Seite 6.
Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung ·
Nr. 2
52
2* 2 b Unterhaltungs-Ceil.
—————
2 Modern.
O, es ist göttlich schön
Auf eines Trones Höh'n!
Su glänzen und zu beten,
Su zürnen und zu reden,
Zu drohen und zu loben,
Der schwersten Sorg' enthoben,
Wie sie da unten drückt
Das Volk, so tief gebückt
In Knechtschaft und in Schmach
Bis auf den heut'gen Tag.—
O, es ist göttlich schön
Auf freien Sinnes Höh'n!
Zu lieben und zu hassen,
Su trotzen und zu fassen
Zu stolzem Bund zusammen,
Die gleichem Geist entstammen
Und bilden eine Wehr,
Die nicht will dulden mehr
Die Unechtschaft und die Schmach,
— Und schafft den neuen Tag! L. W.
Aus einem deutschen Hause.
Ein Familienbild aus dem neunzehnten Jahrhundert von Ludwig Schierk.
I. Im Erdgeschosse des eleganten Hauses lag die Küche
Man atmete den soliden Duft der Braten und den berückenden Hauch exotischer Gemüse, sobald man unter den Bogen des großen Tores trat, welches der selbstgefällige Eigentümer der vornehmen Behausung das„Portal“ nannte. Die Nase des Eintretenden fühlte sogleich, daß die Inhaber des luxurtiösen Gebäudes jener gebenedeiten Menschenklasse angehörten, die durch die Fähigkeit, sich das klingende Resultat fremder Arbeit anzueignen, das Vorrecht erworben hat, den Zeitraum, der zwischen Geburt und Tod des Einzelnen verstreicht, als eine ununter⸗ brochene Kette des Genusses und der Freude auffassen zu dürfen.
Das hohe Bewußtsein dieses Vorrechtes leuchtete aus den grinsenden Zügen eines Luchs⸗ kopfes, der den Torbogen zierte; es schlummerte nicht minder in dem Geheimnisse der drei Buch⸗ staben C. v. O., die im Schutze eines gezackten Krönchens über jenem Raubtierkopfe einge⸗ meißelt waren; es konzentrirte sich besonders auch in dem Dufte, welcher der Küche, diesem Heiligtum wohlhabender Häuser, täglich ent⸗ strömte.
Für den Grundton des folgenden Bildes ist es durchaus nötig, mit der Betrachtung dieses erhabenen Raumes den Anfang zu machen.
Ein weites, hohes Gemach, breit und luftig gewölbt, mit tiefen, hohlen Fensternischen. An den Rändern des Bogens, der die Decke bildete, glotzten in gut gewählten Abständen niedliche Tierköpfe aus dem Gestein. Sie gaben Zeug⸗ nis von der Blüte eines nationalen Kunstge⸗ werbes, das die Sonne des Kapitals in unserem undankbaren Vaterlande gezeitigt.
Ein Schweinskopf aus schwarzen Marmor stierte mit blödem Steinauge nach dem granitnen Haupte eines Lachses, der mit offenem Maule in grenzenlosem Erstaunen auf das kunstvolle Wandgetäfel nebenan blickte, aus dessen geo⸗ metrischem Labhrinte der gehörnte Schädel einer Kuh melancholisch hervorragte. Dem frommen Tiere des arischen Hauses gegenüber prangte
die herzbrechende Gestalt einer steinernen Gans,
die aus Gram über ihre durchschnittene Kehle den Kopf hängen ließ. In den Mittelfeldern der Wandflächen drängte sich Eßbares und Trinkbares in so lieblichem Chaos, daß man den Maler, der diese Herrlichkeit auf den Kalk gezaubert, um Phantasie und Appetit zugleich beneiden mußte.
Die Hitze, die den nützlichen Raum bis⸗ weilen durchflutete, gemächlich zu dämpfen, rauschte aus einem Alabasterbassin ein mäßiger Wasserstrahl gegen die Decke, guckte dort eine Sekunde lang das Köpfchen irgend einer Göttin an, die auf das Getier rings an den Wänden mit der Ruhe, wie ste nur der Gyps verleiht, niederblickte; glühte dann eine zweite Sekunde lang in dem kleinen Feuerstrahle, der einem halbgeöffneten Herdtürchen entfuhr, und senkte sich hierauf erschöpft in die Tiefe des kühlen Beckens, als wollte er das Spiegelbild jener Göttin erhaschen, das in dem nassen Grunde träumend hin und her schwankte.
