Ausgabe 
11.1.1903
 
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Nr. 2.

10 1999.

Gießen, den 11. Januar

10. Jahrg.

Nebaltlon: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Die Mitteldeutsche

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Dem Volke muff die Religion erhalten werden.

Im Feuilleton eines konservativen Blattes war dieser Tage, schreibt unser Hamburger Parteiorgan, eine Beschreibung jener tropischen Heuschrecke oder Cscade zu lesen, dieGottes⸗ anbeterin und ähnlich auch wissenschaftlich Mantis religiosa heißt. Der Name wird er⸗ klärt aus der Gewohnheit des Insekts, seine Vorderbeine wie zum Gebet nach oben zu heben. Mit dieser Haltung aber bezwecke das Tier nichts weniger, als andächtige oder dankbare Gefühle zum Himmel zu senden, sondern sie sei ein Mittel niederträchtiger List. In dem gesenkten Köpfchen, ein erbauliches Bild von Demut, lauern die schwärzesten Absichten. Es kommt eine Fliege herbei; kaum ist sie in die Nähe der Heuchlerin gekommen, so richtet sich der Leib auf und die langen Vorderbeine schießen wie Pfeile nach der Beute, die gepackt und verzehrt wird. In der gleichen Spalte des Blattes über dem Strich war nun, wie zur Selbstverhöhnung, einer jener muckerischen Fest⸗ artikel zu lesen, vorin besonders dieKreuz⸗ zeitung groß ist und worin die journalistische Gottesanbeterin mit frömmelnden Phrasen den Brotwucher verherrlicht und den Umsturz be⸗ kämpft.

Die Tendenz, mittels der Religion der sozialen und politischen Volksbewegung Abbruch zu tun, den Geist der Freiheit zu narkottsieren zum Besten des bestehenden Regiments, be⸗ herrscht heutzutage wieder mehr als je das offizielle Kirchentum beider Konfessionen. Auch aufgeklärte und volkstümlich gestunte Geistliche können es gegenwärtig nicht mehr wagen, in lichtvollen Kanzelvorträgen wahrhaft bildend auf ihr Auditorium zu wirken, im Sinne des verstorbenen Philosophen und Aesthetikers Fr. Vischer, welcher schrieb:Im besseren Staat wäre der Geistliche einfach Volks pädagog. Jeder magische Nimbus fiele weg. Geistlichkeit und Geistigkeit sind keine Synonyme(gleichbedeutende Worte). Es ist nur das kleine l, was den großen Strich dazwischen macht.

Wenn man an Fest⸗ und Sonntagen die beim Glockenklang in die Kirchen strömenden Scharen erblickt, drängt sich der Gedanke auf: Wie sehr könnten doch diese arbeitsfreien Tage zur Hebung des geistigen und zugleich sitt⸗ lichen Niveaus dieser Leute verwertet, wie könnte der Horizont ihres Wissens erweitert, ihre Einsicht geklärt, ihr Verständnis für höhere Ideen geweckt werden, wenn die Stunden, die sie nicht der Erholung und Zerstreung widmen, hierzu ausgenützt würden; statt daß sie von einer rückständigen Gedankenwelt absorbirt wer⸗ den, von einem Kreis von Vorstellungen, die, auch wo sie nicht auf die weltliche eaktion zugespitzt sind, die Köpfe nicht erhellen, sondern verdunkeln!

Die Erwachsenen können sich dem rp ein ansehnlicher Teil der Arbeiterschaft chöpft an Fest⸗ und Sonntagen geistige Erqutckung und Bereicherung des Wissens aus gesunder Lektüre und belehrenden und aufklärenden Vor⸗ trägen in Versammlungen. Nicht entziehen kann sich aber der sich breit machenden und

den übrigen Kenntnissen Zeit und Kraft rauben⸗ den Religion die Volksschule.

Wie viel Stunden

der Religionsunterricht absorbirt zu schweren Beeinträchtigung der übrigen Fächer, das ist in der letzten Dezembertagung des württem⸗ bergischen Landtages von unserem Fraktions⸗ redner Hildenbrand kräftig zum Ausdruck ge⸗ bracht worden.

Zur Beratung stand die von der Regierung vorgelegte Volksschul⸗Novelle, welche die Er⸗ wartungen aller Freunde eines zeitgemäßen Fortschritts schwer enttäuscht hat, indem der in Württemberg noch besteheude Zopf der geist⸗ lichen Schulaufsicht nur unmerklich gestutzt werden soll. Der obligatorische Reli⸗ gions unterricht in der Volksschule ist von keiner bürgerlichen Partei beanstandet worden, nur von unserer Fraktion wurde der Autrag 515 und trefflich begründet, ihn aus der

olksschule auszuschalten. Dabei ent⸗ hielt sich unser Redner alle radikalistischen Aus⸗ fälle gegen die Religlon und konzedirte vielmehr, daß nach dem Vorbild Frankreichs an einem bestimmten Wochentag der Schulunterricht aus⸗ fallen mag, damit die Eltern, die auf religiöse Erziehung ihrer Kinder halten, den Religions⸗ unterricht von kirchlichen Organen erteilen lassen können. Dem gegenüber betonte der Minister wiederholt. unter dem Beifall besonders des Zentrums, daß nach wie vor diezentrale Stellung der Religion in der Volksschule ge⸗ wahrt bleiben müsse!

