Ausgabe 
10.5.1903
 
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Nr. 19.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seile 3.

ermittelt worden, daß der Fähnrich in brutaler; Weise in den Straßen Essens mehrere Soldaten angerempelt hat, die ihn angeblich nicht vor⸗ schriftsmäßig gegrüßt haben sollen. Das ist alben richtige Material zu einen Kolonial⸗ elden!

Gemaßregelter General.

Der Erbprinz von Sachsen-Meiningen, Kommandeur des 6. Armeekorps, hat seinen Abschied genommen. Die mannigfachen Korps⸗ erlasse des Generals, der zugleich der Schwager Wilhelms II. ist, hatten in maßgebenden Kreisen außerordentlich verschnupft, und speziell der letzte Erlaß, der sich gegen die Soldatenmißhand⸗ lungen richtete, rief eine geharnischte offiziöse Erwiderung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung hervor. Das war vor wenigen Wochen. Heute ist der Erbprinz ein penstonierter General. Sein Eintreten gegen die Soldatenschinderei ist ihm anscheinend nicht gut bekommen.

An kapttalistischer Krippe.

Max Lorenz, der frühere Sozialdemokrat und jetzige Soldschreiber des Bundes der Indu⸗ striellen, hat der Sächs. Arbeiterzeitung, wie diese mitteilt, die 300 Mk. zugesandt, die er ihr seit Jahren schuldig war. Offenbar ist es denGönnern dieses ehrenwerten Herrn zu dumm geworden, meint unser Parteiblatt, daß dem Herausgeber der Antisozialdemokratischen Korrespondenz seine sozialistische Vergangenheit immer gerade in dieser Form vorgeworfen werden konnte. Vielleicht hat sich der Arnim des Sozialistenfressers erbarmt und ihm ein Extratrinkgeld hingeworfen.

Militarismus in der Schweiz.

Nach dem Muster anderer Staaten mutet auch die schweizerische Regierung dem Volke höhere Militärlasten zu. Der Bundesrat be⸗ antragt bei der Bundesversammlung die Neu⸗ bewaffnung der Feldartillerie mit einem von der Expertenkommission vorgeschlagenen 7,5 Zentimeter Rohrrücklaufgeschütz der Firma Krupp⸗Essen. Die Munitionswagen, Munition usw. sollen in der Schweiz hergestellt werden. Die bisherigen 56 Batterien zu 6 Geschützen werden ersetzt durch 74 Batterien zu 4 Geschützen. Dafür wird die Munitionsdotation für jedes Geschütz von 500 auf 800 Schuß erhöht. Die Versuche mit Feldhaubitzen und Gebirgsgeschützen sind noch nicht abgeschlossen. Die Kosten der Neubewaffnung der Feldartillerie belaufen sich auf 21700 000 Franks, wovon 700000 Franks aus dem Fonds für den Erlös aus dem Ver⸗ kauf alter Waffen gedeckt werden können, wäh⸗ rend 21 Millionen aus der am 26. März beschlossenen dreiprozentigen Auleihe zu decken sind. Die tolle Hetzjagd mit dem ewigen Rüsten zieht eben alle Völker in Mitleidenschaft.

Auf der Balkanhalbinsel

ist es in der letzten Zeit recht unruhig geworden. Zahlreiche Bombenattentate, durch welche Menschen getötet und Häuser beschädigt wurden, sind in Saloniki, der türkischen(mazedoni⸗ schen) Hafenstadt am ägäischen Meere, verübt worden. Diese Attentate gehen aber durchaus nicht von erregtem, unterdrücktem Volke aus, sondern zunächst von Führern bulgarischer Banden(Komitees), hinter denen ganz gewiß russische Agenten stecken. Sie wollen durch diese Verbrechen das Interesse Europas erwecken, womöglich den mohammedanischen Pöbel zu Gewalttätigkeiten gegen die Christen aufreizen, denn wenn Christenblut in Saloniki und Konstantinopel fließt, wird Europa sich veran⸗ laßt sehen, einzugreifen. Italien und Oester⸗ reich haben auch bereits Panzerschiffe nach Solomki gesandt, andere europäische Staaten werden mit gleichen Maßregeln unzweifelhaft bald nachfolgen. Die europäischen Völker dienen den Gesamtinteressen der Kultur am allerbesten, wenn sie nicht auf die verwegenen Pläne der rücksichtslosen Bulgaren eingehen.

Nicht die Türken haben, wie im Jahre 1876,

mit Bluttaten begonnen, sondern die Bulgaren.

Und die Nationen des gesitteten Europa haben, wie unser Wiener Parteiorgan mit Recht be⸗

merkt, keine Veranlassung, denbedrückten Christenvölkern beizuspringen, es kann für die Mächte nur gelten, das Leben ihrer Angehörigen in der Türkei zu schützen und europäische Ver⸗ wickelungen zu verhüten.

Die Wahlbewegung.

Als antisemitischer Kandidat im Wahl⸗ kreise Marburg wurde in den letzten Tagen der sächsische Antisemitenhäuptling Zimmermann genannt. Böckel scheint auf den Kreis ver⸗ zichtet zu haben.

