Ausgabe 
12.7.1903
 
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Nr. 28.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung

Seite 3.

stimmt habe, blos um nicht mit der andern Hälfte des Dorfes, demUnterdorfe, dem herkömmlichen Brauche zuwider, ein und den⸗ selben Kandidaten wählen zu müssen und richtig sei dann der soz.⸗dem. Kandidat mit einer Stimme Mehrheit gewählt worden. Ach, die Erzgebirgler wissen sehr genau, was und warum sie wählen. Und übrigens ist in keinem einzigen sächs. Wahlkreise der Kandidat mit nur einer Stimme Mehrheit gewählt worden.

Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.

Parteiversamm lung. Diesen Samstag, den 11. Juli, findet im Lokale von Jesberg eine Parteiversammlung statt. Da außer einem Vortrage auch die Organisations⸗ Frage auf der Tages⸗Ordnung steht, so wollen die Parteigenossen für zahlreichen Besuch sorgen und so weit es geht, auch die Frauen mit⸗ bringen.

R. Nachträgliches zur Stichwahl in Marburg. So mancher Wähler, der bei der verflossenen Reichstagswahl Herrn v. Gerlach seine Stimme gegeben hat, muß sich jetzt fragen, wie es kommt, daß jetzt auf einmal der Führer der Nationalsozialen, Pfarrer Naumann zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß die national⸗ soziale Partei nicht existenzfähig ist. Wie kommt es, daß gerade der Gründer jener Partei die Richtigkeit dessen einsieht, was den Nationalsozialen schon so oft durch Wort und Schrift von den Sozialdemokraten gesagt worden ist? Die Botschaft Naumanns hat unter den Gerlach⸗Wählern in Marburg, der Hochburg der Nationalsozialen, große Ver⸗ wirrungen anderichtet, während die Konser⸗ vativen und Antisemiten sich vor Freude kaum halten können. DieHess. Landesztg. erwähnt natürlich die Niederlage ihrer Partei mit keinem Worte. Was sollten denn auch die Wähler Gerlachs auf den Dörfern sagen, wenn es auf einmal nach der Wahl heißt, unsere Partei, die glücklich mit Hülfe anderer Parteien einen einzigen Abgeordneten durchgebracht hat, die Partei, die den Wählern vorgegaukelt, sie würde sogar die Sozialdemokratieablösen, diese Partei sagt den politischen Konkurs an. Was aber dieHessische Landesztg nicht tut, das wollen wir nachholen, wir wollen den Gerlach⸗Wählern in Stadt und Land klar⸗ machen, daß der Mann, den ste gewählt haben, keine Partei hinter sich hat, daß er im Reichs⸗ tage zur Ohnmacht verurteilt ist, nicht halten kann, was er versprochen und daß es für seine Wähler das Beste und Vernünftigste wäre, sich der 3 Millionen starken Sozialdemokratie an⸗ zuschließen.

Ein Beispiel religiöser Duldsamkeit.

Ende voriger Woche fand vor der Mainzer Strafkammer eine Verhandlung gegen etwa 20 Einwohner des kath. Ortes Gau⸗Bickelheim statt. Die Angeklagten sind der Störung gottesdienst⸗ licher Verrichtungen auf dem Friedhofe dortselbst, der Bedrohung und tätlichen Beleidigung des freireligiösen Predigers Freiherrn v. Zucco und Cuccagna von hier und des beschimpfenden Unfugs angeklagt. Die Angeklagten befinden sich im Alter von 17 bis 60 Jahren. Am 22. Dezember wurde auf dem dortigen Friedhof ein Landwirt beerdigt, dessen letzter Wunsch war, daß der freireligiöse Prediger ihm die Leichenrede halte. Der Prediger kam diesem Wunsche nach. Schon vor Beginn der Leichen⸗ feier hatten sich auf dem allgemeinen Friedhof zahlreiche Personen, und zwar einzelne mit Pfeifen und Zigarre im Mund, vor dem offenen Grabe eingefunden. Nachdem ein Gesangverein ein Lied gesungen und der Prediger mit der Leichenrede begann, wurde er sofort durch laute Pfuirufe unterbrochen. Als er trotzdem weitersprach und die Ewigkeit erwähnte, entstand ein wüstes Geschrei und furchtbarer Skandal. Leute sprangen über das offene Grab und von allen Seiten wurde nun der Prediger beschimpftund bedroht. Die Menge schlug und stieß auf den Prediger ein, bespuckte ihn und bewarf ihn mit Erd⸗ schollen. Es werden eine große Anzahl Zeugen bernommen. Die Beweisaufnahme ergiebt die

