörer⸗ schaft eingefunden. Wenn man jetzt, kurz vor den Feiertagen, wo sehr viele Arbeiter aus ver⸗ schiedenen Gründen abgehalten sind, solchen Veranstaltungen beizuwohnen, einen guten Besuch verzeichnen kann, so beweist das jedenfalls, daß in den Arbeiterkreisen ein lebhaftes Interesse für solche Vorträge, wie der gebotene, vorhanden ist. Was der Vortrag brachte, haben wir in der vorigen Nummer schon mitgeteilt; es bleibt nur noch hinzuzufügen, daß die Darlegungen des Vortragenden allgemein fesselten und von Zuhörern mit größter Aufmerksamkeit verfolgt wurden. Die Lichtbilder gelangen vortrefflich und erregten das lebhafteste Interesse. Sie stellten die Himmelskörper recht anschaulich dar, von denen der Vortrag handelte. In verständ⸗ licher Weise schilderte der Vortragende, was die Wissenschaft bisher über unser Planetensystem und was dazu gehört, festgestellt hat. Viel⸗ leicht wäre Manches noch eingehender zu be⸗ handeln gewesen; allein es reichte dazu die zur Verfügung stehende Zeit nicht aus. Die bei⸗ fällige Aufnahme des Vorträge dürfte das Gewerkschaftskartell zur Abhaltung ähnlicher ermutigen.
— Zur Kalender verteilung an⸗ treten! Wie der Kreisvertrauensmann in der letzten Nr. bekannt gemacht hat, soll diesen Sonntag, den 13. Dez. die Verbreitung des „Hess. Landboten“ vorgenommen werden. Daß sich die Parteigenossen hierzu recht zahlreich zur Verfügung stellen ist umsomehr notwendig, als das schtechte Wetter mehr Leute ersorderlich macht. Mit Recht beschweren sich die Genossen darüber, daß der Kalender so spät herauskommt, ein paar Wochen früher wären die Wetterver⸗ hältnisse günstiger und die Verbreitung leichter durchzuführen gewesen. Woran die Verzögerung liegt, wissen wir nicht; es könnte uns das aber auch nichts nützen; die Hauptsache ist vielmehr, daß der Kalender hinauskommt und darum: alle Mann auf Deck!
— Das diesjährige Gewerkschafts⸗ fest findet am 2. Januar im Saale der Café Leib statt.
— Die allgemeine Sterbekasse Gießen, welche vor nunmehr 14 Jahren gegründet wurde und jetzt in ihr 15. Geschäftsjahr tritt, besteht zur Zeit aus 1199 Mitglieder. Dieselbe hatte im verflossenen Jahre einen Zuwachs von 105, dagegen einen Abgang von 12 Mitgliedern(9 durch Tod, 3 ausgeschlossen). Während seines 14 jährigen Bestehens hat der Verein 135 Sterbefälle unter seinen Mitgliedern gehabt und wurden hierfür an 15 Mitglieder à 75 Mark, an 15 à 100 Mark, an 24 4 120 Mark, an 23 4 150 Mark, an 10 4 170 Mark, an 14 à 185 Mark, an 13 4 200 Mark, an 12 4 210 Mark und an 9 à 230 Mark, in Summa 20435 Mark ansgezahlt. Außerdem besitzt der Verein einen Reservefond von 5348 Mark und ist mithin im Stande, selbst in außergewöhnlichen Fällen, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Auch ist die Sterbekasse wieder in der angenehmen Lage, vom 1. Jan. 1904 ab, das Sterbegeld von 230 auf 250 Mark zu erhöhen. 5
Das Eintrittsgeld beträgt für eine Person:
im Alter von 16—25 Jahren Mk. 1.00,
7 17„. 25— 30*„ 1.50, 7. 17 30—35 1„ 2.50, „„ i 35 40„„ 4.00,
„ 40—45„ 7.00.
Bei der Aufnahme ist außerdem noch ein Sterbefallbeitrag von 25 Pfennig zu bezahlen.
Für jeden Sterbefall eines Mitgliedes ist der Kasse ein Beitrag von 25 Pfennig zu entrichten, welcher durch den Kassenboten gegen Quittung erhoben wird. Ein von Gießen wegziehendes Mitglied kann auch ferner bei der Kasse verbleiben, wenn der Wegzug desselben dem Vorstande mitgeteilt wird. Zur Auskunft in allen Fragen ist Herr Schuhmachermeister Seid ewand, Teufelslustgärtchen 20, sowie Herr H. Bruchhäuser, Wolffstraße 8, gerne bereit.
Aus dem Rreise gießen.
— Der Volksverein in Staufenberg, der vor einigen Monaten gegründet wurde, hat den Zweck, die
erst von Kemba bedroht wurde; deshalb billigen
Interessen der Arbeiter und Minderbemittelten zu ver⸗
treten. Es ergeht daher an die Angehörigen dieser beizutreten.
Aus dem Nreise ꝗriedßberg⸗Büdingen.
