r
Nr. 37.
Mitteldenutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
können doch nicht verhungern. Wir sind ja durch den Streik gänzlich heruntergekommen. Ich kann das Elend nicht mehr ansehen. Man hat mir stets gesagt, daß ich einer der Rädels⸗ führer gewesen bin. Was habe ich verbrochen? Daß ich keine Memme bin, dafür soll ich nun büßen? Ist das ein gerechter Zustand? Treu und fleißig habe ich in dieser Fabrik 15 Jahre 1 500 gearbeitet. Ich habe dort gelernt.
ch habe meine besten Kräfte da gelassen, und nun soll ich auf der Straße liegen wegen einiger wahren Worte?“
Seufzend nahm er den Hut vom Nagel, drückte ihn auf den Kopf, ordnete ein wenig seine Kleider und ging zur Tür hinaus. Der Frau, die dem Gespräch ihres Mannes bei ihrer Arbeit zugehört hatte, fielen Tränen aus den Augen, sie rollten über die Wangen und fielen auf die Wäsche. Sie hatte ja jede Hoffnung verloren.———
„Was wollen Sie schon wieder?“ so herrschte der Fabrikleiter den Arbeiter an, als dieser bei ihm wegen Arbeit anfrug.„Sie wissen doch, für Hetzer haben wir keinen Platz. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten“.
„Erlauben Sie, Herr“, entgegnete der Ar⸗ beiter,„ich habe fünfzehn Jahre hier gearbeitet, ich habe stets meine Pflicht getan!“
„Schon gut, schon gut, kommen Sie, wenn der Herr aus der Sommerfrische gekommen ist, ich darf Sie nicht einstellen“.
„Herr, ich habe eine Frau und sechs Kinder zu ernähren, was fange ich da an?“
„Was kümmern mich Ihre Jöhren, gehen Sie doch mit ihnen jetzt in die Sommerfrische! Sie haben ja die schönste Zeit dazu!“ so höhnte der Fabrikleiter. Dem Arbeiter aber stieg die Zornesröte ins Gesicht, er ballte die Fäuste krampfhaft zusammen, er zitterte vor Wut über diesen Lumpen, der sich über sein Elend noch lustig machte. Sollte er dem Manne einen Denkzettel geben? Nein, er bezwang seine Wut, er ging hinaus aus diesem Hause in die frische Luft. Er ging wieder nach Hause in seine— Sommerfrische.——————
Aus sozialistengesetzlicher Zeit.
Die Zeit des Sozialistengesetzes war auch in Hessen die Zeit des fortgesetzten Kampfes mit Polizei und Gendarmerie, und am schärfsten tobte dieser Kampf im Anfang der 80er Jahre. Einige Einzelheiten dieses Kampfes verdienen der Vergessenheit entrissen zu werden und mögen deshalb hier Platz finden.
Es war in den Jahren 1880—81. Ver⸗ aten wurden nirgends erlaubt und mit
rgusaugen wachten die Gendarmen⸗ und Poli⸗ zisten darüber, ob nicht etwa doch in dem einen oder anderen Orte eine geheime Zusammenkunft der T Sozis stattfände. Unter diesen Um⸗ ständen war es für die bekannten Genossen schwierig, zusammenzukommen, ohne daß irgend ein„ungebetener Gast“ sich mit eiufand. Es wurden daher allerhand Manöver ausgeführt, um uns die„heilige Hermandad“ möglichst weit vom Leibe zu halten, wobei selbstverständlich häufig die drolligsten Dinge passterten. f
So einmal in Gießen. Man wollte in Leihgestern eine Zusammenkunft haben und ein alter— inzwischen längst verstorbener Partei⸗ genosse, ein angesehener kleiner Landwirt von dort, hatte Alles geordnet, sodaß wir erwartet wurden. 5 5
Doch wie konnten wir uns die Gendarmerie und insbesondere einen überaus eifrigen Kreis- Assessor vom Halse schaffen? Man entschied sich dafür, mittels Plakaten zu einer Versammlung auf einen benachbarten Berg einzuladen und diese Plakate so anzukleben, daß unser eifriger Sozialistenfänger vom Kreisamt, sowie seine pflichttreuen Gendarme sie sicher sehen mußten. Inzwischen ging es unter den Eingeweihten don Mund zu Mund:„Nach Leihgestern!
Nur ein paar bekannte Genossen machten sich langsam 90 den Weg zum öffentlich ange— kündigten Versammlungslokal und zwar in der Absicht, die Späher sicher zu machen, was denn auch vollständig gelang.
