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Seite 4.
Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung.
Nr. 41.
dem neuen Wahlgang werden die freien Ge⸗ werkschaften noch besser auf dem Posten sein, um den Unternehmerkandidaten, welche unter christlicher Flagge durchgeschmuggelt werden sollen, eine noch gründlichere Niederlage zu bereiten.
— In Sachen des Streikpostenstehens hat das preuß. Kammergericht kürzlich seinen Standpunkt präzistert und die dabei verkündeten Grundsätze sollen auch für die Zukunft maß⸗ gebend sein. Ein Metallarbeiter in Berlin war, als er vor einer Fabrik Streikposten stand, von einem Schutzmann aufgefordert worden, sich entfernen. Da der Arbeiter der Aufforder⸗ ung nicht nachkam, wurde gegen ihn Anklage erhoben. Im Gegensatz zum Schöffengericht erkannte das Landgericht gegen Sch. auf Grund des§ 132 der Berliner Straßenpolizei⸗ verordnung auf Verurteilung.§ 132 schreibt vor, daß den zur Erhaltung der Sicherheit und Bequemlichkeit auf öffentlichen Straßen er⸗ gangenen Aufforderungen der Aufsichtsbeamten unbedingt Folge zu leisten sei.— Gegen dieses Urteil legte der Angeklagte Revision ein, die jedoch vom Kammergericht zurück⸗ gewiesen wurde. Der Senat sprach aus, der Richter habe nur zu prüfen, ob die vom Sicherheitsorgan verlangte Maßnahme eine solche sei, die zur Sicherheit des Verkehrs ge⸗ troffen sei; der Zweck der Anordnung müsse dahin gehen, die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten; die Nichtbefolgung von chikanösen und unsinnigen Aufforderungen könne eine Be⸗
strafung nicht herbeiführen.— Das läuft also
darauf hinaus: den Arbeitern ist das Recht zur Erkämpfung besserer Arbeitsbedingungen gesetzlich gewährleistet. Sobald sie aber ge⸗ eignete ie ergreifen wollen, dieses Recht wahrzunehmen, werden sie bestraft.
Gute Fortschritte hat der Berg⸗ arbeiter⸗-Ver band in den letzten Jahren gemacht. Seine Mitgliederzahl hat 70000 erreicht und das letzte Rechnungsjahr schloß mit einem Gesamtvermögen von 260 184 Mk. ab.
Auf Grube„Glückauf“ bei Kassel streiken die Bergleute seit einiger Zeit, weil die Mißstände auf der Grube geradezu unerträglich wurden. Am Sonntag fand in Kassel eine Bergarbeiter⸗Versammlung statt, an welcher der Gewerkschafts⸗Sekretär Pinkert⸗ Kassel und von Seiten des Vorstandes des Bergarbeiter⸗Verbandes Schröder-Dortmund teilnahmen. Die Leute von der Grube„Glück⸗ auf“ sind, ohne den Verbands-Vorstand in Kenntnis zu setzen, in den Streik eingetreten. Außerdem ist die dortige Organisation noch gering und nicht unterstützungsberechtigt. Schröder versprach aber, bei dem Vorstande 77 Unterstützung der Kasseler eintreten zu wollen.
Von Nah und Fern.
Gießener Angelegenheiten.
— Des„Friedhofkrieges“ vorläufiger Schlußakt spielte sich am vorigen Freitag in der Stadtverordneten⸗Versammlung ab. Er endete, wie wir in letzter Nr. schon im Voraus sagten, mit der Annahme des von der juristischen und der Friedhofskommission gestellten Antrags, nach welchem die Friedhofsweihe gestattet werden soll. Zu der Sitzung hatten sich zahl⸗ reiche Zuhörer eingefunden, die aber in ihrer Erwartung, Zeuge lebhafter Redekämpfe zu sein, schmählich enttäuscht wurden. Eingangs verlas der Oberbürgermeister die auf den Fall bezüglichen Aktenstücke und im Anschluß daran eine Rechtfertigung seines Verhaltens, die er vorher jedem Stadtverordneten gedruckt einge⸗ händigt hatte. Die lange und sehr eingehende Darlegung gipfelt in der Erklärung, daß er (der Bürgermeister) berechtigt und verpflichtet war, dem Pfr. Naumann die Friedhofsweihe zu untersagen.— In der Debatte ergriff zuerst Herr Schmall das Wort. Seine Ausführ⸗ ungen machten den Eindruck, daß nicht ein Mitglied der Gemeindevertretung hier eine die Stadtgemeinde angehende Frage behandelt, sondern ein Beauftragter des Kirchen vor⸗
standes Sache gegen die Stadt führt. Der Bürgermeister habe kein Recht gehabt, die Weihe zu verbieten. Im Weiteren wirft er ihm vor, bei seiner Wahl in Bezug auf seine Religions⸗ zugehörigkeit unter falscher Flagge gesegelt zu sein, um seiner Wahl keine Schwierigkeiten zu machen. Gegen diesen ungeheuerlichen Vorwurf wendet sich der Bürgermeister in ziemlicher Er⸗ regung. Herr Löber suchte aus alter Freund⸗ schaft Herrn Mecum auch noch etwas am Zeuge zu flicken, seine Zettel waren aber in Unordnung gekommen und so blieb er mitten in seiner Philippika stecken. Krumm fragt gegenüber Schmall, was habe man denn nach der Religion bei Anstellung des Bürgermeisters zu fragen? Danach fragt man, wenn man Geistliche anstellt! Hier sei von gewisser Seite eine widerliche Religionsschnüffelei geübt worden; man sollte niemals auf Fragen nach der Religion Auskunft geben. Streit mit der Geistlichkeit nimmt in der Regel kein Ende, denn die Herren verfügen über viele freie Zeit. Wer an die konfesstonellen Leidenschaften appelliert, kann jederzeit„Erregung“ hervorrufen; für die Cvangelischen ist der Jesuit der Wauwau, für die Katholischen der Freimaurer und der Sozialdemokrat für beide zusammengenommen. Naumann habe immer vom„atholischen Bürgermeister“ gesprochen. Das sind verwerf⸗ liche Mittel. Krumm spricht sich für den e ee aus, damit es Frieden gebe.
