Ausgabe 
12.4.1903
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 15.

Mittel deutsche Souutags⸗Neitung.

Seite 3.

. Nun zum Schluß noch einige Bemerkungen. Vielfach wird behauptet, der neue Zolltarif bringe der Landwirtschaft Nutzen. Ich behaupte, dem Groß⸗ g rundbesitz wird er solchen unbedingt bringen, für uns(die Domänenpächter) und die Kleinbauern aber werden die Vorteile von den Nachteilen mehr wie aufgezehrt werden. Sollten sich Zweifel für meine Behauptungen ergeben, so bin ich zum zahlen mäßi⸗ gen Nachweis bereit.

Die Agrarier werden den Nachweis nicht verlangen. Sie wissen wenigstens zum größten Teil daß diese Behauptung richtig ist. Der Verfasser würde sich aber, unbeküm⸗ mert darum, ob er von unvorsichtigen Agrariern dazu gereizt wird oder nicht, ein Verdienst er⸗ werben, wenn er durch Darlegung seines Ma⸗ terials dazu beitrüge, einer der traurigsten Agrarlügen den Garaus zu machen.

Agrarier⸗Habgier.

Zwei bezeichnende Agrarier⸗Stückchen gingen dieser Tage durch die Presse: In Posen ver⸗ urteilte die Strafkammer den Generalsekretär

der Landwirtschaftskammer Gustav Eberl, der

früher die finanzielle Leitung desLandwirt⸗ schaftl. Zentralblattes hatte, wegen Steuer- hinterziehung zu 600 Mark Geldstrafe. Eberl hatte in seiner Steuererklärung ver⸗ schwiegen, daß ihm dasLandwirtschaftliche Zentralblatt erhebliche Erträge abwarf. Ferner wurde auf dem Wochenmarkte in Wis⸗ mar(Mecklenburg), die vom Freiherrn von Biel⸗Zierow gelieferte Butter wegen Min⸗ dergewicht konfisziert. Viele der Herren Agrarier wissen eben überall ihren Vorteil wahrzunehmen und fragen dabei wenig nach Recht und Moral.

Neue Kanonen.

Demnächst soll eine Abteilung der Garde⸗ Jußartillerie Geschütze erhalten, die zum Rohr⸗ rücklauf umgeändert und mit Schutzschilden versehen worden sind. Die Hundertmillionen⸗ ausgabe für neue Mordwerkzeuge kommen also schnell: 85 die Wähler am 16. Juni ihre Meinung über diese neue Belastung des Volks recht deutlich aussprechen!

Gegen die Soldatenmißhandlungen,

die in letzter Zeit sich in erschreckender Weise gehäuft haben und eine zunehmende Roheit im Heere dartun, hat der Erbprinz von Sachsen⸗ Meiningen einen Erlaß gerichtet, in welchem er unter anderem schärfere Kontrolle der Unter⸗ offiziere verlangt. Der Erlaß mag recht gut gemeint sein, wird aber wohl ebensowenig nützen, als alle früheren. Sollen die Aus⸗ schreitungen aufhören, dann muß eine gründ⸗ liche Reform platzgreifen, namentlich in der militärischen Rechtsprechung.

Säbelei gegen Streikende.

Wie in Colmar ist auch in Bromberg die Polizei den Unternehmern mit dem Säbel. zu Hilfe geeilt und hat streikende Bauarbeiter niedergeschlagen, außerdem dieRädelsführer, d. h. die Vertrauensleute der Arbeiter verhaftet. Hier zeigt sich wieder, wie schon in hunderten anderen Fällen, wie die Polizei es stets für ihre Aufgabe erachtet, die Ausbeuterinteressen zu schützen. Die Bromberger hatten ebenso wie Colmarer Prozentpatrioten ausländische Arbeiter als Streikbrecher/ kommen lassen. Mögen sich nur die Arbeiter merken, wie nicht nur von seiten der Kapitalistenvereinigungen, sondern auch von Behörden und Gerichten gegen sie vorgegangen wird und am 16. Juni mit dem Stimmzettel ihre Meinung zum Aus⸗ druck bringen!

Bei Krupp.

Am 2. April wurde den Arbeitern der Krupp'schen Geschoßdreherei durch Anschlag bekannt gegeben, daß die Arbeitszeit auf acht Stunden ermäßigt werden soll. Durch diese Ermäßigung tritt aber zugleich eine 20pro⸗ zentige Lohnkürzung ein. Von der Maß⸗ nahme werden wigefühe 600 Arbeiter betroffen.

