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Nr. 15.

Mittelden! sche Sonntags⸗ Zeitung.

Seite 5.

Johannes, in der natl. Versammlung zu Ehringshausen, die Sparsamkeit als Heilmittel sozialer Knechtung ver⸗ verworfen habe. Der Einsender hält vom Sparen viel, giebt aber doch zu, daß er trotz seiner Sparsamkeit nur gering begütert sei. Die Verkürzung der Arbeits⸗ zeit ist ihm ein Greuel, weil dadurch die Arbeiter weniger leisten und somit weniger verdienen würden. Die Nationalökonomie des Einsenders scheint uns auf schwachen Füßen zu stehen, denn sonst müßte er wissen, daß jeder Unterkonsum geeignet ist, die wirtschaftlichen Krisen zu verschärfen, und daß somit, wenn alle vom Sparfanatismus ergriffen wären, das wirtschaftliche Leben eine rückläufige Bewegung nehmen müßte. Genosse Habicht hat sich mit seinen Worten nur gegen die Sparsamkeit am verkehrten Orte gewandt. Das Sparen an sich wird von uns durchaus nicht verworfen. (Ueberhaupt müssen ja die Arbeiter in der Praxis besser sparen können, als es ihnen der Sparapostel lernen wollen. D. R.) Wenn uns aber die bürgerlichen Politiker kommen und uns, wie Eugen Richter mit seiner Sparagnes, den Unsinn einreden wollen, daß die Arbeiter⸗ klasse durch Sparsamkeit sich den Besitz der Produktions mittel, wie im Mittelalter, wieder sichern könne, so hören wir zwar die Botschaft, aber uns fehlt der Glaube. Im Königreich Sachsen z. B. beträgt der Durchschnitt der Sparkasseneinlagen 400 Mark und unter diesen sind ein großer Teil aus Beamten⸗, kleinbürgerlichen und bäuerlichen Kreisen. Zahllose kleine Erbschaften werden ebenfalls der Sparkasse überwiesen. Wenn die Resultate des Sparsinns so gering sind, so liegt dies nicht blos an dem Mangel an Sparsinn selbst, sondern nicht zuletzt an unseremherrlichen indirekten Steuersystem und an der Sucht des Industriefeudalismus, die Löhne zu drücken. Der Gewinn eines Aktienunternehmens mag noch so hoch sein, die Löhne werden um deswillen nicht höher bemessen als das Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften nötig macht. Wer sich davon überzeugen will, der lese die Berichte der Aktiengesellschaften nicht blos in, sondern auch zwischen den Zeilen. Der Ein⸗ sender ist deshalb auf dem Holzwege, wenn er glaubt, daß eine Verkürzung der Arbeitszeit eine Lohnver⸗ minderung im Gefolge habe, denn das Gegenteil wird her richtig, da das Angebot von Arbeitskräften sich etwas vermindert und somit der Wert der Arbeitskraft des einzelnen steigt. Den Hinweis des Einsenders auf die Agitatoren die sich von den Arbeitergroschen mästen, schenken wir ihm, da er sich mit uns doch nicht ein⸗ lassen will. Nur möchten wir ihn bitten, sich einmal den Etat des Bundes der Landwirte und den Etat z. B. der Handels⸗ und Handwerker⸗ kammern, anzusehen, da wird er finden, daß keine Organisatton, keine Interessenvertretung ohne Geldmittel möglich ist. Freilich, wenn man es macht, wie die Nattonalliberalen, die zunächst Umschau unter den im Wahlkreise vorhandenen Millionären halten, wenn sie auf der Kandidatensuche sind, dann gehts ohne Opfer der Parteimitglieder. Die Vertretung ist dann aber auch darnach. Warum kann der kleine Mann in den bürgerlichen Parteien nicht zu Wort kommen? Eben weil das Vertrauen zur eigenen Soche nicht groß genug ist, um ein materielles Opfer für einen unbemittelten Vertreter zu bringen.(Siehe Kandidatur F. W. Keiner in Werdorf.) Die Volksvertreter übernehmen mit dem Mandat eine Pflicht, die zu erfüllen die bürgerlichen Abgeordneten am meisten deshalb versäumen, weil ihre Wähler nicht die moralische Pflicht erfüllen, die Vertreter schadlos zu halten. Auf diesem Wege werden wir den bürgerlichen Parteien nicht folgen.

X. Verlorene Liebes müh. Der Stöcker⸗Kan⸗ didat Dr. Burckhardt machte an unsern Genossen Thomas in Rehe einen Bekehrungsversuch, indem er ihm Stöckerreden, die Richter'sche Sparagnes und das Machwerk des Werftarbeiters Lorentzen zusandte. Nach⸗ dem der damit Beglückte, der als Kleinbauer allerdings nicht an den Segen der Wucherzölle und die alleinselig⸗ machende Stöckerei glaubt, einen Teil davon genossen hatte, mußte er sich übergeben.