Welche Schätze an Metall und Stein schliefen in dem Wandschranke an der Mauer?
Welche Last an Fleisch und Bein trug der Marmortisch am Fenster! Und über der all⸗ deutschen Türe, stehst du dort den frommen, gemütvollen Spruch in den schönen gotischen Buchstaben, die zwar unleserlich, aber so kunst⸗ gewerblich und stilvoll sind? Den Spruch von der fleißigen, deutschen Hausfrau:
„Das Walten der Hausfrau am Herd Ist Gold und Edelstein wert!“
Inmitten der ehrwürdig⸗ bürgerlichen Halle stand ein Herd aus blendend weißem Marmor gleich einem Patrizier, der sich seiner Abkunft und Würde wohl bewußt ist. In dem glänzen⸗ den, stahlblanken Schmucke seiner Metalltürchen zieht wie ein Reisiger, der zum frohen Turnier 3 2*
Der selbstgefällige Eigentümer des Hauses, der den Torbogen das„Portal“ genannt hatte, pflegte von diesem Prachtstücke seiner behaglich⸗ vornehmen Einrichtung mit jener wegwerfenden Geringschätzung zu sprechen, welche wohl haben⸗ den und welterfahrenen Leuten so gut ansteht.
„Da habe ich“— erklärte er der andächtig lauschenden Gemeinde kleiner, von ihm ab⸗ hängiger Handwerker, denen er zuweilen am Stammtische des Hotels„Zur deutschen Warte“ die Gnade seiner Anwesenheit schenkte—„da habe ich in meiner Küche einen Herd, der mich baare zweitausend Mark gekostet hat. Und doch will mir der gute, alte Kachelofen nicht aus dem Sinn, an dem sich mein Vater selig die kalten Füße wärmte, wenn er mit dem Leinwandbündel auf dem Rücken stundenlang das winterliche Dorf abhausirt hatte. Ja, ja! Wir jungen Leute stecken bis über die Ohren in kostspieligen und unzweckmäßigen Neigungen!“
Die Gerechtigkeit erfordert es hinzuzufügen, daß es dem Redner von Jahr zu Jahr schwerer wurde, sich der Verkommenheit dieser Neigungen zu entreißen.
In der prickelnden Atmosphäre des stilvollen Gemaches, aus dem die Gegenstände hervor⸗ gingen, die den Bewohnern dieses vornehmen deutschen Hauses des Leibes Notdurft zu stillen berufen waren, trippelte leichtfüßiges Mädchen⸗ volk hurtig durcheinander.
Es gab eine Flut weißer Schürzchen, schlanker Hüften, sanft gerundeter Arme. Aus schneeigen Spitzenhäubchen guckten gesunde, rote Mäulchen, niedliche, glühende Wänglein: eine Summe von Gelegenheit zu vorübergehender, herablassender, männlicher Teilnahme auf Treppe, Flur und Dachboden.
Der Eigentümer des Hauses der den Tor⸗ bogen das„Portal“ genannt hatte, verstand sich offenbar darauf, jeglichen Raum nach den Forderungen des vaterländischen Kunstgewerbes auszustatten. Es fehlte durchaus an Dienst⸗ leuten aus dem starken Geschlechte. Die Mit⸗ glieder dieses bevorzugten Teiles der mensch— lichen Gesellschaft fanden eine ebenso zweckmäßige als einträgliche Verwendung in den weitläufigen Fabrikanlagen, welche gewissermaßen das reisige Gefolge des eleganten Wohnhauses bildeten und den Inhaber der Firma C. v. O. in den Stand setzten, dem vaterländischen Kunstgewerbe seine Teilnahme in so ausgedehntem Maße zuzuwenden.