Kreis⸗Assessor und
Gendarmen rückten aus, um die Versammlung unmöglich zu machen. Inzwischen erledigten unsere Vertrauensleute in Leihgestern, was zu erledigen war und machten sich wieder auf den Heimweg nach Gießen. Und just in dem Mo⸗ ment, wo wir fröhlich unseres Weges fürbaß die Chaussee entlang gingen, raste in sausendem Galopp unser reitkundiger Kreis⸗Assessor mit einem seiner berittenen Gendarmen auf schweiß⸗ triefenden und mit Schaum bedeckten Pferden an uns vorüber. Die Staatsretter hatten Wind von unserem Manöver bekommen und dachten noch„was zu fangen“— allein umsonst. Die langen Gesichter der beiden kurzerhand in das Wirtszimmer des Gasthauses zu Leihgestern eintretenden nden u amüsterten die beim Schoppen sitzenden Landleute, die wohl von unserer Zusammenknnft„gehört“ hatten, aber nichts davon wußten, nicht wenig. Ein sofort angestrengtes„Verhör“ mit einigen Gästen blieb auch ohne Erfolg und so zogen denn beide recht übel gelaunt wieder rückwärts gen Gießen. (Offenb. Abendbl.)
—
Ein Werk der Arbeiter.
Der Konsumverein„Vorwärts“ in Dres⸗ den hat vor wenigen Wochen seinen großen, an der Rosenstraße in Dresden⸗Altstadt gelege⸗ nen Neubau bezogen. Wer Gelegenheit hatte, diesen großartigen Bau in Augenschein zu nehmen, wird überrascht und erfreut sein über die solide, praktische, allen Erfordernissen der Neuzeit entsprechende Anlage.
Der Dresdener Konsumverein„Vorwärts“ steht in Bezug auf Größe und Umsatz unter den deutschen Konsumvereinen an dritter Stelle. Nach dem Breslauer Konsumverein mit 60 000 Mitgliedern und 13 Millionen Mark Umsatz und dem Leipzig⸗Plagwitzer Konsumverein mit etwa 30000 Mitgliedern und 11 Millionen Mark Umsatz kommt gleich der Dresdener Verein mit 22800 Mitgliedern und 5¾ Millionen Mark Umsatz. Der Bau ist diesen großen Ver⸗ hältnissen angepaßt. Das Grundstück, das um M. 812000 gekauft wurde, bedeckt 10000 Quadratmeter Bodenfläche. Der Neubau währte zwei Jahre und kostet mit dem Grundstück M. 1600 000. Das Gebäude, das nach der Straße zu liegt, beherbergt im Parterre die Kontors und Kassenräume, sowie das Empfangs⸗ zimmer. In den oberen Geschossen befinden sich die geräumigen und freundlichen Wohnungen der beiden Geschäftsführer. An das Verwal⸗ tungsgebäude schließt sich hinten das 70 Meter lange und 17 Meter tiefe Lagerhaus, das 6 Geschosse hat, an. Beide Gebäude können als eine dauernde Elektrizitätsausstellung gelten. Es ist unheimlich, zu wie vielen Verrichtungen man sich die stillen Kräfte der Elektrizität dienstbar gemacht hat. Von der ellektrischen Beleuchtung, den elektrischen Klingeln und den Fernsprechern, mit denen jeder Raum ausge⸗ stattet ist, reden wir erst gar nicht. Bemerkens⸗ werter ist schon, daß säwtliche zahlreich vor⸗ handenen Maschinen mit Elektrizität angetrieben werden. Aber auch die zahlreichen in den Ge⸗ bäuten verteilten Uhren werden elektrisch reguliert und in Gang erhalten. Die drei Fahrstühle, die den Verkehr zwischen den 6 Geschossen des Lagerhauses vermitteln, besitzen elektrische Druck⸗ knopfsteuerung. Diese technische Neuerung macht den Fahrstuhlportier überflüssig und schließt Unfälle vollkommen aus. In jedem Fahrstuhl und vor jeder Fahrstuhltür der verschiedenen Geschosse sind Knopftastaturen ähnlich der einer Schreibmaschine angebracht. Man braucht nur die Knöpfe zu drücken und der Fahrstuhl schwebt aufwärts oder abwärts gehorsam und geräusch⸗ los. Die Fahrstühle können mit Lasten bis zu 600 Kilo beschwert werden.
Das Lagerhaus besitzt zwei Keller, der tie⸗ fere liegt 7 Meter unter der Erde. Von schlechter Luft merkt man hier aber nichts, weil eine großartige Lüftungsanlage stets für frische Luft sorgt. Große Zementröhre führen frische Luft
u, andere Zementkanäle saugen die schlechte zuft ab. Die zirkuliernde Luftbewegung ent⸗
steht durch die Ummantelung des 45 Meter hohen.
