Ausgabe 
10.5.1903
 
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Nr. 19.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

zu haben. Brot?

Wer giebt uns denn das tägliche Etwa diese Sozialdemokraten, die selbst nichts haben, die sich nicht scheuen, alles Fromme und Ehrbare in den Schmutz zu ziehen? Oder Jene, die ihr Kapital in wohl⸗ tätiger Weise dazu anlegen, der Mehrzahl unserer Einwohner den nötigen Verdienst zu geben? Und sorgt unsere, von Gott eingesetzte Gesellschaftsordnung nicht dafür, daß auch der Armen gedacht wird nach dem Bibelspruche: Wer zwei Röcke hat, gebe Dem einen, der keinen hat? Wahrlich, die Wahl kann nicht schwer fallen zwischen unserem allbeliebten Mitbürger N., der fest auf dem Boden unserer heutigen Ordnung der Dinge steht und jenem fremden Eindringlinge.

Er hatte seine Rede mit demütigen Blicken nach oben, mit strengen Blicken auf die Ver⸗ sammelten begleitet.

Nun, da er geendet, erhob sich vereinzelter, schü terner Beifall. Der Herr Pastor mochte

allseitige, jubelnde Zustimmung erwartet haben.

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Er machte ein bekümmertes Gesicht, als er abtrat. Sollte der Geist der Unzufriedenheit sich in diesem ehrwürdigen Städtchen auch schon eingenistet haben?

Der Vorsitzende rief laut den Namen des nächsten Redners in die Versammlung. Eine Bewegung machte sich in der Ver⸗ sammlung bemerkbar. Man schob und drängte sich. Ein hochgewachsener Mann strebte nach dem Rednerpult. Jetzt stand er oben. Es war Jürgen.

Merkwürdig erklang seine Stimme. Er erzählte von dem niedrigen Verdienst und dem Elend der Lohnarbeiter und zog zun: Vergleiche die hohen Dividenden und den mühlosen Gewinn der Aktionäre und Unternehener heran.

Atemlos lauschten die Versammelten. Er empfahl ihnen, im Gegensatz zu dem Pfarrer,

den Kandidaten der Arbeiter, da dieser, im

Arbeiterstande aufgewachsen, auch am besten

wisse, wo seinen Standesgenossen der Schuh

drücke. Wir verlangen keine Wohltat, sprach der Redner,sondern Arbeit, br für diese Arbeit

den verdienten Lohn!

Es hört sich schön an, fuhr er fort,wenn mein Vorredner von dem bekannten Bibelworte

spricht, doch ich muß erklären, daß dieser Spruch 1 15 von den besitzenden Klassen nicht beherzigt wird.

In der Veysammlung entstand eine Bewegung.

Zornesröte im Gesicht meldete sich der Pastor zum Wort.

Denn, so fuhr Jürgen mit einem Blick

auf den Pastor fort,auch der Herr Pastor wird mir gleich beipflichten müssen.

Es sind schon verschiedene Jahre ver⸗ flossen, da stand an einem kalten Winterabend ein kleiner Junge vor einem Pfarrhause. Sein Anzug war zerschlissen. Der Hunger war ihm von den hohlen Wangen abzulesen. Das erste Almosen zu erbitten, wurde ihm nicht leicht. Aber Hunger tut weh. Der Vater hatte schon lang keine Arbeit, und es fehlte am Nötigsten. Zögernd ergriff der Kleine die Glocke und schellte. In der nächsten Minute stand er dem Pfarrer gegenüber. Er stotterte seinen Wunsch auf ein Stückchen Brot hervor, ihm sei gar so hungrig. Der Pfarrer faßte ihn am Arm, schalt ihn einen nichtsnutzigen Schlingel, und trotz flehentlicher Bitten übergab er denBettler einem Schutzmann.

Stürmische Pfuirufe ertönten hier aus der Versammlung. Der Pastor rief:Beweise! Aller Augen richteten sich auf ihn.