— Pfarrer Naumann hat nun seinen Willen durchgesetzt und die Friedhofs weihe am Sonntag bei strömendem Regen vorgenom⸗ men. Zwar hatte er vorher im„Gieß. Anz.“ den„Herrn der Wolken, Luft und Winde“ um
ut Wetter gebeten, es hat aber nichts genützt.
55 wenn der Herr lieb hat, den züchtigt er! Sozialdemokraten haben bei ihren Festen immer schönes Wetter.
— Als„Aufklärungsarbeit und Re⸗ formtätigkeit“ bezeichnet der„Gieß. Anzeiger“ auf einmal die sozialdemokratische Agitation, die er früher nicht scharf genug als vaterlandsfeindliche Wühlerei und noch schlimmeres verdammen konnte. Ist bessere Ein⸗ sicht bei ihm eingekehrt? Hat er die Sozialistenfresserei an den Nagel gehängt? Kommen ihm Zweifel an der Vortrefflichkeit der bestehenden Ordnung? Ach, nein, er macht nur den Versuch, die Sozialdemokratie mit auseinanderloben zu helfen. Deshalb verkündet er mit wichtiger Miene, die Göhre, Heine, David, Braun ꝛc. werden sich„vielleicht“ abseits stellen„von der Vasallen⸗ masse des Diktators Bebel, um ihre Aufklärungsarbeit und Reformtätigkeit frei vom Joch der„Genossen“ fort⸗ zusetzen.“ Wir wollten mal hören, was der Anzeiger über die Reformtätigkeit David's sagen würde, wenn dieser hier im Wahlkampfe gegen irgend einen national⸗ liberalen Kreisblatt⸗Schützling stände und dabei seine Aufklärungsarbeit verrichtete!
— Parteiversammlung. Berichter⸗ stattung über den Parteitag in Dresden war der einzige Gegenstand der Tagesordnung in der am Montag im Lokale Orbig stattgefundenen Parteiversamm⸗ lung. Diese war— vielleicht beeinflußt durch das schlechte Wetter— nur mäßig besucht. Genosse Orbig, der Delegierte für den Wahlkreis Gießen erstattete ein⸗ gehend Bericht über die Dresdener Verhandlungen. Ein⸗ gangs erklärte er, daß er, wie wohl alle Delegierten, noch nie einen Parteitag so unbefriedigt verlassen habe. Allerdings habe es nach außen— aufgebauscht durch die bürgerliche Presse— viel schlimmer ausgesehen, als es in Wirklichkeit war. Eine allgemeine und aus⸗ giebige Aussprache über den aufgehäuften„Zündstoff“ war notwendig. Wenn auch hier und da scharfe Worte gefallen sind, so schadet das nichts, fest steht, daß jeder das Beste der Partei wollte. Redner bespricht nun kurz die einzelnen Verhandlungsgegenstände des Parteitags und erklärt seine Stellungsnahme dazu. Von den „Revisionisten“ fürchte er nicht, daß sie die Partei von ihren Bahnen lenken und etwa Annäherung an die bürgerliche Linke versuchen sollten. Orbig schließt mit der Hoffnung, daß auch dieser Parteitag trotz den hef⸗ tigen Auseinandersetzungen der Partei zum Nutzen ge⸗ reichen werde.— An den Bericht schloß sich eine leb⸗ hafte Debatte. Gen. Vetters schlägt folgende von ihm begründete Resolution vor:
„Die heutige Parteiversammlung erklärt sich mit den sachlichen Beschlüssen des Parteitags in Dresden einverstanden und verspricht in ihrem Sinne zu wirken. Im höchsten Maße bedauert aber die Versammlung, daß so viel wertvolle Zeit für größtenteils nutzlose De⸗ batten verwendet wurde, wodurch man die Erörterung notwendiger Parteiaufgaben in den Hintergrund drängte.
