Ausgabe 
13.9.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 37.

ersten Ansturm gewonnen. Wie wir in Deutsch⸗ land die stärkste Partei sind, so sind wir es anch in Hessen geworden. Unsere Stimmenzahl stieg auf 68834. Schwierigkeiten gab es bei der Reichstagswahl inbezug auf die Aufstellung eines Kandidaten im Kreise Alsfeld, die sich noch steigerten, als die dortigen Genossen bei der Stichwahl nicht die nötige Einigkeit zeigten. Dabei hätte sich Genosse Krumm in Gießen nicht einmischen, sondern die Alsfelder Genossen hätten sich an das Landeskomitee zur Ver⸗ mittelung wenden sollen. Die Einführung eines einheitlichen Mitgliedbuches für Hessen ist nur allmählich vor sich gegangen, auch hat nur ein Kreis(Gießen) Zahlung für die Bücher geleistet. Der Agitationskalender Hessischer Landbote wurde im vorigen Jahre in 126000 Exemplaren verbreitet und hat be⸗ sonders bei unseren schwarzen Gegnern die richtige Beachtung gefunden. Die wegen der Verbreitung des Kalenders im Kreise Friedberg anhängig gemachten Prozesse wurden in zwei Instanzen von den betr. Genossen siegreich durchgeführt, ein anderer Prozeß in Alzey schwebt noch und wurde bisher der betr. Gen. in erster Instanz zu 2 Mark verurteilt. Es sei jedoch zu hoffen, daß die zweite Instanz ein anderes Urteil zeitige. Das Landeskomitee stehe auf den Standpunkt, daß derartige Prozesse von seiten des Landeskomitees bis 5 endgil⸗ tigen Entscheidung auf Kosten der Landeskasse geführt werden.

Der Kassenbericht, von Orb erstattet, liegt gedruckt vor. An Einnahmen sind 14 504.20 Mk. zu verzeichnen gegen 5676 Mk. im Vorjahre. Darin steckt allerdings ein größerer Zuschuß des Parteivorstandes zu den Reichs⸗ tagswahlen. Ausgaben hatten wir 14 786.80 Mark, also eine Mehrausgabe von 282.60 Mk., die aber durch Eingänge nach Fertigstellung des Abschlusses schon wieder ausgeglichen sei. Von dem Rechenschaftsbericht der Landtagsfraktion kamen 165000 Exemplare zur Verbreitung. Rechne man noch die Kosten für den Landboten, so seien für die schriftliche Agitation allein 2185,85 Mk. Kosten entstanden. Beiträge zu den Kalenderkosten haben nur die Kreise Mainz, Darmstadt, Gießen und Offenbach geleistet. An die Berichte schließt sich eine lebhafte De⸗ batte, in der sich fast alle Redner für Beibe⸗ haltung des Landkalenders aussprechen. Folgende Anträge gelangen zur Annahme:

1. Die Mitgliedsbucher werden unent⸗ geltlich geliefert.

2. Die hessische Landesorganisation ver⸗ zichtet für die Folge auf eine regelmäßige Unterstützung aus der Parteikasse.

Weiter findet Annahme folgender Antrag Dr. Michels:

Die Landeskonferenz ist der Ansicht, daß das unbefugte Eingreifen von Genossen in die Wahlangelegenheiten eines Wahlkreises in Zu⸗ kunft entschieden zu unterbleiben hat. Dazu findet folgender Zusatzantrag Annahme:Bei Differenzen zwischen den Genossen der einzelnen Kreise über ihre Taktik bei Stichwahlen ent⸗ scheidet das Landeskomitee.

Schließlich wird noch folgender Antrag an⸗ genommen:Der Landeskalender ist, wie seither, auch in diesem Jahre wieder im Großherzogtum zu verteilen.

Abg. Cramer referiert nun kurz über: Reichstagswahlen und Parteitag. Ueber die Wahlen, meint er, habe Ulrich schon das Nötige gesagt. Wir müßten Sorge tragen dafür, daß das Errungene erhalten bleibt und andererseits lebhafte Agstation und Aufklärungs⸗ arbeit in allen Kreisen entfalten. Auf dem Parteitag werde es nicht an Auseinander⸗ setzungen über taktische Fragen fehlen, doch würden sich die Gegner in ihrer Hoffnung auf Spaltung in unsern Reihen getäuscht sehen. Bezüglich der Vizepräsidentenfrage stehe er, Cramer, persönlich auf dem Standpunkte Bern⸗ steins und Vollmars. Er sehe keinen Schaden für die Partei darin, wenn wir die Bedingungen erfüllen, die man uns bei Uebernahme des Präsidentenpostens stellt. Aenderung der Taktik mache sich oft notwendig. 5