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Die Frankfurter Demokraten haben den Rechtsanwalt Dr. Bruck als ihren Kandidaten aufgestellt. Für diesen wollen, wie die Frank⸗ furter Zeitung mitteilt, auch die Freisinnigen und Nationalsozialen eintreten. Das wird den Dr. Bruck aber wenig nützen. Hoffentlich wählen die Frankfurter unseren Genossen Schmidt im ersten Wahlgange mit noch größerer Mehr⸗ heit als 1898. 5

In Karlsruhe und in Pforzheim wird das Zentrum nicht für die Nationalliberalen eintreten, wie aus einer Korrespondenz der Kölnischen Volkszeitung aus Baden hervorgeht. Der Sieg der sozialdemokratischen Kandidaten ist damit so gut wie sicher. Die Stellungnahme des Zentrums wird mit dem Verhalten der Nationalliberalen in der Jesuitenfrage begründet.

Das neue Wahlreglement.

Durch die Vor age zur Sicherung des Wahlgeheim⸗ nisses, die kürzlich vom Reichstage angenommen wurde, haben die in Betracht kommenden Paragraphen des Wahlreglements folgende Fassung erhalten:

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Der Tag der Wahl wird von dem Bundespräsidenten festgesetzt.

Die Wahlhandlung beginnt um 10 Uhr Vor⸗ mittags und wird um 7 Uhr Nachmittags ge⸗ schlossen(§S 17).

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Der Tisch, an welchem der Wahlvorstand Platz nimmt, ist so aufzustellen, daß er von allen Seiten zugänglich ist.

Auf diesen Tisch wird ein verdecktes Gefäß(Wahl⸗ urne) zum Hineinlegen der Stimmzettel gestellt. Vor dem Beginne der Abstimmung hat sich der Wahlvorstand davon zu überzeugen, daß die Wahlurne leer ist.

Die Stimmzettel müssen von weißem Papier und dürfen it keinem Kennzeichen versehen sein(§ 10 Abs. 2 des Gesetzes); sie sollen 9 zu 12 Zentimeter groß und von mittelstarkem Schreibpapier sein und sind von dem Wähler in einem mit amtlichem Stempel versehenen Umschlage, der sonst kein Kennzeichen haben darf, abzu geben. Die Umischläge sollen 12 zu 15 Zentimeter groß und aus undurchsichtigem Papier hergestellt sein; sie sind in der erforderlichen Zahl bereitzuhalten.

Es ist entweder durch Bereitstellung eines oder mehrerer Nebenräume, die nur durch das Wahllokal betretbar und unmittelbar mit ihm verbunden sind oder durch Vorrichtungen an einem oder mehreren von dem Vorstaudstische getrennten Nebentischen Vorsorge dafür zu treffen, daß der Wähler seinen Stimmzettel unbe b⸗ achtet in den Umschlag zu legen vermag.

Ein Abdruck des Wahlgesetzes und des Reglements ist im Wahllokal auszulegen.

§ 15.

Der Wähler, welcher seine Stimme abgeben will, nimmt von einer durch den Wahlvorstand in der Nähe des Zuganges zu dem Nebenraum oder Nebentisch(§ 11 Abs. 4) aufzustellenden Person einen abgestempelten Umsch gag an sich. Er begiebt sich sodann in den Nebenraum oder an den Nebentisch, wo er seinen Stimm⸗ zettel unbeobachtet iu den Umschlag steckt, tritt an den Vorstandstisch, nennt seinen Namen, sowie auf Erfordern seine Wohnung und übergiebt, sobald der Protokollführer den Namen in der Wählerliste aufgefunden hat, den Umschlag mit dem Stimmzettel dem Wahlvorsteher oder dessen Vertreler(§ 12), der ihn sofort uneröffnet in die Wahlurne legt.

Wähler, welche durch körperliche Gebrechen behindert sind, ihren Stimmzettel eigenhändig in den Umschlag zu legen und diesen dem Wahlvorsteher zu übergeben, dürfen sich der Beihilfe einer Vertrauensperson bedienen.

Stimmzettel, welche die Wähler nicht in dem ab⸗ gestempelten Umschlag oder welche sie in einem mit einem Kennzeichen versehenen Umschlag abgeben wollen, hat der Wahlvorsteher zurückzuweisen, ebenso die Stimmzettel solcher Wähler, weche sich in den Nebenraum oder an den Nebentisch(Abs. 1) nicht begeben haben.

Der Wahlvorsteher hat darauf zu halten, daß, die Wähler in dem Nebenraum oder an dem Nebenkisch (Abs. 1) nur so lange verweilen, als unbedingt erforderlich ist, um den Stimmzettel in den Umschlag zu stecken.

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Um 7 Uhr Nachmittags erklärt der Wahlvorsteher die Abstimmung für geschlossen. Nachdem dieses ge⸗ schehen ist, dürfen keine Stimmzettel mehr angenommen werden.

Die Umschläge werden aus der Wahlurne genommen mud uneröffnet gezählt. Zugleich wird die Zahl der Abstimmungsvermerke in der Wählerliste festgestellt(8 16). Ergiebt sich dabei auch nach wiederholter Zählung eine Verschiedenheit, so ist dies nebst dem etwa zur Aufklärung Dienlichen im Protokoll anzugeben.

