Ausgabe 
13.9.1903
 
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große Aesthetiker Vischer, dessen Schuhriemen

packen, wirken soll.

Stadt.

Nr. 37.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

zu wählen habe, ziehe ich diese Möglichkeit der Rücksichtnahme auf das vor, was 1 land⸗ läufigen Auffassung als guter Ton gilt. Aller⸗ dings kann ich mich dafür nicht auf die Billi⸗ gung des seligen Knigge und seiner Nachfolger berufen. Dafür aber befinde ich mich in Ueber⸗ einstimmung mit einem Manne, der gerade auch den Wert der Form zu schätzen wußte. Der

zu lösen alle Hofzeremonienmeister und Anstands⸗ kanten nicht würdig sind, schrieb:Hinein⸗ geblitzt, hineingedonnert muß werden, wenn es

Wenn die bürgerliche Presse mit dem von mir variierten Bis. gärckischen Ausspruche krebsen ul so macht sie sich einer doppelten Fälschung chuldig. Einmal der bereits weiter oben nach⸗ gewiesenen, dann aber der anderen, daß sie über den Ton im sozialdemokratischen Lager herfiel, während ihr wohl bekannt war, daß der gerügte Ausdruck Bismarcks ureigenste Schöpfung ist. Er ist lange Jahre hunderte von Malen in Polemiken zitiert worden recht oft auch von bürgerlicher Seite ohne daß der bürgerliche Blätterwald entrüstet gerauscht hätte. Diese Entrüstung ist wie die Fälschung selbst kenn⸗ zeichnend dafür, mit welch' tendenziöser Ver⸗ logenheit die bürgerliche Presse den Kampf gegen die Sozialdemokratie führt.

Das mag sich der Anzeiger zur Notiz nehmen!

Wie die Stadtverwaltung in; Gießen mit Arbeitern umgeht. Der Arbeiter J. L., welcher mit geringen Unter- brechungen 8 Jahre bei der Stadt(Gas⸗ und Wasserwerk vom 17./10. 94 bis 18./3. 01) und seither beim Elektrizitätswerk als Hilfsheizer arbeitete, ist ohne Angabe von Gründen ent⸗ lassen worden. L. vermutet, daß ein Zu⸗ spätkommen von 10 Minuten Ursache der Entlassung sei. Die vierzehntägige Kündigungs⸗ frist sollte L., der als Hilfsheizer eingestellt war, als Erdarbeiter verbringen, da er in das Werk nicht mehr hineinsolle, weil er es sonst am Endein die Luft sprengen könne. So Herr Frahm zu einem durchaus unbescholtenen, mit den besten Zeug⸗ nissen versehenen langjährigen Arbeiter der Dem so hinausgeworfenen Arbeiter verweigert nun der Herr Oberbürgermeister die nachgesuchte Unterredung, mit der Begründung, er habe die Kündigungszeit nicht ausgehalten; unser Erachtens war L. als ehrliebender Mensch geradezu moralisch verpflichtet, nach solcher Unter⸗ tellung das Elektrizitätswerk des Herrn Frahm und was damit zusammenhängt zu meiden.

Die städtischen Arbeiter aber sollten sich organisteren. Nur durch festen Zusammen⸗ schluß können sie einer derartigen, sagen wir preußischen Behandlung entgehen.

Die landwirtschaftliche Pro⸗ vinzial⸗Ausstellung wurde am Donners⸗ tag Mittag auf dem Trieb in Gießen eröffnet. Sie ist aus der Provinz Oberhessen sowie aus den benachbarten Kreisen zahlreich beschickt; eine Menge Vieh und Geflügel aller Art wird vorgeführt, daneben alle möglichen landwirt⸗ schaftlichen Produkte, Obst ꝛc. landwirtschaftliche Maschinen und Geräte für alle Zwecke sind ebenfalls iu großer Zahl vorhanden. Der Eintrittspreis beträgt für Samstag und Sonn⸗ tag 50 Pfg.

Der Konsumverein für Gießen und Umgegend hält am 27. Sept. seine Gen eral⸗ versammlung ab. Der diesjährige Abschluß

eigt, wie uns mitgeteilt wird, ein günstigeres Bild als der des Vorjahres. Wenn sich die gehegten Erwartungen auch nicht voll erfüllten, so ist es doch möglich, daß den Mitgliedern eine, wenn auch nur mäßig. Dividende aus- gezahlt werden kann.

1. Die Allgemeine Kranken⸗ und Sterbekasse für alle Arbeiter(Sitz Meißen) hielt am Sonntag vor 8 Tagen auf der Wellersburg eine von den Filialen der Umgebung zahlreich besuchte Versammlung ab. Der Vorsitzende der Kasse, Bruno Reinhold, skizzierte kurz die Entwickelung der Kasse, die im Jahre 1876 vom jetzigen Reichstagsabgeordneten Horn ge⸗

gründet wurde, seitdem gute Fortschritte gemacht hat Im weiteren

und sich jetzt im guten Stande befindet.

wurden und warnte vor dem Eintritt in solche. Mit der Aufforderung für das Wachsen der Kasse tüchtig zu arbeiten, schloß er seine mit Beifall aufgenommenen Ausführungen.

Ratgeber für Arbeiter. Unter diesem Titel hat der Verlag der Leipziger Volkszeitung ein recht nützliches Buch heraus gegeben, das den Zweck hat, die Arbeiter auf den für sie wichtigsten Gebieten der Gesetzgebung, besonders der Arbeiterversicherung zu unterrichten. Kranken-, Unfall-, und Invalldenverstcherung, Dienstvertrag und gewerblicher Arbeitsvertrag, das Verfahren vor den Gewerbegerichten werden in ihren wesentlichen Bestimmungen dargelegt, aber auch eine große Reihe allgemein bürger⸗ lichen Gesetzbestimmungen, so über Armen, Ehe⸗, Erb⸗, Mietrecht usw. Bei der Fülle des ge⸗ botenen Materials ist der Preis Mk. 1.25 ein billiger zu nennen.

Das Buch ist von unserer Expedition zu beziehen.

Aus dem Rreise Wetzlar.

Der Zuschuß zur Armenkasse, der von der Stadt Wetzlar geleistet werden muß, hat sich in den letzten Jahren vermindert. Während er für 1900 noch beinahe 13000 Mk. betrug, sind für 1902 nur noch 5 500 Mk. erforderlich. Das soll darauf zu⸗ rückzuführen sein, daß man mit Unterstützungsleistungen an Leute, die nicht gut als Arme gelten können, aufge⸗ räumt hat.

h. Manövergäste. Wetzlar und Um⸗ gebung ist jetzt stark mit Einquartierung belegt. Nicht allen Leuten macht das Vergnügen und viele werden froh sein, wenn die Soldaten wieder fort sind, deren Hiersein auch manchem armen Teufel Kosten verursacht. Aber noch in anderer Richtung machen sich die Vaterlands⸗ verteidiger unangenehm bemerkbar. Das be⸗ weist eine im Inseratenteil desW. Anz. befindliche Anfrage mehrerer Burschen in Nieder- girmes:

Wer nennt uns die Mädchen,

Wache geholt werden?,

Die Anfrage läßttief blicken und die er⸗ zieherische Wirkung des Militarismus in wenig günstigem Lichte erscheinen.

r. Schneidiger Gensdarm. In Krof⸗ dorf trat am Sonntag kurz nach 12 Uhr der frühere dort stationierte Gensdarm Bechstein in die Wirtschaft Moos und gebot mit lauter Stimme Feierabend, wo⸗ bei er bemerkte, es sei ein Skandal in der Wirtschaft, als ob Löwen brüllten. Doch es war keineswegs zu laut und übrigens spielte ja auch noch die Kirmeß⸗ Musik. Der Herr Gensdarm wollte den Krofdorfern wohl nur seineSchneidigkeit zeigen.

aus dem Nreise Marburg-Rirchhain.

n.Männerstolz vor Königsthronen davon scheint man in derHes Landesztg. nicht viel zu besitzen. In ihrer Nr. 212 schrieb sie zu dem Arttkel Bebels in der Neue Zeit:

In ausführlicher Weise begründet dieser seinen Standpunkt dahin, daß die Sozialdemo⸗ kratie die Uebernahme eines Vizepräsidenten⸗ postens ablehnen müsse, weil die Zumutung, in Kniehosen und Wadenstrümpfen zu Hofe zu gehen und dergleichen mehr; die vollendete Würdelostgkeit(I) in sich schließe(I).

Durch die Ausrufungszeichen will die Lztg. andeuten, daß sie es nicht für würdelos hält, sich in Bedientenkleidung vor dem Throne in Bücklingen zu üben. Ueber den Geschmack läßt sich allerdings nicht streiten. Wir meinen aber, wer ein durchschnittliches Maß von Selbst achtung besitzt er bmaucht noch lange nicht Sozialdemokrat zu sein wird sich zu einer derartigen Rolle nicht hergeben.

AufgeklärterRitualmord.

Vor sechs Jahren verschwand spurlos aus dem Dorfe Mienken im Kreise Arnswalde das dreijährige Söhnchen des Besitzers Jonske. Dieser geheimnisvolle Fall war beuutzt worden, um bei der Landbevölkerung das Märchen von einem Ritualmord zu verbreiten. Es kam zu Erzessen gegen die Juden, die erst durch energ⸗ ische Maßnahmen unterdrückt werden konnten. Jetzt wird der wahre Sachverhalt bekannt. Auf seinem Sterbebette gestand der Förster Janke, daß er das im Walde nahe dem Dorf

die nachts von der

beleuchtete er das Verfahren der Schwindelkassen, von 4 der letzten Zeit eine Reihe polizeilich geschlossen

Siehe Fortsetzung Seite 6.

Kleine Mitteilungen.

* Der Raubmörder Detroit ist am Freitag in Mainz hingerichtet worden. Bei der Enthauptung wurde der Kopf des Verbrechers nicht vollständig vom Rumpfe getrennt, das Beil blieb im Kinnbacken stecken. Es war ein grauenhaft-peinlicher Anblick.

An Trichinose sind in Homberg bei Kassel etwa 120 Personen erkrankt, die aus ein und dem⸗ selben Metzgerladen herrührendes Schweine fleisch genossen hatten. Auf dem Hüttenwerk Holzhausen bei Homberg liegen allein über 50 Arbeiter schwer krank danieder, so daß der Betrieb zum Teil eingestellt werden mußte. Wahrscheinlich liegt mangelhafte Fleischbeschau vor, weshalb die Staatsanwaltschaft Untersuchung ein⸗ geleitet hat.

* Wahre Selbstmordmanie scheint in Frank⸗ furt ausgebrochen zu sein. Während dreier Tage kamen nicht weniger als dreizehn Fälle von Mord⸗ Selbstmord⸗ und Selbstmordversuchen vor, außer⸗ dem ist ein plötzlicher Todesfall zu verzeichnen. Am Samstag wurden vier Leichen aus dem Main geländet, Mann, Frau und 2 Kinder. Die Leichen waren mit Stricken zusammengebunden. Die Leichen sind als die⸗ jenigen der Familie Käfer aus Eckenheim ermittelt worden. Die Frau war kürzlich wegen Mißhandlung ihres Pflegekindes zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Ein Liebespaar fand man im Frankfurter Stadtwalde bei Oberrad erschossen auf. Die Un⸗ glücklichen wurden als der Reichsbankbeamte Schröder und die 19 Jahre alte Adele Kloth ermittelt.

. Aus Eifersucht erschoß der Wirt Hieb in der Steingasse in Frankfurt den 24 Jahr alten Glaser Kraft und dann sich selbst, Kraft kehrte am Freitag Abend in die Wirtschaft ein und scherzte, wie schon öfter mit der hübschen Wirtin. Darüber geriet der Ehemann in eine solche Wut, daß er einen Revolver hervorholte und auf Kraft etwa s ech s Schü sse abfeuerte. Einige Kugeln drangen in die Brust und einige in den Hals, sodaß sein Tod augenblicklich eintrat. Hierauf richtete der Wirt die Waffe gegen sich selbst und brachte sich einen Schuß in die Schläfe bei, der ebenfalls seinen sofortigen Tod zur Folge hatte.

Partei-Uachrichten.

Die auswärtigen Mitglieder der Preßz⸗ kommission(in Marburg, Wetzlar, Friedberg ꝛc.) werden ersucht, ihre Adressen baldigst an den Vorsitzen⸗ den Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstraße 44 gelangen zu lassen.

Ein Fraktionsbild der sozialdemokra⸗ tischen Reichstagsfraktion hat die Buchhand⸗ lung Vorwärts herausgegeben. Die Porträts der Ab⸗ geordneten sind vorzüglich ausgeführt, der Karton ist 57 zu 77 Zentimeter groß, dabei beträgt der Preis nur 60 Pfg., wozu noch 30 Pfg. Porto kommen. Das Bild gibt einen prächtigen Zimmerschmuck für jedes Arbeiterheim und kann unseren Parteigenossen zur Anschaffung nur empfohlen werden. Bestellungen nimmt unsere Expedition entgegen.

Versammlungskalender.

Samstag, den 12. September.

Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: Berichterstattung über Kreis⸗ und Landeskonferenz.

Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Schupp. T.⸗O.: Berichterstattung von der Kreis⸗ und Landeskonferenz.

Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Lud w. Kröck. (Wichtige Tagesordnung.)

Sonntag, den 13. September.

Gießen. Glaser⸗Verband. Vormittags 10 Uhr

Versammlung bei Or big. Montag, den 14. September.

Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

PCCCCCCCCCCCCCCCCTTTTTTTCTTTTTTTTTT Aufruf! Wer ungebeugt sein Haupt noch trägt, Wem noch ein Herz im Busen schlägt, Wer nicht am Altgewohnten klebt, Wer noch nach Recht und Freiheit strebt, Wes Geist und Nerv nicht abgestumpft, Wer noch nicht ganz und gar versumpft, Wer des Gefühls noch nicht beraubt Und wer noch an die Zukunft glaubt: Der abonniere frisch und frei

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