Ausgabe 
11.10.1903
 
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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. a

die zahlreichen kleineren Gesetze an, die wir Ohm, Faraday, Kirchhoff, Claudius und an⸗ dern Forschern verdanken. Alle sie erweisen unantastbar den gesetzmäßigen Verlauf jeder Erscheinung und die Unveränderlichkeit der Summe der vorhandenen Materie bei allen Bewegungsverwandlungen. ö 4 Längst hat die Wissenschaft als unumstöß⸗ liche Tatsache festgestellt, daß in den Schulen die Unwahrheit gelehrt wird. In den Schulen werden die Kinder gezwungen, zu lernen, was der Wahrheit widerspricht. Während ein großer Teil der bürgerlichen Gelehrten verhindern wollte, das einer der ihnen die Wahrheit sprach, hat die Sozialdemo⸗ kratie sich eine Weltanschauung gebildet, die mit der Naturwissenschaft im Einklang steht; das klassenbewußte Proletariat harrt nicht auf ein besseres Jenseits, sondern sucht die werktätige Menschenltebe in die Tat um⸗

zusetzen. Uachklänge vom Dresdener Parteitag.

Innerhalb unsere Parteikreise werden die Vorgänge auf dem Parteitag noch lebhaft er⸗ örtert in der Parteipresse sowohl, als in den Versammlungen, in welchen die Delegierten Bericht erstatten. In manchen Orten war man genötigt, die Berichterstattung auf mehrere Abende auszudehnen, weil die Genossen, welche ihre Meinung über die Parteitagsergebnisse sagen wollten, so zahlreich waren, daß für aus⸗ giebige Diskussieon eine Versammlung nicht ausreichte. Das zeigt, wie großes und leb⸗ haftes Interesse die Parteigenossen den jetzt auf der Tagesordnung befindlichen Streitfragen entgegenbringen. Im Allgemeinen geht's in den Versammlungen ruhig und sachlich zu; stürmischer verliefen nur mehrere Berliner Versammlung, besonders die im III. Wahl⸗ kreise, den bekanntlich Gen. Heine im Reichs⸗ tage vertritt. In dieser Versammlung griff in der Diskussion Abgeordneter Heine den Gen. Bebel sehr scharf an. Mehrere Genossen aus andern Wahlkreisen griffen in die Debatte ein, wodurch diese einen heftigen Charakter annahm. Lebhafter Widerspruch wurde laut, als Heine von Majestätsbeleidigung gegenSe. Ma jestät August Bebel sprach. Er erging sich alsdann in den stärksten Schimpfworten gegen den Genossen, der Heines Aeußerung über das Schlafen in Küßnacht an Bebel berichtet hat. Zur Frage der Taktik bemerkte Heine: Er habe auch für die Reso⸗ lution 130 gestimmt. Nun müsse er sich ein⸗ mal gegen die bürgerlichen Blätter wenden, die behaupteten, durch die Annahme der Reso⸗ lution habe die Partei ihre bisherige politische Praxis einer gesetzlichen Propaganda und Re⸗ formtätigkeit aufgegeben, um sich der Taktik der gewaltsamen Revolution zuzuwenden. Das seien Phantasien von Angstmeiern oder Scharfmachern. Hätte die Resolution dies be⸗ deutet, so hätte er dagegen gestimmt; denn jetzt die Revolution zu predigen, würde ein Verbrechen an die Arbeiterbewegung sein. Aber niemand verbinde mit der Resolution solche Absichten. Ferner aber müsse er gewissen Parteigenossen entgegentreten, die sagten, daß die, welche durch die Resolution getroffen werden sollen, sich feige unter der Masse der Partei- genossen verkrochen hätten. Er habe in Wirk⸗ lichkeit dafür gestimmt, um die Deutung ab⸗ zuschneiden, als ob er wirklich im Gegensatz zu der von der Gesamtpartei getriebenen Politik stände, um öffentlich zu bekunden, daß praktische Bestrebungen derart, wie sie von der Resolution verurteilt werden, gar nicht vorhanden seien. Auf dem Parteitage habe Bebel ihn beschimpft, erklärte Heine schließlich und stellt die Ver⸗ trauensfrage an die Genossen des III. Wahl⸗ kreises. Unterdessen war von Zubeil ein An⸗ trag eingelaufen, den Abg. Heine zur Nieder- legung des Mandats aufzufordern. Hier- über wird die Debatte noch aufgeregter. Als Zubeil sich als den von Heine bezeichneten

Schuft und Denunzianten erklärt, entsteht ein

unglaubliches Getöse. Zum Schluß wird mit

zwei Drittel Mehrheit eine Resolution ange⸗ genommen, die Heine Vertrauen ausspricht.

