Ausgabe 
12.4.1903
 
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Seite 6.

Mitteldenische Sountags⸗Zeitung.

Nr. 15.

welse wurde der Unteroffizier aus der Unter⸗ suchungshaft entlassen. Daraufhin erschien das betreffende Mädchen auf der Redaktion unseres Kasseler Parteiblattes und erzählte, daß sie durch Drohungen veranlaßt worden set, ihre belastende Aussagen zurückzunehmen. Das Ur⸗ teil des Kriegsgerichts lautete auf Frei⸗ prechung. Es wurde zwar anerkannt, daß erhebliche Verdachtsmomente gegen den, Ange⸗ klagten vorliegen, jedoch erachtet man die Be⸗ lastungszeugin, die Hemel, als nicht genügend glaubwürdig. Der Gerichtsherr hat gegen das Urteil Berufung eingelegt, tatsächlich spricht viel für die Schuld Degens.

Das Ende des Sreikbrechers.

Die Strafkammer in Nordhausen ver⸗ urteilte den berüchtigten Former⸗Streikbrecher und früheren Schützling der Halleschen Polizei, Karl Wüstemann, wegen eines räuberischen Ueberfalles auf den Assessor Priem zu 2 Jahren Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte 6 Monate mehr beantragt. Der Assessor war von Wüste⸗ mann erheblich mißhandelt worden. Wie wäre das Urteil wohl ausgefallen, wenn der Ueber⸗ fallene zufällig ein Streikender gewesen? Wüste⸗ mann arbeitete vor einiger Zeit in einer Halleschen Fabrik und wollte nach seiner Ent⸗ lassung durch ein wohlpräparirtes Zeugnis der Firma, das in der gesamten bürgerlichen Presse mit großem Aufwand von Entrüstung veröffentlicht wurde, nachweisen, er sei das Opfer des sozialdemokratischen Terrorismus geworden.

Die Primus ⸗Katastrophe.

Das große Schiffsunglück, welches sich im vorigen Sommer auf der Elbe bei Hamburg ereignete und wobei mehr als hundert Personen, meist Hamburger Parteigenossen, den Tod fanden, wurde vergangene Woche vor dem Gericht in Altona verhandelt. Bekanntlich war der DampferHansa von der Hamburg⸗ Amerika⸗Linie in denPrimus hineingefahren, so daß dieser sofort sank. Angeklagt war des⸗ halb der Kapitain und der Steuermann der Hansa, Sachs und Wahlen, sowie der Kapitain desPrimus Peters. Diesem war zur Last gelegt, im falschen Fahrwasser gefahren zu sein, während der Führer derHansa angeklagt war, die Signale des Primus nicht beachtet zu haben. Die Beweisaufnahme ergab nichts Belastendes für die Angeklagten, so daß deren Freisprechung auf Antrag des Staatsanwaltes erfolgte.

Die Rache eines Hungernden.

Ein sensationeller Mordprozeß setzt die römische Hauptstadt in Erregung, und zwar alle Kreise der Gesellschaft. Die Gräfin Donigo ist in entsetzlicher Weise von einem ihrer Arbeiter ermordet worden. Sie lust⸗ wandelte, nichts ahnend, in dem Parke ihres Landsitzes bei Towisa, als einer ihrer Gärtner ihr das Haupt mit einer Sense durch einen einzigen Hieb abschlug. Der Mörder ist der Tat geständig, aber sein Motiv ist ebenso furcht⸗ bar, wie seine Rache. Er beschuldigte die Gräfin, sie habe ihn, wie alle ihre Arbeiter, seit Jahren systematisch hungern lassen. Selbst in der besten Arbeitszeit habe er nie mehr als 1 Lire Tagelohn erhalten und davon sich selbst, seine Frau und acht Kinder ernähren müssen. Während des harten Winters hätten die Seinen furchtbare Not gelitten und seien zuletzt dem Verhungern nahe gewesen. Allen Bitten und Hülfe gegenüber sei die Gräfin unerbittlich geblieben. Am Tage des Mordes habe er sie angefleht, ihm wenigstens etwas Korn auf Kredit ablassen, was er abarbeiten wolle. Er könne seine Kinder nicht verhungern lassen. Sie aber habe auch diese Bitte kurz abgeschlagen. Von Verzweiflung und Zorneswut gepackt, habe er dann nicht mehr an sich gehalten, und die Sense in seiner Hand, mit der er Jahre lang für die Gräfin gearbeitet habe, sei zum Mordwerkzeuge geworden. So macht die herrschende Gesellschaft die Menschen zu Ver⸗ brechern. 5

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* CS D 7 Unterhaltungs-Ceil. 7

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Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke.