* Der Wahlkrawall von Burgaräfenrode kommt nächsten Dienstag in zweiter Instanz vor dem Landgericht Gießen zur Verbandlung. In Verbindung damit wird gleichzeitig eine Anklage wegen Majestäts⸗ beleidigung gegen einen der Beteiligten verhandelt. v. Eine Baugenossenschafts⸗ Konferenz fand am Montag in Friedberg statt. Auwesend waren einige 40 Vertreter der Bauvereine in Alsfeld, Bensheim, Butzbach, Darmstadt, Friedberg, Gießen, Groß⸗Steinheim, Lich, Mainz, Nidda, Offenbach, Ostheim, Rüsselsheim und Worms. Es wurde die Gründung eines Revisionsverbandes beschlossen, zu dessen Vorstand gewählt wurden: Landeswohnungsinspektor Kretzschel⸗ Darmstadt, Rendant Döring⸗Gießen und Direktor Hoch⸗ gesand⸗Worms. Der Vorstand soll die Verbandsstatuten ausarbeiten. Als wünschenswert wurde bezeichnet, statu⸗ tarisch festzulegen, daß Aftervermietung und Verkauf des Hauses zulässig sind. N
Aus dem Nreise Alsfesd-Cauterpach.
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* Aus Alsfeld wird uns zu dem Artikel„Woh⸗ nun gsnot“ in voriger Nummer geschrieben, daß derselbe allerdings bezüglich der Schilderung des der betreffen⸗ den Familie angewiesenen Logis im Spital der Richtig⸗ keit entspräche; es sei auch zu billigen, wenn die Ar⸗ beiter aufgefordert würden, bei den Gemeindewahlen Ver⸗ treter ihrer Klasse in die Stadtvertretung zu bringen, die auf Beseitigung derartiger Mißstände hinarbeiten. Unrichtig sei dagegen die Behauptung, daß dem Be⸗ troffenen K., nichts nachgesaat werden könne. Im Gegen⸗ teil habe der Mann sein Mißgeschick zum größten Teil selbst verschuldet. Er sei streitsüchtig und habe sich oft zu Tätlichkeiten hinreißen lassen.— Wir müssen es unserem Gewährsmann überlassen, sich hierzu zu äußern.
Aus dem Kreise Wetzlar.
h. Zu den Lohndifferenzen in der Gerberet Ferdinand Rübsam— nicht zu verwechseln mit der Firma Wilhelm Rübsam— schreibt man uns bon beteiligter Seite: Was wir befürchteten ist Tatsache geworden:
befinden sich seit dieser Woche im Ausstand.
absetzung auf Umwegen zu erreichen, indem er entsprechende Mehrleistungen verlangte. Aber trotzdem er dabei mit aller respektablen Schlauheit zu Werke ging, wird er doch einsehen lernen, daß die Zeit der unumschränkten Unter⸗ nehmerwillkür auch für ihn vorüber ist. Heute hat es Herr Rübsam mit organisterten Arbeitern zu tun, die keineswegs gewillt sind, alles über sich ergehen zu lassen; wenigstens soll man ihnen nicht mehr zumuten und ste nicht schlechter behandeln, als es Herr Rübsam für seine beiden Pferde für angemessen hält.— Arbeits⸗ willige hat Herr R. allerdings zur Verfügung —„tüchtiges Personal“ Der ist z. B. der „lange Hinkel“ und der„Rote“. Schade, daß diese Leute nicht immer bei Herrn R. arbeiten. Es liegt nun jedenfalls im Interesse beider Parteien, wenn so bald wie möglich der Streik beigelegt wird und wir raten Herrn Rübsam, daß er sich mit seinen Arbeitern ver⸗ ständigt und nicht auf seinen Reichtum pocht, den ihm seine Arbeiter in früheren Jahren er⸗ werben halfen.
h. Ortskrankenkasse. In der letzten Generalversamm lung der Wetzlarer Orts⸗ krankenkasse wurden bei der Vorstandswahl die ausscheidenden Mitglieder R. Ritter, F. Neu⸗ haus und C. Imgardt wiedergewählt. Zu Rech⸗ nungsprüfern für die laufende Rechnung wur⸗ den die Herren Adam Jung, Ludwig Röhrs⸗ heim und Architekt Robert Schneider ernannt, während die Herren Marx und Bobisch zu Krankenkontrolleuren bestimmt wurden. Hier⸗ mit war die Tagesordnung erledigt und schloß der Vorsitzende, Herr Biek die Versammlung.
beitern, die sich in der glücklichen Lage befinden, über einen besseren Arbeitsverdienst als die Freunde von der Nadel verfügen zu können. Und deren giebts noch
einige in Wetzlar.
Kreise die dringende Mahnung, demselben als Mitglied
Die Arbeiter der Gerberei Ferdinand Rübsam 4
Herr Rübsam wollte den Lohn seiner Arbeiter um je 4— 5 Mk. kürzen und suchte diese Her⸗
h. Für die Crimmitschauer sammelten die Wetzlarer Schneider Mk. 15. Hoffentlich findet dies schöne Beispiel Nachahmung, besonders bei solchen Ar⸗
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