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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 28.
W. * Unterhaltungs-Ceil.
Die Kindesmörderin. Von Guy de Maupassant,
Es war wirklich etwas Geheimnißvolles dabei, das weder die Geschworenen, noch der Präsident, noch selbst der Staatsanwalt begreifen konnten. Die unverehelichte Rosalie Prudent, Dienstmädchen bei dem Ehepaar Varambot in Mautes, die schwanger geworden war, ohne daß ihre Herrschaft etwas davon wußte, hatte während der Nacht in ihrem Mansardenzimmer ein Kind zur Welt gebracht, dasselbe dann ge⸗ tötet und im Garten verscharrt. Es war die gewöhnliche Geschichte wie bei allen Kindes⸗ morden durch Dienstmädchen. Aber Eins war dabei nicht zu erklären. Die Durchsuchung des Zimmers der Rösalie Prudent hatte zur Ent⸗ deckung einer ganzen Baby⸗Ausstattung geführt, die das Mädchen selbst hergestellt, indem es drei Monate hindurch Nachts zugeschnitten und ge⸗ näht. Der Kaufmann, bei dem sie zu ihrer nächtlichen Arbeit Kerzen gekauft hatte von ihrem Monatslohn, war als Zeuge aufgetreten. Und dann war es Tatsache, daß die Hebamme durch das Mädchen von ihrem Zustand in Kenntnis gesetzt worden und ihr praktische Ratschläge und Verhaltungsmaßregeln gegeben, für den Fall, daß das Ereignis sich zutrüge in einem Augenblick, wo sie nicht beistehen konnte. Außerdem hatte die Prudent, die ihre Dienstentlassung voraussah, weil das Ehepaar Varambot in so etwas keinen Spaß verstand, sich schon in Poissy eine andere Stelle gesucht.
Da standen nun vor Gericht Mann und Frau, kleine Rentner aus der Provinz, wütend gegen diese Person, die ihr Haus beschmutzt. Am liebsten hätten sie es gesehen, wenn man ihr sofort ohne Richterspruch den Kopf abge⸗ schlagen hätte. Sie bestürmten sie mit gehässigen Aussagen, die in ihrem Munde zur Anklage wurden. Die Schuldige, ein großes, schönes Mädchen aus der Nieder⸗Normandie, die für ihren Stand ziemlich gebildet war, weinte un⸗ ausgesetzt und antwortete nicht. Es blieb nur die Möglichkeit, daß sie die grauenvolle Tat in einem Augenblick von Verzweiflung und Geistes⸗ störung vollbracht, weil alles darauf deutete, daß sie gehofft hatte, ihren Sohn am Leben zu erhalten und groß zu ziehen.
Der Präsident versuchte noch einmal, sie zum Sprechen, zum Geständnis zu bringen. Nach⸗ dem er ihr mit großer Weichheit zugeredet, erklärte er endlich, daß alle diese Männer die hier versammelt wären, um sie abzuurteilen, ihren Tod nicht im Entferntesten wollten und sogar Mitleid mit ihr hätten. Er fragte:„Nun sagen sie uns mal, wer der Vater des Kindes ist.“— Bis dahin hatte sie ihn beharrlich ver⸗ borgen. Sie antwortete plötzlich und blickte ihre Herrschaft an, die sie eben wütend verdäch⸗ tigt:„Es ist der junge Herr Josef, der Neffe des Herrn Varambot.“
Die beiden Gatten fuhren auf und riefen wie aus einem Munde:„Das ist nicht wahr, das ist gelogen! Das ist eine Unverschämtheit!“
Der Präsident wies sie zur Ruhe und sagte: „Fahren Sie ruhig fort und erzählen Sie uns, wie das gekommen ist.“ 5
Da begann sie plötzlich mit unendlicher Rede⸗ flut zu sprechen, indem sie ihr bis dahin ver⸗ schlossenes, einsames, gebrochenes Herz er⸗ leichterte, ihre ganze Qual ausschüttete vor diefen ernsten Männern, die sie bis dahin für ihre Feinde und unbeugsamen Richter gehalten: „Ja, Herr Josef Varambot ist's gewesen. Bei seinem letzten Urlaub vergangenes Jahr.“
„Was ist denn Herr Josef Varambot“? „Unteroffizier bei der Artillerie, Herr Präsident. Er blieb zwei Monate im Haus, zwei Sommer- monate. Ich dachte weiter nichts, wenn er mich anguckte und schöne Sachen sagte, und dann hat er mich den ganzen Tag über ver⸗
folgt, und ich habe mich betören lassen, Herr