9(Fortsetzung)

Ich begab mich auf meine Güter hierher nach Flyeln. Ich fand Vergnügen daran, mit meinen Angehörigen bekannt und vertraut zu werden. Sie waren damals Halbwilde, ste waren Leibeigene. Sie krochen vor ihrem Erbherrn sklabisch. Keiner konnte lesen und schreiben. Sie waren träg und unstttlich. Faulenzen, Saufen, Raufen schien ihr Himmel. Aberglaube war ihre Religion, tote, abgöttliche Werkheiligleit ihre Religiosttät und Betrug und Lug ihre Klugheit. Ich beschloß, aus diesem Vieh Menschen zu schaffen. Ich ließ die Gefängnisse ausbessern und ein großes Schulhaus bauen; ich und Amalia besuchten alle Hütten; es waren kotige Ställe. Ich 1 1 bei schwerer Strafe die strengste Rein⸗ ichkeit. Wer nicht gehorchte, kam in den Kerker; hinwieder den Gehorsamen beschenkte ich zur Aufmunterung mit Tischen, Spiegeln, Sesseln und anderm Hausgerät. Bald war alles in den Häusern wohlgeordnet und sauber. Ich verbot Kartenspiel, Branntwein, Kaffee, Rauferei, Fluchen und Schwören usto. Wer fehlte, ward herbe gezüchtigt; wer gehorchte und einen Monat lang nie Ursache zum Tadel gab, dem erließ ich Frondienste. Ich gab dem alten Pfarrer einen Gnadengehalt, wählte einen jungen, gelehrten, trefflichen Geistlichen, der ganz in meine Idee eintrat, an die Stelle des vorigen, ernannte einen im wechselseitigen Unter⸗ richt geübten, in der Schweiz bei Pestalozzi erzogenen Jüngling zum Schulmeister mit gutem Gehalt und vollendete mit diesen beiden Gehilfen die Reformation. Ich selbst hielt wöchentlich zweimal Schule, aber mit erwachsenen Jüng⸗ lingen und jungen Männern, Amalia mit den Jungfrauen, des Pfarrers Frau mit den Müttern. Ich ließ alle Kinder neu kleiden auf meine Kosten, so wie du sie noch jetzt siehst. Auf unsere Kosten änderte Amalia die ungestalte Tracht der Mädchen.

Schule und Gefängnis wirkten, noch mehr der Eigennutz. Sich bei mir einzuschmeicheln, ließen die jungen Männer den Bart wachsen. Ich verbot das den Leibeigenen; nur den Freien war erlaubt, den Bart zu tragen. Sklaven mußten barbiert gehen. Ich tat die Pforte zur Freiheit auf. Wer seine Felder nach meiner Vorschrift am besten baute, erhielt die⸗ selben Ende Jahres gegen geringen, doch los käuflichen Bodenzins zum Eigentum und dazu Befreiung vom Frondienst. Wer im zweiten Jahr der Sparsamste, Fleißigste, Verständigste war, empfing seine Freiheit, sein Haus eigen, einen Vorschuß an Geld, ein Ehrenkleid, nach meiner Tracht gemodelt, er durfte den Bart wachsen lassen. Schon am Ende des ersten Jahrs hatte ich Anlaß und Recht, ja sogar Verpflichtung, mehrere ausgezeichnete Familien freizusprechen; sie gehörten schon vor meiner Ankunft zu den bessern. Dies erweckte bei vielen Neid, bei allen Anstrengung zur Nach⸗ eiferung, um so mehr, da ich von den Freien an Gerichtstagen zu mir sitzen und stie über die Fehlbaren mitrichten ließ. Die Beisitzer des Gerichts wurden aus der Mitte der Freien von ihnen selbst erwählt.

Während ich mich hier um die übrige Welt wenig bekümmerte, bekümmerte sich diese desto mehr um mich. Ganz unerwartet erschien auf ministeriellen Befehl, den meine Verwandten bewirkt hatten, eine außerordentliche Kommission, meine Gesundheits⸗ und Vermögensumstände u untersuchen. Man hatte mich für wahn⸗ unig ausgeschrien und als verschwende ich mein gesamtes Vermögen auf die tollste Weise.

