Ausgabe 
13.9.1903
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 37. N

spielende Kind für ein Wild gehalten und er⸗ schossen habe. Aus Furcht vor Strafe habe er die Leiche im Walde vergraben; er gab auch die Stelle an. Die Behörde, der das Geständ⸗ nis des Försters mitgeteilt wurde, hat sofort die nötigen Nachforschungen eingeleitet.

Rache an einem Soldatenschinder.

Soldatenselbstmorde wegen erduldeter Miß⸗ andlungen sind leider nichts Seltenes und in olchen Fällen bewundert man die Wirkung er eisernen militärischen Disziplin, unter der die Opfer der Bestialität uniformierter Schin⸗ dersknechte ihrem Leben ein Ende machen, ohne sich wenn es doch schon ans Sterben geht an ihrem Peiniger zu rächen. Beim 5. (Szegediner) Honvedinfanterieregiment hat diese Wirkung der Disziplin nun einmal versagt. Bei diesem Regiment war der Feldwebel Georg Szönyi, ein Kerl von tierischer Roheit, der Schrecken seiner Kompagnie. Vor etwa 3 Monaten hieb er vor der Front einen Mann mit dem Säbel nieder. Der Tambour Lazar Tyrucsin, ein Jugendfreund des Mißhandelten, 5 darob derart in Wut, daß er hinzusprang, as Gewehr seines mißhandelten Freundes er⸗ griff und mit dem Kolben einen wuchtigen Hieb nach dem Kopfe des Feldwebels führte. Szönyi sank blutüberströmt und bewußtlos zu Boden, Tyrucsin wurde sofort verhaftet. Nach durchgeführter Verhandlung wurde der Tambour zum Todedurch Pulver und Blei verurteilt. Die Hinrichtung war für den 18. August anberaumt, in letzter Stunde aber langte aus der Kabinettskanzlei telegraphisch die Begnadigung ein. Das Urteil wurde auf zwei Jahre verschärfter Festungshaft her⸗ abgesetzt. Der mittlerweile genesene Feldwebel Szönyt wurde degradiert und zu sechs Wochen Stockhaus verurteilt. Man munkelt, daß mit Rücksicht auf die erregte Stimmung der Mann⸗ schaft der Hinrichtungstermin auf den 18. August (den Geburtstag des Monarchen) anberaumt wurde, um die Begnadigung durch den Kaiser als glücklichen Zufall erscheinen zu lassen.

175 Die deutschen Gewerkschafts⸗

Organisationen im Jahre 1902.

Im Korrespondenzblatt der Gewerkschaften veröffentlicht Legien den Bericht über die Ent⸗ wickelung der deutschen Gewerkschafts⸗Organi⸗ sationen im letzten Jahre. Danach hatten die gewerkschaftlichen Zentralverbände eine Mit⸗ gliederzunahme von 677510 auf 733 206, also um 8,2 Prozent, zu verzeichnen. 16 Verbände erfuhren allerdings eine kleine Abnahme von Mitgliedern, die anderen dafür umso größere Zunahme. Es zählten an Mitgliedern:

Metallarbeiter 128 842, Maurer 82223, Holzarbeiter 70390, Bergarbeiter 41894, Textilarbeiter 38 158, Fabrikarbeiter 33 640, Buchdruckec 33 369(Buchdrucker Elsaß⸗Lothringen 751), Zimmerer 24502, Schuhmacher 20 583, Handels-, Transport- u. Verkehrsarbeiter 19 713, Schneider 18 680, Tabakarbeiter 17833, Bauarbeiter 16 193, Maler 14 303, Hafenarbeiter 13832, Brauer 13189, Buchbinder 10 207, Töpfer 8627, Porzellan⸗ arbeiter 8245, Steinarbeiter 8000, Lithographen 7655, Schmiede 7244, Gemeindebetriebsarbeiter 6127, Maschi⸗ nisten und Heizer 6070, Böttcher 5736, Glasarbeiter 5643, Bäcker 4760, Tapezierer 4735, Steinsetzer 4424, Lederarbeiter 4330, Bildhauer 3918. Werftarbeiter 3749, Sattler 3560, Kupferschmiede 3513, Hutmacher 3232, Handschuhmacher 2987, Dachdecker 2974, Glaser 2772, Seeleute 2598, Stukkateure 2553, Schiffszimmerer 2092, Buchdruckerei⸗ Hilfsarbeiter 1996, Müller 1992, Gast⸗ wirtsgehilfen 1978, Handlungsgehilfen 1770, Fleischer 1577, Graveure 1562, Vergolder 1474, Kürschner 1341, Zigarrensortierer 1120, Konditoren 982, Lagerhalter 862, Zivilmusiker 537, Barbiere 500, Masseure 388, Bureau⸗ angestellte 371, Gärtner 312, Formstecher 289, Noten⸗ stecher 289.

