Ausgabe 
11.1.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

zugskosten können an arbeitslos gewordene Mitglieder schon nach einjähriger Mitgliedschaft mit Mk. 20 bezahlt werden, wenn die Ent⸗ fernung mindestens 30 Kilometer beträgt. Sie steigern sich analog des Sterbegeldes um jähr⸗ lich Mk. 5 bis zum Höchstbetrage von Mk. 40. Der Vorstand des Metallarbeiter verbandes ver⸗ öffentlicht diese Vorschläge schon jetzt, damit sie von den Mitgliedern ausgiebig diskutiert werden können. Sollten dieselben von der Generalversammlung angenommen werden, so soll der Beitrag für männliche Mitglieder von 30 auf 50 Pfg. und für weibliche von 10 auf 25 Pfg. erhöht werden. Der Verband zählt jetzt über 120000 Mitglieder. Im Jahre 1901 wurden 686 107 Mk. an Unterstützungen aus⸗ bezahlt. Das Verbandsorgan wird jetzt in der eigenen Druckerei des Verbandes hergestellt. Diese befindet sich in dem neuen Verwaltungs- gebäude, das sich der Verband in Stuttgart errichtet hat.

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Pon Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

DieMitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung ist in der Post⸗Zeitungs⸗Preis liste für 1903 unter Nr. 3107 verzeichnet.

Uunser Reichstagsabgeordneter eine komische Figur. Herr Köhler, Bürgermeister von Laugs dorf, Vertreter des Kreises Gießen im Reichstage, ist außerdem bekanntlich auch hessischer Landtagsabgeordneter. Als solcher entwickelt er eine recht lebhafte, ja beinahe unheimliche Tätigkeit. Ein ganzes Bündel von Anträgen hat er in der letzten Zeit dem Landtage zugehen lassen und zu ihrer Be⸗ gründung ganze Leitartikel aus landwirtschaft⸗ lichen und tierärztlichen ꝛc. Zeitschriften mit abdrucken lassen. Herr Köhler hat auch die Freude zu sehen, daß seine Anträge Beachtung finden, alle Blätter nehmen davon Notiz, sie nämlich die Anträge erregen sogar Auf⸗ sehen. Sie sind unbestrittenoriginell; man findet sie sogardrollig. In einem seiner Anträge giebt Köhler seiner Unzufriedenheit mit den jetzigen Lehrern der Nationalökonomie an der Gießener Universität Ausdruck und wünscht die Berufung eines agrarischen Lehrers, der den Studenten die Politik des Bundes der Landwirte einpauken soll, schlägt auch gleich dazu den berühmten Agrarheiligen des Junker⸗ bundes, Prof. Ruhland vor. Warum nicht den Paasche, der alles beweist, was die Agrarier wünschen? Der aus weiß schwarz macht und haarscharf nachweist, daß es dem Arbeiter bei niedrigen Löhnen und teueren Lebensmitteln am Besten geht? Noch besser freilich wäre es, die Besetzung der Lehrstühle an der Gießener Universttät würde den Orts⸗ gruppen des hessischen Bauernbundes überlassen. Die Frankftr. Ztg. sagt, Köhler sei für alle Gebil deten längst eine komische Figur. Die freisinnigen und nationalliberalenGebildeten Gießens haben ihn aber zu ihren Vertreter gewählt. Und wir vermuten stark, dieGe⸗ bildeten werden im Verein mit denJuden die antisemitische komische Figur diesen Sommer wieder gegen den Sozialdemokraten durchdrücken.

Frau Dr. Gertrud David, die Gemahlin unseres Genossen Eduard David, wird hier in einer aligemeinen Versammlung, die am Samstag, den 17. Januar, im Saale des Lenz'schen Felsenkellers stattfinden soll, sprechen über:Wie schützen wir uns gegen die Lebensmittelverteuerung. Frau David wird in ihrem Vortrage die Ursachen der gegen⸗ wärtig herrschenden Teuerung fast aller Lebens⸗ mittel und die Mittel und Wege besprechen, durch welche sich die arbeitende Bevölkerung dagegen und gegen die dadurch bedingte ständige

Verschlechterung ihrer Lebenshaltung schützen

kann. Der Vortrag ist in erster Linie für die Frauen berechnet und wird für sie ganz be⸗ sonders interessant sein. Gerade die Frauen, die mit Wenigem hauszuhalten gezwungen sind, empeinden die Verteuerung der Lebensmittel und Haushaltungsartikel zuerst und am schwer⸗ sten. Deshalb wird zahlreicher Frauenbesuch

erwartet uns unsere Freunde müssen dazu, so⸗ viel sie können, mitwirken. Wenn nötig, bleibe einmal der regelmäßige Versammlungsbesucher zur Beaufsichtigung der Kinder zu Hause und schicke seine Frau in die Nersammlung!

