ger
Nr. 32.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 3.
uns selbst als die Schuldigen an und versuchen daher noch einmal vor den Genossen das Wesentliche unzweideutig und übersehbar dar⸗ zulegen!—
1) Es handelt sich in dem obschwebenden Streite nicht mehr oder nicht in erster Linie um die Frage nach der taktischen Richtigkeit oder Falschheit des hiesigen Stichwahlbes chluss es! Der Beschluß— gleichgültig ob taktisch richtig oder falsch— lag ordnungsmäßig gefaßt tatsächlich vor!
Nun die Prinzipienfrage:
a) War der„Vorwärts“ befugt, diesem Beschlusse gegenüber zu intrigieren? p) Hatte die Parteileitung,„der Vor⸗
wärts“, oder irgend ein einzelnes Parteimitglied das Recht, über den Kopf der hiesigen Ortsgruppe hinweg mit dem Gegner zu paktieren?
Daß derartige Machenschaften tatsächlich vorgekommen sind, ist leider gewiß! Durch Telegramm des Abgeordneten Genossen Heine ist jene„Vorwärtsnotiz“ mit Ueber gehung der hiesigen Ortsleitung sofort in die Hände des nationalsozialen Kandidaten von Gerlach gelangt.
Diesem Punkte wird von hier aus noch weiter nachgegangen werden!
2) Wir haben nie und nirgends dem „Vorwärts“ das Recht bestritten, an unzweck— mäßig erscheinenden Beschlüssen einzelner Orts⸗ gruppen Kritik zu üben. Wir würden auch einer solchen selbst scharf gefaßten Kritik 10 5 niemals den Empfindlichen gespielt
aben.
Die beliebte Fassung als diktatorisches Dekret überschritt jedoch durchaus die Befugnisse des„Vorwärts“ und mußte nach aller Vor⸗ aussicht geeignet sein, die hiesige Organisation zu desorganisieren.
3) Endlich bestand für solch' intrigenhaftes und illoyales Vorgehen von seiten des„Vor— wärts“ auch nicht der geringste Scheingrund! In der ganzen Stichwahlangelegenheit ist von der hiesigen Ortsgruppe durchaus ordnungs- gemäß und loyal verfahren worden!
Die Bemerkung des„Vorwärts“, der hiesige Beschluß sei ihm erst aus der„Frankfurter Zei⸗ tung“ bekannt geworden, verschleiert den wahren Sachverhalt. Gleich nach der Hauptwahl ist von seiten des Genossen Bader Bericht an die Parteileitung erstattet worden mit Darlegung der hiesigen Verhältnisse und der Bitte um Angabe einer Stichwahldtirektive! Der Bescheid auf diese Anfrage, welcher der beabsichtigten Stimmenenthaltung zustimmte, wurde in der ordentlichen Partei⸗ versammlung zur Verlesung gebracht.—
Vor Beschlußfassung also war bie Partei⸗ leitung durchaus über die örtliche Lage orientiert und konnte, wenn es geboten schien, ihr be⸗ stimmendes Gewicht rechtzeitig in die Wage werfen.
Den gefaßten Beschluß hat dann Genosse Dr. Michels sofort der Parteileitung mitgeteilt.
4) War noch in später Stunde eine Aende⸗ rung der Stichwahltaktik wünschenswert ge⸗ worden, so mußte ein entsprechender Bescheid der hiesigen Ortsleitung sofort telegraphisch übermittelt werden!— Einem ordnungsmäßig gefaßten Beschlusse gegenüber gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder: strenge Auf⸗ rechterhaltung, unbekümmert um et⸗ waige Aenderungen der Lage— oder: Aufhebung beziehungsweise Ergän⸗ zung desselben durch eine neue ord⸗ nungsmäßige Versammlung!
5) Zuletzt noch ein Wort über die Gründe der hiesigen Taktik! Wir bekämpften Gerlach nicht als isolierten, immerhin liberal gesinnten Mann, sondern als Mitglied einer bedenklichen Partei! Diese Partei— das wußten wir genau— stand und fiel mit Gerlachs Wahl oder Nichtwahl! In unserer Hand lag es
also unter Umständen, eine Parteiorganisation von der Bildfläche verschwinden zu lassen, die nur geeignet ist, Verwirrung und Unklarheit zu stiften, eine Partei überdies, deren Wähler — wie Naumann selber ausgesprochen— nicht um des sozialen Teiles ihres Pro⸗
gramms den nationalsozialen Kandidaten ihre
Stimme geben!
