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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung
Nr. 15.
Kongreß im Berliner Gewerkschaftshause er⸗ öffnet. Boemelburg⸗Hamburg wies in seiner einleitenden Ansprache darauf hin, daß die Forderungen der Bauarbeiter nur zum geringsten Teil erfüllt seien und die wenigen Schutzbestimmungen, die ergangen seien, würden vielfach nicht einmal ausgeführt. Als Vor⸗ sitzende wurden Bömelburg(Maurer), Drunsel (Töpfer) und Schrader(Zimmerer) bestimmt. Von der sozialdem. Reichstagsfraktion waren die Abgg. Hoch, Pfannkuch und Zubeil delegirt; die Generalkommission der Gewerk⸗ schaften war durch Robert Schmidt vertreten. Von der Reichs regierung war niemand er⸗ schienen, obwohl sie freundlich eingeladen worden war. Jedenfalls nimmt man wieder Anstoß an der Dekoration des Sitzungssaales, welcher Grund ja vor Kurzem für das Fern⸗ bleiben der Reichsregierung vom Stuttgarter Gewerkschaftskongreß angegeben wurde. Viel⸗ leicht werden die Regierungsleute aufgeregt, wenn hier und da rotes Tuch angebracht ist. Nach eingehenden Referaten gelangten die Reso⸗ lutionen, in welchen die Forderungen auf Aus⸗ gestaltung des Bauarbeiterschutzes niedergelegt sind, zur Annahme. Am Dienstag wurde der Kongreß geschlossen.
Von Nah und Lern. Hessisches. Wahlkuhhandel im Landtag.
Wie im Landtage die Schwarzen mit denen von der Fraktion Drehscheibe versuchten, unseren Genossen einen schmählichen Handel in die Schuhe zu schieben und ihre Mogelei zu ver⸗ decken, so erzählen jetzt hessische Ordnungsblätter und Reptilien— das Gießener natürlich in erster Linie— von einem Kuhhandel, den die Sozialdemokraten bei den Bauernbündlern versucht hätten. Sie möchten gern durch den bekannten Spitzbubenkniff die Aufmerksamkeit von dem unehrlichen Verhalten ihrer Leute abwenden. Das soll ihnen aber nicht gelingen. Wie liegt die Sache in Wirklichkeit?
Wahrheit ist, wie unser Mainzer Partei⸗ blatt feststellt, daß der Abg. Baer sagte, der Abg. Cramer oder Ulrich habe ihn gefragt, wie er sich zu den Wahlprotesten gegen die Abgg. Orb und Hirschel stelle, ob er eventuell für die Wahl Orb's stimme. Er habe es ab⸗ gelehnt, sich in der Sache irgendwie zu binden. Nachdem Ulrich dem Abg. Baer klar machte, daß er sich wohl in der Angelegenheit mit Baer unterhalten habe, wie man sich so oft über schwebende Fragen mit Abgeordneten aller Parteien unterhalte, aber keinerlei Anerbieten oder etwas Aehnliches gemacht, gab dies Baer zu und meinte, dann habe Abg. Cramer an ihn die Frage gestellt. Letzterer ersuchte Baer der Wahrheit die Ehre zu geben und zu⸗ zugestehen, daß Cramer ihm erzählt habe, Hir⸗ schel habe ihm(Cramer) gesagt, wenn die Sozialdemokraten für ihn eintreten, dann würden Hirschels Freunde auch für Orbs Wahl zu haben sein. Abg. Baer erwiderte darauf, letzteres wisse er nicht mehr, er könne sich dessen„nicht mehr erinnern“.
Also, erst wußte der Abg. Baer nicht mehr, ob Cramer oder Ulrich ihm ein bezügliches An⸗ erbieten gemacht, dann mußte er Ulrich gegen⸗ über mit seiner Behauptung einschwenken und schließlich„konnte er sich nicht mehr erinnern“, ob Cramer ihm das Gesagte als eine Aeuße⸗ rung Hirschels überbracht habe!— Es wird
den professionsmäßigen Kuhhändlern und ihrer Presse trotz aller Drohungen und Wendungen nicht gelingen, ihre Sünden zu vertuschen und unsere, Genossen zu verdächtigen. Soviel an uns liegt, werden wir dafür sorgen, daß die Wahrheit nicht verschleiert wird.
Auf zum Maifeste der Arbeit! Parteigenossen! Rüstet überall, die
Maifeier in würdiger Weise zu begehen! Trefft die nötigen Vorbereitungen! Wo immer zielbewußte Genossen wohnen, muß dem Mai⸗
Gießener Angelegenheiten.