Der sozialdemokratische Wahl⸗ verein hält seine Generalversammlung in Rücksicht auf die am Samstag stattfindende Frauenversammlung Sonntag, den 18. Jan., Nachmittags 3 Uhr, ab. Auf der Tagesordnung steht: Rechnungsablage, Vorstandswahl, Wahl des Reichstagswahlkomitees, und Vortrag über die wichtigsten politischen Vorgänge im ver⸗ flossenen Jahre. Hoffentlich sind die Partel⸗

enossen zahlreich am Platze, in der uns bevor⸗

1 Wahlarbeit muß jeder einzelne Genosse seine Pflicht erfüllen! Ferner möchten wir bet dieser Gelegenheit noch eins bemerken. Bis zur Wahl sind es aur noch fünf Monate. Jeder Genosse weiß aber, daß zum Wahlkampfe wie zum Kriegführen erstens Geld, zweitens Geld und drittens nochmals Geld gehört. An die in der Organisation befindlichen Genossen er⸗ geht deshalb die dringende Mahnung, mit den Beiträgen nicht im Rückstande zu bleiben, beziehungsweise ihre etwaigen Reste sofort zu begleichen. Aber an diejenigen Genossen, die aus irgend einem Grunde nicht in der politischen Organisation sind oder sein können, richten wir das Ersuchen, zur Stärkung des Wahlfonds ein Scherflein beizutragen. Gerade die sonst keine regelmäßigen Parteibeiträge leisten, können jetzt etwas tiefer in die Tasche greifen. Beiträge nimmt unser Kassierer A. Bock, Dammstr. 22 stets entgegen, ebenso erklärt sich unsere Expe⸗ dition und Redaktion dazu bereit.

Wohltun und Dicktun. In dem LustspielHasemanns Töchter, das in unser Stadttheater am Montag aufgeführt wurde, wird u. A. recht drastig gekennzeichnet, wie mancheWohltätigkeit nur auf Prahlerei und Dicktuerei hinausläuft. Daran wird man er⸗ innert, wenn man in dem Gießener und dem Wetzlarer Amtsblatte die 1 Notizen aus Dörfern der Umgegend liest, worin mitge⸗ teilt wird, daßwie alljährlich, Herr C. W. Fernit, der frühere B⸗sttzer des Gießener Braun⸗ steinbergwerks, durch seinen Bevollmächtigten Direktor Pascoe eine Anzahl Gaben zu wohl⸗ tätigen und gemeinnützigen Zwecken gespendet habe. Meistens werden diese Schenkungen den Kleinkinderschulen, auch den Muckergesell⸗ schaften(Missionsvereinen) überwiesen. Miser⸗ abel schlecht bezahlte Arbeiter haben durch ihre Arbeit zu der Vermehrung des Reichtums des Engländers Fernie beigetragen. Opfert jetzt der Millionär jährlich einige Bettelpfennige, dann wird sein Lob in allen Tonarten in den gutgesinnten Blättern gesungen. Er würde es verdient haben, wenn er damals als Besitzer des Bergwerks für musterhafte Arbeitsverhält⸗ nisse gesorgt hätte. Davon wissen aber die Arbeiter in Leihgestern, Steinberg ꝛc. nichts zu erzählen.

Tod zweier Bahnarbeiter. Am Montag sind am Bahnhofe wieder zwei Arbeiter auf der Strecke Gießen⸗Gelnhausen in der Nähe des Bahnhofes überfahren und so schwer ver⸗ letzt worden, daß sie bald darauf starben. Die Leute sollen nach dem amtlichen Bericht nicht die nötige Vorsicht geübt haben. So heißt es natürlich immer. Ueber die Arbeits⸗ zeit des Rangierpersonals auf dem Gießner Bahnhof hat der Abg. Leun eine Anfrage im Landtage eingebracht. Darin wird behauptet, daß das Rangierpersonal auf dem Bahnhof Gießen, insbesondere zu Stellwerk 10 und 11, zu übermenschlicher Leistung veranlaßt wird. Bei 12 stündiger Arbeitszeit werde noch nicht einmal eine ordnungsmäßige Pause gestattet. Während früher nach vier Nachtstunden ein freier Tag eingetreten sei, müßten diese Leute seit einigen Monaten sechs Tage hintereinander 12 stündigen Nachtdienst versehen. Es ist ja anz gut, wenn der Abgeordnete für Gießen⸗ gand die Unhaltbarkeit dieser Verhältnisse ein⸗ sieht. Seine politischen Gesinnungsfreunde

reden sonst immer davon, daß für die Arbeiter zu viel gethan werde.