Der Bericht stellt fest, daß in den letzten Jahren ungünstiger Wirtschaftskonjunktur der Beweis erbracht sei, daß die Gewerkschaften innerlich soweit erstarkt sind, daß ihr Bestand auch während der wirtschaftlichen Depression nicht erschüttert werden kann, wie dies im An⸗ fang der neunziger Jahre zu befürchten stand. Alle Gewerkschaften zusammen verfügen über mehr als 14 Millionen Vermögen.

Das Lied der Bunde.

Stürme heulen wild erbrausend,

Im umwölkten Himmelszelt,

Und das Swillingspaar des Winters, Schnee und Regen, niederfällt.

Was liegt uns dran d Einen Winkel Naben wir ja in der Küch',

Den wies uns zum Aufenthalte Unser Herr an gnädiglich.

Uns quält keine Nahrungssorge: Wenn sich unser Herr satt, Bleibt genug noch auf dem Tische, Und das ist dann unser Fraß.

Freilich werden uns zuweilen,

Peitschenhieb' auch ausgeteilt

Doch was schadet's? Macht's auch Schmerzen, Nundefleisch ist rasch geheilt.

Bald auch bessert sich die Laune, Und wir dürfen dann zum Schluß Unserm Verrn, der freundlich winket, Lecken ab den gnäd'gen Fuß.

Das Lied der wölfe.

Stürme heulen wild erbrausend,

Im umwölkten Himmelszelt,

Und das Swillingspaar des Winters, Schnee nnd Regen niederfällt.

Kalt und kahl ist diese Haide,

Wo wir streichen hin und her, Nicht ein Busch zeigt sich dem Blick, Der uns dürft'gen Schutz gewähr'.

In der Höhle ist der Runger, Draußen Kälte unser Loos, Diese beiden rauhen Jäger, Drohen uns erbarmungslos.

*

Und dazu kommt noch ein Drittes, Der geladnen Flinte Wut Auf den Schnee herab, den weißen, Strömet unser rotes Blut.

Ja, wir frieren und wir hungern, Kugeln lichten unsere Reih', Unser Loos, es ist gar traurig: Dafür aber sind wir frei!

(Aus dem Ungarischen des Alexander Petöfi von einem Pfarrer für dieMitteldeutsche übersetzt.)

Verschiedene Sommerferien.

Ein herrlicher Sommermorgen in einem Ostseebad. Zwei Damen in luftiger Strand⸗ toilette wandeln Arm in Arm am Strande. Die schon in beträchtlicher Höhe stehende Sonne richtet ihre warmen, goldenen Strahlen auf die beiden Lustwandelnden. Ein seidener Spitzen⸗ schirm hält diese Strahlen ab. Der Himmel ist klar, kein Wölkchen zeigt sich, kein Lüftchen regt sich, leise rauschen die Wogen. Wie herrlich ist doch das Stückchen Erde. Die beiden Damen sind eifrig im Gespräch.Es war aber auch schon die höchste Zeit, daß wir in die Sommer⸗ frische fuhren, sagte die eine Dame,mein Mann und ich waren total erschöpft. Denken Sie nur, Frau Rätin, was für Strapazen wir

heide durchgemackt haben! Da war die Saison

im Winter ganz besonders für mich äußerst anstrengend. Mein Gott, wir haben im Winter fast jeden Abend schwere Pflichten zu erfüllen gehabt! Da waren die Hofbälle, die wir na⸗ türlich nicht umgehen konnten. Da waren andere gesellschaftliche Pflichten zu erfüllen. Wir haben einen Wohltätigkeitsball arangiert. Ich bin außerdem Vorstandsdame in verschiedenen Wohltätigkeitsvereinen. Wir haben im vorigen Winter in diesen Vereinen angestrengt gearbeitet. Die Not unter den Armen war ja auch bis⸗ weilen groß und mein Gott, was tut man nicht alles, um die Not dieser Leute zu lindern. Wissen Sie, Frau Rätin, dies Vereinsleben ist sehr anstrengend. Dann bin ich auch Mit⸗ glied des Vereins für innere Mission; wissen Sie, Frau Rätin, gerade in diesem Verein werden alle Kräfte, denen das Volkswohl am Herzen liegt, gebraucht. Die Volksmassen verlieren immer mehr ihren Glauben an den allmäch⸗ tigen Schöpfer, es gibt gewisse Elemente, be⸗ sonders in den Großstädten, die in ihrer Verruchtheit gegen die göttliche Autorität agi⸗ tieren. Der Verein für innere Mission geht auch Hand in Hand mit dem Verein für Be⸗ seitigung der Kirchennot. Auch im letzteren Verein bin ich tätig gewesen. Es ist uns auch im vergangenen Winter gelungen, gewisse ein⸗ flußreiche Kreise für diese sehr brennende Frage zu interessieren.