Im II. Wahlkreise sagte Gen. Nicolai u. a.:Es wird gesagt, Bebel sei diktatorisch aufgetreten. Das ist nicht der Fall, Bebel ist das Sprachrohr der Masse gewesen.(Leb⸗ hafte Zustimmung.) Gewiß in mancher Be⸗ ziehung taugt auch Bebel nichts, z. B. als Prophet, aber er weiß doch stets, was dem Volke not tut. Von einer Uneinigkeit in der Partei ist keine Rede, die Partei ist einig, aber die Offiziere, der kleinere Maßstab, diese Herren liegen sich in den Haaren. e ee 4 daß sie zu⸗ sammenhalten müssen, nur die Aka⸗ demiker wissen es nicht. Das Verhalten der Offiziere hat eine ungemein tiefe Erbitterung in den Reihen der Arbeiter hervorgerufen, es ist höchste Zeit, daß die Herren zur Einsicht gelangen.

Bei der Berichterstattung im vierten Wahlkreise ergriff Singer das Wort, der über die Mitarbeiterschaft in bürgerlichen Blättern bemerkte: Es ist aber auch weiter entschieden, daß keiner im Namen der Partei auftreten kann, der Angestellter an einem bürgerlichen Blatte ist. den Redaktionen von bürgerlichen Blättern haben, hat ja seine natürliche Ursache. Wir können allen diesen Intellektuellen in unserer Parteipresse keine Brotstelle geben. Diese Leute müssen sich nun genügen lassen, wie viele Beamte und Kaufleute, daß sie die Partei materiell unterstützen und ihre Gesinnung durch die Beteiligung bei den Wahlen betätigen. Vielfach ist der Fehler begangen worden, solche Intellektuellen sofort beim Ein⸗ tritt in die Partei mit führenden Stellen zu betrauen. Daran haben aber die Genossen ebensoviel Schuld wie diese Intellektuellen, und ich möchte hier bemerken, mit diesem Zustand muß gebrochen werden. Die Resolntion über die Taktik ist mit sehr großer Majorität gut geheißen worden. Beabsichtigt war mit der Resolution, dem Gerede der bürgerlichen Presse, als machten die Revisionisten nur einen irgend⸗ wie nennenswerten Teil in der Partei aus, ein für alle mal ein Ende zu machen. Dieser Zweck ist erreicht worden, trotzdem die Revi⸗ stonisten dafür gestimmt haben... Unser Verhalten im Parlament muß stets von den grundsätzlichen Auffassungen unseres Partei⸗ programms diktiert sein. Deshalb war die Debatte in Dresden notwendig und wir brauchen uns kein Taschentuch vor die Augen zu nehmen und uns ihrer zu schämen.

Fast in allen Berliner Wahlkreisen fanden am verflossenen Dienstag weitere Versammlungen statt, in denen die Erörterung über den Partei⸗ tag fortgesetzt wurden.

Außer in Berlin kam es auch in einigen andern Orten im Reiche zu lebhaften Ausein⸗ andersetzungen über die Parteiverhandlungen. So in Stuttgart, dlugsburg, München, Frankfurt, Bremen, Leipzig; doch nirgendwo wurde so heftig als wie in Berlin gekämpft.

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Daß besonders in Berlin die Gemüter er⸗ hitzt sind, ist leicht begreiflich. Die Genossen stehen dort unter dem Eindrucke der Veröffent⸗ lichungen Hardens, dessenZukunft in Dresden bei der Debatte über die Mitarbeiter- schaft an bürgerlichen Blättern oft erwähnt wurde. Jene Veröffentlichungen wurden vom Vorwärts nachgedruckt und sie sind allerdings geeignet, die Genossen Braun, Göhre, Bernhardt und Heine als Partet⸗ genossen bloßzustellen, selbst wenn man in Rechnung zieht, daß Harden die Wahrheit mißhandelt und übertrieben hat. Bei dem Mißtrauen, was gegen die genannten Genossen in Parteikreisen besteht, erscheint für viele die Schuld der Genannten größer, als sie in Wirklichkeit ist. Der Parteivorstand wird diese Angelegenheit, wenn das Material vollständig vorliegen wird, von Parteiwegen zur Ent⸗ scheidung bringen.