— Fröhliche Ostern wünschen wir von Herzen allen unseren Parteigenossen und Lesern! Und einen weiteren Wunsch fügen wir hinzu, nämlich den, daß der April, der dieses Jahr in Bezug auf das Wetter seinem schlimmen Ruf bisher vollkommen rechtfertigte, wenigstens für die Feiertage ein Einsehen haben und uns warmen Sonnenschein bescheeren möge, damit auch der vielgeplagte Arbeiter ein Wenig sich im Freien bewegen und Früh⸗ lingsluft„schnappen“ kann!— Wo aber immer unsere Freunde die Feiertage verbringen, überall müssen sie daran denken, daß uns für die nächsten Wochen harte Arbelt bevorsteht, bei der jeder einzelne sein Teil zu leisten verpflichtet ist! Agitiert wo Ihr könnt, im Freundes⸗ und Bekanntenkreise, am Biertisch, bei Ausflügen! Werbt überall neue Anhänger, macht auf unsere Presse, auf unsere Schriften aufmerksam! Und vergeßt auch den Wahlfonds nicht!
— Der Gesangverein„Eintracht“ hält, wie alljährlich, auch diesen zweiten Oster⸗ feiertag eine kleine Festlichkeit ab. Ste findet auf Textors Terasse statt und besteht in Konzert und Gesangsvorträgen, Deklamationen und Tanz. Bei den bestens bekannten Leistungen der Eintracht darf wohl auf zahlreichen Besuch gerechnet werden, umsomehr, als ein etwaiger Ueberschuß dem Wahlfonds zugeführt werden soll. — Die Stadtverordneten⸗Versammlung hat es in ihrer Sitzung am Mittwoch abgelehnt, Mittel für eine Delegation von Gewerbegerichtsbeisitzern zu dem im September in Dresden stattfindenden Ver⸗ bandstage deutscher Gewerbegerichte zu bewilligen. Eine Beteiligung des hiesigen Gewerbegerichts wäre doch gewiß ganz nützlich gewesen, die Kosten wären auch nicht er⸗ heblich. Unsere Stadtvätermehrheit hat aber dafür kein Geld, oft genug hat sie allerdings für viel, viel minder⸗ wichtige Dinge respektable Summen bewilligt.
— Professor Dr. Biermer von der hiesigen Universität ist von dem Prof. Ruhland in Berlin wegen a verklagt worden, ie in der Streitschrift Biermers:„Ruhland, Köhler⸗Langsdorf und Ko.“ enthalten sein sollen. Der Prozeß dürfte nicht uninteressant werden. Landtagsabgeordneter Köhler forderte bekanntlich in einem im Landtag eingebrachten Antrage die Einrichtung einer weiteren Professur der Natio⸗ nalökonomte an der Gießener Universität und zwar wollte er einen Vertreter des physiokra⸗ tischen Systems, nämlich den Prof. Ruhland berufen wissen, der die Zollräuberei„wissen⸗ schaftlich begründet.“
— Die Maifeier in Gießen soll dieses Jahr in etwas anderer Weise als früher be⸗ gangen werden. Bisher wurde stets am Abend des ersten Mai eine Versammlung und am e nach dem ersten Mai ein allge- meines Waldfest abgehalten. Letzteres findet dieses Jahr wegen der Wahlagitation erst später statt, dafür soll am 1. Mai die Feier bereits nachmittags 4 Uhr auf Textors Terrasse mit Konzert beginnen, worauf etwa gegen 8 Uhr der Vortrag über den Weltfeiertag folgen soll. Damit wird wenigstens ein Anfang zur Arbeitsruhe gemacht und auch einem Beschlusse der Landeskonferenz nachgekommen, wo nach die Maifeier nur am 1. Mai begangen werden soll. Den meisten Arbeitern ist es gewiß möglich, sich einmal ein paar Stunden frei zu machen.
Aus dem Nreise gießen.
— Eine Wählerversammlung fand am Samstag im Saale zum Rappen in Grünberg statt. Die Ausführungen des Genossen Krumm, der neben Erörterung der bei der Reichstagswahl in Betracht kommenden wichtigeren politischen Fragen besonders den Zolltarif beleuchtete und kritistierte, wurden von den zahlreich Erschienenen beifällig aufgenommen. Obwohl Gegner anwesend waren, meldete sich keiner derselben zum Wort, trotzdem mehrfach dazu aufgefordert wurde. Wir können mit dem Erfolge auch dieser Versammlung recht zufrieden sein.
Kontrollversammlungen finden statt: In Lollar am Bahnhofe für die Orte: Allendorf a. d. Ld., Climbach, Daubringen mit Heibertshausen, Lollar, Mainzlar, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis Mittwoch, den 15. April, vorm. 3 Uhr: Reservisten und Wehrleute 1. Aufgebots, sowie zur Dispositlon der Truppenteile und der Ersatz⸗Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen. Vorm. 11½ Uhr: Sämtliche Ersatz⸗ Reservisten.
In Grünberg am westlichen Ausgange auf der
Donnerstag, den 16. April, vorm. 9/ Uhr: Reservisten, sowie zur Disposition der Truppenteile ꝛc. entlassenen Mannschaften aller Waffen. Nachm. 12 uhr: Wehrleute 1. Aufgebots aller Waffen. Nachm. 2½ uhr: Sämtliche Ersatz⸗Reservisten. In Lich in der Amtsgerichtsstraße für die dazu gehörigen Orte: Freitag, den 17. April, vorm. 9½ Uhr: Reservisten, sowie zur Disposition der Truppenteile ꝛc. entlassenen Mannschaften aller Waffen. Nachm. 12 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots aller Waffen und sämtliche Ersatz⸗Reservisten.
