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Seite 6.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 41.
Von Nah und Lern. Kriegervereinliche„Manneszucht.“
Vor der Strafkammer in Sondershausen wurde ein Ueberfall durch patriotische Krieger⸗ vereinler verhandelt. Der Landwirt Bracke, der Arbeiter Göhring, der Dienstknecht Hirsch⸗ feld und der Arbeiter Koch, sämtlich in Trebra, hatten sich wegen gefährlicher Kör per⸗ verletzung bezw. wegen öffentlicher Beleidig⸗ ung zu verantworten. Am Sonntag, den 14. Juni kehrte der Kriegerverein von Trebra, dem die oben Genannten angehören, von einem Bezirkskriegerfest nach Hause zurück. Unterwegs trafen ste den Landwirt Tettenborn, der in Begleitung eines Mädchens ebenfalls, nach Trebra zurückging. Diesen belästigten die tapferen Krieger und schlugen ihn dermaßen, daß er acht Tage lang arbeitsunfähig war und ärztlich behandelt werden mußte. Einer der Helden wurden zu einem Jahre, ein anderer zu ½ Jahr und ein dritter zu 2 Wochen Gefängnts verurteilt.
Hunnische Praktiken.
In der Nacht zum Sonnabend(26. 9.) entstand in Benneckenstein am Harz ein Streit zwischen einem Marine⸗Unteroffizier, der erst vor wenigen Wochen von China zurückgekehrt war, und einem Infanteriegefreiten. Im Lauf dieses Streites machten beide von den Waffen Gebrauch. Der Chinakämpfer, der seinen Dolch gut zu führen wußte, verletzte den Gefreiten an Schulter, Arm und Kopf sehr schwer, so daß er in ärztliche Behandlung genommen werden mußte. Vorher hatten beide zusammen gezecht.
Eisenbahnattentat zweier Deserteure.
Zwei Musketiere des 28. Inf.⸗Regiments faßten den teuflichen Plan, nachdem ste deser⸗ tiert waren, vor Caub einen Eisenbahnzug zum Entgleisen zu bringen, um, wie sie vor der in Koblenz stattgehabten Kriegsgerichts⸗ sitzung erklärten, die verunglückten Reisenden zu berauben. Sie legten schwere Holzschwellen quer über die Bahngeleise und verrammelten dieselben. Glücklicherweise entdeckten die Bahn⸗ wärter am Abend das Hindernis, sonst wäre durch Entgleisung des unmittelbar darauf die Stelle passierenden süddeutschen Schnellzuges ein unabsehbares Unglück geschehen. Beide noch wegen Diebstahls Angeklagte erhielten 7¼ Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust. Außer⸗ dem wurde auf Entfernung aus dem Heere erkannt. Auffällig ist, daß bei diesem Regiment 115 sehr zahlreich Desertionen vorgekommen ind.
Bestechliche Gerichtsbeamte
sind vorige Woche vor dem Schwurgericht Berlin abgeurteilt worden. Der Haupt- angeklagte Staatsanwaltschaftsekretär Baganz wurde zu 4 Jahren Zuchthaus und acht Jahren Ehrverlust verurteilt, seine Frau erhielt ö Jahre Gefängnis. Aufrecht erhielt 600 Mk. Geldstrafe, Puchmüller 3 Monate, Sanden 1 Monat Gefängnis; Justizrat Raetzel ist freigesprochen. Hörmann erhielt 4 Monate Gefängnis, Bolzin 300 Mk. Geldstrafe. Der Betrag von den Verurteilten angenommenen Gelder in Höhe von 12000 Mk. wurde als dem Staat verfallen erklärt.— Die Verurteilten hatten sich die Vergehen bei Ge⸗ legenheit des Prozesses gegen den frommen F Sanden zu schulden kommen assen.