Auch diesem Referat schließt sich eine sehr lebhafte Debatte an. Zuerst stellt Busold

richtig, was über seine Ausführungen auf der Friedberger Kreiskonferenz in derVolksstimme irrtümlich berichtet war. Er habe nicht von Hofgängerei unserer Landtags⸗Fraktion ge⸗ sprochen, sondern nur gesagt, daß es besser sei, wenn sich unsere Genossen nicht an den parla⸗ mentarischen Abenden beteiligt hätten. In der weiteren Debatte sprechen sich in der Vizepräsi⸗ dentenfrage Dr. Michels, Hauschilbt, Harris, Scheidemann und Vetters Neben die Ansicht des Referenten aus, während ziebmann⸗Mainz ihm zustimmt. Ulrich führt aus: Busold habe in 1 5 nach feiner eigenen Darlegung gesagt, daß die Be⸗ teiligung unserer Landtagsfraktion an dem parlamentarischen Abend uns in der Agitation Schwierigkeiten bereitet habe. Daraus sollten Bernstein und Genossen ersehen, daß sie uns mit ihrer geplanten Hofgängerei nur neue Schwierigkeiten bereiten würden. Es sei also, meint Ulrich, dem Berichterstatter derFrankf. Volksst. ein bedauerlicher Lapsus unterlaufen, der von bürgerlichen Blättern sofort aufgegriffen wurde, um gegen ihn(Ulrich) persönlich loszu⸗ schlagen. Von der Berichtigung Busolds neh⸗ men diese bürgerlichen Blätter natürlich keine Notiz. Er(Ulrich) würde sich aber auch dar⸗ über nicht weiter aufregen. Man könne über die Teilnahme am parlamentarischen Abend zweierlei Meinung sein. Standpunkt, daß man durch die Teilnahme an seiner Ueberzeugung keinerlei Schaden leide. Habe er etwa fortgehen sollen, als der Groß⸗ herzog auf den parlamentarischen Abend ge⸗ kommen? Alle auf demselben anwesenden Nichtabgeordneten seien Gäste der Zweiten Kammer, also auch der Großherzog. Darum bestand auch keine Veranlassung, fortzugehen. Unser Verkehr mit den Ministern hielt sich genau in denselben Grenzen, wie im Parlament selbst. Er(Ulrich) habe persönlich auch nicht mit seiner Meinung dem Großherzog gegenüber zurück⸗ gehalten. Wieso den Genossen wegen dieses parlamentarischen Abends Schwierigkeiten bei der Agitation erwachsen sollten, verstehe er nicht.

Folgende Resolution wird angenommen:

Die Landeskonferenz der hessischen Sozialdemokratie erwartet, daß die Reichstagsfraktion einen Sitz im Reichstagspräsidium verlangt, aber keinerlei Ver⸗ pflichtungen eingeht, die außerhalb der Bestimmungen der Verfassung und der Geschäftsordnung liegen.

Ueber die weiteren Verhandlungen berichten wir noch eingehender in nächster Nummer. Bemerkt sei noch, daß die Resolution Scheide⸗ manns über die Parteipresse in Hessen angenomwen wurde, wonach das Landes⸗ komitee beauftragt wird, sofort in Unterhand⸗ lungen mit den Gießener Genossen zu treten zwecks Umgestaltung derMitteld. Sonnt.⸗Ztg. zu einem Landesorgan mit dem Druckort in Offenbach.

Ferner wurde den in Leipzig verhafteten Redakteuren Sympathie ausgesprochen, sowie auf Antrag Dr. Michels die Genossen vom Avanti in Rom zum Ausgang des Marine⸗ prozesses beglückwünscht.

Genosse Friedberg in Mainz begrüßte die Konferenz telegraphisch mit folgendem hüb⸗ schen Poem:

Ob alte, ob neue Taktik beliebt,

Das sollte nicht schwer für uns wiegen, Da schließlich nur eine Taktik es gibt: Zu kämpfen und glänzend zu siegen!

Und Genosse Dr. David depeschierte:

Ich wünsche den Beratungen, denen ich leider nur im Geiste beiwohnen kann, besten Erfolg.

von nah und Fern.

Hessisches.

Ueber das gewerbliche Unterrichts⸗ wesen ist kürzlich eine statistische Zusammen⸗ stellung erschienen. Danach gibt es in Hessen z. Zt. 167 gewerbliche Unterrichtsanstalten mit 511 Lehrkräften und 11 887 Schülern. Die Ge⸗ samtausgaben dafür betrugen im abgelaufenen Jahre 443361 Mk., darunter 294878 Mk. Gehalt für die Lehrer.