Bäckereischornsteins. Letzterer ist gewissermaßen in einem großen Schornstein von 2 Metern
lichter Weite hiueingestellt. Die stets heiße Luft zwischen beiden Schornsteinwänden geht aufwärts und so entsteht die dauernde Venttla⸗ tion, da die Kellerräume mit der Ummantelung in Verbindung stehen. Im unteren Keller liegt ein 5 Meter tiefer Brunnen, der Wasser zu technischen Zwecken liefert. Im oberen Keller findet man mehrere sinnreiche Apparate; einen Syrups. Abziehapparat mit Dampferwärmung, einen Tafelöl⸗Abziehapparat und eine elektrisch betriebene Flaschenspül⸗ Vorrichtung, die selbst⸗ tätig in der Stunde 1500 Flaschen blitzblank putzt. Der letztere Apparat kostet M. 3000. Der Buttereiraum ist mit Mettlacher Kacheln ausgekleidet. Mit Hülfe von Maschinen werden hier jede Woche 18000 Stück ausgeformt. Der Konsumverein verkauft die Woche 80 Zutr. Butter. Im ersten Geschoß findet man eine Rosinenwaschmaschine. Da der Verein jährlich 98 000 Stollen(das sächsische Weihnachtsgebäck) backt, würde die Handwäscherei zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Auch die Mandeln werden maschinell geschält und gerieben. Im zweiten Geschoß steht die Kaffeerösterei. In 20 Minuten werden 150 Pfund auf einmal geröstet. Der Wochenumsatz des Vereins in geröstetem Kaffee beläuft sich auf 60 Zentner. Ein Oualmab⸗ sauger verhindert jeden lästigen Geruch. In einem benachbarten Raum stehen fünf Gewürz⸗ mühlen. Im dritten Geschoß lagern die Manufakturwaren. Hier besindet sich auch die Schneiderwerkstatt. Alle Nähmaschinen sind elektrisch betrieben. Eine Sehenswürdigkeit bil⸗ det die Bäckerei des Vereins. Der Backraum ist ein lichter, hoher Saal. An der einen Wand liegen die Türen zu den sieben Doppel⸗ öfen, die 98 Brote zu 4 Pfund aufnehmen. In der Woche werden bereits 1300 Zentner Brot gebacken, obgleich der Betrieb erst vor Kurzem eröffnet wurde. Die Oefen werden mit Dampf geheizt. Der Betrieb geht mit dreischichtigem Arbeitswechsel Tag und Nacht. Für die Ar⸗ beiter ist in umfassender Weise gesorgt. Sie haben große, helle Umkleide⸗ und Speiseräume, die mit Speisenanwärme⸗ und Kaffeekochappa⸗ raten ausgerüstet sind. Ferner besitzt jedes Geschoß Wasserklosets und Baderäume. Zu erwähnen bleibt noch, daß das Lagerhaus eigene Eisenbahngeleise besitzt, auf denen die Eisen⸗ bahn⸗Frachtgüter direkt angefahren werden. Das Personal des Vereins zählt 5 Vor⸗ standsmitglieder, 10 Buchhalter, 2 Lageristen, 2 Maschinisten, 27 Arbeiterinnen, 1 Packmeister, 30 Bäcker, 175 Verkäuferinnen und 30 Verkäufer. Alle Arbeiter erhalten die von den Gewerk⸗ schaften geforderten Löhne und Arbeitsbeding⸗ ungen.
Humoristisches.
Ein Nörgler. Huber: Herrgottsakra! Da hat ja der Reichsschatzsekretär v. Thielmann abdankt un unser b oarischer Vertreter beim Bundsrat, Freiherr v. Stengel, is sei Nachfolger worn? Nazel: Halt di stad! Desz wegn komm'n de Reichsfinanzen a no af koan grean(grünen) Stengel!(Südd. Postillon).
Zurückgegeben. Aeltere Schwester:„Schäme Dich, Fritz, bist sitzen geblieben.“ Bruder:„Wer weiß, ob Du nicht auch noch'mal sitzen bleibst.“
Gemütsmenschen.„Aber wenn Ihr Verhältnis mit Klärchen Folgen gehabt hätte?“—„Ich hatte nichts zu fürchten. Sie versicherte mir wiederholt, daß sie in diesem Falle ins Wasser ginge.“
(Simpl.)
———
——
——
Geschichtskalender.
13. September. 1895: Das Kreuz⸗Zeitungs⸗ Komitee zeigt Hammerstein wegen Betrug an. 1872: Ludw. Feuerbach, T. 1808: Goethes Mutter(Frau Rath), 7.
14. 1902: Parteitag in München. 1769: A. v. Humboldt,.
15. Wilh. II. Umsturzrede in Prenzlau.
16. 1878: Sozialistengesetzdebatte im Reichstage.
17. 1870: Geib in Ketten nach Lötzen trins⸗ portiert.
18. 1848: Barrikadenkampf in Frankfurt a. M. 1900: Peunsylvanischer Bergarbeiterstreik.
19. 1859: Eisenbahn⸗Probefahrt über dte Rhein⸗ brücke in Köln.
——


