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Mitteldenische Sountaas⸗Zeitung
Nr. 19.
natürlich keinen Anlaß zum Einschreiten fanden. hier waren alle Versammlungen überfüllt. In Leipzig gestaltete sich die Maifeier zu einer großartigen Demonstratlon, eindrucksvoller und wirksamer, als wie sie jemals in den Vorjahren begangen wurde. Der Blerkrieg, der gegenwärtig in Leipzig zum Austrogeg bracht wird, hat nicht unwesentlich auf die Malifeier eingewirkt. Im letz en Augenblick wurde den Leipziger Arbeitern zur Abhaltung der Maifeier der große Brauereigarten in Stötteritz, in dem elf Jahre lang die Maifeier abgehalten worden ist, verweigert. Das Maikomitee veranstaltete demzufolge die Maifeier im Garten der Brauerei in Burghausen, die dem Ringe nicht angehört. Obgleich der Festplatz eine volle Stunde von Leipzig abliegt, zogen etwa 4000 Personen in zwangloser Weise durch die Stadt nach dem Festplatze, wo Abg. Antrick die Mairede hlelt.
Im Auslande machte sich die Maifeier ebenfalls stärker als in früheren Jahren bemerkbar. Ueberall ver tief der Weltfeiertag würdig, nur in Kronstadt (Rußland) provo ierte die Polizei einen blutigen Konflikt. Der von den Arbeitern geplante Mai-Umzug wurde von der Polizei verboten. Die Arbeiter verzichteten auch auf den Umzug und versammelten sich auf einem freien Platze, wo eine Ansprache gehalten werden sollte. Als etwa 4— 5000 Arbeiter versammelt waren, stürmte plötzlich Polizeimannschaft mit gezogenem Säbel in die Menge. Mehrere Arbeiter wurden verwundet.
Pon Nah und Lern.
Hessisches.
— Das hessische Finanzgesetz, wie es sich nach den Beschlüssen des Landtags ge⸗ staltet hat, ist dem Großherzog zur Genehmigung 1 1 55 ff wird die Ver⸗ mögenssteuer von 55 Pfg. auf 75 Pfg. pr. 1000 Mk. erhöht. Die indirekten Auflagen werden in der bisherigen Weise erhoben, des⸗ gleichen die direkten Steuern. Zur Deckung e Anbeih⸗ ist die Regierung ermächtigt, eine Anleihe im Betrag von 8 223 757 Mk. aufzunehmen..
Auch
nus“, wo man sich ein paar Stunden bei Kon⸗ zert und Gesang vergnügte. Die gesanglichen Leistungen der„Eintracht“ wurden allgemein lobend anerkannt.
— Die Stadtverordneten⸗Versamm⸗ lung nahm am Donnerstag die Begräbnisord⸗ nung nach den Beschlüssen der Kommission an. Wir kommen auf die Bestimmungen derselben noch n
— Unpaxrtetischer Reichs üg
kandidat der Natio 1a l und Freisinnigen“— das hört sich merk⸗ würdig genug an und ist eigentlich ein Wider⸗ spruch in sich. Und doch wird der von National⸗ liberalen und Freisinnigen aufgestellte Kandidat, der Handelskammersekretär Schloß ma cher in Offenbach als„Unparteiischer“ eingeführt. Erstens stimmt das mit der Unparteilichkeit noch nicht einmal, denn wir hörten seit langen Jahren schon Herrn Schloßmacher als Natto⸗ nalliberalen bezeichnen.— Vor nicht langer Zeit machte Herr Schloßmacher dadurch von sich reden, daß er auf dem hessischen Handels⸗ kammertage ganz unbegründete Angriffe gegen die Gewerbegerichte erhob. Nun, wir werden ja weiteres hören, wenn er sein Programm entwickelt, soweit r als„Unparteiischer“ über⸗ haupt ein Programm hat. Wir wundern uns einigermaßen, daß die Freisinnigen, Leute wie Gutfleisch, Metz, Grünewald ꝛc. dieser Kandi⸗ datur ihre Zustimmung gaben. a Dem Gießener Amtsblatt gefällt die Maifeier durchaus nicht. Es brachte am 1. Mai einen Artikel, in dem der Arbeiter- feiertag verhöhnt wurde. Auch an unserm Matartikel übt das Amtsblatt eine sehr abfällige Kritik, wobei es allerdings einige recht tief⸗ gründige Weisheiten zu tage fördert. So heißt es zum Beispiel:
41 5 5 1 1 1 1 keine
„arbeitende“ und welcher Stand oder Berufsart ist heute so a e
— Die Uebernahme der Wo lasch cles Aegi. ihnen Zusti⸗-granzeno gesteut, bäß
lasten auf den Staat ford, muüfkey. L- der vor mehreren Woche d 150 55 15 Antrag,
Nürde, Ide meine Sen im Landtag eingebracht
Wählanuo ben selbstverständlich auch unsere Genossen unterzeichneten, während Zentrum, die Mehrheit der Nationalliberalen und die Freisinnigen die Unterschrift verweigerten. Schon im vorigen Landtag lag eine gleiche Forderung in Form eines sozialistischen Antrages vor, dem gegenüber sich die Regierung aber völlig ablehnend verhielt. Der Antrag entspricht noch lange nicht dem, was wir auf diesem Gebiete vom Staate verlangen müssen, unsere Genossen haben jedoch ganz mit Recht den Antrag unterzeichnet, denn gegenüber dem Ver— halten vieler Gemeinden im Schulwesen wäre die Stärkung des staatlichen Einflusses schon ein großer Vorteil. Außerdem würden die Lasten gerechter verteilt. Aber auch diesmal dürfte der Antrag kaum zur Annahme gelangen. Das Zentrum fürchtet die Einschränkung der Psaffenmacht, die anderen Gegner haben um ihren Geldbeutel Angst, der durch die progres— siven Steuerzuschläge in Mitleidenschaft gezogen würde. Deshalb stimmen sie dagegen.
— Das Jesuitengesetz und die hess. Regierung. Wie ein Darmstädter Blatt aus angeblich zuverlässiger Quelle mitteilt, hätte die hessische Staatsregierung ihren Ver— treter im Bundesrat angewiesen, gegen die vom Reich geplante Aufhebung des§ 2 des Jesuitengesetzes zu stimmen.— Das Jesuiten— gesetz hat weiter keine Bedeutung, als daß es für das Zentrum Agitationsstoff darstellt. Hat die hessische Regierung tatsächlich in der berichteten Weise Stellung genommen, so ist das durchaus verfehlt.
f Die Wahlmänner⸗Neuwahl in Bieber, Kreis Offenbach, die infolge der Un⸗ gültigkeitserkläruug des Orb'schen Landtags- mandates erfolgen muß, findet am 25. Mai statt.
Gießener Angelegenheiten.
— Der Maifeier⸗Ausflug der Ge⸗ werkschaften nach Wieseck am Sonntag wies, vom herlichsten Wetter begünstigt, eine außer— ordentliche zahlreiche Beteiligung auf. In Massen zog alt und jung nach dem„Gambri—
be- smell ihr kein„Elend“ giebt?
Da sind wir tatsächlich„baff“! Also bei den oberen Zehntausend, bei den Junkern und Schlotbaronen herrscht Elend! Vielleicht m o⸗
ralisches, wie in manchen Reptilblatt-Redak⸗
tionen geistiges. Es ist auch nicht richtig, wenn der Anzeiger weiter sagt, die Fortschritte der Sozialdemokratie erklärten sich durch ihre rege Agitation, woran es die Bürgerlichen fehlen ließen. Für eine schlechte Sache kann man agitieren, soviel man will, man wird keine Erfolge erzielen, dafür sind die Antisemiten Beispiel. Die Sozialdemokratie besitzt ihre werbende Kraft in der Klarheit ihrer Ziele und der Richtigkeit ihrer Forderungen.
— Antisemitische Wahlagitation. Es mußte auffallen, daß die Antisemiten, die doch sonst ziemlich rührig in der Agitation sind — den Kreis Wetzlar z. B. bearbeiten sie seit mehr als Jahresfrist ununterbrochen— im Gießener Kreise gar nichts von sich merken lassen, obwohl in wenigen Wochen die Wahl stattfindet. Endlich kündigte das Offenbacher Antisemitenblatt eine Reihe Versamn lungen an. Aber die Reichstagswahl steht nicht auf der Tagesordnung derselben, diese lautet vielmehr ganz unschuldig:„Gründung einer Einkaufs⸗ und Verkaufsgenossenschaft für Oberhessen bez. Anschluß an den Genossenschaftsverband.“— Das ist nichts als ein Trick. Ganz richtig sagt unser Offenbacher Parteiorgan: Selbst— verständlich liegt es im Interesse der Bauern, die Genossenschaften auszubauen, aber wenn die Antisemiten wenige Wochen vor den Wahlen Versammlungen zu Gunsten der— Genossen⸗ schaften abhalten wollen, so weiß man, was das bedeutet. Uebrigens ist es sehr interessant, daß die„mittelstands rettenden“ Antisemiten auf die Arbeiter, die Genossenschaften gründen, schimpfen wie die Rohrspatzen, selbst aber auf dem Lande die Genossenschaftsbewegung zu fördern und dabei Bauernstimmen zu fangen suchen.
— Recht interessant und reichhaltig ist der dieswöchentliche„Wahre Jakob“. Die Serie der„Wahlbilder“ wird in derselben durch das farbige Bid„Die politischen sieben Schwaben“ fort⸗ gesetzt. Das andere farbige Bild stellt Michels„Zu⸗
kunft auf den Wasser“ dar. Von der Porträt-Gallerie
„Die Makler des Brotwuchers“ enthält die Nummer die Bilder Bassermanns und Gröbers. Von den weiteren Illustrationen nennen wir„Max und Moritz am Balkan“,„Beim Soldätlesspiel“,„Jesuiten⸗Einzug“ „Maifahrt“,„Eine Wahlrede“— äußerst gelungene Figuren, die einen sozialistenvernichtenden Nationallibe⸗ ralen bei der Wahlrede darstellen—„Der Isolierraum“ und„Uncle Sam und die Großmächte“.
Aus dem Nreise gießen.
Von der Wahlagitation. Letzten Samstag und Sonntag hat unsere Partei wieder 5 Versamm⸗ lungen im Kreise abgehalten und zwar am Samstag in Steinbach, am Sonntag in Weitershain, Niederohmen, Atzenhain und Flensungen. In den ersten drei sprach Genosse Krumm, in den andern beiden Vetters. In Weiterzhain und Nieder⸗ ohmen war der Besuch ein außerordentlich starker und die sachlichen und klaren Ausführungen Krumms fanden allgemeine Zustimmung. Zweifellos werden in Weitershain z. B., wo wir bei der letzten Wahl keine einzige Stimme erhielten, ein gutes Teil der Wähler für uns eintreten. Ueberhaupt finden wir in vplelen Orten, wo wir früher nie Fuß fassen konnten, eine uns günstige Stimmung, die uns gute Erfolge erwarten läßt. Gewiß, manchmal trügt der Schein, in manchen Orten fanden früher gut besuchte und begeisterte Ver⸗ sammlungen statt, während dann das Mahlresultat doch nicht den gehegten Erwartungen entsprach. Aber im Allgemeinen kann man wohl sagen, daß die Verhältnisse doch ganz andere geworden sind, ein immer größerer Tell der Wähler neigt sich unserer Partet zu.— In Nlebderohmen waren mehr als 200 Mann in der Ver⸗ sammlung, die mit großem Interesse die Darlegungen Krumms verfolgten. Gegner waren wohl anwesend, doch keiner meldete sich zum Wort. Weniger gut war der Besuch in Flensungen, doch in Atzenhain war er ebenfalls zahlreich. In Steinbach am Samstag Abend nahm die Versammlung auch einen befriedigenden Verlauf.
