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Mtteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 15.
dieser Wiederstreit zwischen Kultur und Bar⸗ barei, zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Recht und Unrecht geschlichtet werden! Der Geist der Weltgeschichte ruft uns ein ewig„Vorwärts!“ zu— vorwärts denn unter dem Banner des Menschentums, das der Sozialismus dir kühn voranträgt!
Zu den Reichstagswahlen.
V. Die Antisemiten.(FJortsetzung).
In Nr. 12 unseres Blattes haben wir die Bestrebungen der antisemitischen Parteien, ihre Entwickelung und ihre Stärke kurz dargelegt. Heute wollen wir einen Blick auf ihre Tätigkeit im Reichstage werfen, sowie durch einige Aus⸗ sprüche ihrer Führer die Politik, die sie ver⸗ folgen, etwas näher beleuchten. Von einer einheitlichen Politik der Antisemiten kann nicht gesprochen werden; wie schon angeführt, zerfallen sie in mehrere„Richtungen“, die stch gelegentlich heftig befehden. Darum kann es kaum auffallen, daß ste in wichtigen Fragen der Gesetzgebung gegeneinander stimmten, so⸗ weit ste überhaupt im Parlament anwesend waren. Denn bei den Antisemiten sind ein größerer Prozentsatz, als bei den übrigen Par⸗ teien, permanente Schwänzer. Das zeigte sich bei vielen wichtigen Abstimmungen während der vorletzten wie auch bei der letzten Legis⸗ laturperiode. Als z. B. im Sommer 1893 über die Einführung der zweijährigen Dienstzeit abgestimmt wurde, stimmten 9 dafür und 2 dagegen; im Dezember 98 stimmten 1 für, 2 gegen die Aufhebung des Jesuiten⸗ gesetzes, 3 enthalten sich der Abstimmung und die übrigen fehlten; im Mai 1895 stimmen 5 für, 7 gegen die fünfjährige Kontingen⸗ tierungsperiode des Branntweins; ein Jahr später stimmten 3 für, 4 gegen die nie⸗ drigere Bemessung der Zucker verbrauchs⸗ abgabe; Ende Juni 96 4 für, 1 gegen die Ersatzpflicht für Hasenschaden, 4 enthalten sich; im März 98 waren 11 für, 3 gegen die Flottenvorlage und so weiter! Nicht anders war das Bild bei den wichtigen Ab⸗ stim mungen in der letzten Legislatur periode; bei der Zuchthausvorlage, der lex Heinze und vielen anderen Gesetzesvorschlägen stimmten die Antisemiten lustig gegen einander.
Höchst unzuverlässig sind sie auch in Bezug auf das Reichstagswahlrecht; erst vor Kurzem sprachen sich sowohl Böckel, wie auch ein anderer ihrer geistigen Führer, Th. Fritsch in Leipzig, dagegen aus. Von je her waren sie überhaupt für alle rückschrittlichen Maß⸗ regeln und Vorschläge zu haben, besonders liehen sie den Bestrebungen der Zünftler stets ihre Unterstützung. Und wenn sie sich früher hier und da ein demokratisches Mäntelchen umhingen, so haben sie sich später immer mehr nach der reaktionären Seite hin entwickelt und heute stellen sie nur noch ein Anhängsel der Agrarier dar.
Die Unfruchtbarkeit, Flachheit und Verfah⸗ renheit der antisemitischen Bewegung kommt denn auch hier und da einsichtigeren Partei⸗ angehörigen zum Bewußtsein und es liegen von solchen bezeichnende Aeußerungen über den Verfall des Antisemitismus vor. So sagte vor einigen Jahren einer ihrer Fähigsten, Reichstagsabgeordneter Dr. Förster:
„Mittelstand und Mittelstand, da⸗ rauf sitzen wir fest, ohne daß recht ersichtlich wird, was wir wollen und was wir nicht wollen. Und demgemäß wird unsere Bewegung auch im Lande keine rechten Fort⸗ schritte machen. Stillstand und Mangel an Leben überall! Oder zu viel Leben, das heißt oberflächlicher Reden mit verbrauchten Schlagworten. Welchen Wert hat die Zugehörigkeit zu einer solchen Partei!“
Und der Berliner Antisemit Wilberg schrieb im Sommer 1901 verzweifelt:
„Seit 16 Jahren stehe ich in der Berliner antisemitischen Bewegung und bin als Redner unserer Sache in Berlin wohl der einzige, der die Zeit von Henrici bis heute nicht nur mit gesehen, sondern auch mit durchlebt hat.