In Summa: Die Zweckmäßigkeit der hiesigen Stichwahlbewegung ist diskutabel! Von unserer Seite ist in dieser Hinsicht auch niemals Schwierigkeit erhoben worden.
Der Münchener Parteitag steht auf unserer Seite. Innerhalb der durch ihn ge⸗ zogenen Grenzlinien müssen die Eutscheidungen der Ortsgruppen durchaus autonom sein!
Es gab einen geordneten Weg, Beschlüsse, gegen welche noch in letzter Stunde Bedenken erhoben, einer Revision zu unterziehen. Dieser ordnungsmäßige Weg ist nicht einge⸗ halten worden, vielmehr sind unbegründete Zwangsmaßregeln ausgeübt und über die Köpfe der hiesigen autonomen Gruppe hinweg, direkte und indirekte Hilfsdienste dem Gegner geleistet worden.
Wegen dieser Vorkommnisse, und ihret⸗ wegen allein erheben wir Beschwerde!
Dr. Ernst Thesing. *
Obwohl wir mit dem Vorwärts der Meinung sind, daß es angezeigt erscheint, in dieser Angelegenheit Schluß der Debatte zu machen, hielten wir uns aus mehreren Gründen für verpflichtet, die Ausführungen des Genossen Dr. Thesing aufzunehmen, allerdings zwangen uns Rück⸗ sichten auf den Raum zu einigen unwesentlichen Kürzungen. Unsern Standpunkt in dieser Sache haben wir schon vor der Stichwahl angedeutet. Wir hielten die Unter⸗ stützung Gerlach's für geboten, weil das Gegenteil die Wahlhilfe für den Zollwucherer und Wahlrechtsfeind bedeutet hätte. Aber darum dreht sich ja, wie Genosse Thesing ganz richtig bemerkt, der Streit eigentlich nicht, sondern darum, daß von parteigenössischer Seite unbefugt gegen die regelmäßig zu Stande gekommenen Beschlüsse der Marburger Partei gearbeitet wurde. Und hierin müssen wir den Marburger Genossen Recht geben. Wir billigen die Ausdrücke des Genossen Dr. Thesing, der in Bezug auf den„Vorwärts“ und Genossen Heine von„intrigieren“ und„mit dem Gegner paktieren“ spricht, nicht, denn beide glaubten sicher im Interesse unserer Sache zu handeln, aber halten die vom„Vorw.“ und Genossen Heine beliebte Art der Einmischung in die Marburger Parteiangelegenheiten für unzulässig. Unbegreiflich erscheint uns, wie Heine dazu kommen konnte, den Nationalsozialen die Vorwärtsnotiz telegra⸗ phisch zu übermitteln. Das war ganz entschieden nicht seine Sache, auch wenn er mit v. Gerlach persönlich befreundet ist.— Schließlich sei noch bemerkt, daß in⸗ folge eines Druckfehlers im„Vorw.“ der Irrtum ent⸗ stehen konnte, daß ein die Wahl Gerlach empfehlender Brief vom Parteivorstand kurz vor oder nach der Partei⸗ versammlung eingetroffen sei. Das ist nicht richtig und damit erledigt sich auch die Zuschrift eines anderen Marburger Genossen. Red. d. M. S.⸗Ztg.
Eine beispiellose Roheit.
Unser Münchener Parteiblatt berichtet aus Halle a. S: Die wohlhabenden Gutsbesitzer— söhne Wilhelm Heese und Paul Freyer aus Rabutz bei Gröbers, die an zweiten Pfingstfeiertage den Schmied Emil Wust ge⸗ legentlich eines Pfingstvergnügens ohne Anlaß derartig mißhandelt hatten, daß an Wusts Auf⸗ kommen gezweifelt wurde, standen am ver— gangenen Samstag wegen Körperverletzung mittels einer das Leben gefährdenden Behand— lung vor der Ferienstrafkammer. Beide renom— mierten damit, bei den Garde-Husaren bezw. Garde⸗Dragonern gedient zu haben und gute Kriegervereinsmitglieder zu sein. H. ist sogar Unteroffizier gewesen und sein Vater ist Vertrauensmann des Bundes der Landwirte. Nachdem sie dem armen Schmied beim Niedersetzen aus reiner Rauflust die Bank weggezogen hatten, zogen sie ihn in den Hausflur, stießen ihn mit dem Kopf gegen die Türklinge und gegen die Wand, dann rannten sie ihn mit dem Leib wiederholt gegen eine Tischkante, so daß der als Sachverständiger geladene Arzt bewunderte, daß keine Zerreiß⸗ ung des Magens und der Leber des Verletzten stattgefunden hat. Schließlich stürzten sie den Mißhandelten die nach dem Hofe führende Treppe hinunter, schleppten ihn fast leblos nach dem Pissoir und ließen ihn dort liegen. Der Verletzte hat an Gehirnerschütterung schwer krank gelegen und kann sich heute noch nicht bücken. An Arbeit kann er vorläufig nicht denken. Das Gericht bezeichnete die Tat als eine ungeheuerliche Roheit, verur⸗
teilte Heese zu zwei Jahren und Freyer zu sechs Monaten Gefängnis. H. be⸗ fand sich in Haft.
