Ausgabe 
9.8.1903
 
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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 32.

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Der Wunderschrank.

Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk.

(Fortsetzung.) III.

Der glücklichste aller Menschen ist doch der Schmied im Dorfe.

Da steht er im Schurzfell, die Ledermütze schief auf dem Ohr neben seiner Hölle, ein rechter König der Arbeit.

Wie er seine Eisenstäbe schiebt und wendet, wie er den Hammer sausen läßt, es geht doch Alles nur nach seinem Willen. Recht ge⸗ mächlich, wie der Bürgermeister vor dem Ratstische, steht er mit den beiden Beinen vor dem Amboß. Sein gehorsamer Sklave, der schielende Feuerjunge, knetet pflichtängstlich an den Bälgen. Er kann ihn ohrfeigen oder mit dem Fuße treten, er kann ein Eisenstück nach ihm werfen oder den Wasserkrug über ihn aus⸗ schütten, ganz nach Laune und Bedürfnis, wie der König dem Kanzler.

Aber die Leute sind mit nichts zufrieden.

Aber der lange Hans, Wagen- und Huf⸗ schmied des Nelkendorfes, hat ein kleines Häuschen neben dem braunen Dorfwege. Vor der schwarzen Seitentür, durch die man seine mächtige Gestalt beim Feuer sehen kann, stehen immer zwei oder drei Pferde, indes die Bauern in der Schmiede sind und der Arbeit zusehen. Er sagt ihnen den Preis, schreibt ihn auch des öftern in ungefügen Zeichen mit Kreide an die lange schwarze Tafel und erwidert, wenn sie gehen, ihren Gruß sehr obenhin.

D innen in der reingefegten Stube sitzt sein Lenchen, das hübsche Kind, nach dem sich die Burschen die Hälse verdrehen. Blumen- töpfe an den Fenstern, im Käfig zwei grüne Dorfheckenvögel, in der Ecke der große Kachel⸗ ofen... aber der Alte flucht und wettert den ganzen Tag.

Blasius, du Hundsjunge, das Feuer geht aus. Du bist ein Kerl, wie mein Schulgenoß in der Stadt. Hat auch geknetet und gezogen an meinen Bälgen, daß die Hölle so lustig glühte und ließ dann doch den Brand mit Fleiß ausgehen, daß wir alle verküolten, meine Alte und Lenchen und ich auch! O, daß ich den Heidenschädel mit seinem Banknotenkasten und seinem windigen Pomadejungen einmal unter dem Hammer da hätte! Mich aus dem Haus rumpeln lassen, daß ich in das Bettel dorf mußte! Aus dem Haus, in dem das Lenchen zur Welt kam... in dem meine arme Alte starb vor lauter Kummer und Schande!

Dem Schmid fällt der Hammer aus der Hand. Er schlägt beide Hände vor das grau⸗ bärtige Gesicht, und seine Brust keucht unter dem Drucke eines mühsam getragenen Loses.

Blasius knetet derweil an den Bälgen.

Ja, die Leute lesen nichts! Da ist der große Dorfgeschichtenschreiber, der aus den Volke und fürs Volk geschrieben hat. Wozu all die tugendheften Brosis, die demütigen Barfüßele, die fleißigen Steinhauer, die philo⸗ sophischen Uhrmacher, wenn sich Niemand an ihnen ein Beispiel nimmt?

Warum hat der lange Schmied nicht das lehrreicheEdelweiß gelesen?So morgens aufstehen, und da ist eine Arbeit, die wartet; das tut wohl und hilst auf; und wenn ich feile, da feile ich mir alle nichtsnutzigen Späne aus dem Kopfe, und wenn ich hämmere, gebe ich allen schweren Gedanken einen Schlag und fort sind sie.

Ist das kein Trost für die bösen Erinner⸗ ungen des langen Hans, den sie aus seinem verschuldeten Stadthause in das Nelkendorf getrieben haben?

Sein Freund, der alte Wachtmeister, hat die liebe Not mit dem Polterer. Der Wacht⸗

meister Reußer, wohnt gleich nebenan; denn auf den Dörfern finden sich die schönen Seelen sogleich zusammen. Die Staatsgewalt, die ihn bezahlt, hat ihm zwei Stuben gemietet. Ueber der niedrigen Haustüre droht das schreckliche Amtsschild: Gendarmerie-Posten-Kommando, obschon Niemand weiß, welche Armeen von dem Alten kommandirt werden.

Die Bettler und Vagabunden ducken sich hinter das Strauchwerk am Dorfbache, wenn ste vorüber müssen. Aber die Schelme haben es kaum nötig. Der Alte marschiert mit Dienstflinte und Federhut den ganzen Tag und die halbe Nacht in der Gegend umher. Er sucht in den Schenken nach den Kartenspielern, er sucht in den Wäldern nach den Holzdieben, er sucht in den Herbergen nach arbeitslosen Handwerkern. Denn die Staatsgewalt, die ihn bezahlt, ist von Gott über ein merkwürdiges Land gesetzt. In diesem Lande sind einige Kartenspiele ein Verbrechen und das Lotterie spiel eine öffentliche Einrichtung. In diesem Lande sind die bleichen Knaben der Lohnweber, die unter der Last eines mäßigen Holzbündels den steinigen Waldweg daher keuchen, gemeine Strauchdiebe und austernsatte Börsenleute angesehene Personen. In diesem Lande ist der arbeitslose Handwerkergesell ein gemeingefähr⸗ licher Strolch und der vornehme Müßiggänger ein Kabinetsrat.

Der alte Wachtmeister fand nicht viel.

Trat er in die Tür der rauchigen Wirts- stube, sprangen die Spieler beim Feuster in den Garten hinaus. Strich er durch den Wald, so quälte ihn sein böser Husten so sehr, daß ihm die schlauen Weberjungen noch zeitig genug hörten, um ihre Bürden in Sicherheit zu bringen. Kam er in die Herbergen, so waren die faulen, arbeitslosen Gesellen allemal Verwandte des Hauswirtes, den sie auf der Durchreise besuchten.

Der Alte lachte gutmütig zu solchem Unfug. Jeden Monat hatte er genauen Bericht über seine Tätigkeit an den Kreisvorstand zu liefern; der Gestrenge war sehr unzufrieden.

Aber der Wachtmeister Reußer war immer sehr zufrieden. Am zufriedensten, wenn er bei dem langen Hans in der Werkstätte saß.

Der unzufriedene Schmied fluchte gewöhnlich das blaue vom Himniel. Der alie Reußer hörte mit der größten Aufmerksamkeit zu und schloß nur zuweilen die Werkstättentür, wenn der Hans gar zu sehr aufdrückte.

Es war immer die alte Geschichte.

Wachtmeister, habt Ihr auch einen Schul⸗ genoß in der Stadt, der Euch einmal das Fell über die Ohren gezogen hat; wie der Thomas Seebald, der meine Haut in seinem Wunder- schrank aufhob? Wir waren zwei junge Kerle, da er seines Vaters Fabrik erbte mit den vielen Leuten in Kitteln und Pantoffeln, die eigentlich auch zu dem Erbe gehörten. Hat alles später zu Geld gemacht, kauft sich statt der Zeughütte einen Wunderschrank für seinen Pomadebengel. Ließ seine Leute betteln gehen; aber vor seiner Tür stand ein Affe im blauen Rock, der sie zu den Nachbarn trieb, wenn sie kamen. Sein schönes Geld war auf den Dächern der halben Stadt eingeschrieben. Lag auch an der Kette des Herrn Seebald. Denn er hatte seine Kettenhunde, die er für sich bellen l'. Wir standen alle auf seinen Schuldbögen. Schuster, Schneider, Tichler, Schmied,... das ganze Handwerk saß bei ihm in der Kreide. Gevatter Schuster hämmerte sich das Knie wund, Onkel Schneider stach sich die Finger blutig, Meister Tischler hobelte Tag und Nacht, meine Hölle glühte von Früh bis Abends.... alles für den Wunderkasten. Wir hatten zwei Götter in der Stadt, den Steuerboten und den Herrn Thomas. Aber für mich wurde aus dem Herrn Thomas der Teufel. Jeden Sonntag fuhr er spazieren, den Affen im blauen Rock hinten auf. Da standen seine Kettenhunde vor den Türen und wedelten mit dem Schweife. Aber ich blieb in der Stube. Da kommt der Herr Thomas zu mir ins Haus, grüßt mich als seinen Schulgenoß, spricht gar artig mit meiner Frau, kommt öfter; denn, Wachtmeister, meine Alte war saön wie die Mairosen! Die Lust sollte ihm vergehen. Wachtmeister, der Kerl

war mein Schulgenoß, und ich hatte ihn oft unter mir, wenn wir Knabeu rauften. Aber an den Tag wird er denken, und wenn er ewig lebt! Meine Alte fiel um, Blasius rief alle Heiligen an, der Herr Thomas brüllte aus Leibeskräften. Wachtmeister, ich allein sagte nichts. Zwei Tage konnt' ich meinen Hammer nicht fassen; meine Hände waren lahm yeschlagen!