Jeden ehrlichen Antisemiten packt ein ingrim⸗
miger Zorn, wenn er diese Zeit zurückdenkt,
der möchte verzweifeln, wenn er sieht, wie bisher alles umsonst war und wie wenig wir in so langer Zeit erreicht haben
Aber leider haben wir gar zu oft die Per⸗
sonenfrage statt der Sache in den Vorder⸗
grund gestellt. Und gerade daran mußten wir immer und immer wieder scheitern.
Keine einzige Partei hat so viele Gaukler
und Schaumschläger in ihren Reihen
ezählt, wie die unserige, und keine Partei hat sich von Phrasenhelden und elen⸗ den Spekulanten nasführen lassen, wie die antisemitische.“
Und seitdem ist es keineswegs besser ge⸗ worden, wie das Auftreten des„Dreschgrafen“ Pückler beweist.
Der Antisemitismus stützt sich auf die rück⸗ ständigsten Wählermassen. Seine Versprech⸗ ungen, die er ihnen machte, ist er nicht im Stande einzulösen. Die bevorstehende Wahl bringt ihm voraussichtlich eine weitere Stimmen⸗ einbuße und wird seinen Rückgang und Nieder⸗ gang bestätigen.
Die Wabhlbewegung.
Im Wahlkreise Limburg⸗Diez hat der Ingenieur Münch in Diez die Kandidatur für die freisinnige Volkspartei übernommen. Früher hieß es, daß die Freisinnigen den Rechtsanwalt Helff in Frankfurt aufstellen würden. f
Konservative und Antisemiten in Kassel haben als ihren gemeinsamen Kandidaten den Amtsrichter Lattmann aufgestellt.
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politische Rundschau.
Gießen, den 9. April.
„Geistige Waffen“.
Verschiedene Ausbeuterkliquen und Geld⸗ sacks⸗Patrioten haben es für nötig erachtet, jetzt vor den Wahlen etwas mehr als zu gewöhnlichen Zeiten in Sozialistenvernichtung zu machen. Soldschreiber stehen ihnen ja gegen leidliche Bezahlung immer zu Diensten und so sind ihrer einige auf die Sozialdemokratie los⸗ gelassen worden. Der erste, dessen Produkte in der unheimlichen Masse von 8 Millionen Exemplaren das arme Deutschland überschwem⸗ men sollen, reist unter den falschen Namen Bürger, in Wirklichkeit heißt er Fränkel und hat schon allen möglichen Potentaten ge⸗ dient. Seine Broschüre:„Soziale Tatsachen und sozialdemokratische Lehren“ soll auf Kosten des Scharfmacherbundes womöglich jedem deut⸗ schen Arbeiter eingehändigt werden. Man steht also, das Unternehmertum läßt sich die„Auf⸗ klärung“ der Arbeiter etwas kosten! Fränkel weist in der Broschüre den Arbeitern ausführlich nach, daß ihre Lage sich ständig gebessert habe und daß sie sich in denkbar besten Verhältnissen befänden. Bisher merkte zwar die Arbeiter⸗ schaft davon nichts, aber deswegen sagts ihr Bürger alias Fränkel eben.— Von einem anderen Kapitalisten⸗Konsortium ist der berühmte frühere Sozialdemokrat und später Nationalsoziale Max Lorenz, der sich jetzt glücklich bis zum Scharfmacher-Soldschreiber„entwickelt“ hat, angekauft worden. Von ihren reichlich ver⸗ dienten Arbeitergroschen haben jene Kapitalisten eine antisozialistische Korrespondenz gegründet, die allen reaktionären Tagesblättern umsonst zugeschickt wird. Mäxchen Lorenz ist der Re⸗ dakteur davon und was er leisten kann, zeigt folgendes Beispiel:
„Es ist das„Endziel“ der sozialdemokratischen Erziehung, der Volksmasse die Gefühle der deutschen Königstreue und der zum Opfer bereiten Vat erlandsliebe aus dem Herzen zu reißen. Die Politik der Sozial⸗ demokratie ist eine Politik der Zerstörung, des Verfassungsbruchs und des Hochverrats.“
Größere Unverschämtheit kann wohl kaum ein Gestnnungslump an den Tag legen, der früher selbst an der Politik des Hochverrats sich beteiligt hat.