Er stehe auf dem

Gießener Angelegenheiten.

.Verleumde keck darauf los, es bleibt immer etwas hängen, nach diesem Grundsatze verfahren die gegnerischen Zeitungen der Sozialdemokratie gegenüber stets: Alles, sei es noch so dumm, tischen sie ihren Lesern über unsere Partei auf. Namentlich die Amtsblattpresse, die aus den großstädti⸗ schen Sudelküchen gefüttert wird, übertrifft sich selbst in Lügen und Alberuheiten. So der Gießener 1 Dieses ehrenwerte Blatt, hat die liebreiche Gewohnheit je den Klatsch über die Sozialdemokratie unbesehen aufzunehmen, niemals aber erfolgt eine Richtig⸗ stellung, wenn die Lügen eben als Lügen a gemein erkannt sind und jedes anständige Blatt seine darauf bezüglichen Mitteilungen zurück⸗ zunehmen sich verpflichtet fühlt. Dafür einige Beispiele:

Erstens die berühmte Geschichte von dem ungeheuerlichensozialdemokratischen Wahlbe⸗ trug in Berlin, die sich als Schwindel eines Berliner Scharfmacherblattes herausgestellt hat. (Siehe Pol. Rundschau der heutigen Nr.)

Zweitens war es der Anwurf, mit dem der Anzeiger in seiner Nr. 200 unsere Genossin Zetkin bedachte, den wir schon in der vorigen Nr. festnagelten und mit dem sich die weiter unten abgedruckte Zuschrift der Frau Zetkin be⸗ schäftigt.

Und drittens sollte, wie das Amtsbatt ver⸗ kündete, Abg. Zubeil in einer Berliner Ver⸗ sammlung den Abg. Heine eineneitlen Gecken und Streber genannt haben. Wie uns Heine auf Anfrage mitteilt, ist auch dies unwahr.

Das sind drei auf das Geradewohl heraus⸗ gegriffene Unwahrheiten von den vielen, die der Anzeiger verbreitet, niemals aber richtig stellt. Wahrheitsliebende Leute sollten sich ein solches Blatt vom Leibe halten, besonders müssen unsere Freunde überall dafür sorgen, mens aus jedem Arbeiterhause hinausgeworfen wird.

Vom guten Ton. Zu der Notiz unter dieser Stichmarke in voriger Nummer schreibt uns Frau Zetkin(Stuttgart) folgende Ergänzung:

Die bürgerliche Presse hat nicht die Form, sondern mehr als sie gefälscht: das Wesen meiner Aeußerung. Es ist kein formeller, es ist ein wesentlicher Unterschied, ob die ausgeschlachtete Aeußerung sich auf Bismarck bezieht oder auf Herrn Harden, den Herausgeber derZukunft. Ich pflichte der Notiz darin bei, daß der Aus⸗ druck nicht von erlesenem Geschmack ist. Es ist mir aber auch nicht eingefallen, ihn unter dem Gesichtswinkel der Aesthetik zu wählen, ich bediente mich seiner vielmehr aus einem bestimmten Grunde. Nicht ein Sozialdemokrat, der vonEuropas übertünchter Höflichkeit nichts kannte, Fürst Bismarck in Person, be⸗ zeichnete die im Dienste seiner Politik stehenden Journalisten als seine Sauhirten. Die Wertschätzung, welche dieser Ausdruck verleiht, wurde von dem ersten Kanzler des deutschen Reichs auch durch die andere be⸗ kannte Aeußerung unterstrichen:Anständige Leute schreiben nicht für mich. Die Mächtigen bedienen sich feiler Werkzeuge, der Verachtete nie. Ich entlehnte zur Kennzeichnung eines der gefährlichsten Organe Bismärckischer Politik gerade den Bismärckischen Ausdruck, weil er meines Erachtens am schärfsten zu Tage treten läßt, daß die Genossen irren, welche sich Vorteil für die Partei davon versprechen, wenn sie journalistisch unter einem Dache mit Leuten vom Schlage des Harden zusammen wohnen. Die Sozialdemokratie hat meines Dafürhaltens gar keinen Grund, die journa⸗ listischen Lakaten der Bismärckischen Politik, d. h. der stockreaktionären, volksfeindlichen Junkerpolitik, mit geringerer Verachtung ein⸗ zuschätzen, als deren Herr und Meister selbst es tat. Den guten Ton in allen Ehren. Ich

Lüge herabsinkt. Sobald ich jedoch im politi⸗ schen Kampfe zwischen dem Respekt vor dem

uten Ton und der Möglichkeit des klarsten chärfsten Ausdrucks meines Gedankenganges

schätze ihn, soweit er nicht zur konventionellen