Strafgesetz, Paragraph 311, Vergehen gegen die Sicherheit des Lebens brummte Reußer gedankenvoll.

Ja, ja, Sicherheit des Lebens! sagte der Hans.Es ging uns Allen ans Leben. Der Herr Thomas ließ mir das Haus verkaufen, meine Alte starb; nur Blasius, der alte Kerl, ging mit mir.

Und das Lenchen? ergänzte der Wacht⸗ meister.

Ach, das Lenchen! ächzte der Schmied. Könnt Ihr's ausdenken, Wachtmeister, die war dem Pomadebengel gut! Jetzt sitzt mir das Kind und starrt jeden Abend in die Kerze. Ihr junges Glück hab' ich mit meinen Luder⸗ fäusten auch noch zerhauen!

Es fügt sich gut, daß der Wachtmeister etwas vertragen konnte. Denn der kummervolle Zorn des Schmiedes ergoß sich in einem gewal⸗ tigen Gallenstrome, dessen stets gleiches Rauschen jeden anderen zur Verzweiflung gebracht haben würde. Dabei hieb er mit dem Hammer frisch drauf los. Nicht selten nahmen die Hiebe eine solche Gewalt an, daß der treue Blasius ängst⸗ lich den Rücken krümmte und besorgt nach seinem Herrn schielte.

Denn für Blasius hatte der Schmied, der es gewagt, den allmächtigen Herrn Seebald aus dem Hause zu werfen, fast das Ansehen eines überirdischen Wesens erhalten. Der Junge mochte fühlen, daß vor jenen Fäusten kein Mensch mehr sicher sei.

Der alte Reußer dagegen rauchte behaglich aus seiner Holzpfeife, die er mit einem glühenden Drähtchen, das in der Esse der Schmiede lag, von Zeit zur Zeit wieder anzündete.

Einem richtigen Gendarmcrie-Wachtmeister kommt das Schicksal nur schwer bei. In den dreißig Jahren seines Dienstes hatte der Alte so viel fremdes Elend gehört, gesehen, verhütet und beklagt, daß in seinem Kopfe der Begriff des Daseins von dem des Elends nicht getrennt werden konnte.

Wer dreißig Jahre lang unter Hüttenleuten, Lohnwebern, Holzschlägern, Kohlenbrennern und Gebirgsbauern lebt, bildet sich von der Zweckmäßigkeit des Weltenbaues, sowie von dem, was die Bibelkundigen die göttliche Vor⸗ sehung nennen, allmählich ganz eigentümliche Vorstellungen.

Das Los des Schmiedes war für ihn ein Fall mehr in der großen Beispielschule des Unglücks, ein Glied mehr in der langen Kette des Schicksals, an welcher der Teufel die Menschenkinder zur Hölle gängelt. a

Dieser Engel des Poltzeihimmels war über⸗ haupt ein wunderlicher Kauz. Die Staatsge⸗ walt, die ihn bezahlte, hatte ihn über Vaga⸗ bunden, Diebe und Kartenspieler gesetzt. Er jedoch sah lieber nach Leuten, die keine Strolche waren, aber es werden konnten. Blieb dabei das Gefängnis seines Bezirkes leer, sein Herz war um so voller. Es glich darin dem Wunder⸗ schrank des Herrn Thomas Seebald; jenem Zauberkasten, der um so reicher an Inhalt wurde, je mehr sich die Taschen der armen Handwerker leerten, die seine Schuldner waren.

Vor Jahresfrist war der alte Reußer in der späten Abendstunde in die Schenke des Nelkendorfes getreten, nach Vagabunden und Kartenspielern zu suchen. e

Draußen lag frostiger Nebel, und der braune Dorfweg zeigte seine feine Kothülle, die das schwere Schuhwerk der Bauern so artig zu schmücken pflegt. Es war jenes behagliche Wetter, das den Handwerksburschen unserer vaterländischen Dichtung die Wahl läßt, in den Straßengräben zu erfrieren oder in den Schenken der Polizei in den Rachen zu laufen. 5

In der Stube qualmte eine trübselige Gesellschaft müder Hüttenleute, die um Mitter⸗

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