Als dritter im Bunde erscheint Eugen Richter, der große Freisinnsmann mit einem „Sozialistenspiegel.“ Was der Mann da auf 90 Druckseiten verzapft, ist nichts als eine öde Schimpferei auf die Sozialdemokratie, ganz im Stile und Geiste der Sparagnes gehalten. Richter beweist dawit höchstens, daß er auf soztalem Gebiete noch nichts gelernt hat.
Antisemitischer Wablaufruf.
Die Antisemiten Liebermannscher Richtung haben einen Wahlaufruf losgelassen. Darin werden„rückgratstarke kampffreudige Männer“
efordert, die allerdings bei den Judenfressern
sehr dünn gesäet sind. Der Wahlaufruf verwirft„unklare Kartelle zu Gunsten irgend⸗ welcher Mischmaschkandidaten, die nicht wissen, was sie wollen und was sie sollen“. Im Kampfe gegen die Sozialdemokratie könne man keine Kartellbrüder nach dem Zuschnitt der Nationalliberalen gebrauchen, die den Ernst der Zeit verschleiern, das sozialdemo⸗ kratische Grundübel äußerlich nach Kurpfuscher⸗ weise zurückzudrängen suchen, statt durch Be⸗ seitigung der berechtigten Unzufriedenheit eine gründliche Heilung anzubahnen. Dazu bedürfe das deutsche Volk„fester, zielbewußter Männer“, wie die Herren Liebermann von Sonnenb erg, Müller⸗Waldeck, Raab und Vogel.— Um eine Zersplitterung der Kräfte und Mittel zu vermeiden, will man nur in wirklich ausstchts⸗ vollen Kreisen auftreten und nur besonders tüchtige und leistungsfähige Kandidaten auf⸗ stellen. Es gelte die Zukunft des Vaterlandes, die Befreiung des Volkstums vom Judentum, von der Sozialdemokratie und vor den völker⸗ fressenden Auswüchsen des Kapitalismus. Bevor aber„unser Heerbann auf den Plan tritt“, muß für eine gefüllte Kriegskasse gesorgt werden usw.
Das Letztere ist nun freilich der schwächste Punkt bei den Antisemiten. Die rabtaten Staatsbürger, die den Stamm der Antisemiten bilden, sind zwar groß im Schimpfen auf Juden und dee a f aber vom Zahlen für Parteizwecke sind sie keine großen Freunde. Darum blicken die Herren auch immer mit Neid auf die Opferfreudigkeit der sozialdemokratischen Parteimitglieder und werden nicht müde, verschiedene der sozialdemokratischen Parteikasse zugegangene Beträge als„Juden⸗ geld“ zu bezeichnen.
Rückgratstarke Männer muß man gerade bei den Antisemiten suchen! Der in eine Menge„Richtungen“ zerfallende Antisemitismus treibt noch schlimmere Drehscheibenpolitik als die Nationalliberalen. Sieben„rückgratfeste“ Männer sind es, die als„Ernstkandidaten“ von der Liebermannschen Richtung aufgestellt werden, und die das dentsche Volk von allen Uebeln befreien sollen. Drei davon treten offen als Kandidaten des Bundes der Land⸗ wirte auf, was beweist, daß der Antisemitis⸗ mus dieser Richtung und der Bund der Land⸗ wirte ein und dasselbe ist.
Ein Landwirt über den Zollnutzen.
„Auch dem Kleinbauern nützen die Getreide⸗ zölle!“ Mit dieser tausendmal ziffernmäßig widerlegten Lüge versuchen es die agrarischen Grundbesitzer im Interesse einer sicheren Berg⸗ ung der ihnen zufallenden Liebesgaben, sich für die Wahlen das nötige„Stimmvieh“ zu besor⸗ gen. Darum singen sie den Bauern das Eia popeia der„Solidarität“ der Großen und Klei⸗ nen vor, darum denunzieren sie ihnen die un⸗ abhängige Presse als„Feindin der Landwirt⸗ schaft“, weil diese Presse unablässig die mittleren und kleinen Besitzer davor warnt, sich vor den Wagen der agrarischen Großunternehmer span⸗ nen zu lassen. Indessen giebt es unter den Landwirten selbst anständige und ehrliche Cha⸗ raktere genug, die sich nicht überwinden kön⸗ nen, die agrarische Lüge weiter zu verbreiten. Sie empfinden im Gegenteil das Bedürfnis, die vergewaltigte Wahrheit wieder in ihre Rechte einzusetzen. Dies tat auch ein in der„Deut⸗ schen Landwirtschaftlichen Presse“ Nr. 36 er⸗ schienener Artikel über das Domänenvorwerk Hof Gnadenthal, der wörtlich schließt:


