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Nr. 15. Gießen, den 12. April 1903. 10. Jahr. Redaktion: Medaktionsschluß: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
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en Oster n.
Der einst vor neunzehnhundert Jahren, Ein edler Geist im schlichten Kleid, Gepredigt hat den Jüngerschaaren
Die Liebe, die Gerechtigkeit;
Der alle Menschen wollt' erlösen Und trank den bittern Kelch Passion: Er ist ein Kind des Volks gewesen,
War eines Simmermannes Sohn.
Wer ist zu solcher hohen Sendung Er koren, der Befreiung
Ihn schmückte nicht die Priesterbinde, Er war kein Fürst, er war kein Prinz; Besaß nicht Wald und Feld, Gesinde, Nicht Heerden, Schiffe, Geld auf Sins; Nicht im Palast mit eh'rnen Toren— Die Wiege eine Krippe war—
Als Proletar ward er geboren Und blieb zeitlebens Proletar.
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Erlösung! Auch in unsren Tagen Laut tönt des Wortes Widerhall,
Es soll die Stunde endlich schlagen, Des Menschenglücks allüberall. Erlösung ihnen, die verschmachten
In der Entbehrung Wüstenei,
Wie jenen, die nach Gold nur trachten,
Im Bann von Mammons Tyrannei.
Wohlan, zu einem schön'ren Leben, O Arbeitsvolk, voll Riesenkraft,
0 0 Durch wen zu herrlicher Vollendung ö Sollst aus der Gruft Du Dich erheben
Wird reifen das Erlösungswort d Nicht sind's die Herrscher auf den Tronen, Nicht Würdenträger im Grnat, Nicht sind's die in Palästen wohnen: Du bist es, Proletariat! Dem ganzen menschlichen Geschlecht! J. Stern.
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Im Glanz der Sonne Wissenschaft. Vollbringe Du die Welterlösung, vVermähle Freiheit mit dem Recht, Und bringe dauernde Genesung
Zum Frühlingsfeste.
Wenn das Osterfest herangekommen ist, die Tage wärmer und länger geworden sind, die Natur zum Teil schon Blütenschmuck angelegt hat, wenn's überall keimt, sproßt und zu grünen beginnt, begiebt sich jedes Menschenkind gern hinaus ins Freie, um sich der wiedererwachenden Natur zu freuen. Das tut wohl auch der Arbeitsmann, der das ganze Jahr hindurch tagtäglich in staubiger Werkstätte, in rußiger Fabrik oder dunkler Grube sich um kärglichen Lohn abmühen muß, auch er legt die beschei⸗ denen Feiertagskleider an und unternimmt einen Gang durch Wald und Flur, um die frische Frühlingsluft zu atmen und zu sehen, was der Lenz schon hervorgebracht hat. Hof⸗ fentlich hat das andauernde Aprilswetter mit seinen kalten Regenschauern bis zu den Feier⸗ tagen schönem, warmem Sonnenscheine Platz gemacht, damit ein Erholungsgang ins Freie überhaupt möglich ist! Der Wanderer wird dann finden, daß des Winters Macht entgiltig gebrochen, Knospen und Blättchen sich schon weit heraus entwickelt haben, überall ein Werden, Leben, Vorwärtsdrängen! Dessen freut sich der besitzlose und unterdrückte Mann der Arbeit ganz besonders. Bietet ihm doch der Frühling in der Natur ein Spiegelbild seiner Bestrebungen, seinem Ringen nach Befreiung von unwürdiger Sklaverei, seinem Kampfe für Verwirklichung hoher Menschheitstdeale! Und der stegreiche Frühling verheißt auch dem kämpfenden Pro⸗ letarier den Sieg, spornt ihn an zu unablässtger Pflichterfüllung, ruft ihn zu erneuter Arbeit für die Sache der Menschlichkeit.——
Wir verdenken ihm nicht, wenn er den Ruf der Osterglocken unbeachtet läßt, wenn er kein Be⸗ dürfnis fühlt, den Worten des christlichen Predigers zu lauschen. Er weiß, dort wird ihm Entsagung gepredigt. 8
„Die Erde it ein Jammertal, kümmert
euch nicht um das irdische Leben, erst wenn sein sündiger Körper zu Staub geworden ist, harrt des Gläubigen die Befreiung!“— so
ruft das Christentum den Proletariern zu, wenn ste ihr Joch abzuschütteln Miene machen. Du mußt darben, du mußt entbehren. Doch forschend schweift der Blick des Bedrückten um⸗ her. Er 1 sich: Darben wirklich Alle? Nein, wohl sind es Massen, welche Not leiden, aber gerade von dieser Not mästen sich Die⸗ jenigen, welche die Macht haben, jene Armen in Abhängigkeit zu halten— auf Tausende Entbehrender ein Genießender!