Ja, ja, werte Frau Kommerzienrätin, auch ich habe es im verflossenen Winter nicht leicht gehabt! So sprach die Frau Rätin; man hat ja so mancherlei Plagen, besonders mit dem Dienstpersonal, das immer frecher und unverschämter wird. Ich habe in kurzer Zeit drei Dienstboten fortjagen müssen. So hat man seine Sorgen und seinen Aerger!

Ach! was Aerger anbetrifft, entgegnete die Frau Kommerzienrätin,so hat mein Ge⸗ mahl ganz besonders darunter zu leiden. Sie wissen, daß in unserer Fabrik leider seit einiger Zeit die Arbeiter, die früher stets bei ihrer Arbeit zufrieden waren, unzufrieden sind. Na⸗ türlich, sie sind von gewissen schlechten Elementen dazu verführt worden! Denken Sie nur, wie undankbar unsere Arbeiter in diesem Frühjahr waren! Mein Mann hatte den Arbeitern in

seiner Gutherzigkeit keine Lohnabzüge gemacht, trotzdem die Preise für seine Fabrikate durch die Konkurrenz gedrückt wurden. Wir ertrugen stillschweigend den Verlust. Da traten die Arbeiter an meinen Mann heran, denken Sie nur, Frau Rätin, sie forderten mehr Lohn und drohten mit einem Streik. Natürlich konnten. wir uns das brutale Vorgehen unserer Arbeiter nicht gefallen lassen. Es kam zum Streik; denken Sie nur in unserer Fabrik, in der bis⸗ her Ruhe und Frieden geherrscht hatte, wurde gestreikt! Wir wußten anfänglich nicht, was wir dazu sagen sollten. Das war der Dank, daß wir alle Jahre ein Fest für die Arbeiter veranstalteten, das war der Dank, daß wir uns stets bemüht haben, die Lage der Arbeiter auf gütlichem Wege zu verbessern. Das waren in diesem Frühjahr schwere arbeitsreiche Tage für uns. Mein Gemahl hat sich vollständig aufgeopfert, er hat Tag und Nacht gearbeitet, es gelang ihm nach rastlosen Mühen und unter schweren materiellen Opfern, Ersatz für die streikenden Arbeiter zu schaffen. Die Ruhe ist nun glücklicherweise wieder hergestellt. Die elrbeiter haben natürlich nach einigen Tagen wieder zurückkehren müssen. Manche von ihnen haben ihr Unrecht eingesehen. Einige Arbeiter hat aber mein Mann nicht mehr annehmen können, da diese im Verdacht waren, den Streik angezettelt zu haben. Man will doch Ruhe haben, und man will doch vor allen Dingen Herr im Hause sein. Die Sommerfrische braucht ganz besonders auch mein Mann, er wird sich sicher wenigstens etwas von den Strapazen erholen.

Beide Damen waren bei diesem Gespräch in ein Wäldchen gekommen. Unter den schat⸗ tigen Bäumen suchten sie sich ein lauschiges Plätz⸗ chen aus. Unter einem großen Baume, der seine gewaltigen Aeste weit ausstreckte, ließen ste sich nieder. Wie mollig es sich auf dem duftigen Moose saß. Ach, wie herrlich ist doch so eine Sommerfrische! Sie saßen da und lauschten den Vöglein, die hoch oben auf den Aesten saßen und lustig um die Wette ihre Lieder sangen. Mittlerweile waren ihnen die Augen zugefallen, sie schlummerten, ein wenig befreit von allem menschlichen Kummer, frei von allen Sorgen. Sie waren ja in der Sommerfrische. Sie erholten sich von ihren schweren Arbeiten und schöpften neue Kräfte in der Sommerfrische.

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Wiederum ein prächtiger Sommermorgen. In die ärmliche Stube eines Arbeiters schienen die prächtigen Sommerstrahlen hinein. Am Boden hockten einige Kinder, während eine Frau in der kleinen Küche mit Wäsche beschäf⸗ tigt war. Ein Mann saß am Fenster der kleinen Stube und schaute hinaus über einige Dächer der Vorstadt. Plötzlich erhob er sich und ging in die Küche..

Weißt du, Martha, ich werde es noch ein⸗ mal versuchen, so sprach der Mann zu der Frau,ich werde noch einmal nach der Fabrik gehen, vielleicht erhalte ich doch Beschäftigung. Der Kommerzienrat ist ja in der Sommerfrische, vielleicht stellt mich der Fabrikleiter ein. Wir