Dieser Mitteilung wird noch ien che daßdie Erregung unter den Arbeitern sehr

groß sei. Als ob dies verwunderlich wäre! Jahrelang hat man den Arbeitern tagtäglich von der einzig dastehenden Arbeiterwohltätigkeit der Firma Krupp erzählt und jetzt bekommen sie einen Begriff davon. Da wird einiger⸗ maßen begrelflich, was neulich das Essener Zentrumsblatt schrieb:

Recht weit gekommen ist es bereits auf der Krupp⸗ schen Fabrik. In verschiedenen Werkstätten entfalteten jetzt vor den Gewerbegerichts⸗Wahlen die Sozialdemo⸗ kraten eine ganz wüste Agitation. Als einige christliche Arbeiter die Schmähungen der Roten abwehren wollten, erhielten sie von ihrem Meister einen scharfen Verweis. Die HerrenGenossen dagegen ließ man völlig unge⸗ schoren ihr Handwerk weiter treiben. Statt dessen aber zog man in einzelnen Werkstätten die rote Fahne ziemlich offen hervor und zwar mit Wissen und Willen, j a mit Unterstützung von Meistern!

Danach scheint es, daß diese Elenden nichts vom Tischtuchzerschneiden wissen wollen. Dar⸗ über ärgert sich natürlich das Pfaffenblatt, für uns ist das aber höchst erfreulich.

Kaisertreue Sozialdemokraten.

Als solche wurden dieser Tage die ni⸗ schen Sozialdemokraten in der deutschen Ord⸗ nungspresse vorgestellt. Nach einer Wolf'schen Depesche, welche alle Kreis-, Amts⸗ und sonstige

utgesinnten Blätter mit Behagen abdruckten, hätte das Zentralorgan der dänischen Genossen, Sozialdemokraten, den deutschen Kaiser, der vorige Woche in Kopenhagen war, mit folgendem Artikel begrüßt:

Als Haupt unseres großen südlichen Nachbarstaates besucht der Kaiser Kopenhagen, als dänische Staats⸗ bürger müssen wir ihm einen würdigen und nachbar⸗ schaftlich freundlichen Empfang wünschen. Alle ver⸗ nünstigen Dänen wünschen nur das beste nachbarschaft⸗ liche Verhältnis zwischen Dänemark und Deutschland. Kaiser Wilhelm repräsentiert die deutsche Nation, vor deren Tüchtigkeit, Fleiß und Wissenschaftlichkeit wir tiefsten Respekt haben und mit der wir gern in guter Nachbarschaft zu leben wünschen. Als kluge, friedliebende Dänen wünschen wir, daß das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs eine schöne, freundliche Aufnahme in den Tagen, wo er der Gast unseres Landes und unserer Hauptstadt ist, finden möge.

Daran wurden natürlich Bemerkungen ge⸗ knüpft, wie vorteilhaft sich die dänischen Sozial⸗ demokraten von ihren staatsfeindlichen und vaterlandslosen deutschen Genossen unterscheiden. , Wir stehen gar nicht an, zu bekennen, daß uns die Auslassung des dänischen Partei⸗ organs befremdete. Es fiel uns auf, daß unsere Kopenhagener Genossen einen Fürsten in dieser Art feierten, der unsere Partei und ihre Vertreter so oft mit den stärksten Aus⸗ drücken belegte, dem also an dem Willkommens. gruße des sozialdemokratischen Organs sehr wenig gelegen war.

Es liegt hier aber eine direkte Fälschung des offiziösen Preßbureaus vor. Der Artikel unseres Kopenhagener Parteiblattes ist, wie die Schlesw.⸗Holst. Volksztg. feststellt, so zu⸗ sammengestrichen, die einzelnen Sätze so aus dem Zusammenhang herausgerissen, daß er fast im gegenteiligen Sinne erscheint, als in ihm zum Ausdruck gebracht wird. Ein Gegensatz zur Haltung der deutschen Sozialdemokratie in Sachen der Monarchie und des Militarismus kann in ihm nicht gefunden werden, wenn man sich auch nicht mit jedem Satze einverstanden erklären kann..

Am Schlusse des Artikels werden die deut⸗ schen und dänischen politischen Zustände in Vergleich gestellt und die freieren, demokrati⸗ scheren Einrichtungen Dänemarks hervorgehoben. Neulich habe der dänische König ohne Zögern die Wahl des sozialdemokratischen Bürgermeisters bestätigt, während Wilh. II. es abgelehnt habe, die Wahl eines liberalen Bürgermeisters für Berlin anzuerkennen. Kurz, das Telegramm des Wolf schen Telegraphen⸗Bureaus war eine Fälschung, Futter für die Reptilien!