Städtebund⸗Theater. Der Posten eines Direktors der vereinigten Theater Gieß en⸗

Marburg⸗Nauheim wurde kürzlich ausgesckhrieben. Es haben sich dafür nicht weniger als 53 Be⸗

werber gemeldet, darunter solche, die bereits

ähnliche Stellungen inne hatten und beste Em⸗ 4 N

pfehlungen besitzen. Für die engere Wahl sind zehn Bewerber ausgewählt.

DerNeue Welt⸗Kalender ist total vergriffen und der Verlag erklärt, daß auch kein Neudruck mehr erfolgen würde. Die hiesige Kolportage⸗Kommission konnte deshalb verschiedenen Nachfragen nicht entsprechen und sie ersucht diejenigen, die mehrere Exemplare bezogen, aber nicht alle abgesetzt haben, die überzähligen sof ort zurückzuschicken. Weiter sei bemerkt, daß bei der letzten Nummer der Wahre Jakob nicht mit expediert werden konnte, weil er bis zur Expedition der Neujahrs⸗ Nummer noch nicht eingetroffen war. Das beliebteAlmanach desWahr. Jak. er⸗ scheint diesmal nicht; wie mitgeteilt wird, in⸗ folge des Todes unseres Genossen Max Kegel, der stets in hervorragender Weise an der Fer⸗ tigstellung des Almanachs beteiligt war.

Aus dem Nreise Alsfeld⸗Cauterbach.

In Lauterbach ereignete sich am Sonntag ein schweres Unglück, das den Tod eines jungen Menschen zur Folge hatte. Der 14 jährige Sohn des Ingenieurs Skinner in Lauterbach war auf einem ihm gehörenden Esel ausgeritten. Als nach langem Ausbleiben der Esel allein nach Hause kam, suchte man nach dem Knaben und fand ihn blutüberströmt und besinnungslos auf einer steinigen Wiese liegen. Es ist anzunehmen, daß der Kvabe abgeworfen wurde und dabei einen schweren Schädelbruch erlitten hat, und außerdem noch von dem durchgehenden Tier ein Stück geschleift wurde. Verletzungen erlegen.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Vortrag. Die Lesevereinigung hat für ihren nächsten Vortragsabend Mit'

Der bedauernswerte Knabe ist seinen 1

woch den 14. Januar Herrn Professor

Mannheimer aus Frankfurt gewonnen, der diesmal über Schiller, seine Werke und seine Bedeutung für die deutsche Literatur sprechen wird. Die klare und allgemein verständliche Vortragsweise des Herrn Prof. Mannheimer

hat stets überall Anklang gefunden und er

wird es verstehen, seinen Zuhörern den großen deutschen Dichter, von dem aber leider viele Deutsche wenig wissen, näher zu bringen. Wir

empfehlen, besonders den Arbeitern, den Vortrag

recht zahlreich zu besuchen und pünktlich zu erscheinen. Der Vortrag beginnt ½9 Uhr, das Eintrittsgeld beträgt irren wir nicht 30 Pfg.

X. Doch wenigstens etwas! So sagten

sich diejenigen Arbeiter der Sophienhütte, die auch am heiligen Christfest schuften müssen, als sie an diesem Tage Kaffee und Kuchen,

Bier und Zigarren von der Werksleitung spen⸗

dirt erhielten. Die ältesten Leute erinnern sich

nicht, daß je eine derartige Freigebigkeit zu verzeichnen war, aber es ist doch ein erfreuliches

Zeichen dafür, daß die Wertschätzung des Ar-

beiters im Steigen begriffen ist. Man beginnt

vielleicht endlich einzusehen, daß die schwielgen Fäuste es sind, welche die Reichtümer schaffen, und man läßt eine menschenwürdigere Behand⸗

lung der Arbeitsbienen angelegen sein. Hoffent⸗

lich schreitet diese Einsicht weiter fort und führt

zur Besserung der Arbeitsverhältnisse, die in

der Sophienhütte wirklich sehr nottut. Dazu

wirds aber wohl so schnell nicht kommen, so

lange nicht die Arbeiter ihre Interessen durch Zusammenschluß zu wahren kleinen Gelegenheitsgeschenken

gewerkschaftlichen verstehen. Mit ist ihnen nicht gedient.

h. Das Ende vom Lied. Ganze 17 Prozent erhalten die Gläubiger der bankrotten

Firma Müller, Packard& Co. Ja, an den

allgemein angesehenen Herrn Packard werden

viele Wetzlarer Bürger denken.

s. Aus dem Westerwald schreibt man

uns: In der Nr. 51 der M. S.⸗Ztg. wurde mitgeteilt, daß sich der Christlich⸗soziale D 7

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