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Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 28.

mit ihrer Notiz einen unerhörten S ch windel verbreitet hatten. Nun kann ja jedes Blatt einmal durch unrichtige Nachrichten getäuscht werden. Anständige Zeitungen berichtigen aber ihre Irrtümer; derGieß. Anz. hats aber bis jetzt noch nicht getan. 1755 g

Von Landwehrleuten, die jetzt eine 14 tägige Uebung bei dem hiesigen Infanterie⸗ Regiment hinter sich haben, gingen uns wiederum, wie schon im vorigen Jahre, lebhafte Klagen über die Strenge des Dienstes zu. Besonders scharf sind, wie uns mitgeteilt wurde, die unter dem Kommando des Hauptmanns Kreuter stehenden Leute hergenommen worden. Auch die Behandlung ließ sehr zu wünschen übrig; die Landwehrleute bekamen all' die zoologischen Bezeichnungen zu hören, die sonst nur bei der Rekrutendrillerei hier und da angewendet werden. Am Montag früh verstarb ein aus Ruppertsburg stammender Landwehrmann im Lazarett. Er hat nur 2 Tage darin gelegen und erlag einer Lungenentzündung, die er sich nach Meinung seiner Kameraden durch über⸗ mäßige Anstrengung beim Dienst zugezogen hatte. Ob das zutrifft, entzieht sich unserer Kenntnis; jedenfalls verliert die Kriegstüchtig⸗ keit des Heeres durchaus nichts, wenn die alten Leute weniger abgehetzt werden. Wie die Leute, nachdem ihnen so übel mitgespielt wurde, noch begeisterte Kriegervereinler sein können, das begreifen wir nicht.

Die Arbeitsverhältnisse der Bahnarbeiter auf dem Gießener Bahnhofe bedürfen nach uns gewordenen Mitteilungen sehr dringend der Regelung. Vom Minister ist angeordnet, daß jeder Bahnbedienstete mindestens alle drei Wochen einen freien Sonntag haben soll. Daran ist aber beispielsweise bei den meisten hier beschäftigten Wagen putzern gar nicht zu denken. Für den größten Teil derselben ist nur alle Vierteljahr einmal Sonntag. Wir sind denn doch der Meinung, daß der Dienst sehr wohl so eingerichtet werden könnte, daß diese Leute wenigstens auch alle 3 Wochen ihren Sonntag haben. Das ist gewiß nicht zuviel verlangt. Hinzufügen wollen wir noch, daß es sich hier um Leute handelt, die den Riesenlohn von 2,50 Mk. im Höchstfalle erhalten!

F. Lesehalle. Ein täglicher Besucher der Gießener Lesehalle schreibt uns: Unange⸗ nehm berührt ist man unter den ständigen Besuchern der Lesehalle, daß das soz. Organ Vorwärts seit dem 1. Juli nicht mehr in der Lesehalle aufliegt. DerVorwärts ist, wie Schreiber dieses sich täglich überzeugen konnte, die gelesenste Tageszeitung der Lesehalle. Denkt vielleicht der Vorstand der Lesehalle durch Ent fernen des Vorwärts der Weiterverbreitung des sozialistischen Gedankens Einhalt zu tun? Der

Grundgedanke einer öffentlichen Anstalt muß

sein:Gleiches Recht für Alle!

Wahlbeeinflussungen. Bei der tollen Hetze, welche die bürgerllchen Parteien während der letzten Wahl inszenirten hat es natürlich auch an direkten Wahlbeeinflussungen nicht gefehlt. Besonders hatte man es auf die Eisenbahn⸗Beamten und Arbeiter abgesehen. Unter anderem wird uns mitgeteilt, daß sich die zur Station Lollar gehörigen Bahnar⸗ beiter schriftlich verpflichten mußten, den nationalliberalen Kandidaten zu wählen. Der Stationsvorsteher in Londorf soll sich sogar erlaubt haben, den Arbeitern den Besuch der Wirtschaft zu verbieten, in welcher die sozialdemokratische Wählerversammlung statt⸗ gefunden hat! Wir bitten unsere Genossen, wo sie von derartigen Dingen Kenntnis er⸗ halten, uns oder dem Vorstand des Wahlvereine Mitteilung zu machen, damit gegen solche Un⸗ gehörigkeiten eingeschritten werden kann.

Aus dem Rreise gießen.

