Ausgabe 
11.1.1903
 
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Seite 2.

Mitleldeuische Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 2.

Gegen alle Erfahrung und Erwartung ist darauf können wir aber wegen Raummangel

es während der diesmaligen Krise gelungen, den Mitgliederbestand der gewerk⸗ schaftlichen Organisationen auf der Höhe der Jahre des Aufschwungs zu halten. Es zeugt dies von der zunehmenden Erkenntnis der Notwendigkeit des wirtschaftlichen Zusam⸗ menschlusses in den weitesten Kreisen der Ar beiterbevölkerung. Möchte es auch im kommen⸗ den Jahre gelingen, daß der Gedanke der wirtschaftlichen Interessengemeinschaft unter den Arbeitern nicht nur in der bisherigen Stärke fortbesteht, sondern auch in den Kreisen Wurzel schlägt, die heute noch abseits von der modernen F blind in den Tag hinein eben.

Politische Rundschau.

Gießen, den 8. Jauuar.

Der Reichstag

tritt nächsten Dienstag wieder zusammen, hoffent⸗ lich zu besseren Taten als vor Weihnachten. Es wird sich nicht blos in den ersten Sitzungen, sondern in dem ganzen noch bevorstehenden Sesstonsabschnitt zeigen, daß die meisten ord⸗ nungsparteilichenVolksvertreter den Reichs⸗ tagsverhandlungen fern bleiben und zwar gerade diejenigen, die zahlreich zur Stelle waren und sogar die Nacht hindurch aushielten, als es sich um ihre persönlichen Interessen, um ihre Bereicherung durch die Lebensmittel ver⸗ teuerung handelte! Uebrigens war die Zoll⸗ nacht im Reichstage nicht übel, wie aus ver⸗ schiedenen nachträglichen Verlautbarungen her⸗ vorgeht. Es war die reinste Orgie, welche Junker, Pfaffen und Junkergenossen feierten. Die Zollwucherer waren rasend vor Freude. Und total besoffen.Die Vollsten hielten lich für die Retter des Vaterlandes schrieb ein Landedelmann in derZukunft.

Dann gingen die frommen katholischen Brot⸗ wucherer in eine Kirche und hörten die heilige Messe! Deutsches Volk, neige dein Haupt vor deinenVertretern!

Der Fall Krupp

wird in den Zeitungen noch vielfach erörtert und dürfte auch ungeachtet der Zurücknahme des Strafantrages gegen den Vorwärts, noch nicht sobald aus der öffentlichen Diskussion verschwinden.

Dieser Tage brachte unser Parteiorgan in Wien, die Arbeiterzeitung einen Leit⸗ artikel,Der Hintergrund der Krupp⸗Affatre betitelt, der viel Aufsehen erregte. Der Artikel stellt fest, das kein Mensch an einen natürlichen Tod Krupps glaube, zugleich aber auch, daß die Veröffentlichung desVorwärts nicht den 9 91 7 Eindruck auf Krupp gemacht hat.

ielmehr sei der entscheldende Schlag gegen Krupp längst vor demVorwärts Artikel ge⸗ führt worden. Die Gattin Krupps, eine nicht unbedeutende, kluge, leidenschaftliche Frau, habe sich schon lange über den fortwährenden Aufent⸗ halt ihres Mannes auf Capri und noch mehr über die Publikationen der italienischen Presse alterirt und sich an den Kaiser gewandt, da sie an der Wahrheit dieser Gerüchte glaubte. Dieser habe zur Entmündigung Krupps geraten. Inzwischen habe der frühere Marine⸗ miuister v. Hollmann den Kaiser überzeugt, daß die Capri⸗Gerüchte auf Unwahrheit und auf gestörten Phantasien der Frau Krupp be⸗ ruhten. Der Kaiser habe darauf kategorisch erklärt, dann müsse die Frau entmündigt werden, und Frau Krupp sei tatsächlich auf einige Wochen in eine Heilanstalt gebracht worden. In der Nacht, ehe das Konsilium der Aerzte über den Zustand der Frau Krupp stattfinden sollte, brach über Krupp die Kata⸗ strophe herein. Das sind in der Hauptsache die Tatsachen, die die WienerArbeiterzeltung mitteilt. Aehnliche Andeutungen hatte schon vor einiger Zeit dieMünchener Post gemacht. Unser Wiener Parteiorgan sagt noch viel In⸗ teressantes über die Zustände im Deutschen Reiche und die Verhältnisse in höchsten Kreisen,

und noch anderen Gründen nicht eingehen.

