Ausgabe 
12.7.1903
 
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Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 28. Lausig hält die Treue! Heil! Gräfe. Reichstagsabgeord⸗J wandte, stach ihn ch 5 5 1 sic seis ö Ausland. neter. und niederträchtige Tat charakterisiert sich als Der König antwortete also: ganz gewöhnlicher Mord und das Verbrechen rief Die Sozialdemokratie in den Alpen⸗ Heute früh Ihr Telegramm erhalten. Freue mich ländern

herzlich über Ihren Sieg und den Sieg der guten Sache in Ihrem Wahlbezirk. Georg.

Es mag für einen Landesvater nicht ange⸗ nehm sein, daß die Landeskinder nur in einem gering bevölkerten Wahlkreise in dem noch dazu die nicht deutsch sprechenden Wenden einen starken Teil der Wählerschaft bilden, der guten Sache huldigen, während sich alle anderen Wahlkreise von derguten Sache höchst respektlos abgekehrt haben.

Ein christliches Blatt über den Wahlsieg der Sozialdemokratie.

Zu dem glänzenden Wahlsiege der Sozial⸗ demokratie wußte dieOrdnungspresse im Allgemeinen nicht viel zu sagen. Sie begnügte sich damit, die alten Lügen und Märchen auf⸗ zutischen, die schon seit Jahrzehnten zu den Kampfmitteln unserer Gegner gehören. Die BerlinerPost brachte ja mal etwas Neues, indem sie von Wahlmogeleien zu berichten wußte, durch welche unsere Partei den Sieg errungen habe. Andere schreien nach Beseitigung des Reichstagswahlrechts. Desto mehr muß man den Freimut anerkennen, mit welchem ein christliches Blatt, dieChristliche Welt, unsere Partei beurteilt. Zwischen der Haupt; und Stichwahl schrieb das Blatt:

Das weiß die Partei ganz genau, daß ihr diese Millionen Stimmen nicht von lauterzielbewußten Genossen, nicht auf ihr Programm hin zugefallen sind. Aber daß sie eine große Partei ist, die man nirgends und nimmer wird ignorieren können, und daß sie eine eifrige Partei ist, die treu und unablässig ar⸗ beitet im ganzen Volk bis aufs letzte zugängliche Dorf hin, das hat ihr das Vertrauen dieser Masse von Deutschen verschafft, sie mögen im übrigen sich über ihre Stimmabgabe klar oder unklar gewesen sein. Auch daß sie Ideen hat und Ideale, spürt der gemeine Mann: ich wünschte, man fühlte es der Kirche und ihren Vertretern auch so allgemein ab! Zur Kontrolle dafür, daß wir mit Recht auf den Idealgehalt in der Sozialdemo⸗ kratie Wert legen, mag die Tatsache dienen, daß eben die letzte Reichstagswahl der einzigen Partei, die als reine, scheu⸗ und rücksichtslose Vertreterin einseitiger Interessen aufgetreten ist, der agrarischen, eine so un⸗ verhoffte Niederlage bereitet hat. Will man aber den Erfolg der Sozialdemokratie durchaus auf ein böses Prinzip, auf wüste Agitation und dergleichen, zurück⸗ führen, so bezweifeln wir nicht, daß auf dem für diese Partei so weit ausgedehnten Schlachtfelde arge Aus⸗ schreitungen ihrer Zugehörigen vorgekommen sind(7), aber dem steht die Tatsache gegenüber, daß der Wahlkampf von sozialdemokratischer Seite anderswo tadellos anständig geführt worden ist. Mit dem Ab⸗ wägen von Agitationssünden halte man sich lieber nicht auf, da wird fast von allen Seiten Unsug auf Unfug gehäuft, und nur ein Gott kann da sichten und richten.

Nun, man wird die Sozialdemokratie nach dieser Wahl noch ernster nehmen als bisher, und das ist gut. Auch von kirchlicher Seite wird man das tun müssen. Wir nehmen z. B. an, die Stichwahlen im Königreich Sachsen fallen so aus, daß alle Kreise sozialdemokratisch vertreten sind: was sagt die sächsische Landes⸗ kirche dazu? Es sind ja doch ihre Gemeinden, die so gewählt haben?

Werden sich diejenigen Pastoren, welche denKampf gegen den Umsturz als ihre spezielle Aufgabe betrachten, diese Ausführungen zu Herzen nehmen? Wir glauben es nicht.

Hüssener.