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Sodann erfolgt die Prüfung der Umschläge und Stimmzettel. Einer der Beisitzer öffnet jeden Umschlag, nimmt den Stimmzettel heraus und übergiebt diesen dem Wahlvorsteher, der ihn laut vorliest und nebst dem Umschlag einem anderen Beisitzer zur Aufbewahrung bis zum Ende der Wahlhandlung weiter reicht.

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Für die Arbeiter sind diese Neuerungen von großer Wichtigkeit. Erstens die Sicherung des Wahlgeheimnisses und zweitens die Ausdehnung der Wahlzeit bis abends 7 Uhr, während bisher die Wahlhandlung bereits um 6 Uhr geschlossen wurde. Unsere Genossen müssen sich mit den Bestimmungen genau vertraut machen und auch in ihren Bekanntenkreisen für die nötige Aufklärung sorgen, damit uns nicht durch Verfehlung gegen die Vorschriften Stimmen verloren gehen.

Sehr zu beobachten ist die Vorschrift, daß mit dem Glockenschlag 7 die Wahlhandlung geschlossen wird. Bisher wurden vielfach diejenigen Wähler, die noch vor 6 Uhr das Wahllokal betreten hatten, zur Wahl zuge⸗ lassen, auch wenn sie bis Punkt 6 Uhr infolge größeren Andranges nicht zur Abgabe gelangen konnten.

Aufgabe unserer Genossen ist es, dafür zu sorgen, daß die große Mehrzahl der mit sozialdemokratischen Stimmzetteln gefüllten Wahlkouverts schon lange vor 7 Uhr in den Urnen liegen.

Die Maifeier.

Mit jedem Jahre, das ist von uns schon öfters konstatiert worden, wird die Beteiligung an der Maifeier eine stärkere Die Arbeiter aller Länder lassen nicht mehr von ihrem selbstgeschaffenem Feiertage, rotz der brutalen Maßregelungen, die an vielen Orten, in Bremen, Hamburg, Berlin, Leipzig ꝛc. von Seiten des Unter⸗ nehmertums erfolgten. Ueberall wo denkende Arbeiter wohnen, war die Malfeierbeteiligung eine größere, als im Vorjahre und überall nahm sie einen würdigen Verlauf, wenn sie nicht etwa durch Polizeigewalt gestört wurde. Bei uns in Gießen und seiner Umgebung war ebenfalls eine stärkere Beteiligung wahrzunehmen. Dicht gedrängt füllien zahlreiche Versammlungsteilnehmer das Orbig'sche Lokal in Gießen, wo Genosse Krumm in packenden Worten die Bedeutung des Weltfeiertags darlegte. Seine Ausführungen wurden mit großem Beifall aufgenommen. Ebenso war in Heuchelheim der Besuch der Versammlung ein weit stärkerer als in den Vorjahren. Hier sprach Genosse Orbig, nachdem die Gesangsabteilung zur Einleitung der Feier einige Lieder vorgetragen hatte, die ebenso wie die Rede Orbigs lebhaften Beifall fanden. Die Veranstaltungen in Steinberg und Wieseck wiesen auch zahlreiche Be⸗ teiligung auf. Beide Orte mußten sich leider ohne Festrede behelfen. Genosse Beckmann, der in Wieseck sprechen sollte, war erkrankt und es war auch nicht möglich, noch Ersatz heranzuziehen. Für Steinberg war Genosse Vetters vorgesehen, der aber nicht erscheinen konnte, weil er wegen der Wahlagitation außerhalb war. Doch verliefen anch in diesen beiden Orten die Veran⸗ staltungen, wie es sich für die Maifeier gehört; in Steinberg wies Genosse Häuser auf die Maifeier und ihre Bedeutung für das arbeitende Volk hin, worauf Gesangsvorträge und Deklamationen folgten. Die Friedberger Genossen hielten ihre Versammlung in Stadt New⸗Mork ab. Busold sprach hier vor zahl⸗ reichen Zuhörern. Vilbel hatte ebenfalls eine sehr stark besuchte Abendversammlung. Fünf Versamm⸗ lungen, sämtlich überfüllt, tagten am Vormittag in Frankfurt. Hier ebenfalls stärkerer Besuch als in den Vorjahren. Offenbach hatte, wie alljährlich, seinen Festzug, an dem sich alle Gewerkschaften in respektabler Stärke beteiligten. Festzüge fanden noch in Stuttgart und Hamburg statt, in diesen beiden Orten ist die Feier durch Arbeits ruhe ja eine fast all⸗ gemeine. In Berlin wurden am Vormittage über 70 Versammlungen abgehalten, zum größten Teile in Riesenlokalen, die mehrere Tausende Personen fassen. Zu diesen zogen die Arbeiter in dichten Scharen, sodaß die Straßen ein feiertägliches Gepräge erhielten. Ver⸗ schiede tlich wurden diese Trupps von den Polizisten belästigt, die in großer Zahl aufgeboten waren, aber