Richtigkeit der Anklage⸗Behauptungen. Fast alle Belastungszeugen bestätigen, daß aus der Menge gleich zu Anfang der Leichenrede die beschimpfenden Aeußerungen gefallen seien. Die einzelnen Angeklagten, Lohrum, Hammer und Beck, hätten gerufen:Du abgefallener Pfaff, geh' nachOestreich,Ich schlag dich kaput, roter Spitzbub usw. Lohrum hat ein Kreuz gegen den Prediger gemacht und dabei gerufen: Du gehörst auf die Schindkaute mit dem Toten; auch Schick habe beschimpfende Aeuße⸗ rungen gerufen, auch sei gegen den Prediger mit Erdschollen geworfen worden. Jeden Ein⸗ zelnen aus der Menge zu bezeichnen, wer den Spektakel gemacht, sei unmöglich. Der Johann Hammer habe auch an einem Kreuze gerissen, als wolle er es herausreißen und damit nach dem Prediger schlagen. Dieser selbst bekundet als Zeuge, er sei beleidigt, beschimpft und mit Schmutz beworfen worden, doch könne er die Täter nicht bezeichnen. Er erblicke in dem Tumult eine Störung einer religiösen Amtshandlung. Ein Teil der Angeklagten wurde nur wegen groben Unfugs verurteilt und zwar erhielten: Franz Lohrum Monaten, Johann Hammer 3 Monate, Wilhelm Beck 3 Monate, Michael Arnold und Schick je 6 Wochen, Erbenrich 6 Wochen, Weis 3 Wochen, Jakob Hammer 3 Wochen, Schwalbach 1 Woche, Franz Brandt, Groben je 2 Wochen, Haas 1 Woche, Hilsdorf 3 Tage und Schnabel 5 Tage Gefängnis.

Schlimmer wie die Wilden hätte die fromme Gesellschaft auf dem Friedhofe gehaust, erklärt, der Staatsanwalt. Fälle dieser Art sind schon sehr viel vorgekommen; wir erinnern beispielweise an den Skandal, den der ultramontane Pöbel seiner Zeit bei dem Begräbnis unseres Genossen Krewinkel in Aachen aufführte. An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen!

Eine große Feuersbrunst

brach am Montag Nacht in Seligenstadt a. M. aus und gewann bei dem herrschenden Sturme große Ausdehnung. 9. Wohnhäuser und 13 Scheunen mit Nebengebäuden wurden ein Raub der Flammen. Erst gegen 10 Uhr Vormittags gelang es den herbeigeholten Feuerwehren, dem Weiterumsichgreifen des verheerenden Elementes Einhalt zu tun. Der Schaden ist bedeutend. Die Entstehungsursache ist unbekannt.

Bankschwindler.

Während der Prozeß gegen die Aufsichtsräte der Pommerschen Hypotheken-Bank, dersich schon monatelang hinzieht und im Verlaufe dessen inte⸗ ressante Dinge von öffentlichem Interesse an das Tageslicht kamen, noch immer fortdauert, sind vor einigen Tagen die Prozesse gegen den Schmidt von der Kasseler Trebertrocknung berüchtigten Angedenkens, sowie gegen den ebenso berühmten Terlinden in Dulsburg beendet worden. Schmidt, der wohl eigentlich als der Haupt⸗ macher bei dem Schwindel mit der Treber⸗ trocknungsgesellschaft erscheint, erhielt 2 Jahr 8 Monate Zuchthaus. Terlinden kam etwas härter daran. Er hatte sich bekanntlich erst nach Amerika geflüchtet, war aber von da ausgeliefert worden. Er war ein sehr frommer Mann. In seinem Bureau praugten fromme Sprüche an den Wänden, z. B.:

Ehrlich im Handel Christlich im Wandel. Er wurde wegen Betrug, Wechselfälschung ꝛc. zu 6 Jahren Zuchthaus und ebensoviel Ehrenverlust verurteilt. Sein Mitangeklagter Kosbat erhielt 6 Jahre Gefängnis. Beider Frauen wurden freigesprochen.

Wahlschwindel.