Präsident. Er sagte, ich wäre ein schönes Mädchen, und ich wäre nett.... Ich gefiele ihm... und mir gefiel er allerdings... Ja, was kann man dafür? Man hört so was an, wenn man ganz allein ist, ganz allein wie ich. Ich stehe ganz allein auf der Welt, Herr Präsident, ich habe Niemand, mit dem ich reden, Niemand, dem ich meine Bedrängnisse mitteilen könnte. Ich habe keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester, keinen Menschen. Das war so etwa, wie ein Bruder, der wiedergekommen war, wenn er so mit mir sprach. Und dann hat er mir eines Abends gesagt, wir wollten doch einmal an den Fluß hinunter⸗ gehen, um uns zu unterhalten, daß man es nicht hören sollte. Na, und da bin ich mitge⸗ gangen. Ja, und ich weiß nicht, da hat er mich umfaßt. Ich wollte gewiß nicht, nee, nee, sicher nicht. Ich konnte nicht.... Ich hatte Lust zu weinen, es war so schwül
„ und Mondschei nm. Ich konnte nicht, nee, ich schwör's Ihnen, ich konnte nicht. Da hat er getan, was er wollte Das
dauerte drei Wochen, so lange er da war. Ich wäre ihm bis an's Ende der Welt nach⸗ Aaufen: er ist fortgemacht. ch wußte nicht, daß ich ein Kind hatte. das merkte ich erst einen Monat darauf.“
Sie begann so zu weinen, daß man ihr Zeit lassen mußte, sich erst wieder zu erholen. Dann sagte der Prösident, mild wie der Geist⸗ liche im Beichtstuhl:„Nun fassen Sie sich, erzählen Sie weiter.“
Und sie fuhr fort:„Als ich merkte, daß ich ein Kind hatte, habe ich Frau Boudin, die Hebamme, gefragt, die doch dafür da ist, habe gefragt, was ich machen soll, wenn es kommt und sie wäre nicht da. Und dann habe ich Nacht um Nacht bis ein Uhr Morgens die Ausstattung gemacht. Dann habe ich eine an⸗ dere Stelle gesucht, denn ich wußte ja, daß sie mich fortschicken würden. Aber ich wollte bis zuletzt im Hause bleiben, um das Geld noch mitzunehmen, denn ich habe doch nischt und ich brauchte doch welches für das Kleene.“
„Ste wollten es also nicht töten?“
„Aber nee, Herr Präsident.“
„Ja warum haben Sie es denn getötet?“
Ja, das ist gerade so. Das ist früher los⸗ gegangen, als ich dachte. Als ich in der Küche Geschirr wusch, da ging's los.
Herr und Frau Varambot schliefen schon. Ich gehe also hinauf, schwer wurde mir's, zog mich am Geländer und legte mich auf die Erde, um mein Bett zu schonen. Es hat vielleicht eine Stunde gedauert, vielleicht zwei, vielleicht drei, das weiß ich nicht, so weh hat's mir getan. Dann habe ich alle Kraft zusam mengenommen und fühlte, es war da und hab's aufgenommen. Ach, ich war doch so glücklich, sicher! Ich habe alles geian, was Frau Boudin gesagt hat, dann habe ich's auf mein Bett gelegt. Und da kriegte ich wieder Schmerzen, aber daß ich gleich dachte, ich sollte sterben. Wenn ihr das wüßtet, wie das ist, ihr würdet euch schon in Acht nehmen. Ich bin auf die Knie gesunken, dann auf den Ruͤcken zur Erde gefallen, und da packte mich's wieder eine Stunde, vielleicht zwei. Und ich ganz allein. Und dann hatte ich noch ein's, ein anderes Kleenes,— zwei, ja zwei. Dann habe ich's genommen, wie's erste und habe Sie beide nebeneinander auf's Bett gelegt. Nun sagen Sie mal, ist das blos möglich, zwei Kinder. Ich mit zwanzig Franken monatlich. Nun sagen Sie mal, ist denn das möglich? Eins, ja das geht noch, wenn man sein Geld zusammenkratzt,— aber zwei, das hat mich verrückt gemacht, ich weiß nicht wie. Nun sagen Sie, konnte ich denn da wählen?—
Ich weiß nicht, wie das war, ich dachte, mit mir ist's aus. Da habe ich's Kopfkissen draufgelegt, ohne es zu wissen, dann habe ich mich darauf gelegt, habe mich hin und herge⸗ wälzt im Bett und habe geweint, bis ich durch's Fenster sah, daß es hell wurde. Sie waren unter'm Kopfkissen gestorben, ganz sicher. Da habe ich die Hacke vom Gärtner genommen,
bin die Treppe runter in den Gemüsegarten gegangen.