Bart stehen zu lassen. allein der

Die Herren der Kommission taten sich ein paar Monate lang gütlich bei mir. Ich weiß nicht, welchen Bericht sie abgestattet haben, aber ver⸗ mutlich, weil ich vergaß, ihnen Gold in die Hand zu drücken, den unvorteilhaftesten. Denn ohne Rücksicht auf meine Beschwerden und Rechtsverwahrungen ward ich wie ein Blöd⸗ sinniger behandelt und auf meine Güter ein⸗ gebannt. Es wurde mir ein Administrator meines Vermögens zugesandt, der zugleich mein Betragen beobachten und jeden Besuch von Fremden abhalten mußte. Zum Glück war der Administrator ein rechtschaffener und nicht unverständiger Mann, darum wurden wir bald einig und Freunde. Als er meine Rechnungen durchgesehen hatte, erstaunte der gute Mann über die Strenge der Vekonomie und begriff, daß ich durch diese und durch das allmähliche Auflösen der Leibeigenschaft und der Frondienste eher gewönne als verlöre. Aus 100 half er mir selbst bei den Vermenschlichungs⸗ versuchen meiner Sklaven. Er hatte dabei noch einige gute Einfälle, wie z. B., daß die Freigelassenen fünf Jahre lang Rechnung von ihren Ausgaben und Einnahmen vor Gericht ablegen mußten, um versichert zu sein, daß sie sich nicht verschlimmerten und heimlich nach⸗ lässig würden. Der gute Mann ward zuletzt ganz begeistert von unserer Flyeler Wirtschaft, denn er sah, wie von den wohlberechneten Schritten selten einer ganz vergebens getan war. Schon im zweiten Jahr meines Hierseins zeichneten sich die Landleute in unsern Ort⸗ schaften vor allen der ganzen Gegend durch Häuslichkeit und Kenntnis und Ehrbarkeit aus. Man hieß sie anderwärts nur Herrnhuter, und in den benachbarten Dörfern glaubt man noch heutigestags, die Flyeler hätten eine andere Religion angenommen.

Der Administrator und Vormund fand meine Ansicht der Welt in den Hauptsachen vollkommen richtig. Er wünschte sogar, daß man allgemein auf Vereinfachung und größere Wahrhaftigkeit in Sitte, Wandel und Leben zurückkommen möchte. Nur der Bart war ihm zuwider; seinen steifen Zopf im Nacken und den Puder im Haar verteidigte er auf Tod und Leben; auch das Du war ihm anstößig, und er konnte es gegen Amalien und mich trotz aller Anstrengung nicht über die Lippen hervordrängen. Inzwischen hatte sein Bericht über mich nach dem ersten Jahre seiner Admini⸗ stration, und nachdem er über die Gesamt⸗ verwaltung meines Vermögens an die Regierung die befriedigendsten Aufschlüsse gegeben hatte, die gute Folge, daß ich wieder in die Selbst⸗ administration eingesetzt wurde, aber mit einst⸗ weiliger Verpflichtung, jährlich davon Rechen⸗ schaft abzulegen. Das war das Werk meiner Verwandten. Denn sie ließen sich nicht aus⸗ reden, ich habe einen guten Teil des gesunden Menschenverstandes verloren, obgleich mich mein bisheriger Vormund nur für einen wunderlichen Sonderling hatte geltend machen wollen. Ebendeswegen und damit ich durch meine neuerungssüchtigen Irrreden, nämlich durch mein unverhohlenes Aussprechen dessen, was Natur und Vernunft gutheißen, kein Aergernis gebe, ward mir verboten, mich ohne besondere höchste Erlaubnis über die Grenzen meiner Güter hinauszubegeben, das heißt das große europäische Narrenhospital nicht zu besuchen, sondern es blos aus den Zeitungen kennen zu lernen. Dabei konnte ich nur gewinnen.

Es sind nun beinahe fünf Jahre, daß ich hier in meiner glücklichen Einsamkeit wohne. Gehe hinaus, betrachte meine Felder und die Felder unserer Bauern und unsere Waldungen, unsere Herden und Wohnungen! Du wirst einen aufblühenden, vorher hier ungekannten Wohlstand erblicken. Alle meine Leibeigenen sind frei. Ein einziger Trunkenbold und ein anderer träger, roher Kerl schienen unverbesser⸗ lich. Der Trunkenbold starb. Den andern bekehrten weder Hoffnungen noch Strafen. Als aber alle Flyeler den Bart trugen und er und der Pfarrer nur allein Aera reg. machte es auf den Kerl eine wunderbare Wirkung. Denn auch der Pfarrer wagte es endlich, den So blieb der Leibeigene eschorene. Das konnte er nicht

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