Ausgabe 
11.10.1903
 
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Nr. 41.

Gießen, den 11. Oktober 1903.

10. Jahrg.

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Naturwissenschaft und Welt; anschauung.

Kürzlich tagte in Kassel der Naturforscher⸗ und Aerztetag. Von den vielen Vorträgen, die dort bedeutende Männer der Wissenschaft ge⸗ halten haben, hat derjenige über denEinfluß der Naturwissenschaft auf die Weltanschauung, den der Breslauer Professor Dr. Ladenburg gehalten hat, besonderes Aufsehen erregt. Weniger neue Entdeckungen oder Exkenntnisse sind es, die an der Rede des Genannten bewundert werden, es verdient vielmehr der Freimut, mit welchem der Redner seine Anstchten vortrug, Anerkennung. Die streng wissenschaftlich ge⸗ haltene Rede des bedeutenden Gelehrten be⸗ handelt die gesamte Entwicklungsgeschichte der Naturwissenschaft; sie macht dem Charakter Ladenburgs auch insofern alle Ehre, als die meisten deutschen Professoren, soweit sie sich mit Naturerkenntnis befassen, öffentlich ihr Ansichten über die im christlichen Staate heiklen Angelegenheiten zu verschweigen pfle⸗ gen, über welche sie in den Hörsälen der Uni⸗ bersitäten offen ihre Meinung sagen.

Verschtedene Kollegen des Herrn Ladenburg suchten den Vortrag zu verhindern. Sie unterschreiben alles, was der Vortragende über den Gegenstand sagte; aus allerlei Rücksichten möchte man sich aber nicht öffeutlich dazu be⸗ kennen. Wie peinlich, daß einer aus ihrer Mitte auf einem Kongreß, von welchem die Zeitungen berichten, über dieReligion Wahr⸗ heiten sagte, die sie alle anerkannten. In einer Zeit, in welcher sogar Arbeiter durch die Presse erfahren, was in den Kongressen der Gelehrten dargelegt wird, ist es natürlich sehr bedenklich, vor aller Welt zu sagen, das was ist.

Die Wissenschaft als das Stiefkind des heutigen Staates hat natürlich neuen Groll der maßgebenden Kreise zu befürchten, wenn einer ihrer Vertreter vor aller Welt die Wahrheit sagt. Darum sollten die unzwei⸗ deutigen Meinungsäußerungen Ladenburgs, von dem man nichts Gutes erwartet, verhindert werden. Wir müssen uns darauf beschränken, nur die wesentlichsten Stellen des freimütigen Vortrags nach Berichten bürgerlicher Blätter zum Abdruck zu bringen.

Anknüpfend an die Schöpfungsgeschichte und die Weltanschauung der Griechen, legte Redner dar, wie mit dem Verfall des römischen Reiches die gewonnenen Ansätze wieder verloren gingen. Die größte Tat nach Kolumbus vollbrachte Kopernikus, als er statt des geozentrischen Sy⸗ stems das heliozeutrische einführte.(D. h. nicht die Erde, sondern die Sonne ist der Mittelpunkt unsres Planetensystems.) Aber wie lange hätte wohl der Streit hierüber angehalten, wenn nicht Kepler und Newton das Kopernikussche System scharfsinnig mathematisch begründet hätten? Jetzt mußte dem Menschen klar werden, daß es ein Traum, eine Vermessenheit war, sich in den Mittelpunkt der Welt und in nahe Beziehungen zum Herrn der Welt zu bringen und zu glauben:und er schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde.

Wenn man bedenkt, daß von einer eigent⸗ lichen Naturwissenschaft erst seit etwa 400

Jahren die Rede sein kann und daß Newton

sein Gravitationsgesetz erst vor 220 Jahren aufgestellt hat, so dürfen wir mit Sicherheit darauf rechnen, daß die nächsten Jahrhunderte uns noch zahlreiche neue Entdeckungen von großer Tragweite bringen werden. Eins aber ist jetzt bereits klar, daß der Wunder⸗ glaube in nichts zerfällt, daß nie⸗ mals ein Wunder geschehen ist und niemals eins geschehen wirv. Alles in der Natur geht natürlich zu. Das Ueber natürliche ent⸗ springt nur dem Gehirn von Phantasten und Unwissenden.

Aber auch die Vorstellung eines weltbeherr⸗ schenden Gottes ist mit dem gesetzmäßigen Ver⸗ lauf alles Geschehenen kaum verein bar. Jedenfalls kann auch er nicht über diesen Ge⸗ setzen stehen. Er müßte doch sonst irgendwo und irgendwann in Erscheinung treten. Wenn auch unsere Vorstellungen über die Entstehung des Weltalls nur dunkel und unklar sind, so steht das eine doch fest, daß die Vorstellung eines bestimmten Urhebers, der unabhängig von der Welt selbst stände, durch nichts zu stützen ist. Damit stimmen selbst aufgeklärte Theo⸗ logen, wie Strauß, überein.