Dann habe ich die Hacke vom
Gärtner genommen und habe sie eingescharrt, so tief ich nur konnte, einen hier, einen da, nicht zusammen, damit sie nicht über ihre Mutter reden, wenn die kleenen Toten sprechen, ich weiß es nicht. Na und dann ist mir's in meinem Bett so schlecht geworden, daß ich nicht mehr aufstehen konnte. Da haben sie den Arzt gerufen, der hat alles gesehen. Das ist die Wahrheit, Herr Präsident. Tun Sie, was Sie wollen, mir ist alles eins.
Die Hälfte der Geschworenen schnaubte sich unausgesetzt, um nicht zu weinen. Frauen im Zuschauerraum schluchzten. Der Präsident fragte:„Wo haben Sie denn das andere Kind verscharrt?“ Sie fragte:„Ja welches haben Sie denn gefunden?“„Nun, das in den Artischoken.“„Na, das andere liegt in den Erdbeeren am Brunnen.“ Und sie begann so laut zu schluchzen und zu stöhnen, daß es einem durch's Herz schnitt.
Die Rosalle Prudent wurde freigesprochen.
Auch ein Bild aus dem Rechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte.
8(Fortsetzung.) Inzwischen war nun meine Schwester von der rächenden Nemists ereilt worden.— Sie
lebte anfangs mit ihrem Manne sehr glücklich. Aber da sie nun mit anderen Staatsbeamten⸗ Familien in Verkehr kam, stieg damit gleichzeitig ihr Dünkel derart, daß sie sich ihrer Herkunft schämte. Besonders mir gegenüber ließ sie merken, daß sie sich jetzt zu den„besseren Kreisen“ zähle. Ich hielt dieses überspannte Betragen für eine vorübergehende Erscheinung, aber ich hatte mich getäuscht. Das Einkommen ihres Mannes als Polizei⸗Beamter schätzte sie selbst auf jährlich 4000 Mk., doch hörte ich später, daß es ganz bedeutend weniger gewesen sei. Trotzdem hielt sie sich eine Frau als Köchin und eine Hausgehilfin, und ging abends noch mit ihrem Manne in feine Restaurants zum Abend⸗ essen. Dazu kam, daß sie ihr Vermögen für die Schulden des Mannes opferte. Bald war kaum noch genug zum Leben da. Nach einiger Zeit gebar sie ein Töchterchen. Während ihrer Schwangerschaft war ihr Mann nicht mehr so liebenswürdig, er blieb oft ganze Nächte aus. Meine Schwester hatte vom Balkon in leichtem Gewande im Winter oft lange nach ihm aus⸗ geschaut und sich wohl auch aufgeregt. Zudem hörte sie, daß er mit einer Sängerin Umgang, hätte, was ihrer Gesundheit natürlich arg zu⸗ setzte. Die Aufregung über die Untreue ihres Mannes und das schwere Wochenbett, was ste durchmachen mußte, erschütterten ihren Gesund⸗ heitszustand noch mehr. Sie sah elend aus, war sehr nervös und zeitweise einigemal wie geistesabwesend. Sie sprach wirr in ihrer Erregung. Ihr Mann wurde nun von der Sängerin zum Heiraten gedrängt; die Beiden waren einverstanden, daß eine Ehescheidung zu Stande kommen müsse, um ihre Heirat möglich zu machen. Er hatte amtlich mit Ehescheidungen besonders zu tun und brachte es dahin, seine Frau zu überreden, sich in die Irrenanstalt zu begeben. Sie war überrascht, als er ihr eines Tages sagte, sie solle nach dem Irrenhaus⸗ direktor gehen, der ihm persönlich bekannt war, und Anleitung zur Heilung ihrer Nervosität entgegen nehmen, nötigenfalls auch ein paar Stunden da bleiben. Sie hielt dies nicht für schlimm, kleidete sich daher um, nahm herzlichen Abschied von ihrem Kinde und ging hin. Sie kam nicht wieder heraus.—
Man hat sie in dem ersten/ Jahr Niemand
von ihren Angehörigen oder Bekannten sehen
lassen. Ihre Briefe wanderten in den Papier⸗ korb. Später wurde sie ab und zu besucht. Bei diesen Besuchen war sie stets klar und die Wärterinnen äußerten ihr Bedauern, daß 350 da sei, der sich dieser unglücklichen rau,
brauchte, annähme.— Sie hörte, daß ihr Mann
4 Tage nach ihrem Weggang die Sängerin in ihrem Haushalt einzi⸗hen ließ und nachher, daß sie geschieden war und er sich mit derselben verheiratet hatte.
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welche doch nicht in der Anstalt zu sein
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