Wieder ein Bankschwindler.
Der Kommerzienrat Viktor Hahn von der liquidierenden Dresdener Bankfirma Eduard Rocksch Nachfolger wurde auf Grund eines Verstoßes gegen das Depotgesetz von 1896 wegen eigenmächtiger Weiterpfändung fremder Depots verhaftet. Die Delikte sollen vor der Liquidation datieren. Die Dresdner Bank, welche mit anderen die Liquidation durchführt, hat nichts damit zu tun; überhaupt soll keine Denunziation vorliegen, sondern der Staatsanwalt auf Grund ihm vorliegender Akten eingeschritten sein. — Ein bürgerliches Blatt schreibt dazu:
Wenn die jetzt eingeleitete Untersuchung gegen Geheimen Kommerzienrat Hahn für ihn ein schlimmes Ende nimmt, so ist er in erster Linie als das Opfer einer maßlosen Groß— mannssucht anzusehen. Die Früchte seiner
Finanzoperatlonen und Spekulationen schienen
ihm nur Mittel zum Zweck, sich bei geeigneter Gelegenheit zur Geltung zu bringen und so seine Ehren zu ernten.
Doch erkennt das Blatt an, daß Hahn zu bedeutenden finanziellen Opfern sich oft bereit gefunden hat. Ob es meint, daß diese Aehnlichkeit mit den„Darlehen“ der Pommern— bank an den Presseklub haben?
Kleine Mitteilungen.
* Der Raubmörder Detrois, bekanntlich in Mainz wegen Ermordung seiner Tante in Spornsheim zum Tode verurteilt, hatte mit einem andern Verbrech er einen Fluchtversuch verabredet. Seine Revision ist vom Reichsgericht verworfen worden. Nur rechnet er noch auf die Begnadigung.
** Ein verhängnisvolles Hochzeitsmahl. Von den Teilnehmern an einem Hochzeitsmahl in Sammenheim bei Gunzenhausen sind dreizehn Personen schwer erkrankt; ein Teilnehmer ist bereits gestorben.
* Verunglückte Arbeiter. Donnerstag vo⸗ riger Woche wurden zwei Bergleute der Zeche„Erin“ bei Dortmund vom fallenden Gestein verschüttet; einer davon wurde getötet.— Durch die Explosion eines Kessels mit Teer in einer Kohlendestillation zu Bochum wurden sechs Arbeiter schwer verletzt. Der Teer wurde viele hunderte eter weit geschleudert.
Partei-Nachrichten. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach⸗Schotten. Sonntag, 16. August, nachmittags 4 Uhr, findet zu Alsfeld auf der Pfefferhöhe eine
Kreiskonferenz
statt.— Tages or nung: 1. Rechnungsablage; 2. Delegiertenwahl zur Landeskonferenz; 3. die Reichs⸗ tagsstichwahl; 4. Verschiedenes. Um zahlreiche Beteilt⸗ gung ersucht
Der Kreisvertrauensmann. Jakob Eder.
Die Parteigenossen, welche noch im Besitze von Sammellisten von der Reichstagswahl sind, sowie alle die⸗ jenigen, welche noch Forderungen an das soz. Wahlkomitee haben, werden ersucht, dieselben bis 20. August d. J. an Aug ust Bock, Dammstraße 22
einzusenden. Das soz. Wahlkomitee.
Versammlungskalender.
Samstag, den 8. August.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versan un lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbetter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag.— Brauer. Abends 9 Uhr Versammlung bel Lö b „Wiener Hof.“
Sonntag, den 9. August.
Friedberg. Soz. ⸗dem. Wahl verein. Abends 8½ Uhr Versammlung in Stadt New-Mork.
Donnerstag, den 13. August.
Gießen. Freie Turnerschaft. Abends ½9 Uhr
Mitgliederversammlung im Vereinslokal.
Briefkasten. C. B. Vielleicht in nächster Nr. Im Uebrigen Weiteres sehr angenehm, natürlich stets nur, was un⸗ bedingt der Wahrheit entspricht.
—
Eee
7
0
. 1 *