Zu der Affaire äußert sich ferner in einem Wiener Blatte der italienische Abgeordnete Ciccotti, der besonders das neapolitaner sozialistische BlattPropaganda in Schutz nimmt, das zuerst die Krupp-Skandale auf⸗ deckte und von der deutschen Kapitalisten⸗Presse als ein Schmutz⸗ und Schandblatt, das von Erpressern beeinflußt werde, verdächtigt wurde. Sogar dieFrkftr. Ztg. beteiligte sich an dieser Hetze.

Ciccotti weist zunächst nach, daß die Ver⸗ gangenheit derPropaganda eine durchaus tadellose, ja höchst ehrenwerte und dankens⸗ werte trotz der schlimmsten Verfolgung durch die Reaktion gewesen ist. Er erwähnt, daß gerade diesem Blatte die Säuberung des Sumpfes im Gemeinderat Neapels und den regierenden Kreisen Süditaliens zu verdanken sei. Aller⸗ dings hätte das Blatt auch Fehler begangen. Seine Irrtümer wären aber von ihm selbst und seinen Freunden richtig gestellt worden.

Niemals aber hat jemand an der ehrlichen, guten Absicht und an der Lauterkeit der Pro⸗ paganda zweifeln können. Und min kamen die Anklagen über die Vorgänge auf Capri. Ich habe schon gesagt, daß ich mich nicht mit den Einzelheiten befassen oder die Einzelpunkte jener Anklagen wiederholen will; die Tatsache bestand, daß durch die Schuld von raffinierten und degenerierten Menschen dort ein Milieu geschaffen worden und seine Wirkungen ausübte, das Demorali⸗ sation und Korruption bedeutete und das drohte, dort auf der Insel das moralische Niveau abermals tief herabzudrücken und diejenigen abzustoßen, die auf einem der schönsten Flecke der Erde nichts anderes suchten, als Erholung für ihren Körper und Frieden für den Geist. Auch die amtlichen Untersuchungen haben ja die Existenz eines solchen Milieus bestätigt.

Ciccotti ist kein Sozialdemokrat, aber ein ehrlicher Mann, der sich nicht scheut der Wahr⸗ heit die Ehre zu geben. Von den Soldschrei⸗ bern der Amts⸗, Kreis- und Muckerblättern wird wohl kaum einer soviel Schamgefühl im Leibe haben, die gemeinen, gegen unsere Partei geschleuderten Angriffe zurückzunehmen.

Verblüffende Wirkung der Kaiserreden.

Daß die Muckergesellschaft schon in Folge ihrer eigenen geistigen Armut hauptsäch⸗ lich die Kaiserreden für ihre Zwecke zu fruktiziren sucht, ist selbstverständlich. Unter diesen Zeichen gedachte auch derevangelische Arbeiter⸗Verein,(Arbeiter muß man in diesen Vereine allerdings mit der Laterne suchen) in Döhlen(Sachsen) bei den Ge⸗ meinderatswahlen zu siegen. Seinem Wahl aufruf fügte der Verein die Breslauer Kaiserrede bei. Und das Resultat?

34 Kaiserlich⸗evangelische und 219 sozialdemokratische Stimmen.

Möge der Kaiser nur recht viele Reden gegen uns halten und mögen die bürgerlichen Parteien sie nur im Wahlkampfe verwenden.

Unsere Partei hat übrigens bei zahlreichen Gemeindewahlen, die in den letzten Wochen in Sachsen stattgefunden haben, recht gute Erfolge zu verzeichnen. Ueberall Stimmenzu nahme der Sozialdemokratie; in viele Gemeinderäte drangen unsere Genossen ein, in denen sie bisher nicht vertreten waren, in anderen gelang es, die sozialdemokratische Vertretung zu berstärken. Aber nicht blos in Sachsen, sondern auch ander- wärts haben wir gute Wahlresultate zu regist⸗ rieren. So wurden bei einer Stadtverordneten⸗ Nachwahl in Gommern bei Magdeburg die beiden Genossen Friedrich und Karl Voigt gewählt, obwohl letzterer wegenLandfriedens⸗ bruch im Gefängnisse sitzt. Ebenso erkämpften unscre Parteigenossen in Durlach(Baden) bei den Gemeindewahlen in der dritten Klasse einen glänzenden Sieg. Sie haben jetzt dort 24 Sitze besetzt.

Von hohen Lebenswegen.

Die Flucht der zukünftigen Königin von Sachsen beschäftigt die Oeffentlichkeit im wei⸗ testen, Maße. Die Ordnungsblätter, die noch kürzlich bei der Krupp⸗Affaire maßlos über die Sozialdemokrate herfielen, weil der sittlichen Schwäche eines Millionärs Erwähnung getan

wurde, wissen jetzt über die Kronprinzessin und

ihre persönlichen Eigenschaften allen möglichen Klatsch zusammenzutragen. Mit Behagen plau⸗

dern die Schmocks die intimsten Dinge der

Dame aus, die sie noch vor wenig Wochen verhimmelten und der sie alle möglichen fürst⸗ lichen und weiblichen Tugenden andich teten.