Die fruchtbarste Stadt
der Welt— soweit der Bevölkerungszuwachs in Betracht kommt— ist nach der vergleichenden Bevölkerungs⸗Statistik der Großstädte eine deutsche Stadt und zwar Essen. Diese Stadt stand bezüglich der Geburtshäufigkeit im Jahre 1901 an der Spitze aller Großstädte. Die Geburtsziffer betrug auf 1000 Einwohner 47,1, am nächsten kommen wiederum zwei deutsche Städte, Mannheim mit 43,9 und Nürn⸗ berg mit 41,3. Von ausländischen Groß⸗ städten weist nur die argentinische Stadt Ro⸗
sario da Santa⸗Jé eine Geburtsziffer von über
40 auf. Bei den Milltonenstädten entfallen relativ die meisten Geburten auf Mos kau (30,9); es folgen alsdann Wien, London, Berlin, New⸗York und Paris(21,3). Die niedrigsten Geburtsziffern zeigen die fran⸗ zösischen Städte Lyon, Bordeaux, und Toulouse (18- 19). Noch niedriger ist die Ziffer in Rio de Janeiro: 17,4.
b Unterhaltungs-Ceil. 1 8
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Armut.
Die Armut lähmt gewaltig Des wackern Mannes Mut, Mehr als das drückende Alter, Mehr als die Fieberglut.
Ihr zu entgehen, muß mancher Ins schaurige Wellengrab, Su den Ungeheuern sich stürzen Und jäh vom Felsen herab. Der Mann, den die Armut knechtet, Ist frei zu keiner Frist, Weil ihm im Reden und Handeln Die Sunge gebunden ist. Theognis.
Der Sieg des Schwachen.
Erzählung von Melchior Meyr. II.
Wer die Menschen kennt, der weiß, daß man eigentlich nur auffallend gutmütig zu sein braucht, um den Geist der Bosheit gegen sich in Bewegung zu setzen. Ist der Gutmütige noch selbstgefällig und empfindlich, dann ist das Maß der Anziehungskraft voll, und es scheint, als ob niemand ein anderes Geschäft hätte, als so einem den Humor zu verderben und Verdruß zu bereiten. Tobias hatte als Inhaber dieser Eigenschaft bereits als Schuljunge viel zu leiden. Es war, als ob die andern Buben kein größeres Vergnügen finden könnten, als ihn zu„trätzen“; und wenn ein Schlingel den An⸗ fang machte, so hatte er augenblicklich Genossen und was dem einen nicht einfiel, wußte der andere. Fing der Geärgerte in der Verzwelflung an zu schimpfen oder zu schlagen, so machte er seine Sache nicht besser. Er bekam die Hiebe zehnfach wieder, und wenn er zuletzt heulend davonlief, so wurde ihm noch ein boshaftes Gelächter nachgeschickt. Nach und nach fing er an zu fühlen, was für ihn das Geeignetere sei, und hütete sich, es so weit kommen zu lassen und die Spottreden der kleinen Bösewichter, wie sehr sie ihn kränkten und schmerzten, mit Re⸗ signation auszuhalten, bis sie aus Mangel an Wirkung versiegten.
Als er herangewachsen war und mit den ledigen Burschen ins Wirtshaus und auf die Gasse ging, wurde dasselbe Stückchen, nur in einer anderer Tonart, weiter gespielt. Es waren ja meist die nämlichen Menschen, die ihn als Buben geplagt und erfahren hatten, wie sehr er sich dazu eigne, und wie trefflich man an ihm den Uebermut, der ein Opfer haben muß, auslassen könne. Lange hielt an sich oder antwortete mit Entgegungsversuchen, womit er's seiner Meiuung dem unverschämten Menschen tüchtig hiuausgab, die aber im Grunde bloße Empfangsbescheinigungen der erhaltenen Stiche waren und als solche erheiternd nur zu gesteiger⸗ ten Angriffen reizten.
Eines Tages riß ihm aber die Geduld. Am Wirtstisch von den boshaften Burschen des Dorfes in die Mitte genommen und durch an⸗ zügliche Reden über seine Person und seinen Stand endlich rasend gemacht, griff er in den instinktiven Gefühl, daß seine Faust auch im Schwunge des Zornes nicht gewichtvoll genug sein möchte, nach dem Bierkrug und schlug den Aergsten, der ihn eben am wehesten getan, mit
„ner hölle mäßige Geschwindigkeit“ hinter die
Ohren, daß die Folgen sogleich sichtbar wurden und mit Blut vermischt von dem dicken Schädel.