Daß wir Genossen in

eführt.

klärt, sein Mandat wegen des Mißtrauens, das man ihm seit Jahren entgegenbringe, wieder abgeben zu müssen. Das ist jedenfalls höchst bedauerlich und war wohl auch uicht unbedingt nötig. Glaubte Göhre sich zu Unrecht ange⸗ griffen, so konnte er sein Recht jederzeit bei den zuständigen Partetinstanzen erhalten. Mit Recht knüpft unser Zentralorgan hieran die Mahnung, den leidenschaftlichen Eifer und persönlichen Ton etwas zurückzudämmen. Um unserer selbst willen dürfe die jetzt eingerissene Kampfesweise nicht weiter gehen. Besonnenheit und Vernunft müsse über alle Erregungen triumphieren! *

Kautsky sagt in einem längeren Artikel derN. Zeit über die persönliche Seite der Dresdener Verhandlungen:

Gelingt es, die persönliche Verantwortung für die aufgedeckten Unsauberkeiten festzustellen und die unsauberen Elemente selbst zu ent⸗ fernen, dann wird auch nach der persönlichen Seite hin niemand mehr Ursache haben, die Dresdener Tage für verloren ansehen. Man darf wohl bedauern, daß sie notwendig ge⸗ worden waren, man hat aber kein Recht, zu wünschen, daß die wirklich vorhandene Korrup⸗ tion nicht aufgedeckt worden wäre. Und mancher, der noch in Dresden sich über BebelsMaß⸗ losigkeit entrüstete, wird ihm seitdem recht ge⸗ geben haben.

Was geringschätzig als einLiteratengezänk bezeichnet wurde, war ein leidenschaft⸗ liches Ringen um die sittliche Reinheit der Partei. Kann es etwas Größeres und Wichtigeres für uns geben als dies? Auf ihr beruht die sieghafte Kraft unseres Kampfes, auf ihr der Glaube an uns selbst. Ohne ste sinkt die Partei herab zu einem bloßen Apparat zur Fabrikation von Redakteurposten und Mandaten. Sie soll aber auch in sittlicher Beziehung bleiben was sie war, die rücksichtslose Bekämpferin jeder Korruption und Streberei. Auch auf diesem Gebiete gibt es nichts zu Federn.

Und wie es ökonomische Gesetze gibt, die für jede Gesellschaftsform gelten, so gibt es auch stttliche Grundsätze, deren keine entraten kann. Einer der wichtigsten darunter ist die Pflicht der Wahrhaftigkeit dem Ge⸗ nossen gegenüber. Dem Feinde gegenüber hat man diese Pflicht nie anerkannt, dagegen gibt es ohne sie kein dauerndes Zusammen⸗ wirken gleichgestellter Senossen. Den Partei⸗ genossen zu belügen, galt bisher nur in solchen Parteien für erlaubt, in der zwei Klassen zusammenwirkten, von denen die eine sich dazu mit der andern zusammentat, um deren Kraft für sich auszunutzen..

Es war die Parteimoral des Jesuitismus, des Pfaffentums überhaupt. Das moderne Literatentum hat sie sich vielfach zu eigen ge⸗ macht, soweit es sich als eineHerrenklasse über das Proletariat erhaben dünkt und dieses bloß als Werkzeug betrachtet, und sie ist mit einigen solcher Elemente bis in unsere Reihen eingedrungen. Aber die Sozialdemo⸗ kratie bleibt auf dem Boden der proleta⸗ rischen Moral, welche die Moral aller auf⸗ strebenden, nach Selbständigkeit ringenden

Klassen ist: Sie weist jeden Versuch von sich, die Partet zu belügen,

Gießen, 9. Oktober. Pfäffische Bekämpfung der Sozial⸗ demokratie.

Wie bekämpft man am besten die Sozial⸗ demokratie? Mit dieser Preisfrage quälen sich die Staatsretter schon seit Jahrzehnten ab und werfen sie mit jedem neuen Erfolge unserer Partei immer wieder von neuem auf. Alle

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Unterdessen haben die unerqguicklichen Dinge bereits zu einer Man datsniederlegung Und zwar ist es der Abg. für ittweida, Gen. Göhre, welcher er⸗

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