Bebel und der Züricher See. Was bei den Wahlen über die Sozialdemokratie zusammengelogen wird, daß geht wirklich in's Aschgraue und die christlichen Zentrumsagi⸗ tatoren leisteten von jeher hierin Großartiges. So las man in einem rheinischen Zentrum s⸗ blatte, daß der Vorsitzende einer in Eus⸗ kirchen stattgesundenen Zentrumsversammlung, Pfarrer Bohlen, den Zuhörern vorgelogen hat, Bebel habe jetzt einen Teil des Zü⸗

richer Sees zuschütten lassen, um auf Kosten der deutschen Arbeiter seinen feenhaft eingerichteten Park zu vergrößern. Der Vorwärts bemerkt dazu, der Pfarrer habe gelogen, Bebel habe dem Vorwärts vielmehr selbst versichert, daß er den ganzen Züricher See habe zuschütten lassen! Wahrhaftig, die Schwarzröcke trauen ihren Gläubigen wirklich einen starken Glauben zu!

Kleine Mitteilungen.

* Das gewöhnliche Ende. In Frankfurt eyschoß sich der Rechtsanwalt Byk nach Veruntreuung von 150000 Mk. ihm übergebener Gelder, die er zu Börsenspekulationen verwendet hatte.

** Opfer der Arbeit. In Hanau wurde am Sonntag früh der auf der Eisenbahnstrecke Hanau⸗ Friedberg beschäftigter Hilfswärter Betz vom Zug über⸗ fahren und sofort getötet. Auf Zeche Margarethe bei Dortmund verunglückten am Montag drei Bergleute durch einen zu früh losgegangenen Spreng⸗ schuß. Zwei von ihnen wurden tötlich verletzt. Am gleichen Tage wurden in dem Walzwerk der Gutehoff⸗ nungshütte bei Oberhausen durch den Bruch eines Kanalrohres ein Arbeiter getötet, zwei schwer und drei leicht verletzt. Bei den Kanalisierungsarbeiten in Hachenburg wurden drei italienische Arbeiter von herabstürzenden Erdmassen verschüttet. Man konnte sie zwar noch lebend heraus befördern, doch waren sie schwer verletzt.

*. Eine heftige Gasexplosion richtete in dem RestaurantTonhalle in Löbau i. S. unserm dortigen Parteilokale bedeutenden Schaden an. Starke Mauern barsten, Türen und Fenster wurden in zahllose Trümmer zerrissen. Die Explosion entstand, als der Besitzer Schreiber den Keller mit Licht betrat, um ins Bierlager zu gelangen. Schreiber erlitt schwere Verletzungen. Die Gasleitung ist dieser Tage erst nach dem Restaurant gelegt worden.

n Ein furchtbar«s Eisenbahnunglück wird aus Spanien gemeldet. Auf der Strecke Bilbao⸗ Saragossa stürzte am Sonntag ein Personenzug in den Fluß Nagerilla. Die Zahl der Getöteten beträgt neunzig, verletzt wurden mehr als 100 Personen. Die Ursache des Unglücks soll der schlechte Zustand sein,

in dem sich die Brücke befand.

Partei- Nachrichten.

Eine Erbschaft Bebels. Wie aus Ul m berichtet wurde, soll ein früherer bayr. Leutnant, der kürzlich in einer Heilanstalt verstorben ist, dem Abg. Bebel bereits im Jahre 1879 die Hälfte seines 800 000 Mark betragenden Vermögens vermacht haben. Bebel läßt nach den erbberechtigten Hinterbliebenen forschen.

Wegen Majestätsbeleidigung wurde Genosse Dr. Lentsch, früher verantwortlicher Redakteur der Leipz. Volksztg., zu 4 Monaten Festungshaft verurteilt. Er hatte die Stimmungs- und Empfangs⸗ mache anläßlich der Rückkehr des Königs Georg aus Italien abfällig besprochen.

Ein Musterwahlbezirk. Im Dorfe Lin den⸗ berg bei Landau waren 104 Wähler, die bei der Reichstagswahl sämtlich zur Urne schritten und sämtlich sozialdemokratisch stimmten! Der Ort ist unserm Altenbuseck noch bedeutend über!

Versammlungskalender.

Samstag, den 11. Juli.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versaum⸗ lung bei LöbWiener Hof. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

1 Montag, den 13. Juli.

Gießen. Freie Turnerschaft. sammlung Abends ½9 Uhr im Pfau. wahl des Vorstandes.

Mitgliederver⸗ Ergänzungs⸗

Quittung.

Für den Wahlfonds gingen noch ein: Verband der Brauer Mk. 25.. J. A. Gießen Mk. 2.. S. Gießen Mk. 2.. H. Mk. 10. K. Mk. 10..Gießen⸗

Wetzlar(auf Kreisfest Trohe) Mk. 0.65. Alten⸗Buseck

Mk. 26.25. Wieseck Mk. 57.55.

22 Werbt stets

Parteifreunde! Euer Blatt, die

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung!

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