Diese Betätigung eines nachahmenswürdigen patriotischen Gefühles konnte aber dem auf der Höhe der Zeit stehenden, wahrhaft volks⸗ tümlichen Geschäftsmanne nicht im mindesten das untergeordnete Interesse rauben, das er vermöge eines angeborenen menschenfreundlichen
Zuges an den zierlichen Mädchengestalten nahm,
breitung des Blattes gab den Genossen an
die seinen Herd und zuweilen auch seine Haus.. frau umgaben. 1 Ein Hauch dieser Fürsorge schien wie ein ö Reif auf dem niedlichen Gesichtchen zu liegen, das soeben die kunstgewerblich gezierte Treppe herabkam, die zu den Familienräumen des be- haglichen deutschen Wohuhauses führte. 10 Die großen braunen Augen des Mädchens zitterten in dem flüchtigen Schimmer eines un⸗ sicheren Schuldbewußtseins, und ein Schatten grausamer Enttäuschung— der charakteristische Ausdruck junger deutscher Frauen am Ende der Flitterwochen— lag wie ein Schleier auf dem Glanze dieser Stirne. 5 10 Eine Erkenntnis dieser Tatsachen schien in dem plötzlichen flüchtigen und schadenfrohen Aufblicken sichtbar 1 werden, mit dem ein 555 55 eilfertigen Küchenvolkes die Eintretende egrüßte. „Das Essen für Herrn Ewald!“ rief die Schöne, während sie mit zwei Schritten in den Raum trat. 5 Ein paar Hände fuhren dienstbeflissen in den Wandschrank, strichen mit einem Geschirr von blendender Reinheit zwei⸗ oder dreimal durch den rauschenden Wasserstrahl des kunst⸗ gewerblichen Springbrunnens und setzten dann ein ansehnliches Frühstück auf den Marmortisch, bei dem das Mädchen stehen gebieben war. N „Martha!“— flüsterte dabei eine weiche, flehende Stimme, die zu jenen Händen gehörte —„Martha, hörst Du, Franz hat mir gestern geschrieben! Willst Du den Brief sehen?““ Es erfolgte keine Antwort. 1 Die Angeredete ergriff vielmehr das zie. liche Brettchen von Ebenholz, das gleich dem zarten Porzellanteller, der das Frühstück ent⸗ hielt, die drei Buchstaben C. v. O. im Schutze ö eines gezackten Krönchens trug. Ein kaum merkliches Beben der Lippen verriet gleichwohl, 0 daß die Mitteilung vollkommen verstanden worden war, und der müde Schrit, mit den das Mädchen gleich darauf die Treppe wieder 1 emporstieg, konnte den Eindruck nicht verbergen, 1 den eben diese Mitteilung auf die Zuhörerin gemacht haben mußte. g 3 1 Herr Ewald bekam indeß sein Frühstück. Der junge Herr war der Sohn des Hauses und der voraus sichtliche Chef der Firma C. v. O., sobald der gegenwärtige Inhaber derselben das irdische Jammertal mit einem besseren Jenseits vertauscht haben würde. In der jugendlichen Gier, mit welcher der fünfzehnjährige Erbprinz die reizvollen Erzeugnisse einer sorgfältigen Kochkunst hinunterschlang, lag ei e beruhigende Gewähr dafür, daß jener verantwortungsvolle Posten keinem Unwürdigen bestimmt sei. 1 Zur Zeit war er der nicht ganz sorgenfreie Stolz seines strebenden Vaters. 1 0 Dieser pflegte von seinem Sprößling mit jener ruhigen Klarheit und geschäftlichen Be⸗ stimmtheit zu sprechen, welche alle seine Reden auszeichneten. 74 „Mein Sohn kostet mich monatlich mehr,“ bemerkte er am Stammtische im Hotel„Zur deutschen Warte,“„als mein Vater selig während seiner Hausirzeit in einem Jahre ausgeben durfte.“ 0 Natürlich folgte diesem Ausspru he eine ausführliche Verurteilung der herrschenden, un⸗ erträglichen und verkommenen Zeitläufte. f (Fortsetzung folgt.)
Vom Büricher Sozialdemokrat
und der Art und Weise, wie das Blatt vertrieben wurde, erzählt Genosse H. Schlüter im Newyorker Pionier⸗ Kalender für das Jahr 1903:
„ J Das Blatt hat während der 11 Jahre seines Bestehens einen großen Einfluß auf die sozialistische Bewegung Deutschlands ausgeübt. Der Sozialdemokrat war es, der nach den ersten Jahre der Verwirrung, das dem Erlaß 1 des Sozialistengesetzes folgte, den deutschen Ar⸗ beitern wieder einen einheitlichen Zusammen⸗ hang gab. Die Bewegung hatte wieder etwas Gemeinsames, das alle verband. Die Ver⸗
allen Orten eine gewisse regelmäßige Tätigkeit und einen regelmäßigen Zusammenhang. Der


