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Seite 6.
Mitteldenische Sonntags⸗Zeitung.
also mit einer Niederlage der Polizei zu enden. So geht's, wenn man die Schneidigkeit zu weit treibt.
Strafgefangener als Ordnungs wächter.
Vor Kurzem stellte der ultramontane Bürger⸗ meister von Urberach im Kreise Offenbach einen beurlaubten Strafgefangenen zur Vertretung des Polizeidieners ein. Dieser Fall war so ungeheuerlich, daß die überwiegende Mehrzahl ber dortigen Einwohnerschaft sich darüber em⸗ pörte. Um den Bürgermeister eines Anderen zu belehren und ihm klar zu machen, daß er nicht die höchste Instanz ist, beschwerten sich einige Bürger beim Kreisamt Dieburg über. den Mißgriff. In letzter Woche erhielten nun die Beschwerdeführer von obigem Kreisamt die Abschrift einer an die Bürgemeisterei Urberach ergangenen kreisamtlichen Verfügung. Sie lautet: ...„Da p. Sulzmann nach Ihren Berichten tatsächlich wegen Körperverletzung mit 4 Monaten Gefängnis bestraft, durfte derselbe nicht zur Ver⸗ tretung des Polizeidieners herangezogen werden. Wir empfehlen Ihnen deshalb, in Zukunft in solchen Fällen bei Auswahl eines Stellvertreters vorsichtiger zu sein und nur einen Mann zu wählen, dessen Leumund ungetrübt ist. Von welchen Personen die Beschwerde ausgeht, muß für uns ganz außer Betracht bleiben. gez. Loch⸗ mann.“ Der letzte Satz dieser Abschrift charak⸗ terisirt den Bürgermeister recht drastisch. Jeden⸗ falls glaubte dieser unparteiische Mann, er könnte das Gr. Kreisamt beeinflussen, wenn er die Beschwerdeführer als Sozialdemokraten, Hetzer oder Auswiegler bezeichnete.— Jeuer Vertretungs⸗ Polizist war einer derjenigen Zentrumsbrüder, welche gelegentlich der Gemeinderatswahl in Urberach in ein Wirtslokal, wo unsere Genossen Versammlung abhielten, eindrangen und mit Knüppeln auf die Versammelten einschlugen. Die Knüppelhelden versuchte dann der Zen— trumsabgeordnete Brentano im Landtage als „schlichte Urberacher“ herauszustreichen.
Die blamierte Prüfungskommission.
Ein niedliches Stückchen hat sich die Göt⸗ tinger Kommission für die von der Zwangs⸗
Satte. Hefende rte ir Hen e t Wel felbstverstandlich alich Unsere
der auslernenden Lehrlinge geleistet. Der Sattlerlehrling Karl Nodmann hat zu Ostern sein Gesellenstück gemacht, das aber von der famosen Prüfungskommission als untauglich zurückgewiesen wurde. Der Junge wurde ver⸗ dammt, bei einem anderen Meister noch ein ierteljahr nachzulernen. Nicht faul, schickt der Junge seine zurückgwiesene Arbeit zur Lehrlings⸗ ausstellung nach Hildesheim— und erhält den ersten Preis. In Innungskreisen ist man nun sehr darauf gespannt, ob der Junge nun wiklich das Vierteljahr nachlernen muß. Was jedoch diese Gesellenprüfungen durch die Konkurrenten des Lehrmeisters wert sind, wird durch diesen Fall recht augenfällig bewiesen.
Warum die Soldatenmißhandlungen nicht aufhören.
Vor dem Kriegsgericht in Landau(Pfalz) stand vor einigen Tagen ein Leutnant des 3. Bayr. Chevauxlegers⸗Regt., das in Dieuze (Lothringen) in Garnison liegt, unter der Au⸗ klage, Untergebene zur Begehung strafbarer Handlungen aufgefordert zu haben. Der Herr Leutnant, Sohn eines Bankiers in Berlin, Namens Richter, hatte den Drill der Rekruten zu leiten. Um den Burschen das nötige militärische Ehrgefühl beizubringen, instruierte er die Unteroffiziere:„Wenn einer der Kerls nicht ziehen will, so schlagt nur drauf, ich werde es nicht sehen.“ Vier Unteroffizieren, die sich im Stalle befanden, gab er gleichfalls den Rat, nur drauf zu schlagen, wenn's nicht klappe. Diese Auftrage ließen die Unteroffiziere unbeachtet, ja sie beschlossen sogar, auf den Rat eines derselben, keine Hand wider die Leute aufzuheben, denn, so argumentierten sie, wenn der Rittmeister von Mißhandlungen
hört, so läßt uns der Leutnant doch im Stich.
