r ²˙ T
S
16
ufen, 205 „3,0 400 „ 6.5 erung.
D ,,
Ba,
—
e e e
Mr.
Gießen, den 12. Juli 1903.
10. Jahrg.
MNedaltion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 2
Mitteldeutsche
Atags⸗ Zeitung
Nebaktioneschtuß⸗ Donnerstag Nachmittag& Uhr
—
Abonnementspreis:
Bestellungen
2 Junserate
Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt.
Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.
Bei mindestens
Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25 bei 6 mal. Bestellung die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.
Was nötig ist.
Vor 25 Jahren genau um dieselbe Zeit im Monat Juli befanden wir uns ebenfalls in der Wahlbewegung. Die Ordnungsleute befanden sich damals nicht in solcher Verlegenheit wegen einer„Wahlparole“ als in dem hinter uns liegenden Wahlkampfe, sie hatten eine solche, Bismarck hatte den„Kampf gegen den Umsturz“ proklamiert und mit einer wahren Berserkerwut stürzte sich das Spießertum und die Ordnungs⸗ helden aller Farben auf die unglückseligen Umstürzler. Diesen hatte man zwar vorher auch schon das Leben sauer genug gemacht; eine Hetze aber, wie sie im Jahre 1878 gegen die Sozialdemokratie in Scene gesetzt wurde, war noch nicht dagewesen und har auch kaum je wieder ihres Gleichen gefunden.
Der im Januar 1877 gewählte Reichstag war kurz nach dem Attentat Nobilings auf Wilhelm J. aufgelöst worden. Man wollte ein Ausnahme⸗Gesetz gegen die Sozialdemo⸗ kratie durchdrücken, was dem Reichstage gleich nach dem Hödel⸗Attentat(11. Mat 1878) vor⸗ gelegt, von diesem aber abgelehnt worden war. Eigentlich wäre eine Auflösung nicht nötig gewesen, auch der alte Reichstag würde bei dem allgemeinen Rotkoller, der damals ausge⸗ brocheu war, das verlangte Gesetz willig apportiert haben.
Unsere Partei hielt sich bei der nun folgenden wütenden Hetze tapfer. Allerdings sank unsere Stimmenzahl um etwa 50000; unter diesen Umständen durfte dies aber als ein Erfolg der Sozialdemokratie gelten. Denn was in jener Wahlbewegung, ganz abgesehen von den polizeilichen und sonstigen Gewalttätigkeiten an Lügen, Verdächtigungen und Verhetzungen gegen uns von dem koll gewordenen fanatisierten Spießertum geleistet wurde, ist einfach un be⸗ schreiblich. Trotzdem erhielten wir 437000 Stimmen.
Diesmal brachten wir es auf 3 Millionen Stimmen, siebenmal mehr als vor 25 Jahren! Wir haben gewiß Ursache, uns der Fortschritte zu freuen, die unsere Bewegung gemacht hat und wir lassen uns diese Freude nicht dadurch vergällen, daß uns die bürgerlichen Zeitungen immer wieder vorhalten, diese drei Millionen Wähler seien keineswegs alle Sozialdemokraten, es seien eine große Anzahl davon, ja womöglich der größte Teil, Mitläufer.
Ja,„Mitläufer“! Wer glaubt denn, daß alle die Wähler, welche für die Nationalliberalen, Konservativen, Antisemiten stimmten, die soge⸗ nannten Grundsätze jener Parteien kannten? Wir behaupten, daß mindestens drei Viertel ihrer Wählerschaft aus Mitläufern besteht. Wo wird denn bei bürgerlichen Parteien noch eine grundsätzliche Politik verfolgt? Nirgends. Wir sehen den Fretsinnskämpen, den Richter'schen Wasserstiefler getrost für den nationalliberalen Reaktionär und Zollwucherer an die Urne marschieren und zwar nicht blos in Gießen.