Und warum genfeßt er? Mit welchem Rechte? Ist er wirklich besser wie die Armen? Nein er ist ein Mensch wie sie, oft nicht nur reich an Besitz, sondern auch reich an Lastern.
Arbeitet er fleißiger wie sie? Nein, oft gar nicht, und wenn er arbeitet, ist es nicht seine eigene Arbeit, die ihm alle Genüsse schafft, sondern diejenige der Millionen!
Ist er weiser wie sie?
Und wenn es wäre— sollte ihn nicht gerade sein Verstand das Elend der Massen in verstärktem Maße erkennen lassen? Und wie oft ist er nicht weise, nicht klug, nein, nur reich, nichts als reich!
Der Grundgedanke des Christentums:„Wohl⸗ zutun und Mitzuteilen“ hat in der kapitalistischen Welt keine Berechtigung mehr.
Diejenigen, die das Christentum am meisten auf den Lippen führen, am fleißigsten in die Kirche laufen und Gebete stammeln, sind die ärgsten Verräter an den hohen Lehren des Stifters des Christentums geworden; das lehrt uns die Weltgeschichte.
Und Diejenigen, welche das wahre Christen⸗ tum zur Geltung, die alten Lehren zu neuen Ehren bringen wollen:„Alle Menschen gleich geboren, sind ein adliges Geschlecht“, sie werden von den Hütern christlicher Moral verdammt— beschimpft.
Jesus, des Zimmermanns Sohn, erging es auch nicht besser. Ihm erging es wie allen edlen Männern vor ihm und nach ihm bis auf den heutigen Tag, welche wie er gegen die Großen und
Reichen und für die Mühseligen und Beladenen eintreten.
Schriftgelehrte und Priester, Kriegsknechte und unwissendes Volk fielen über ihn her, verhöhnten ihn, setzten ihm die Dornenkrone aufs Haupt, schlugen ihn und kreuzigten ihn. Er ging zu Grunde aber seine Gedanken lebten fort.
Die Geistessaat, welche vor neunzehn Jahr⸗ hunderten gesäet wurde, ist nicht verloren gegangen. Zwar haben die kirchlichen Frömm⸗ linge Alles getan, um ihr Wachsen zu verhindern. Aber gerade in unsern Tagen ist die Saat herrlich aufgegangen.
Wie vor 1900 Jahren ist jetzt ein neuer Erlöser in die Welt gekommen. Er ist vom armen elenden Volke geboren, im Stalle wie Jesus von Nazaret. Er wird von Schriftge⸗ lehrten und Priestern verfehmt, die Knechte der Gewaltherrschaft peinigen ihn, man möchte ihn ans Kreuz schlagen, in den Gefängnissen aus⸗ hungern lassen. Aber der neue Erlöser ist stärker als der alte. Er ist stärker, weil er nicht ein einzelner Mensch ist, sondern weil er die leidende Menschheit selbst ist, die auch ihrer Leiden bewußt wurde und die Wege zur Beseitigung derselben erkannte.
Der neue Erlöser— das ist das denkende, gegen sein Elend ringende Prole-⸗ tariat! Die Nächstenliebe, der Friede auf Erden, die Erlösung vom Uebel und Leid, das war der Kern der Jesuslehre, das ist die Aufschrift auf dem roten Banner— rot ist die Farbe der Liebe, der Menschenliebe— der Sozialdemokratie!
Fort mit der Heuchelei einer Gerechtigkeit und eines Friedens, welche nicht bestehen und auch nicht bestehen können, so lange die Massen des ehrlichen arbeitenden Volkes in einem Elend und unter einem Drucke, in einem ver⸗ nichtenden Kampfe ums Dasein schmachten, die der Vernunft und der Kultur, allen Grund⸗ sätzen der Gerechtigkeit Hohn sprechen! Kampf gegen Alles, was uns bedrängt und was uns schändet! Kampf gegen politische und soziale Unterdrückung!
Kampf gegen Kapitalismus, Militarismus und Rückschritt! Endlich einmal muß doch
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