In Hungen an der Post für die dazu gehörigen Orte: Samstag, den 13. April, vorm. 9/ Uhr: Reservisten, sowie zur Disposition der Truppen⸗ teile ꝛc. entlasseneu Mannschaften aller Waffen. Mittags 12 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots aller Waffen und sämtliche Ersatz⸗Reservisten.
Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach.
O ueberflüssiges bei der Feuerwehr⸗ übung. Bei dem Ansetzen der Pflichtfeuerwehrübungen in Alsfeld wird sehr wenig Rücksicht auf die gewerb⸗ lichen und Arbeitsverhältnisse der Pflichtfeuerwehrleute genommen. So wurde am Montag eine solche abge⸗ halten, jetzt vor den Feiertagen, wo die kleinen Hand⸗ werker am meisten zu tun und für wirklich wenig Zeit übrig haben. Die Arbeiter mußten ebenfalls schon um 4 Uhr aufhören, erleiden aber dadurch eine für sie beträchtliche Lohneinbuße. Der Unwille, der dadurch hervorgerufen wurde, steigerte sich aber noch, als auch noch militärische Exerzitien ausgeführt wurden, was doch für die Ausbildung der Feuerwehrleute nicht den geringsten Wert hat. Schließlich wird am Ende gar noch Parademarsch geübt!(Wir können den beteiligten Arbeitern nur raten, für die verl eren gegangene Zeit von ihren Arbeitgebern Bezahlung zu verlangen, denn dazu sind diese nach dem B. G.⸗B. verpflichtet. D. R.)
Aus dem Rreise Weßlar.
h. Unbequeme Mahner! Daß in den nationalliberalen Wahlversammlungen in der vorletzten Woche auch Sozialdemokraten das Wort ergriffen und den Herren die Meinung sagten, ist diesen natürlich sehr unan enehm, wie aus den Berichten im Kreisblatt, die wir schon in der letzten Nummer einer Kritik unter⸗ zogen, hervorgeht. Die nationalliberalen Mannesseelen fürchten freie Diskusston und möchten sie am liebsten beseitigen. Das geht deutlich aus folgendem, in einem jener Berichte enthaltenen Satze hervor:
„Da ist es unbedingt nötig, daß der Vor⸗ sitzende, Herr Justizrat Aldefeld, mit Energie das Hausrecht wahrt, sonst würden sich die Verhandlungen in's Endlose hinziehen.“
Jawohl, wenn man nicht die Mehrheit hat, um den Gegner niederschreien zu können, dann gebe man ihm einfach das Wort nicht! Wie mancher der Herren wird es schwer be⸗ dauern, daß es heute nicht mehr so leicht ist, einen offen sich zur Sozialdemokratie bekennenden Mann polizeilich chikanieren, wirtschaftlich und geschäftlich schädigen oder gar brotlos machen zu können! Etwa in der Art, wie es noch 1898 der nationalliberale Wetzlarer Stadtvater und Neunundneunziger Hiepe einem unserer Wetz⸗ larer Genossen gegenüber fertig brachte. Es ist eben heute schon etwas anders geworden! Und wenn die Herren in ihrem Berichte sagen:
„Die Sozialdemokraten benutzten die von der nationalliberalen Partei einberufenen Versammlungen, um hier ohne eigene Kosten für sich selbst einige billige Propaganda zu machen“—
so ist das einfach eine Folge ihrer eigenen schofelen Praktiken, 85 jeder Zeit darauf hin⸗ aus liefen, uns die ersammlungslokale abzutreiben. Mögen sie aber immerhin ihre Mundtotmachungspolitik versuchen! Wird unsern Genossen in den gegnerischen Versamm⸗ lungen das Wort nicht verstattet, so muß sich jeder Versammlungsteilnehmer sagen, daß man nicht wagt, den Gegner zum Wort kommen zu lassen, daß man ihn fürchtet— und den Vorteil davon haben wir.
„Ratschläge“ eines Fürstl. Solms'schen Rent⸗ amtmanns a. D. enthält ein Eingesandt in den„Wetzlarer Nachrichten“. Der Einsender, ein 75jähriger Herr, hat bisweilen das Bedürfnis an unsere Räder zu fahren, um sich dann aber mit den merkwürdigen Worten,„Alle etwaigen Erwiderungen von sozd. Seite werde ich gänz⸗ lich unbeachtet lassen“, aus dem Staube zu machen. Der alte Herr nimmt es unserm Genossen Habicht
gedanken Ausdruck gegeben werden!
Straße nach Gießen für die dazu gehörigen Orte:
besonders übel, daß derselbe in seiner Debatte mit Dr.