Das Gericht dam nach einigem Ueberlegen zu einem Freispruch, indem es annahm, das
sehl gewesen! Dabei ist derselbe Leutnant erst kürzlich wegen vorschriftswidriger Behandlung Untergebener bestraft worden.
Ein Bild der christlichen Nächstenliebe.
Eine Verhandlung, die vor dem Landgericht Bamberg am Sonnabend stattfand, entrollte ein düsteres Kulturbild aus den bahyrischen Bauernkreisen. Der Bürgermeister Lahner und die Gemeindedienersfrau Bernreuther von Nieder⸗ mirsberg hatten sich wegen Tötung zu verant⸗ worten. Sie haben den am 24. August vor. Jahres im Armenhause zu Niedermirsberg in⸗ folge Verwahrlosung erfolgten Tod der Ge- meindearmen Marg. Geck verschuldet. Als der Letchenschauer die Leiche der 71 jährigen Armen⸗ häuslerin besichtigte, fand er dieselbe in einem Zustande vor, der aller Beschreibung spottet. Das Sterbelager bestand aus einem Haufen gänzlich verfaulten stinkenden Strohs, der Körper war auf der Rückseite über und über mit Geschwüren bedeckt, die durch fortgesetzte Unreinlichkeit entstanden waren und am ganzen Leibe der Toten wimmelte es von Läusen. Außerdem bestand der Körper fast nur noch aus Haut und Knochen, so daß der Leichen⸗ schauer, dessen Funktion in Niedermirsberg der Dorfbader ausübt, auf den Gedanken kam, die Geck sei den Hungertod gestorben. Aus diesem Grunde erstattete er Anzeige, sonst wäre die Leiche vielleicht verscharrt worden und die Welt hätte nie erfahren, wie die Niedermirsberger gut katholischen Bauern ihre Armen in Schmutz und Elend verkommen lassen. Die gerichtlich angeordnete Sektion ergab als Todesursache Blutvergiftung, hervorgerufen durch gänzliche Verwahrlosung, wofür die beiden Angeklagten verantwortlich gemacht wurden, der Bürger⸗ meister, weil er als Vorsteher der Gemeinde sich niemals um die kranke und hilflose Frau gekümmert, die Gemeindedienersfrau, weil ste, der gegen eine tägliche Entschädigung von 30 Pfg. die Aufgabe übertragen war, die Kranke mit dem Nötigen zu versorgen, ihre Pflicht gröblich vernachlässigt, und in der Zeit, da die Arme
sch 55 Leiden durch den Tod erlöst wurde, ich auf eine mehrtägige Wall da Rae be. aonlell. Berns Elend l- begeben
dk vbysnie Vorsorge zu treffen, daß in ihrer
Abwesenheit die Kranke gepflegt würde. Auch
der Bürgermeister spielte sichzin der Verhand⸗
lung als ein sehr frommer Mann auf und
führte als Entschuldigung für das unmenschliche
Verhalten gegenüber der Geck an, daß diese
für ihren schlechten Lebenswandel habe büßen
müssen, sie habe nur die gerechte Strafe Gottes
empfangen. Der„schlechte Lebenswandel“ be⸗
stand darin, daß die G. vor mehr als einem
Menschenalter unehelich geboren hat: Vor
Gericht wollte der mutige Bürgermeister alle Schuld auf die Mitangeklagte schieben, die u. a. bekundete, daß sie wiederholt bei dem Bürgermeister um frisches Stroh für die Armen⸗ häuslerin gebeten habe, was ihr aber rundweg verweigert wurde. Das famose Dorfoberhaupt redete davon, daß der Geck die Unmenge Säure „angehext“ seien. Durch die Zeugenaussagen wurden derartige unmenschliche Roheiten fest⸗ gestellt, daß man sich fragen muß, ob es denn wirklich möglich ist, daß in unserm Zeitalter der„Humanität“ solche Dinge noch vorkommen können. Als sie einmal aus dem Fenster sprang und sich nicht mehr erheben konnte, rief der Bürgermeister den ihr beispringenden Leuten zu, man solle sie mit der Peitsche auf⸗ treiben, dann werde sie schon Beine bekommen. Die verübten Herzlosigkeiten alle aufzuzählen, würde ein ganzes Buch kaum ausreichen. Moralisch mitverantwortlich ist der„Seelsorger“ Pfarrer Zwingmann, der Vorstand der Armenpflege ist, sich aber niemals nach der Geck umgesehen hat, obwohl er wußte, daß sie krank und vollständig hilflos war.— Der Staatsanwalt beantragte gegen den Bürger⸗ meister Lahner 4 Monate und gegen die „Pflegerin“ 1 Monat Gefängnis. Die An⸗ geklagten kamen aber viel billiger weg, der Bürgermeister erhielt nur 1 Monat Gefängnis und die saubere Pflegerin erzielte sogar Frei⸗ sprechung.— So sieht sehr oft die christ⸗ liche Nächstenliebe aus.