Fünf Mark Monatslohn für einen Handlungskommis! Vorige Woche verurteilte die Strafkammer einen Angestellten der Firma M. Kahn in Wetzlar wegen Unterschlagung zu einem Jahr Gefängnis. Der Angeklagte hatte 1000 Mk., die ihm zur Beförderung nach der Bank übergeben waren, veruntreut. Bei der Verhandlung wurde festgestellt, daß ihm die Firma den Riesenlohn von fünf Mark den Monat außer Kost und Logis zahlte! Da sollte wirklich der Geschäftsinhaber wegen Ver⸗ leitung bestraft werden, denn bei einem solchen Schundlohn drängt er seine Angestellten doch geradezu auf den Weg des Verbrechens. Der Fall zeigt wieder, wie dringend notwendig es für die Handelsangestellten wäre, sich zu

einer kräftigen Organisation zusammenzu⸗ schlteßen; diese Leutchen dünken sich aber

meistens als etwas besseres als die Arbeiter, uf die sie vielfach mit Verachtung blicken.

Aus dem Rreise Jarburg⸗Rirchhain.

St. Die Flugblattverteilung findet nunmehr bestimmt am Sonntag nach Ostern, den 19. April, statt und werden die Parteigenossen ersucht, sich recht zahlreich an derselben zu beteiligen. Die Austeilung der Flugblätter und alles nähere wird am Abend vor⸗ her(18. April) bei Jesberg geregelt werden und wollen sich die an der Flugblattverteilung teilnehmenden Genossen an diesem Abend dort einfinden.

Die Steinhauer und Maurer aus Mar⸗ burg und der Umgegend hatten sich am vergangenen Sonntag Nachmittag zu einer öffentlichen Versammlung im Saale der Restauration Hildemann eingefunden; leider waren aber von den hier beschäftigten ca 250 Arbeitern obiger Branche nur etwa 40 erschienen. Herr Dr. Michels sprach über den Wert und Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation und schilderte in treffender Weise wie völlig abhängig von der Gunst der Unternehmer die keiner Organisation angehörenden Ar⸗ beiter seien. Dies könne man hier in Marburg recht dentlich gerade bei den Steinarbeitern sehen, welche zwar durch gesetzliche Regelung die neunstündige Arbeitszeit bekommen hätten, womit aber auch gleichzeitig eine Lohn⸗ reduktion eingetreten sei; weil sie jetzt 1 2 Stunden pro Tag weniger arbeiten, erhalten sie entsprechend weniger Lohn. Das spüren die betreffenden Arbeiter bei den jetzigen hohen Lebensmittel⸗ und Wohnungs⸗ mietpreisen recht empfindlich. Da kann nur eine starke Organisation Abhilfe schaffen, eine solche sei auch das beste Abwehrmittel gegen Streiks. Eine lebhafte Debatte schloß sich dem Referate an, in der sämtliche Redner den Ausführungen D. Michels beipflichteten. Etliche 20 Mann zeichneten sich sofort in die aufgelegte Mit⸗ glie derliste ein und wählten dieselben dann einen provi⸗ sorischen Vertrauensmann. Durch rege Agitation und öftere Versammlungen hofft man, die Organisation zu stärken und eine Bessrrung der Lage der hiesigen Steinarbeiter herbelzuführen. Hoffentlich schließen sich dieselben recht bald der hiesigen Gewerkschaftskommisston an, die gern bereit ist, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Schwere Grubenexplosionen

Zwet schwere Bergwerkskatastrophen haben sich in Ober⸗Schlesien ereignet. Auf der Königin Luisen⸗Grube in Ostfeld erfolgte am 2. April unter Tage eine fürchterliche Exploston. Der Betrieb wurde sofort eingestellt, alle Mann⸗ schaften wurden zu den Rettungsarbeiten aufge⸗ boten. Am Unglückstage wurden 4 Bergleute tot und 7 schwer verwundet zu Tage gefördert. Bei den Rettungsarbeiten kamen ein Steiger und ein Aufseher zu Tode. Im ganzen be⸗ trugen die Opfer dieser Katastrophe wieder 21 Tote und 8 Verwundete. Eine weitere Ex⸗ plosion erfolgte in der Nacht zum Sonntag im Hildebrandschachte derGotteswegen⸗Grube bei Gleiwitz, die dem Grafen Donnersmarck gehört. Hier wurden acht Bergleute sch wer verbrannt.

Auffälliges Kriegsgerichtsurteil.

Vor dem Kriegsgerichte der 22. Division in Kassel hatte sich dieser Tage der Husaren⸗ Unteroffizier Degen wegen Mordversuchs zu verantworten. Er war beschuldigt, seine Braut, das Dienstmädchen Hensel in die Fulda gestoßen zu haben, um sich ihrer zu entledigen. Das Mädchen wurde gerettet. Merkwürdiger⸗

(Fortsetzung Seite 6.) C.... p p p pp pp

Kleine Mitteilungen.

** In den Main gestürzt hat sich Freitag voriger Woche in Frankfurt der Architekt Richard Tschampel zusammen mit dem 11 jährigen Sohn seiner verstorbenen Schwester und der 2 jährigen Tochter seiner Geliebten. Alle drei sind ertrunken. Tschampel lebte von seiner Frau getrennt.