Für das allgemeine Stimmrecht in Belgien.

Unsere belgischen Geuossen führen selbst⸗ verständlich den Kampf für das allgemeine Wahlrecht mit aller Energie weiter, keineswegs durch den Mißerfolg im vorigen Jahre ent⸗

mutigt. Nach einer Erklärung Vanderveldes, die er vorige Woche in der Sitzung der Brüsseler Parteiorganisation abgab, soll im nächsten Jahre die Bewegung dafür wieder von neuem einsetzen. Ueber die Mittel und Wege wird der Parteitag, der an den Oster⸗Feiertagen stattfindet, beraten.

Niedergang des Natisnalismus in Frankreich.

Vergangenen Sonntag wurde in Paris wieder eine Nachwahl zum Gemeinderat vor⸗ genommen, wobei der Sozialdemokrat Deville mit 5060 Stimmen gegen den Nationalisten Barr é, der nur 4825 Stimmen erhielt, ge⸗ wählt wurde. Und in diesem Wahlbezirk hatte noch im vorigen Jahre der Nationalist die Mehrheit gegenüber dem Sozialisten. Auch diese Wahl ist ein Zeichen dafür, daß der Nationalismus, dem ein Teil der bürgerlichen Wähler vorübergehend verfallen waren, sich anf dem Rückzuge befindet. Es geht ihm gerade wie dem Antisemitismus in Deutschland, mit dem er ja geistesverwandt ist.

Jaurés zur Dreyfus Affaire.

Am Montag und Dienstag kam es in der französischen Kammer zu der von Jaures schon seit länger angekündigten Erörterung über die Dreyfusangelegenheit. Jaures hielt eine ge⸗ waltige Rede, die er am Montag abbrach und am Dienstag fortsetzte. Er verlas einen bisher unbekannten Brief des Generals Pellieux, der den damaligen Kriegsminister Cavaignac von der Fälschung Henrys in Kenntnis gesetzt habe, von diesem aber beiseite gebracht worden sei. Brisson, der damalige Premierminister er⸗ hebt heftige Angriffe gegen Cavaignac, der die Existenz jenes Briefes nicht bestreitet. Kriegs⸗ minister André erklärte, die Regierung werde eine Untersuchung über die Affaire einleiten und die Kammer nahm eine in diesem Sinne gehaltene Tagesordnung an.

Generalstreik in Holland.

Am Montag früh wurde in Amsterdam der allgemeine Ausstand aller Transportarbeiter einschließlich der Eisenbahnangestellten erklärt und gleich darauf begann der Streik. Dieser richtet sich zunächst gegen die Zuchthausgesetze, die jetzt der Kammer vorliegen. In wenig Tagen wären sie erledigt und damit das Koalitionsrecht der Eisenbahner für alle Zeiten vernichtet gewesen. Deshalb stellt der Streik einen Akt der Notwehr der Arbeiter dar, die sich nicht wie die Hämmel abwürgen lassen wollten. Gegenüber dem Gewaltakt der Kapitalistensippe blieb ihnen kein anderes Mittel mehr übrig.

Revolutionäre Offiziere.

In der russischen Armee greift die revo⸗ lutionäre Bewegung immer mehr um sich, zum Schrecken der Regierung. So kam kürzlich aus Petersburg die Nachricht, daß zwei Artillerie- Ofsiziere, Namens Wassiljew und Grigorjew, wegen politischer Vergehen in der Peter. Pauls⸗ Festung eingekerkert sind. Eine Anzahl Offiziere und Militärbeamte seien derselben Sache halber in Kiew verhaftet worden. Im Departement für Militärjustiz sei eine besondere Sektion für politische Vergehen gebildet worden. Die Unter⸗ drückungsmaßregeln werden nichts nützen; die zarische Gewaltherrschaft wird ihren Zusammen⸗ bruch nicht aufzuhalten vermögen.

Ein en Staatsstreich

hät sich Alexanderchen von Serbien geleistet, indem er das Parlament nach Hause schickte und seinen treuen Untertanen eine neue Ver⸗ fassung aufzwang. Verwunderlich ist nur, daß das serbische Volk den Sprößling der Schweine⸗ händler⸗Dynastie nicht schon längst zum Teufel gejagt hat.

Zweiter Bauas beiter ·Schutzkongreß

Bei a von 450 Delegierten aus allen Teilen n sowie einer Anzahl Vertretern ausländischer Organ isatienen wurde am Sonntag der zweite Bauarbeiterschutz⸗