Um so mehr muß es befremden, daß dies Phantasiegebilde, in bestimmte Schemata ge⸗ bracht, bei uns als Grundlage des menschlichen Entwickelungsganges dient. Jeder wird schon in der Jugend geradezu gezwungen, sich nach diesem Schema zu bilden. Es ist auch wahrlich hohe Zeit, mit der überlieferten Schab⸗ lone der sogenannten allgemeinen Bildung zu brechen und an Stelle des Studiums der toten Sprachen die Beschäftigung mit der lebendigen Natur und ihrem Gefolge zu stellen. Die allgemeine Bildung muß auf der Erkenntnis der Natur und ihrer Gesetze aufgebaut sein. Die Biologie und namentlich die Darwinistische Lehre haben die frühere An⸗ schauung, der Mensch sei Endzweck der Schöp⸗ fung und alle andere Wesen seien nur für ihn und zu seinem Nutzen da, beseitigt. Heute führt man sogar Mensch und Tier auf dieselbe Stamm⸗ form zurück. Und wenn auch der Mensch be⸗ sonders intelligent ist, so kann doch an einem gewissen Seelenleben auch bei den Tieren nicht gezweifelt werden.

Diese Tatsachen kommen besonders in Be⸗ tracht bei einer der schwierigsten und der deli⸗

katesten Fragen, bei der Beurteilung der Un⸗

sterblichkeitslehre. Denn wenn man für den Menschen Unsterblichkeit verlangt, so wird man sie auch dem Tiere nicht vorenthalten dürfen. Wir kennen kein Substrat der Seele, was also sollte unsterblich sein? Ueberall stößt man auf Widersprüche und Schwierigkeiten. Was diefelsenfeste Ueberzeugung über die Fortdauer der Seele betrifft, die bei vielen vor⸗ handen ist, so reicht diese doch ohne tatsächliche Unterlagen zur Begründung des Glaubens nicht aus. Nun höre ich schon den Ruf: ihr Naturforscher zerstört unser Glück, unsre Ideale und unsern naiven Glauben an die Unsterblich⸗ keit, und was gebt ihr uns dafür? Fabriken und das soziale Elend! Diese Ansicht ist aber falsch, den alle humanen Bestrebungen der letzten Jahrhunderte sind zurückzuführen auf die Aufklärung, die wir den Naturwissenschaften verdanken.

Gerade, wenn wir den Glauben an ein Jen⸗ seits aufgeben müssen, für das kein Ersatz ge⸗

funden werden kann, so muß uns diese Erkennt⸗ nis dazu führen, das Diesseits besser zu gestal ten.

Und diese Bestrebungen haben sich denn auch mehr oder weniger Geltung verschafft. Die Habeas Corpus⸗Acte in England und die noch weit folgenschwerere Erklärung der Menschen⸗ rechte 1789 in Frankreich haben nebst ihren Folgen, der Aufhebung der Sklaverei und der Leibeigenschaft, das Volk von einem ungeheuer⸗ lichen Drucke befreit. Sie haben Millionen von Menschen einem menschenwüdigen Dasein zugeführt, ein großartiges Ergebnis, dem keine andere Tat an die Seite gestellt werden könnte. Das Christentum wäre hierzu allein nicht im Stande gewesen. Deshalb darf man sagen: das viele Blut der französischen Revolution ist nicht umsonst geflossen; der Geist der Toleranz, der Brüderlichkeit und der Friedensliebe hat sich ausgebreitet, und wenn wir auch noch lange nicht am Ziele dieser großen Bewegung in der Menschheitsgeschichte stehen, so ist doch schon heute das Schicksal eines großen Teils der Menschheit erleichtert worden dadurch, daß wir ihn nicht länger mehr auf das ungewisse Jenseits vertrösteten, sondern für humanitäre Bestrebungen zur Besserung der Zustände im Diesseits eintraten! Auch ferner⸗ hin muß unser Wahrspruch die werktätige Menschenliebe sein.

Diese neue Anschauungen konnten die Be⸗ wunderung für die Schöpfung, den Dank für die, denen man die Kenntnis dieser ungeahnten Dinge verdankte, erhöhen, aber sie mußten die Wahrheit des Goetheschen Wortes ins hellste Licht setzen:Du gleichst dem Geist, den Du

begreifst, nicht mir!, und sie mußten rasch zt

der Erkenntnis führen, daß die Bibel eben so wenig wie irgend ein andres geschriebenes Buch göttliche Offenbarung sein kaun; daß das Alte Testament das Werk phantastereicher, aber kenntnisarmer Menschen ist und das das Neue Testament ebensowenig auf göttlichen Ursprung zurückzuführen ist. Die Kirche empfand denn auch sehr bald, daß durch die neuen Anschlüsse die Stellung des Menschen zum Schöpfer ent⸗ scheidend verändert werden müsse; ste empfeond die Gefahren, die darin für ste selbst liegen; wie wären sonst die grausamen Ver⸗ folgungen derNeuerer verständlich oder nötig gewesen! warum hätte sie sonst einen Giordano Bruno verbrannt und einen Galilei in Gefängnis geworfen! a 5

Nicht aber gegen die katholische Kirche allein, so sagte Redner, will ich meine Vor⸗ würfe richten. Die protestantische Kirche macht es kaum besser.

Der bornierte Dogmatismus der Theologen feiert hier wie dort seine Or⸗ gien. Trotzdem schreitet die Wissenschaft weiter vor. Physik, Chemie und Biologie entwickeln sich. Was Demokrit geahnt, wenn er sagt: aus nichts wird nichts und nichts kann durch nichts verändert werden und geht verloren durch eine Trennung von Teilen wurde zum Gesetz durch zwei neue wichtige Erkenntnisse: das Gesetz von der Unzerstörbarkeit der Materie und das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Lavoister, Robert Mayer und Helmholtz sind die Begründer dieser Gesetze, ohne welche die heutige weltbeherrschende Elektrotechnik un⸗ denkbar wäre. An diese Gesetze schlossen sich

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