Und diese zarte Rücksichtnahme auf den sich weit über Gebühr breit machenden Religions⸗ unterricht, der bei Leibe nicht verkürzt werden soll, war auch der Hauptgrund, weshalb die weiteren Anträge unserer Fraktion auf obliga⸗ torische Einführung wichtiger Fächer für das praktische Leben, wie Raumlehre und Gesetzes⸗ kunde, sowie des für Gesundheit und körper- liche Entwicklung so zuträglichen Turnunter⸗ richts auch für Mädchen nur nach eingehenden Debatten, in denen unser Fraktionsredner vor⸗ 115 seinen Mann stellte, wenig Gegenliebe and.

Dem Volke muß die Religion erhalten werden, um die Volksschule allein handelt es sich ja, die Wohlhabenden schicken ihre Kinder in die höheren Schulen, wo sie alles Wünschens⸗ werte lernen können, ohne der Religion behin⸗ dert zu sein. Die Klassengesetzgeber ver leugnen sich nirgends.

Wirtschaftliches aus dem Jahre 1902.

In seinen wirtschaftlichem Jahresüberblick schreibt Genosse Abg. Calwer:

Mit dem Jahre 1902 geht das zweite volle Krisenjahr zu Ende. Es hat schwer auf dem Arbeitsmarkt N Arbeitslosigkeit und ver⸗ minderter Verdienst, teurer Lebensunterhalt und verschlechterte Lebenshaltung gaben dem nun⸗ mehr zu Ende gehenden Jahre sein charakte⸗ ristisches Gepräge. Gleich zu Beginn setzte die Krise mit aller Wucht im Kohlenbergbau ein, der noch bis Ende 1901 sich mit zähem

Widerstand gegen einen unaufhaltsamen Nleder⸗

ang zu wehren suchte. Das erste Quartal 902 brachte allein für den Ruhrkohlenbergbau eine Entlassung von ca. 10 000 Arbeitern. Für diejenigen aber, die noch beschäftigt blieben,

brachte es eine starke Herabminderung der Ar⸗ beitsgelegenheit: Feierschichten wurden im Durch⸗ schnitt auf jeder Zeche mindestens eine pro Woche eingelegt, es kam aber auch nicht selten vor, daß 2 und 3 Schichten in der Woche aus⸗ fielen. Bis gezen Ende des Jahres verharrte dann der Bergbau in einer seit langem nicht mehr dagewesenen Stagnation.

Calwer weist dann auf die Fortdauer der Krise und ihre verheerende Wirkung im Eisen⸗ gewerbe hin, wodurch auch die Maschinen⸗ und Kleineisen-Industrie in Mitleiden⸗ schaft gezogen wurde. Auch im Baugewerbe war die Konjunktur eine schlechte, weil beson⸗ ders die Errichtung industrieller Neuaulagen fortfiel, auch der Wohnungsbau war weniger lebhaft als in früheren Jahren. Für den Ar⸗ beitsmarkt resultierte aus dem hier gekennzeich⸗ neten Beschäftigungsgrad der Haupterwerbs⸗ zweige eine stark verminderte Arbeitsgelegen⸗ heit, die den Verdienst der Arbeiterklasse um so erheblicher herabsetzte, als gleichzeitig auch die Lohnsätze fallende Tenvenz zeigten. Dazu kam, daß in deu ersten Monaten des Jahres die Arbeits losigkeit einen bedroh⸗ lichen Umfang angenommen hatte, obwohl in zahlreichen Betrieben durch allgemeine Herab⸗ setzung der Arbeitszeit größeren Eutlassungen möglichst vorgebeugt wurde. Schon an diesen Folgen der Krise, verminderter Arbeitsgelegen⸗ heit, stark gekürzten Löhnen und umfangreicher Arbeitslosigkeit hätte die Arbeiterklasse schwer zu tragen gehabt. Denn sie allein bedeuteten schon eine starke Erschwerung der Lebenshaltung. Es kam nun aber hinzu, daß, während Lohn und Verdienst erheblich zurückgiugen, gleichzeitig die Preise für die notwendigen Lebens⸗ mittel nicht nur nicht sauken, sondern teilweise ganz erhebli in die Höhe gingen. Gleich zu Anfang des Jahres trat eine große Knappheit auf dem Schweinemarkt ein, die die Fleichpreise im Detailverkauf bis zu einer für den Arbeiter⸗ haushalt kaum erschwinglichen Höhe hinauftrieb. Gerade Schweinefleisch war aber wegen seiner Billigkeit bisher die Hauptfleischsorte der ar⸗ beitenden Bevölkerung. Zu Aufang des Jahres stieg nun der Preis bis zur Höhe der anderen Fleischsorten. Wenn auch von März bis An⸗ faug August die Teuerung wieder etwas nach⸗ ließ, so setzte sie von August wieder um so schärfer ein, ja, sie verallgemeinerte sich in ofern, als sie sich auch auf die anderen Fleischsorten ausdehnte. Es ist schwer zu sagen, wie stark durch diese Teuerung die Fleischernährung des deutschen Volkes zurückgegangen ist. So viel aber steht fest, daß der Gesundheitszustaud und die Leistungsfähigkeit der deutschen Arbeiter⸗ klasse unter diesen Ausnahmepreisen für Fleisch nicht gewonnen haben haben. So schaut die deutsche Arbeiterklasse auf ein für sie in wirt⸗ schaftlicher Beziehung höchst ungün stig es Jahr zurück, dessen Schädigungen sie um so schwerer empfinden muß, als man ihr noch

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nicht einmal die Hoffnung auf eine baldige

Besserung in Aussicht stellen kann.

Die Annahme des Zolltarifs durch den Reichstag eröffnet für die künftige Gestaltung unserer Handelsbeziehungen zum Auslande recht unerfreuliche Aussichten. Selbst die Absatzge⸗ biete in den für unsere Industrie am meisten ins Gewicht fallenden mitteleuropäischen Staaten erscheinen gefährdet.