Ausgabe 
11.10.1903
 
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wurde Tobias 24 Jahre alt.

Nr. 41.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

einbilden. Das gute Hausmittel half bei ihm wie bei andern; er wurde heiterer und nach und nach in der Tat fähig, die Unbilden leichter hinzunehmen, die sich ihm nun auch weniger andrängten. Ganz nach seinen Vorsätzen kann niemand leben, und Rückfälle gibt es immer und überall. Bei Tobias führten aber diese wenigstens nichts außerordentliches mehr herbei. Er war eben derjunge Schneider oder der Schneider Tobias und spielte als solcher eine Rolle im Dorfe, an die sich die Leute und endlich er sich selber gewöhnten.

Die Geduld, die zur Durchführung derselben immerhin erforderlich war, hatte er indes nicht nur unter den Leuten, sondern auch zu Hause nötig, und da zeitweils mehr als draußen. Sein Vater mochte ihn nicht. Einem Manne, den keiner zu vexieren wagte und der, wenn's darauf ankam, eher Unrecht tun als leiden konnte, diesem mußte es natürlich fatal sein, einen Sohn zu haben, der von andern Kränk⸗ ungen hinnahm.Wie komm ich zu diesem Meuschen? fragte er sich manchmal im Unmut über irgend einen ihm zugegangenen Bericht. Die Antwort, daß er eben der Mutter nach⸗ schlage, lag freilich nahe; aber er sagte dann:

Was sich für ein Weib schickt, das ist für

einen Mann eine Schande! Sich so etwas ge⸗ fallen lassen! Aus dem wird nie etwas, nicht einmal ein rechter Schneider! Wenn Tobias folgsam war und ehrbar seine Arbeit tat, so half ihm das nicht viel; denn in den Augen des Alten tat er damit nur seine verdammte Schuldigkeit, und am Ende, was war er denn, wenn er nicht einmal das konnte? Machte er aber zufällig einen Fehler oder ließ er sich gar eine Anwandlung von Selbständigkeit beikommen, dann loderte in dem Alten der Verdruß über den Wicht um so rascher und heftiger auf, und die Verachtung schärfte die Strafe, welche die väterliche Gerechtigkeit diktieren zu müssen glaubte. Der Gedemütigte konnte sich dann nicht einmal an dem Bruder erholen, und die schönen Titel, die er erhielt, an diesen weitergeben; denn Kaspar, obwohl zehn Jahre jünger, war ein trotziger Bursch, der sich gegen ihn stellte und um so kecker wurde, je mehr er wahrnahm, wo es bei Tobias eigentlich haperte, und daß er im Notfall mit Sicherheit auf den Beistand des Alten rechnen konnte. f

Unter solchen Erfahrungen und Beziehungen Trotz dem höheren Streben, das in ihm lag, war er stets im

1 väterlichen Hause geblieben. Auf die Wander⸗

ung hatte er sich nicht begeben, weil der Vater

ihn nicht entbehren konnte, und in die Reihen der Landesverteidiger war er nicht eingetreten, weil er sich freigespielt hatte. Nun handelte es sich aber darum, an das Scheiden aus dem

bisherigen Verbande gleichwohl zu denken: er mußte die Frage der künftigen Existenz in's Auge fassen. Das Haus des Schneiders war

1 Kaspar bestimmt, Tobias mußte sich einen

eigenen Herd erheiraten oder mit Hilfe einer wohldotierten Hochzeiterin kaufen. Durch die Sorge der Mutter war ihm eine bestimmte Summe ausgemacht worden, aber keine sehr bedeutende, und wenn sie der Vater nicht groß⸗ mütig ergänzte(was wenig Wahrscheinlichkeit hatte), so mußte Tobias, sofern er weise handelte, entweder unverheiratet bleiben oder sich nach einem Mädchen umsehen, das ein ordentliches Vermögen hatte. ö