Unser erstes Kreisfest. In dem kleinen Trohe hatte sich am Sonntage eine so zahlreiche Menschenmenge zu unserem Partei⸗ feste eingefunden, wie sie wohl noch nie in dem Oertchen beisammen war. Aus allen Orten der Umgebung waren unsere Parteifreunde zu⸗ sanmengekommen, um ein paar Erholungs⸗

stunden mii einander zu verbringen. Die Gießener und ein Teil der Heuchelheimer langten mit einem stark besetzten Ertrazuge an, während zu Fuß und zu Wagen die Genossen aus Alten⸗ und Großen⸗Buseck, Wieseck, Lollar, Staufenberg, Reiskirchen, Beuern, Annerod, Watzenborn⸗ Steinberg, Hausen, Leihgestern, Großenlinden, Langgöns, Wetzlar und aus vielen anderen Orten, sogar aus dem Dillen⸗ burger Kreise angekommen waren.

Das herrliche Sommerwetter hat natürlich zu dem zahlreichen Besuche viel beigetragen. Bald nach 2 Uhr setzte sich der Festzug in Bewegung, der eine imposante Länge aufwies. Nachdem er wieder auf dem Festplatz angelangt, erfolgte die Uebergabe der Fahne an den Arbeitergesangverein durch die Festjungfrauen, deren Rednerin dem Vereine weiteres Blühen und Gedeihen wünschte. Gen. Krumm hielt darauf die Festrede, in der er zunächst seiner Freude über den zahlreichen Besuch Ausdruck gab, weiter auf die Erfolge unserer Partei bei den Wahlen hinwies, und dann in kurzen Umrissen die Unhaltbarkeit der heutigen Zustände und die Notwendigkeit der Einführung besserer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Verhältnisse darlegte. Das Ziel bald zu erreichen, was wir im JIunteresse des Wohlergehens der ganzen Menschheit erreichen müssen, dazu sei jeder nach den besten Kräften mitzuhelfen verpflichtet. Das gelte auch für die Frauen! Krumm schloß seine mit Begeisterung aufgenommene Rede mit der Aufforderung zu festem Zusammenhalt und zur Weiterverbreitung der hohen Ideale des Sozialismus. Musikstücke der Kapelle Pauli⸗ Marburg wechselten dann mit Gesangsvor⸗ trägen der zahlreich erschienenen Arbeiter⸗ Gesangvereine ab. Einzelne derselben leisteten recht Vorzügliches. Im allgemeinen verlief das Fest in bester Weise zur allgemeinen Be⸗

friedigung der Teilnehmer. Für das Kreisfest

im nächsten Jahre läßt sich noch eine weit größere Beteiligung voraussehen, dann wird es auch möglich sein bessere Vorbereitungen zu treffen, als sie diesmal möglich waren. Vor allen Dingen muß etwas für die Kinder auf geboten werden(Kinderspiele ꝛc.7). Dann muß auch dem Festzug, wenn ein solcher arrangiert wird, etwas mehr Sorgfalt zugewandt werden. Wenn man einmal etwas macht, muß es etwas bedenkliches sein.

Beim Flugblatt⸗Verteilen hatte einer unserer Genossen in einem Dorfe folgende Unterhaltung mit einem Wähler:

Flugblattverteiler: Guten Tag! Hier bringe ich Euch einen Stimmzettel und ein Flug⸗ blatt zur Stichwahl.

Wähler: Für wen?

Fl.: Für Krumm!

W.: Krumm? Krumm ist mir Pfui!

Fl.: Aber lieber Mann, Sie kennen offen⸗ bar Krumm nicht. Der ist selbst von seinen Gegnern geachtet.

W.: Ich meine die Partei.

Fl.: Was habt Ihr denn an der Partei auszusetzen?

Die Tochter(welche in der Bibel las, den Flugblattverteiler anschauend): Sie wollen die Kirch' vernichte, Sie sagen, die Religion wär' Privatsach'.

Fl.: Allerdings, wollen wir die Religion zur Privatsache erklärt wissen. Das heißt aber doch nicht die Kirche vernichten, wir wollen blos, daß in religiösen Dingen volle Freiheit herrschen soll.

T.: So! Dann hätt' Ihr emol den Grundstein lese solle, wäi da die Religion verhöhnt war.

Fl.: DerGrundstein ist das Maurer- fachblatt, soviel ich weiß. Das ist ein Ge⸗ werkschaftsblatt, das sich wenig oder gar nicht mit Politik beschäftigt. Wenn da wirklich etwas gegen die Religion darin gestanden hat, so ist dafür nicht die Partei verantwortlich zu machen; dann aber muß doch auch jeder das Recht haben ebensogut wie für auch gegen reli⸗ giöse Anschauungen zu schreiben und zu sprechen.

W.: Die Sozialdemokraten wollen die Mo⸗ narchie stürzen und das wird ohne Blutvergießen nicht abgehen.