Das Gelungene bei der Mitläufer⸗Geschichte ist aber, daß zum großen Bedauern unserer Gegner, die Zahl unserer„Mitläufer“ eine immer größere wird und daß die Wähler nun schon Jahrzehnte lang mitlaufen! Wie würden sich die Gegner aller Schattierungen freuen, wenn sie über eine solche Mitläuferschar verfügten!
Aber die Mitläuferschaft jener Herren wäre noch nicht halb so stark, wenn wir mit unserer Agitation überallhin gelangen könnten. Das
ist leider nicht der Fall und deshalb finden die
Gegner noch in vielen Gegenden Gläubige für ihre Schauer⸗Märchen, die sie über die Sozial⸗ demokratie verbreiten. Und ihre„geistigen Waffen“ sowie ihre sonstigen sehr ungeistigen Kampfmittel unterscheiden sich in keiner Weise von denen, mit welcher sie bei den Attentats⸗ wahlen von 1878 den„Kampf gegen den Um⸗ sturz“ führten. Wo bei der letzten Wahl⸗ bewegung die Mischmasch⸗Agitatoren nicht zu fürchten brauchten, daß ihnen auf die Finger geklopft würde, brachten sie all' die abgenutzten Mätzchen gegen die Sozialdemokratie vor, mit denen schon ihre Väter krebsen gingen und über die jeder halbwegs gebildete Mensch lacht. Die Gesellschaft hat in dem Vierteljahrhundert nichts gelernt und nichts vergessen.
Viel zu wenig gelernt hat leider aber auch ein großer Teil der unbemittelten Klasse und der Arbeiter. Wäre das nicht der Fall, wären die für uns in Betracht kommenden Volksschichten genügend aufgeklärt, so würde nicht jeder Schwindel über die Sozial⸗ demokratie verfangen und wir hätten 6 Millionen Stimmen statt nur 3.
Für diese Aufklärung müssen wir sorgen. Und gerade in den Kreisen unseres Verbreit⸗ ungs gebietes haben sich bei der letzten Wahl schwere Mängel in Bezug auf Organisation und Agitation herausgestellt. Wenn wir in Betracht ziehen, daß in diesen Kreisen die Mehrheit der Wähler zur besitzlosen Klasse gehört, so erscheint unsere Stimmenzunahme herzlich unbedeutend.— Wir müssen für die Verbesserung der Organisation und für die Aus⸗ gestaltung unserer Presse sorgen!— Um
das zu ermöglichen, machen wir den Vorschlag,
die Wahlkreise Gießen, Alsfeld, Wetzlar, Marburg, Dillenburg, vielleicht auch noch Friedberg, Limburg, Siegen zu einem Agita⸗ tionsbezirk zusammenzufassen. Wir ersuchen die Genossen, diesen Vorschlag in den Bereich ihrer Erörterung zu ziehen; später könnte eine von diesen Kreisen beschickte Konferenz das Weitere beschließen. Auf, zu neuer Arbeit!
Politische Rundschau.