Die Alternative war vor ihn gestellt, und

jfindem er sie reiflich erwog, ging in seinem

Innern eine gewisse Veränderung vor. Erfahrene wissen, daß die poetischen Träume

recht schön sind für die Jugend, daß aber

nach und nach eine Zeit herankommt, wo sie

weniger befriedigend erscheinen und sehr an

Wert verlieren, während etwas Reelles, das man bisher für unangenehmlich, ja in stolzen Momenten für unwürdig gehalten hatte ein freundlicheres Aussehen gewinnt und im Preise steigt. Das wirkliche Leben tritt mit den Idealen des Herzens in Kampf, und dieser endet in der Regel damit, daß die ätherischen Mächte weichen müssen und der große Begriff der Versorgung das Feld behauptet. Wenn dies feinerzogenen und zartgesinnten Stadt- kindern begegnet, um wie viel mehr dem Dorf⸗

sohn, dem praktischeres Wesen angeboren ist und der nur ausnahmsweise städtischer Ideali⸗ tät etwas näher treten kann. Tobias hatte sich freilich immer ein Mädchen gewünscht, das nicht nur ausnehmend schön und angenehm, son⸗ dern auch bedeutend reich war, das er über alles liebte, das ihn durchaus wollte, und von dem auserwählt alle seine Neider und Feinde und sogar seinen Vater, der ihn so tief ver⸗ kannte, tief beschämen konnte. Allein bis jetzt hatte sich ein solches nicht gezeigt, und es war nicht viel Aussicht vorhanden, daß es sich dem⸗ nächst finden werde.

In einzeln Momenten stellte sich ihm nun der Gedanke ein, daß er am Ende gar keine kriegen könnte! Und in dem bänglichen Ge⸗ fühl, welches diese Vorstellung in ihm erweckte, mußte jede gewinnen, die, von andern Eigen⸗ schaften abgesehen, mindestens den Vorteil hatte, daß sie eineReiche war.

Als er sechs Wochen ins fünfundzwanzigste Jahr ging, sah es aus, als ob just das ge⸗ schehen sollte, was von allem das Unwahr⸗ scheinlichste war. Seine Gutmütigkeit hatte dem Schneider einen Streich gespielt.

Bei einem Geschäftsbesuch, den er im Hause des Webers machte, hatte Sibylle die Wünsche ihres Herzes wieder so deutlich merken lassen und ihn dabei mit ihrem halb männlichen Gesicht so weiblich verlangend augesehen, daß er, geschmeichelt und gerührt, den Blick viel freundlicher erwiderte, als er's je für möglich gehalten hätte. Ihre Hoffnungen wurden da⸗ durch ungemein belebt und traten im Laufe des Gesprächs in einer Anspielung hervor, die niemand mißverstehen konnte. Ein zufällig An⸗ wesender teilte seine Vermutung bei der nächsten Gelegenheit dem alten Eber mit, und dieser fand die Sache nicht unerwünscht. Er sprach den Sohn gleich drum an; und als Tobias bemerkte, daß er die freilich haben könnte, wenn er sie wollte, versetzte der Alte:

Schön ist sie nicht, und gar soviel wird sie auch nicht mitkriegen; aber ein rechtes Mädchen ist sie sonst, und Du darfst nicht hoffärtig sein. Ich glaub, Du tätst gut, wenn Du's richtig machtest mit ihr; denn eine andere, die was hat, kriegst Du doch nicht!

Oho! entgegnete Tobias im Gefühl der Beliebheit, deren er sich bei den Mädchen noch immer erfreute.

Der Altessah ihn spöttisch lächelnd an.

Ja, in Deiner Einbildung kannst Du alle haben, das weiß ich schon! Nun, überleg Dir die Sach'!

Dieser letzte Satz war mit einem Blick be⸗ gleitet, der einen Befehl enthielt; und Tobias, dort gelockt, hier getrieben, fing an, die Sache näher zu betrachten. In kurzem war er schon mit der Vorstellung schon vertraut, und ein paar Tage darauf beinahe damit befreundet.

(Fortsetzung folgt.)

Splitter.

Es kommt mit Macht die neue Zeit Trotz allem Dawidereifern, Und wer ste nicht begreifen will, Der muß ste halt begeifern. Reichel.

*ñ*

** Die Wahrheit ist im Wein Das heißt: in unsern Tagen Muß einer betrunken sein, 5 Um Lust zu haben, die Wahrheit zu sagen.

Rückert.

* ** Wenig große Lieder bleiben, Mag ihr Ruhm auch stolzer sein, Doch die kleinen Sprüche schreiben, Sich in's Herz des Volkes ein; Schlagen Wurzel, treiben Blüte, Tragen Frucht und wirken fort. Wunder wirkt oft im Gemüte Ein geweihtes Dichterwort. Bodenstedt.