Vor dem Oberkriegsgericht in Kiel als Berufungsinstanz wurde am Montag gegen den Fähnrich zur See Hüssener verhandelt, dessen Mordtat am Tage vor Ostern alle Welt in Aufregung setzte. Bekanntlich wurde Hüssener durch das Urteil erster Instanz zu 4 Jahren Gefängnis und Degradation verurteilt. Die Beweis zufnahme vor dem Oberkriegsgericht ergab den Tatbestand so, wie er bereits in der ersten Justanz festgestellt wurde und allgemein bekannt ist. Weil der Einjährige Hartmann den ihm persönlich von der Schule her be⸗ kannten 19 jährigen Fähnrich Hüssener nicht oder nichtvorschriftsmäßig grüßte, stellte dieser den Sünder zur Rede und als sich der etwas angetrunkene Einjährige zur Flucht

durch das abstoßende Benehmen des Täters, der mit albernen Redereien von Ehre und Soldatenpflicht seine heimtückische und bestialische Bluttat zu beschönigen versuchte, noch mehr als jeder andere Mord die allgemeine Abscheu hervor. Der Vertreter der Anklage führte denn auch aus, daß von einem minder schweren Fall keine Rede sein könne und wiederholte den Antrag, der schon in der ersten Instanz gestellt wurde und beantragt 6 Jahre Zuchthaus und Ausstoßung aus der Marine. Der Verteidiger plaidiert auf Freisprechung wegen des Haupt⸗ vergehens. Und das Urteil? Es lautet auf zwet Jahre und 7 Tage Festungshaft!

Das überaus milde Urteil, das die Mordtat so gut wie straflos läßt, wird überall die gerechteste Empörung hervorrufen. Festungs⸗ haft! Diese Strafe bedeutet für diesen Mörder soviel, wie für irgend einen Zivilmenschen 2 Jahre Sommerfrische! Es ist beinahe eine Prämie für diese abscheuliche Tat!

Man halte diesem Urteil die zahlreichen anderen gegenüber, durch welche Soldaten wegen oft ganz geringfügiger Vergehen gegen die geheiligte Disziplin zu überaus harten Strafen verurteilt wurden; man erinnere sich der Urteile gegen ehrenhafte Arbeiter wegen angeblicher Beleidigung von Streikbrechern wit führen in der heutigen Nummer wieder einige an und man wird den richtigen Begriff von der deutschen Rechtspflege, besonders der militärischen, bekommen. Natürlicherweise rief die Nachricht von der milden Bestrafung Hüsseners in Essen, wo die Eltern des Er⸗ mordeten ihren Sohn betrauern, die größte Entrüstung hervor.

Löbtauer Urteil in zweiter Auflage.

In dem am Donnerstag voriger Woche in Bromberg beendeten Streikprozeß wurden die 17 Angeklagten wegen der während des Maurerstreiks begangenen Ausschreitungen zu Strafen von 2 Jahren Zuchthaus und 4 Monaten bis 2 Jahren Gefängnis verurteilt.

Hier handelt es sich erst um die Hälfte der infolge der Streiktumulte Angeklagten; weitere 17 Personen sehen der Aburteilung noch ent⸗ gegen. Und welche Verbrechen begingen die Verurteilten, daß man ihnen so schwere Strafen zudiktierte? Die streikenden Arbeiter konnten es nicht verstehen, daß zum Schutze der natio⸗ nalen Arbeit Russen und Italiener in ganzen Trupps eingeführt wurden. Sie gerieten bei deren Anblick in eine nur zu begreifliche Empö⸗ rung und es kam zwischen beiden Teilen zu Tätlichkeiten, wobei sogar Flaschen geflogen sein sollen. Die Polizei sorgte indeß für die Streikbrecher, und so ist diesen werten Persön⸗ lichkeiten weiter kein großes Leid angetan worden. Die bürgerliche Gesellschaft aber hat furchtbare Rache genommen; über 30 Personen mit ihren Familien sind ruiniert oder werden es bald sein. Ehrliche Arbeiter, die sich nur durch ihre begreifliche Erregung zu weit hin⸗ reißen ließen, müssen dafür jahrelang im Ge⸗ fängnis und Zuchthaus schmachten!

Noch eine weitere Verurteilung wegen Streik⸗ vergehen wird aus Chemnitz berichtet. Vor dem dortigen Landgericht standen die Former Buffe und Höhne, welche angeklagt waren, bei Gelegenheit des Streiks in der Gießerei in Limbach einen andern Former, der weiter arbeitete, unter Drohung mit Mißhandlung zur Arbeitsniederlegung aufgefordert haben. Buffe wurde zu zwei Monaten, Höhne zu einem Mouat Gefängnis verurteilt. Die beiden Angeklagten waren bisher unbestraft!