Fl.: Mit Gewalt die Monarchie zu stürzer fällt uns nicht ein. Wir erstreben zunächst die Beseitigung der Kapitalherrschaft und damit der sich aus dieser ergebenden schweren Miß⸗ stände auf allen Gebieten. Die Umwandlung zur Republik, die wir allerdings für eine bessere Staatsform halten, wird sich dann ganz von selbst vollziehen.

Der Wähler erkundigt sich über ver⸗ schiedene Bekannte im Heimatsdorf des Gen. und fragt: Was macht denn der H.?

Fl.: Der ist schon todt! Er war ein guter Christ und hielt doch stets zu uns!

W.: Ja, Ihr in Alten⸗Buseck seid auch nicht so schlimm wie andere, zum Beispiel die Wiesecker.

Fl.: Na, die Wiesecker sind doch auch ganz brave Leute! Dort giebts auch Gläubige und Ungläubige, wie überall. Habt Ihr denn übrigens schon mal die Liberalen nach ihrer Religion gefragt? Die beten in der Mehrzahl zum Geldsack!

W.: Nun, der Heyligenstädt hat doch schon viel Gutes getan.

Fl.: Mag sein; ärmer ist er dabei aber nicht geworden! Wir wollen übrigens keine Wohltaten, sondern Recht, die Erde hat den Tisch für alle Menschen gedeckt!

Hier mußte unser Flugblattverteiler das Gespräch abbrechen, um seiner Arbeit nachzugehen.

Aus dem Rreise griedberg-Püdingen.

F. V. Freibierwahl des Grafen Oriola. Während des Wahlkampfes ist in einer nationalliberalen Wähler⸗ versammlung in Büdingen dem Grafen Oriola durch Zwischenrufe der Beweis für die Behauptung angeboten worden, daß er bei früheren Wahlen Freibier bezahlt habe. Der Herr Graf hat damals diese Tatsache be⸗ stritten, aber trotz Protestes dem Zwischenrufer nicht auch das Wort gegeben. In einer ganzen Anzahl von Orten wird auch jetzt wieder Freibier, und nach Aus⸗ sage der Wirte und der Bevölkerung, auf Kosten des Herrn Grafen Oriola getrunken. Macht sich der Herr Graf diese Kosten, um seinen mit so vieler Reklame gepriesenen Wohltätigkeitssinn zu betätigen, um seine Wähler für ihre gute Gesinnung zu entschädigen, oder spekulirt er auf den Durst und das gute Gedächtnis der Leute?

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Bei der Wetzlarer Handelskam⸗ mer haben in der letzten Zeit auffällige Ver⸗ änderungen stattgefunden. Schon vor einigen Wocken legte der Syndikus der Kammer, Dr. Buddéus das Amt nieder und jetzt läuft die Nachricht durch die Presse, daß der Schatzmeister, Bankier Flörsheim, sein Amt niedergelegt habe und aus der Handelskammer ausgetreten sei. Als Grund seines Austrittes wird Meinungs⸗ verschiedenheiten mit dem Vorsitzenden angegeben. Hierbei sei daran erinnert, daß in der nationalliberalen Wählerversammlung vom 8. Juni unser Genosse Habicht Teile de; Handelskammerberichtes als Material gegen die Nationalliberalen verwertete. Und dieselben Herren, die in der Versammlung am Vorstands⸗ tisch saßen, sind auch Mitglieder des Handels- kammer⸗Vorstandes. Schon zwei Tage darauf wurde gemeldet, daß der Syndikus das Amt niedergelegt habe. Und das mitten im Monat, offenbar ohne Kündigung. Er hatte wohl zu offen berichtet?

h. Ein Prozeß gegen die Stadt- gemeinde ist für diese verloren gegangen. Es handelte sich um den Entschädigungsan⸗ spruch eines Bürgers für Grund und Boden, den derselbe bei einem Neubau an die Stadt abtreten mußte. Das Reichsgericht hat im Sinne des Klageantrags entschieden, wonach auch für die Baubeschränkung Entschä⸗ digung gezahlt werden muß. Das ist zweifel⸗ los eine Entscheidung zu Gunsten des Privat⸗ besitzers und gegen das Gemeininteresse. Letzterem gegenüber zeigte der bei diesem Prozeß beteiligte Bürger übrigens sehr wenig Opfer⸗

willigkeit. h. Wahlmärchen. ImWetzl. Anz.

und andern Blättern wird eine Wahlgeschichte aus einem Erzgebirgsdorfe erzählt, nach welcher bei der Stichwahl die Hälfte des Dorfes für den sozialdemokratischen Kandidaten ge⸗