Alles Häßliche, das uns entgegenstarrt Auf Erden ist von solcher Art,

Daß wir gezwungen sind,

Mit Bewußtsein zu handeln,

Um es in Schönheit zu verwandeln.

Humoristisches.

Einigkeit macht stark.Ach Frau Müller, 100 ich immer für Aerger mit meinem Schwiegersohne

abe!

Schämen Sie sich, Frau Schulze, mit einem! Da sehen Sie einmal mich an; ich habe acht und die haben neulich einefreie Kampfgen ossen⸗ schaft gegen mich gebildet!

Resolute Gäste.Aber meine Herren, wenn Sie herausgeschmissen worden sind, dann sollten Sie doch ruhig nach Hause geheu! Sie machen sich ja nur strafbar, indem Sie sich mit Gewalt den Eintritt er⸗ zwingen!

Was, strafbar? Wir sind ja der Wirt und der Haus knecht, und die Gäst' haben uns'naus⸗ g'schmissen!

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Geschichtskalender.

11. Oktober. 1996: Sszialist. Parteitag in Gotha. 1531: Ulrich Zwingli fällt in der Schlacht bei Kappel.

12. 1890: Erster sozialdemokratische Parteitag nach dem Sozialistengesetz in Halle. 1896: Leutnant Brüsewitz ersticht den Mechaniler Siepmann in Karls⸗ ruhe. 1492: Kolumbus entdeckt Amerika.

13. 1895: Wilh. II. Mord⸗Beileids⸗Depesche nach Mülhausen.(Möge das Volk fich endlich ermannen!) 1435: Herzog Ernst von Bayern läßt Agnes Bernauer ertränken.

14. Charlotte Embden, Heinr. Heines Lieblings⸗ schwester T. 1863: Lassalles Aufruf an die Berliner Arbei ter.

15. 1890: Wilhelm II. Rede von denEdelsten und Besten der Nation. 1844: Friedrich Nietzsche, Philosoph,*. 17

16. 1901: Märchenbrunnen⸗Angelegenheit in der Berliner Stadtverordnetenversammlung.

17. 1859: John Browns Aufstand zur Neger⸗ befreiung in Missouri. 1851: Emanuel Geibel, Dichter,. 8

Litterarisches.

28 Jahre Kampf und Sieg. nter diesem Titel erscheint in der Buchhandlung Vorwärts eine Schrift zur Erinnerung an die Kämpfe unserer Partei unter dem Sozialistengesetz.

Als vor 25 Jahren das Sozialistengesetz geschaffen wurde, sollte es die Sozialdemokratie vernichten. Die Arbeiterklasse hat das Gesetz nach 12 jährigem Kampfe siegreich überwunden. Aber die Arbeiter dürfen die Scheußlichkeiten nicht vergessen, die die Bismarck⸗Putt⸗ kammer und ihre Polizeitrabanten an ihnen verübt haben. Es soll dieseErinnerungsnummer älteren Genossen die ernsten und heiteren Szenen jener Zeit in's Gedächtnis zurückrufen; den jüngeren wird sie ein Stück Parteigeschichte bieten. Sie soll gewidmet sein:

Den Alten zur Ehr' den Jungen zur Lehr'.

Aus den textlichen Beiträgen heben wir:Rückblicke und Erinnerungen von Aug. Bebel.Der Sozial⸗ demokrat von Eduard Bernstein.Erinnerungen aus der Zeit des Sozialistengesetzes von Paul Singer. Den Opfern zur Ehre von J. Auer.Mitten durch den Feind von Jul. Motteler. Clara Müller hat das Leitgedicht geliefert:Nach 25 Jahren. Auch die Illustrationen find der Erinnerung an jene Kampf- tage gewidmet. Die Nummer wird in sauberem Druck auf gutem Papier hergestellt, so daß der Verlag hoffen darf, bei den Parteigenossen Anklang damit zu finden.

Empfehlenswerte sozialistische Schriften.

Die Kolportage-Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

Der Neue⸗Welt⸗Kalender für 1904. Reicher Inhalt und viele Illustrationen. Preis 40 Pfg.

Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg.

Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. A 10 Pfg.

Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg.

Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe.)

Grundsätze und Forderungen der Sozlal⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg.

Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen!

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