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Im Frühling.
Welch' ein Duften, welch' ein Blühn, Reicher Maiensegen!
Ueppig sproßt das junge Grün Rings auf allen Wegen.
In der grünen Blättertracht
Steht der Wald mit Prangen,
Und des Lenzes Saubermacht
Hält uns lind umfangen.
Menschenherz, vergiß der Qual! Sei des Harmes müde!
Oeffne dich dem Sonnenstrahl Wie die junge Blüte.
Sollst nicht mehr zu eigner Pein Am Verlornen hangen; Siegreich zog der Frühling ein: Gieb dich nur gefangen!
Und bei all der Herrlichkeit Solltest du nicht säumen,
Um von einer bessern Seit Wenigstens zu träumen,
Daß sich auch Dein Cos zuletzt Freundlich wird gestalten; Mutvoll mag die Hoffnung jetzt Ihr Panier entfalten!
Eine Erinnerung aus dem Wahlkampfe.
Dumpf dröhnend verkündet die alte Turm⸗ uhr die sechste Stunde. Einzeln oder in Gruppen entströmen die Arbeiter in verstaubter Kleidung dem Fabriktor. Es ist Feierabend und Jeder eilt seinem Heime zu.
Der behäbige Herr, dessen Gestalt jetzt an
hinab. Er wischt sich wit einem Zipfel der Serviette den Mund, mit einem anderen die Schweißtropfen von der Stirn. Schwere Arbeit mußte der Herr Pastor verrichtet haben. Auf dem Tische stehen diverse Schüsseln und Teller. Das tägliche Brot bestand heute aus Bouillon, Kalbsbraten, Spargel und Kompot. Jetzt entzündet der Herr Pfarrer seine Haus⸗ pfeife und öffnet zwei Knöpfe seines Rockes.
Drüben geht grade der Jürgen. Stolz schreitet er in seinem schmutzigen Ehrenkleide dahin.
bin Zug des Unwillens huscht über das graue Gesicht seiner Ehrwürden. Mußte ihn der Anblick dieses Mannes schon wieder in seiner Andacht stören? f a
Voller Unmut begiebt er sich an seinen Schreibtisch. Doch die rechten Gedanken zu der morgigen Predigt wollen sich nicht einstellen.
Die fatale Geschichte vom vergangenen Jahre wiederholte sich in seinem Geiste.
Da hatte ihn dieser Jürgen belehrt, daß der alte Spruch:„Schweigen ist Gold!“ immer noch seine Gültigkeit habe. g
Es war in einer Wählerversammlung. Die Auwesenden gehörten in ihrer großen Mehrzahl der arbeitenden Klasse an. Seine Ehrwürden trat kraftvoll, wie es ihm in seinem Amte zukam, für den Kandidaten der Ordnung ein. Er wetterte gegen den Umsturz, die immer mehr sich verbreitende Lauheit in religösen Dingen.
zeterte der alte Herr,„steht Denen, die aus frevlem Uebermut diesen Wählern Gefolgschaft leisten, das Feuer der Hölle in sicherer Aussicht!
der Versammlung. Zustimmung.
Lebens, welcher der Seele Befriedigung bringt? Ich sage Nein! Wohl aber ist es das Bewußt.
was der Leutnant gesagt, sei kein direkter Be⸗
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sein, die von Gott eingesetzte Ordnung geachtet
einem Fenster des etwas zurückliegenden Pfarr ⸗ 1 uses erscheint, bliat auf das lebhafte Treiben
„So wahr es eine ewige Seligkeit giebt,“ 4
ort: 1 8„Und ist es denn der Genuß des irdischen
Ein unbestimmtes Murmeln erhob sich in 1 Der Redner hielt es fürn Mit erhöhter Stimme fuhr er
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