So sieht die deutsche Gerechtigkeit aus.

Landtagswahlen

finden diesen Herbst auch in Baden statt, wo alle zwei Jahre die Hälfte der Abgeordneten 32 auszuscheiden hat. Von den sozial⸗ demokratischen Mandaten erlöschen 4, welche unsere Genossen zu behaupten und noch weitere Erfolge zu erringen hoffen.

hat sich in der letzten Zeit ebenfalls mächtig entwickelt, obwohl es früher den Anschein hatte, als ob in diesen entlegenen Tälern unsere Bewegung niemals recht Fuß fassen würde. Wie wenig das zutrifft, dafür war ein Fest Zeuge, das unsere Parteigenossen in Villach in Kärnten und mit ihnen die organisterte Arbeiterschaft ganz Kärntens feierte. Es han⸗ delte sich um die Feier des 25. Gedenktags der Gründung des ersten sozialdemokratischen Ar⸗ beiter vereins in Villach. Die Stadt war festlich geschmückt, die Frühzüge brachten Teilnehmer aus allen Enden des Landes; es fand ein Umzug durch die Straßen statt, kurz, es war ein Volksfest, an dem fast die ganze Stadt teilnahm. Viktor Adler⸗Wien hielt die mit großer Begeisterung aufgenommene Festrede.

Schamlose Kinderausbeutung

wird, wie der Abgeordnete Pernerstorfer in einer Eingabe an das Ministerium feststellte, in den österreichischen Ziegeleien betrieben. Danach werden auf Verlangen der Werks- leitungen in einzelnen derselben Kinder von 4, 5 und 6 Jahren von den Eltern auf den Arbeitsplatz mitgenommen und zur Arbeit an⸗ getrieben. An vielen Orten haben die Gesell⸗ schaften bei den Schulbehörden schon im April das Ende des Schuljahres der Ziegeleiarbeiter erwirkt. Die Kinder müssen an Wochentagen von 4 Uhr früh bis 8 Uhr abends und sogar an Sonntagen von 5 Uhr früh bis 6 Uhr abends arbeiten. Pernerstorfer und Genossen richten in ihrer Interpellation an den Minister die Frage, ob er dem Kindermißbrauch in den Ziegeleien Einhalt gebieten und ob er gegen die schamlosen Verletzer des Gesetzes mit Strafen vorgehen wolle.

Russisches.

Zu einer Gefängnisrevolte kam es kürzlich in den Gefängnissen in Kiew. Ein Sträfling hatte einen Wärter geschlagen, der ihn dafür züchtigen wollte. Dieser wehrte sich aber und seine Kameraden ergriffen für ihn Partei. Es wurde Militär herbeigeholt; allein nach zwei Stunden ging der Lärm aufs neue los. Die Gefangenen bewarfen die Wärter aus den Zellen heraus mit allerhand Wurf⸗ geschossen, bis schlietzlich ein Schreckschuß sie zur Ruhe brachte. Derartige Gefängnisrevolten sind in Rußland, namentlich auch bei den politischenVerbrechern, nichts seltenes. Meistens sind sie auf die unwürdige und brutale Behandlung zurückzuführen, die diesen Gefangenen, meist hochgebildeten Leuten, von Seiten der rohen und ungebildeten Gefangenen aufseher zu teil wird. Da die Beschwerden der Gefangenen kein Gehör finden, suchen sie denn auf diese Weise die Aufmerksamkeit der oberen Behörden und des Publikums auf die Zustände im Gefängnis zu lenken und eine Untersuchung herbeizuführen, deren Ergebnis nie 125 eine gewisse Besserung der Verhält⸗ nisse ist.

Der Papst im Sterben.

Leo XIII. liegt hoffnungslos darnieder, der Tod des 94 jährigen Hauptes der Katholiken wird schon seit einigen Tagen erwartet, die zähe Natur trotzte dem Tode noch. Der sterbende Papst wurde als solcher im Frühjahr 1878 als Nachfolger Pius IX. gewählt. Es werden bereits eine Anzahl Namen genannt, welche Nachfolger Leos XIII. werden wollen, am meisten die Kardinäle Oreglia und Vanutelli. 5 ö

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

Der deutsche Holzarbeiter⸗Ver⸗ band blickt jetzt auf ein zehnjähriges Bestehen zurück. Im Frühjahr 1893 faßte der Holz⸗ arbeiterkongreß in Kassel den Beschluß, die Organisationen der Schreiner, Drechsler,

Bürstenmacher, Stellmacher ꝛc. zu einem allge⸗