. Erdrosselt wurde in Spons heim bei Bingen die 72 jährige Rentnerin Steiner von ihrem 22 jährigen Neffen, der bei ihr auf Besuch war und Geldunterstützung verlangte. Geld ist dem Mörder nicht in die Hände gefallen.

* Feiner Schutzmann. In Köln wurde ein früherer S utzmann von dort wegen Zuhänterei und versuchter Erpressung zu neun Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt. Wie festgestellt wurde, bezog der Verurteilte schon als Schutzmann von einer Dirne täglich 3 Mark. Dann nahm er seine Entlassung und zog mit der Frauensperson nach Essen und Bielefeld, wo er von ihe ernährt und gekleidet wurde. Er bekam mit ihr Streit und sie kehrte nach Köln zurück, er folgte ihr, drang in ihre Wohnung ein und versuchte von ihr Geld zu erpressen. Des halb erfolgte seine Verhaftung.

Wewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

Die Schreiner in Kassel befinden sich in Ausstande. Etwa ein Drittel der Arbeitgeber hat die Forderungen bereits bewilligt.

Generalstreik in Rom. Seit mehreren Wochen befinden sich die Buchdrucker im Lohnkampfe. Aus diesen Differenzen entwickelte sich ein Generalstreik. Die sozialistischen Abgeordneten suchen ein Schiedsgericht mit allen Vollmachten zu Stande zu bringen.

Zur Reichstagswahl.

Nachdem der Wahltermin nunmehr feststeht, erscheint es notwendig, auf verschiedene auf die Wahl bezügliche Bestimmungen aufmerksam zu machen. Bei der

Verteilung von Druckschriften kommt§ 43 der Gewerbe⸗Ordnung in Betracht, nach welchem ohne vorherige Erlaubnis alle Arten von Wahldrucksachen(Zeitungen, Flug⸗ blätter, Stimmzettel usw.) überall, sowohl in geschlossenen Räumen, als auch auf öffent⸗ lichen Plätzen, Wegen und Straßen und andern öffentlichen Orten gewerbsmäßig oder nicht gewerbsmäßig von Jedermann ver⸗ breitet werden dürfen. 0

Ferner ist es notwendig, daß wir schon jetzt auf die Kontrolle der Wählerlisten hinweisen. Spätestens 4 Wochen vor dem Wahltermin wird die

Wählerliste öffentlich ausgelegt und zwar acht Tage lang. Der Zeitpunkt dafür wird amtlich bekannt gemacht. Die Kontrolle kann insofern vereinfacht werden, als nicht jeder Wähler einzeln sich von der Ein⸗ tragung seines Namens zu überzeugen braucht, es kann vielmehr einer für mehrere nachsehen. Wahlberechtigt sind soweit das Alter in Betracht kommt alle, die am 16. Juni 1903 25 Jahre alt sind; also alle Männer, die am 16. Juni 1878 und früher geboren sind.

Partei-Uachrichten.

Parteitag für Preußen. Der Partei⸗ vorstand ladet zu einem am 26. April in Berlin stattfindenden Konferenz ein, welche die Besprechung der preuß. Landtagswahlen zum Gegenstande haben soll.

Die Maifest⸗Zeitung, reich illustriert, erscheint wie alljährlich auch diesmal im Verlage der Partei⸗ buchhandlungVorwärts. Die Illustrationen sind von hervorragenden Künstlern ausgeführt, die Artikel von bekannten Schriftstellern unserer Partei verfaßt, so daß der Verlag hofft, mit dieser Nummer den Beifall der Parteigenossen zu finden. estellungen größerer Partien müssen sofort an die BuchhandlungVorwärts, Berlin S W., Lindenstr. 68, aufgegeben werden. Einzeln ist die Zeitung später an den bekannten Stellen zu haben.

Versammlungskalender. Freitag, den 10. April. Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Nachmit⸗ tags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Ferd. Kröck (Zum Schwanen). Wichtige Tagesordnung. Samstag, den 11. April.

Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr

Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 12. April.

Friedberg. Kreiskonferenz. Nachmittags 2 Uhr

in Stadt New⸗Nork.

Bortefkasten.

Alsfeld. Gewiß handelte der Genosse recht ver⸗ nünftig, wenn er sich ausreichend gegen Krankheit ver⸗ sicherte, so daß er nun bei seiner schweren Krankheit nicht, wie das andern Leuten passiert ist, die öffentliche Mildtätigkeit in Anspruch nehmen mußte. Was Sie aber sonst noch dazu bemerken, eignet sich nicht zur Erörterung in unserm Blatte. Marbg. Zu spät.

Zur Beachtung! Wir bitten unsere Leser bei Zuschriften an unser Blatt alles auf den Inhalt bezügliche an die Redaktion Kirchenplatz 11, alles was auf Abonnement oder Inserate Bezug hat, an die Expedition, Rittergasse 17 zu adressieren.

Letzte Nachrichten.

Der Streik in Holland dauert fort. Es ver⸗ kehren nur wenige Züge. In verschiedenen Bäckereien trat Mehlmangel ein. Sonst ist alles ruhig, die öffent⸗ liche Lokale in Amsterdam sind wenig besucht. Auf dem Staatsbahnhof wird gearbeitet.

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