Selbstredend, begann Jürgen wieder, und seine hohe Gestalt reckte sich,habe ich dieses Beispiel der vielgerühmten Nächstenliebe nicht erzählt, um es unbewiesen zu lassen.

Dieser arme Junge, und er maß die Gestalt des Pastors mit den Augen,steht jetzt, nach dreizehn Jahren vor Ihnen, und der Samariter von damals, das sind

ie!

Der Pfarrer erbleichte und wich einen Schritt zurück. Drohworte wurden aus der Mitte der Versammlung gegen ihn laut. Der Tumult verstärkte sich noch, als Jürgen ein Schriftstück vorlas, dessen Echtheit durch das unten befindliche Gerichtssiegel außer allem Zweifel war. Es war das Gerichtsurteil, laut welchem der damaligeBettler für seine Tat mit einem Tage Gefangnis bestraft wurde. Als einziger Zeuge war der Pastor verzeichnet.

Nachdem sich die Erregung etwas gelegt, wurde als nächster Redner der Pastor auf⸗

gerufen. Doch dieser war nicht mehr anwesend. Einige der Versammelten wollten bemerkt haben, wie er die entstandene Unruhe dazu benutzte, sich durch eine Hintertür zu entfernen. Er hatte den Kampf gegen den Umsturz aufgegeben.

Der Herr Pastor hat den Kopf in die Hand gestützt. Er wirft ab und zu hastig einige Sätze auf das vor ihm liegende Papier. Möge er morgen in seiner Predigt nicht unter⸗ lassen, die Gemeinde zu bitten, nicht nach seinen Werken, sondern nach seinen Worteu zu handeln, denn wir sind allzumal Sünder!

8.

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ö 1889:

Splitter.

Groß, so höre ich euch beten, Groß ist, wer sich selbst bezwang. Goldene Weisheit für Asketen, Von den Lauen nachgetreten, Für den trotzenden Athleten Pritschenton und Schellenklang.

Ibsen.

** * Es ist die hergebrachte Satzung Der hohlen Köpfe beste Atzung. Willst du gefallen jenem Geschlecht, Beruf' dich nie auf höheres Recht. v. Leixuer.

Humoristisches.

Passanten⸗Zettel am Tor der Hölle. In der von Friedrich Schiller herausgegebeuen Anthologie auf das Jahr 1782 befindet sich folgendes Gedicht, das man jetzt Schiller selbst zuschreibt:

Passanten⸗Zettel am Tor der Hölle.

Früh morgends zehen Advokaten

Zu Pferd, acht Schreiber hinterdrein,

Darauf ein Herr mit runden Waden, 4

Soll gar ein Hum! gewesen seyn.

Mittags etn Jud, drei Rezensenten,

Drauf acht besoffene Studenten,

Ein gar fürnehmer Herr hopp hopp

Im majestätischen Galopp,

Nach Mittag mit zerzaußten Haaren

Ein Heer versoffener Husaren,

Voran Su. Gnaden Herr Major

Zuletzt doch nur gemach, ihr Herren!

Wills denn bis zum jüngsten Tage währen?

Und plötzlich fiel der Schlagbaum vor.

Item am Tor des Himmels. Vor Mittag nichts Mittags ein Heid, zwei Kinder; Spät Abends noch ein armer Sünder. 5(Münch. Post.)

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Geschichtskalender.

10. Mai. zlalistengesetzes.

1887: Zweite Verlängerung des So⸗

11. 1896: Jan. Polders⸗ Brüssel. 1878 8

Aktentat Hödels auf Wilhelm J. 12. 1803: Justus v. Liebig, Chemiker,*. 13. 1879: Aug. Reinders, soz. Reichstags⸗

e 0

14. 1878: Vorlage des ersten Sozialistengesetzes.

15. 1901: Obstruktions⸗Niederlage der Schnaps⸗ Junker im Reichstage. 1896: Organisations⸗Auflösungs⸗ Prozeß gegen Auer und Genossen Berlin.

16. 1902: General⸗Wahlrechtsstreik in Schweden. Wilh. II. verteidigt die Arbeitszeitverkürzung gegen die Bergwerksbesitzer.

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