Unterdessen weilt die Kronprinzessin mit ihrem Geliebten noch in Genf und erzählt Zeitungsberichterstattern über die Verhältnisse an dem vermuckerten Hofe, die sie zur Flucht gezwungen haben.

Zur Erledigung des Ehekonfliktes hat der König von Sachsen bereits einen Gerichts⸗ hof eingesetzt und über das Verfahren Anord⸗ nungen getroffen. Bemerkenwert ist, daß die Oeffentlichkeit ausgeschlossen bleibt und Berufun oder Revision im Gegensatz zu dem sonst üblichen Verfahren in bürgerlichen Streitigkeiten ausgeschlossen ist. Danach fehlt leider der von der bürgerlichen Presse geschmähten Frau die Möglichkeit, in der Oeffentlichkeit ihre Widerklage gegen den Kronprinzen zu begründen. Eine Ehescheidung kann übrigens, wie die Köln. Volksztg. ausführt, nicht ausgesprochen werden; so lange die Kronprinzessin lebe, könne der Kronprinz eine zweite Ehe nicht eingehen.

Danach muß der Kronprinz sich als Gatte der Kronzprinzessin fühlen, sogar wenn diese anderweitig verheiratet ist. Es ist ihm also nach katholischen Dogma unter diesen Umständen 77 7 keine Ehe, aberfreie Liebe er⸗ laubt.

Das Christfest in den Fürstenfamilien.

Die Byzantiner stellen es so dar, als ob dem sächstschen Hof durch die Flucht der Kron⸗ prinzessin das ganze Weihnachtsfest verdorben worden sei. Hier ist denn doch zu bemerken, daß an den Höfen das Weihnachtsfest nicht hat Rolle spielt, die es im gewöhnlichen Leben at. und Prinzessin Ruprecht von Bayern, die am Weihnachtsabend von Genua aus ihre halb⸗

jährige Reise nach Indien antraten, obwohl sie zwei kleine Kinder, davon eines 20 Monate,

das andere erst einige Wochen alt ist, zu Hause zurücklassen mußten. Es ist auch ungerecht,

der Kronprinzessin von Sachsen das Verlassen ihrer Kinder so schwer anrechnen zu wollen, Fürstenspröß: linge wachsen bei Ammen, Bonnen, Gouver⸗ nanten, Hofmeistern auf, während ihre Mütter allerlei Repräsentationspflichten erfüllen und innigere Bande zwischen

wie einer gewöhnlichen Mutter.

daher können sich Mutter und Kind gar nicht herausbilden.

Eine Parade der Stöckerianer.

In Berlin hielt derteure Gottesmann Stöcker mit seinem Anhang am Samstag ein Fest ab, das als Stiftungsfest der christlich⸗ sozialen Partei bezeichnet wurde. Die Partei feierte ihr fünfundzwanzigstes Daseinsjahr ohne eigentlich da zu sein. Es geht der Partet nämlich gar nicht gut. Sie hat in 25 Jahren wenig erreicht. Im Reichstage sitzt ja nur ein

einziger Vertreter, Stöcker selbst, und im Ber⸗

Den besten Beweis hierfür bieten Prinz

liner Rathaus, auf das es besonders abgesehen

war, auch nur einer.

Aber, weil Konservative und Antisemiten sich gelegentlich als die Ver⸗ treter christlich⸗sozialer Gedanken vorstellen, glaubte der Festredner, Pastor Philipps, aus⸗

sprechen zu dürfen, daß, wenn die christlich 9

soziale Partei in der bisherigen Weise weiter

kämpfe, sie in weiteren 25 Jahren den Sieg errungen haben werde. der christlich-soziale Gedanke unser Volk be⸗ herrschen, denn er allein könne die Mächte des

Umsturzes und des Unglaubens überwin⸗

. Ein Photograph hielt den denkwürdigen Augenblick fest, worauf dann Stöcker selbst

(einen zweiten Winkelried nannte ihn ein spä⸗

terer Redner) sich von der Ehrentafel erhob und das Podium bestieg, um einen Rückblick

auf die Kämpfe der letzten 25 Jahre zu werfen. f

Es ist Vieles besser geworden. Auch die kon⸗ servative Partei interessirt sich jetzt, wie er sagt, für die berechtigten Forderungen der Arbeiter (siehe Zolltarif, Zuchthausgesetz ꝛc.). Vor Allem aber sei aus den christlich-⸗sozialen Versam

Wenigstens werde dann