Wegen des soz.⸗dem. Vizepräsidenten im neuen Reichstage zerbrechen sich die bürger⸗ lichen Preßorgane aller Schattierungen lebhaft die Köpfe, während in unsern Parteiblättern die Angelegenheit mit aller Gelassenheit be⸗ handelt wird. Alle Parteiorgane aber, mit nur vereinzelten Ausnahmen, lehnen den Vor⸗ schlag des Genossen Bernstein mit aller Entschiedenheit ab. Wir möchten auch wirklich keinem unserer Abgeordneten zumuten, als Reichstagspräsident dem Manne einen Ergeben⸗ heits⸗Besuch abzustatten, in dessen Augen wir Leute sind, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen, der von den sozialdemokratischen Führern sagte, daß sie die Arbeiter„aufs rücksichtsloseste ausbeuten, terrorisieren und knechten“.— Unter Umständen müßte der sozialdemokratische Präsi⸗ dent gar noch eine Strafpredigt über sich ergehen lassen! Genosse Singer hat in Bezug auf
diese Angelegenheit dieser Tage dem Korre⸗ spondenten der Wiener„Arbeiter⸗Ztg.“ erklärt, daß die sozialdemokratische Fraktion wie bereits im Jahre 1898 den Anspruch auf einen Vize⸗ präsidenten erheben wird, selbstverständlich ist es, bemerkte er weiter, daß ein sozialdemokra⸗ tisches Mitglied des Reichstagsprästdiums alle ihm durch die Geschäftsordnung aufer⸗ legten Verpflichtungen erfüllen wird. Diese Erklärung haben wir auch im Jahre 1898 im Seniorenkonvent abgegeben, als wir unseren Anspruch auf einen Sitz im Präsidium erhoben. Aber man wollte uns damals auch gesell⸗ schaftliche Verpflichtungen aufzwingen, die in der Geschäftsordnung nicht begründet sind; und da wir es ablehnten, zu Hof zu gehen, wurde unserem berechtigten Anspruch nicht stattgegeben. Ich sehe keine Veranlassung, von dem Standpunkt, den wir damals einge⸗ nommen haben, abzuweichen, zumal da die Vertretung im Präsidium lange nicht die Bedeutung hat, zu der Bernstein sie aufbauscht. Dieser Ansicht ist ebenfalls zweifellos die übergroße Mehrheit der Parteigenossen.
Ueber den Wahlausfall in Sachsen
äußerte sich vor einigen Tagen der sächsische Minister des Innern Metsch bei Gelegenheit des Gemeindetages in Pirna. Auf die Be⸗ grüßungsansprache des Leipziger Oberbürger⸗ meisters antwortete der leitende Minister Sach⸗ sens mit einer längeren Rede, in der er unter Hinweis auf das„erschreckliche Resultat der Reichstagswahlen“„zum Zusammen⸗ halten, Zusammenarbeiten, Zusammenfassen der in Staat und Gemeinde funktionierenden öffent⸗ lichen Gewalten“ aufforderte. Es darf nicht verkannt werden— fuhr er fort— daß die zersetzende Agitation sich nicht gescheut hat, das gute, gesunde Bürgertum anzugreifen, und daß sie teilweisen Erfolg gehabt hat in den Bestrebungen, einen Riß in dieses Bürgertum zu schaffen. Im weiteren Verlauf seiner Aus⸗ führungen sagte er noch:„Es sind verbesse⸗ rungsfähige Zustände vorhanden; wo wir erkennen, daß Fehler gemacht worden— und auch die Regierung hält sich nicht für infallibel — ist es unsre Aufgabe, helfend, verbessernd einzutreten. Ich richte daher an diese den erneuten Appell zu gemeinsamem Vorgehen, zu gemeinsamer Arbeit mit dem Ziele, bessere Verhältnisse zu schaffen und das Volk vor gewissen zersetzenden Elementen zu bewahren.“
Der Minister machte zwar viel Worte, sagte aber damit eigentlich nichts. Er hätte an den Taten der Regierung etwas mehr Kritik üben dürfen; die Wahlrechts räuberei, die Erhöhung der Zivilliste des Königs, die Steuer⸗ erhöhung, der Brotwucher und die ewigen Polizei⸗ schikanen gegen die Arbeiter— das sind einige der Ursachen der sozialdemokratischen Fortschritte in Sachsen. Natürlich— der Hauptgrund unseres Wahlsieges ist die wachsende Erkenntnis von der Richtigkeit der sozialdemokratischen Grundsätze.
Der einzige bürgerliche Reichs tagsabge⸗ ordnete in Sachsen, der Antisemit Gräfe hat den König sogleich antelegraphiert:
„Eurer Majestät senden 100 treue Sachsenherzen Gruß und Treuegelöbnis für alle Zeit aus der vom Feinde ungebrochenen Feste des Sachsenlandes. Die