W. In Trohe ist eine Schuhfabrik errichtet worden, in der an die 30 Arbeiter beschäftigt sein sollen. Wie kommt es, daß sich jemand veranlaßt fühlt, in einem so kleinen und abgelege en Orte eine Fabrik zu elde“ Cebd, ie des öterg heißt,„Veblenst“ in die Gegend zu bringen? Ach nein, die Arbeitskräfte sind auf dem Laude billiger, sie sind noch nicht vom Organisationsgedanken durchdrungen, nich„verhetzt“, wie Bourgeoisblätter sagen und deshalb lassen sie sich willig ausbeuten.
r. Steinberg. Mit der Loosholzfrage be⸗ schäftigte sich der Gemeinderat wieder in seiner letzten Sitzung. Es kam trotz allem Hin⸗ und Herreden zu keinem entgiltigen Beschlusse. Zwei der Herren meinten sogar, diejenigen Leute, welche kein Holz bekommen, möchten die Sache durchführen. Das ist eine ganz merkwürdige Auffassung. Der Gemeinderat hat doch das Interesse aller Bürger zu wahren, seine Aufgabe ist es, regelnd einzugreifen. Wenn einzelnen Leuten auf Kosten Anderer Vortelle gewährt werden, so ist das eben nicht in Ordnung.
Aus dem Nreise Jriedberg⸗Püdingen.
r. In Rohrbach bei Büdingen fand am Sonntag vor acht Tagen eine sehr gut besuchte Wählerversamm⸗ lung statt, in welcher Genosse Harris über die Reichs⸗ tagswahl sprach. Redner beleuchtete in seinem drei⸗ viertelstündigen Vortrage in sachlicher und klarer Weise das Verhalten der Brotwucherparteien, wozu auch der Vertreter des hiesigen Wahlkreises, Graf Oriola, gehört, welcher sich nicht entblödet, den Kleinbauern und Ar⸗ beitern gegenüber, als ein Beschützer der Landwirtschaft aufzuspielen, aber in Wahrheit nur die Interessen der Großgrundbesitzer vertritt. Gegner meldeten sich nicht zum Wort.
Aus dem Rreise Alsseld-Cauterbach.
t. Die Maifeier für den Wahlkreis Alsfeld⸗ Lauterbach sollte dieses Jahr in Alsfeld stattfinden. Die Alsfelder Genossen batten die Vorbereitungen hierzu getroffen und hatten keine Mühe gescheut, die Maifeier zu einer Demonstratton zu gestalten und auch zu gleicher Zeit zur Agitation auszunützen. Daß wir unser Ziel auch erreicht hätten, dies bewies die große Teilnahme am vergangenen Sonntag, wo sich ungefähr 300 Mann auf der Pfefferhöhe versammelt hatten. Leider konnten wir unsere Feier nicht abhalten, da uns die Behörde die Tanzerlaubnis verweigerte, weil in dem Dorfe Lieder⸗ bach, eine halbe Stunde davon gelegen, Abendmahl ge⸗ halten worden war, damit die Leute in ihrem religiösen Gefühl nicht gestört werden sollten.() Dies wäre nun nicht das Schlimmste gewesen, wenn uns die Gießener Genossen nicht im Stiche gelassen hätten mit dem Fest⸗ redner und so mußten wir unverrichteter Sache wieder auseinander gehen und unsere Maifeier nächsten Sonntag abhalten, in der Hoffnung, eine noch größere Anteil⸗ nahme zu verzeichnen, als am verflossenen Sonntag.
So groß nun die Teilnahme von Alsfeld war, desto