Ebenfalls bedauert die Versammlung die überaus heftige, 1
teilweise persönliche Art, wie einzelne Genossen gegen andere vorgingen und daß den Genossen ganzer Städte, sogar Länder das proletarische Empfinden und sozial⸗ demokratischer Geist abgesprochen wurde. Was die ver⸗ handelten Streitfragen betrifft, besonders die über Tak⸗ tik, ist die Versammlung der Meinung, daß diese Fragen künstlich von einzelnen zuviel zugespitzt wurden. Wie der siegreich und einheitlich durchgeführte Reichstags⸗ wahlkampf bewies, steht die Partei einig auf dem Boden unseres Programms, will weiter die bisherige bewährte Taktik beobachten und kümmert sich wenig um die theoretischen Haarspaltereien einzel ner Gelehrten. In der bisherigen Weise weiter für die Ausbreitung unserer Bewegung zu arbeiten, erachtet die Versammlung für Pflicht aller Parteiangehörigen.
Den Parteivorstand fordert die Ver sammlung auf, soviel in seinen Kräften steht, mit zur Beilegung der gegenwärtigen, die Partei schädigenden Streitigkeiten hinzuwirken.— Mit der Tätigkeit des Delegierten erklärt sich die Versammlung einverstanden.
Verschiedene Sätze der Resolution, besonders die, in denen das Bedauern über das Vorgehen einzelner Genossen(Bebels) ausgesprochen wird, werden von Fourier, Käfer, Siller und Bock bemängelt. Schließlich wird die Resolution abgelehnt. Damit wollte aber die Versammlung nicht das Gegenteil dessen, was die Resolution sagt, aussprechen, sondern sie erklärte sich mit den Beschlüssen des Parteitags und der Tätigkeit des Delegierten einverstanden.
— Vom Schwurgericht, dessen Tagung am Samstag zu Ende ging, haben wir noch einiges nach⸗ zutragen. Am Mittwoch stand der 21 jährige Taglöhner Merle aus Angenrod wegen Sittlichkeits⸗ verbrechen vor den Geschworenen. Der Angeklagte machte am hellen Tage einen unsittlichen Angriff auf eine alte Frau. Er wird zu 2¼ Jahren Gefängnis verurtellt.— Wegen Meineids hat sich am Frei⸗ tag der Maurer Graulich aus Wallersdorf zu verantworten. Er soll bei Ableistung des Offen⸗ barungseides verschwiegen haben, daß er noch eine Summe Geld besaß. Die Geschworenen sprechen ihn des fahrlässigen Falscheides schuldig, worauf er zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt wird.— Ver⸗ brechen im Amt wird dem Gastwirt und Gemeinde⸗ rechner Schäfer in Bernshausen zur Last ge⸗ legt. Während er die dortige Gemeindekasse verwaltete, verbrauchte er etwas über 2000 Mk. der Gemeinde gehörigen Gelder für sich und unterließ es die Eingänge in dieser Höhe im Kassenbuche einzutragen. Des ih m zur Last gelegten Verbrechens erklären ihn die Geschworenen für schuldig, billigen ihm jedoch mildernde Umstände zu, worauf ihn der Gerichtshof zu einem Jahre Gefäng⸗ nis verurteilt,
— Erschossen hat sich vorige Woche der Vice⸗Feldwebel Siebers vom Regiment 116. Er sollte in Untersuchung abgeführt werden, weil er sich in 3 5 Jahren gegen einen Soldaten Mißhandlungen hatte zu schulden kommen lassen. Der betr. Soldat war wegen dieser Mißhandlung desertirt. Bei den Mann⸗ schaften war Siebers unbeliebt.
— Die Freie Turnerschaft Gießen hält am Samstag, den 10. Oktober im Saale des Café Leib ihr erstes Stiftungsfest ab. Mit diesem Feste verbindet der Gesangverein „Eintracht,“ der den gesanglichen Teil des Programms übernommen hat, seine diesjährige erste Abendunterhaltung. Dieser Umstand in Verbindung mit dem reichhaltigen Programm, das aus dem Inserat näher zu ersehen ist, läßt einen recht genußreichen Abend erwarten, der auch anspruchsvollere Gäste befriedigen wird. Hoffentlich lassen es sich unsere Freunde ange⸗ legen sein, den jungen Verein durch recht gabl⸗ reichen Besuch zu unterstützen.
Eingesandt.
In Nr. 40 der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. steht unter der Stichm arke:„Berichtigung“: Ich hätte mir recht grobe Nachlässigkeiten zu Schulden kommen lassen, wodurch meine Mitarbeiter und der ganze Betrieb in Gefahr gestanden hätten. Ich bin mir darüber nichts bewußt, und bitte infolgedessen diejenigen, die mir Ver⸗ stöße nachweisen können, mir darüber nähere Auskunft zukommen zu lassen.
J. Lang ehemaliger Heizer und Gasbereiter im Elektrizitätswerk,
Aus dem Nreise griedßerg⸗Büdingen.
r. Die„Patrioten“ von Burggräfen⸗ rode sind mit einer neuen staatsretterischen Aktion, die gewissermaßen das Gegenstück zu den Knüppelhelden⸗ taten bildet, hereingefallen. Vor dem Schöffen⸗ gericht standen am Dienstag 10 Mitglieder des
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