herabfloß. Das war unerhört, und recht eigent⸗
lich empört mußten die Kerle über den un⸗ verschämten Schneider sein, der nicht einmal Spaß verstand und ihnen so einfältig ihre Freude verdarb. In gerechter Entrüstung fielen ste über den Armen her, zerdroschen ihn jammer⸗ lich und schleuderten ihn, der im höchsten Grimme sich wehrte und auch seinerseits noch ein paar unangenehme Stöße austeilte, in die Nacht des Wirtshaushofs hinaus. Genau genommen war es für den Einen und Feinen keine Schande, von vier Lümmeln überwältigt zu sein, viel⸗ mehr der Umstand, daß viele gegen Einen be⸗ schäftigt waren, eine Ehre; aber so groß war die Ungerechtigkeit schon in bezug auf ihn, daß am anderen Tage die Leute, die ihm begegneten doch Spottmienen zeigten und seine etwas prahlende Versicherung gegen einen Bekannten, daß vier Kerle nötig gewesen seien, ihn aus der Wirtschaft hinauszuwerfen, nur ein vergnügtes Lachen hervorrief. So von mehreren Seiten zum Nachdenken gemahnt, erkannte er wieder das Ratsamere und faßte den Entschluß, zum bösen Spiele höhnender Worte gute Miene zu machen und sich hauptsächlich auf das zu legen, worauf er am Ende doch von der Natur am meisten angewiesen war— auf die Geduld. Er hatte die Kraft, diesem Entschluß, äußer⸗ lich wenigstens, nachzuleben. Er setzte dem hier und da wiederkehrenden Gestichel ein ruhiges Gesicht oder ein stilles Achselzucken entgegen, bis es endlich ganz aufhörte. Erneuerte Attacken, die an fernere Gelegenheiten anknüpften, suchte er mit Repliken abzuweisen, die er bei andern wirksam gesehen hatte, und den stärksten gelang es nur, ihm jenes schmerzliche Lächeln abzu⸗
nötigen, wodurch verletzte Seelen einen Teil
ihrer innern Bewegungen verraten. Denn die Verletzlichkeit selbst konnte er nicht ablegen— immer mußte es ihn verdrießen, daß er, der durch Feinheit und guten Charakter offenbar weit über den groben Burschen stand, von diesen sich begegnen lassen sollte, als ob er tief unter ihnen stände.— Aber konnte er sich nicht auf andere Weise helfen? Konnte er die Menschen nicht in seinen Gedanken heruntermachen und ihnen die Titel geben, die ihnen gebührten? Ja, konnte er sie hier nicht auch tatsächlich behan⸗ deln wie sie's verdienten?
Er machte denn zuletzt, wie es mancher
ehrliche Deutsche tut, eine Faust in der Tasche
und regalierte seine Feinde mit ideellen Schlägen, denen zu seinem vollständigen Triumph nichts abging als eben die gemeine Wirklichkeit. Hatte man ihm eines Abends übel mitgespielt und er saß zu Hause und arbeitete mit der Nadel, so stach er diese nicht ins Tuch, sondern ins Fleisch irgend eines Unverschämten, daß es Blut gab und der Tropf zuckte und Ach und Wehe schrie. Wenn er den Schneiderhammer schwang so klopfte er nicht eine Falte, sondern den breiten Rücken eines boshaften Spötters aus, wobei ihm namentlich dessen klägliche Wider⸗ standslosigkeit innig erfreute. War er beson⸗ ders erzürnt und handhabte er die Sense auf der Wiese, so mähte er statt des Grases seinen Widersachern die Beine weg, daß sie jämmer⸗ lich um und um purzelten und dalagen, daß es eine Schande war. Eine solche Strafe war indessen für bloße Worte, so impertinent sie auch gewesen sein mochten, doch etwas stark; die Rachbegierde des Guten war hier schneller gesättigt, und indem er die Handlung nun selber grausam fand, war es im zuletzt lieb, daß er eigentlich doch nicht die Beine von Menschen, sondern bloß Gras entzwei geschnitten hatte, worüber der Augenschein keinen Zweifel ließ. Er kounte dann auch über sich selbst lächeln, der gute Tobias; aber die Sense wetzte er doch mit Behagen und schritt mit aufgehellter Miene zur Fortsetzung der Arbeit.
Die Natur mit ihrem stchern Takte findet in allen Verhältnissen die entsprechende Arznei
für die Wunden des Lebens, und so lernte auch unser Freund die Mängel des irdischen Daseins
die ihm oft so schweren Verdruß bereiteten, durch die Phantasie heben und sich das in der Wirklichkeit für ihn nicht existierende wenigstens
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